Die goldene Gans, die niemals schnattert
Von André Schulz
In
der Zeit zwischen 1939 und 1945 kam es häufiger vor, das Bewohner des Örtchens
Bletchley sich furchtbar erschraken. Die Ursache waren nicht etwa deutsche
Luftangriffe. Nur einmal hatte ein deutscher Bomber seine sechs Bomben auf
Bletchley abgeworfen. Und treffen wollte er eigentlich die 4 Meilen nördlicher
gelegenen Wolverton Werke. Nein, es war Alan Turing, der mit seinem Fahrrad zur
Arbeit fuhr. Im Frühling trug er dabei eine Gasmaske und manche, die ihn sahen,
dachten bei seinem Anblick deshalb an einen deutschen Giftgasangriff. Turing
litt jedoch an Heuschnupfen und mit der Gasmaske ging es ihm besser.
Das Projekt „Ultra“ und der erste Computer
Seit
Anfang des Krieges arbeitete Turing (23.6.1912-7.6.1954) mit vielen anderen in
dem geheimsten Projekt der Engländer während des Zweiten Weltkrieges – dem
Unternehmen „Ultra“. „Ultra“ wurden von der englischen Führung alle Vorgänge
genannt, die mit dem Abhören und Decodieren von Funksprüchen der Kriegsgegner,
vor allem der Deutschen, aber auch der Italiener und Japaner zu tun hatten. Für
dieses Projekt hatte die englische „Goverment Code and Cipher School (GC&CS)“
etwa 80 km nördlich von London ein unauffälliges Landhaus inklusive Grundstück
gekauft – Bletchley Park. Am Anfang arbeiteten hier 200 Leute, zum Schluss des
Krieges waren es 7000. Alle Unterkünfte in größerem Umkreis, privat bei Familien
oder in öffentlichen Gebäuden, waren von den Bletchley- Mitarbeitern belegt. Und
keinem war es erlaubt über das zu sprechen, was in den Gebäuden des Parks vor
sich ging. Die meisten kamen wie Turing mit dem Fahrrad – natürlich ohne
Gasmaske. Meist waren es alte Klappergestelle - die Fabriken in England waren
mit ganz anderen Dingen beschäftigt, als Fahrräder zu bauen. Bei Turings
Drahtesel sprang ständig die Kette ab, alle 14 Umdrehungen, wie Turing zu
beobachten glaubte, so dass er nach immer 13 Umdrehungen anhielt und den Sitz
der Kette korrigierte. Turing war nämlich Mathematiker.
Dass die europäische Geschichte ihren
Verlauf so nahm, wie er jetzt in den Geschichtsbüchern nachzulesen ist, daran
hat Turing einen gewaltigen Anteil, so groß, dass man ihn kaum ermessen kann.
Ohne ihn würden wir Sie in diesem Moment wohl nicht Im Internet ChessBase-Online
lesen, sondern eventuell den Völkischen Beobachter in der Hand halten oder noch
sehr viel wahrscheinlicher die Prawda.
Turing
war zudem der erste, der einen programmierbaren Computer konstruierte. Die Idee
dazu hatte er bereits 1936 in seiner Schrift „On computable Numbers“ formuliert.
1943-44 wurde „Collossus“ entwickelt und in Bletchley genutzt. Der Beweis dafür,
dass ein Computer, eine Denkmaschine“ auch wirklich „denken“ kann, war für
Turing dann erbracht, wenn dieser in der Lage wäre, Schach zu spielen. Ein
Computer, der Schachpartien spielte, wäre dem menschlichen Hirn weitaus
ähnlicher als eine reine Rechenmaschine, die nur Zahlen addiert. Also schreib
Alan Turing auch noch das erste Schachprogramm der Welt und spielte damit
Partien, indem er selber den Computer simulierte und gemäß den Regeln seiner
Programmierung, die er vom Blatt ablas, die Züge ausführt.
Die Enigma
Schon
1939, noch vor Ausbruch des heran nahenden Krieges wurden in den Gebäuden von
Bletchley Park Linguisten, Mathematiker, Verschlüsselungsspezialisten,
Schachspieler und andere Tüftler versammelt, um sich mit der Entschlüsselung
feindlicher Funksprüche zu befassen. Die vorhandenen Gebäude reichten bald nicht
aus und es wurden einige Holzbaracken auf dem Gelände hinzu gefügt, die man
durchnummerierte und z.B. Hut 4 (Hütte vier), Hut 6 oder Hut 8 nannte.
Um Nachrichten über den abhörbaren Funk sicher übermitteln zu können,
war es notwendig diese zu verschlüsseln. Dazu verwendeten die Deutschen mehrere
Maschinen, die bekannteste war die Enigma. 1918 von Arthur Scherbius für die
Verschlüsselung von militärischen, aber auch zivilen Nachrichten, z.B. bei
Banktransaktionen entwickelt, wurde die Enigma ab 1925 von der Deutschen
Wehrmacht, aber auch Regierungsstellen als Standardverschlüsselungsmaschine
eingesetzt.
Die Enigma verschlüsselte Nachrichten mit
Hilfe von drei drehbaren Walzen, die mit einander verbunden waren. Gab man auf
der Tastatur, die aussah wie die einer Schreibmaschine, einen Buchstaben ein,
sah kam am anderen Ende ein ganz anderer heraus. Gab man den gleichen Buchstaben
erneut ein, wurde dieser wieder ganz anders verschlüsselt, denn die Walzen
drehten sich bei Verwendung der Tastatur immer um eine Stelle weiter. Außerdem
konnte man über Steckverbindungen an der Tastatur Buchstabenpaare miteinander
tauschen, wodurch sich neue Verschlüsselungen ergaben.
Schon
vor dem zweiten Weltkrieg hatte das polnische Biuro Szyfrow mit dem
Versicherungsmathematiker Marian Rejewski das Geheimnis der Enigma gelüftet.
Rejewski hatte auch schon eine Maschine gebaut, die die Verschlüsselungen der
drei Walzen der Enigma in Einzelverschlüsselungen auflöste und simulierte. Er
nannte sie Bomba. Bei Beginn des Krieges schafften sie zwei Nachbauten der
Enigma in den Westen. Im Gepäck des Theaterregisseurs Sascha Guitry gelangten
sie unentdeckt nach England und dort in den Bletchley Park. Außerdem vermittelte
Rejewsky den Engländern das Prinzip der Enigma und den Lösungsansatz zur
Entschlüsselung.
Zu Beginn des Krieges hatten die Deutschen zwar die Anzahl der
verschiedenen einsetzbaren Walzen erhöht, doch da die Codebreakers in Bletchley
wussten, wie die Verschlüsselung funktioniert, waren sie bald in der Lage, den
deutschen Funkverkehr komplett mitzuhören.
Erfolgreiche Codebreakers mit Schachspielern
Von Anfang an lagen fast alle strategischen
und taktischen Pläne der deutschen Wehrmacht wie ein offenes Buch vor der
englischen Kriegsleitung. Es war so, als ob die Westmächte, die UdSSR und
Deutschland eine Runde Skat miteinander spielten, wobei die Westmächte über
jedes Blatt der Deutschen im Detail informiert waren. Das einzige Problem der
Engländer war am Anfang, dass sie keine militärischen „Asse“ zum Ausspielen
hatten. Immerhin halfen ihnen die „Codebreakers“, erst einmal der vollständigen
Niederlage zu entgehen.
Die Engländer kannten zu Beginn des Krieges
die genauen Angriffspläne der Deutschen im Westen. Sie wussten, wie Luftmarshall
Göring seinen Angriff auf England plante. Sie wussten, welche Strategie die
Deutschen bei ihren Luftangriffen verfolgten, wie viele Kräfte zur Verfügung
standen, welche Probleme es gab und konnten jeweils entsprechend reagieren. In
einem Brief warnte Churchill Stalin vor dem deutschen „Unternehmen Barbarossa“,
dem Angriff auf die Sowjetunion. Auch hier hatten die Engländer schon den
deutschen Funkverkehr mitgehört und kannten die deutschen Aufmarsch- und
Zeitpläne. „Ultra“ half später entscheidend, die Schlacht in Afrika zugunsten
der Briten zu entscheiden. Die Nachschubkonvois der Deutschen aus Italien wurden
allesamt versenkt, wenn sie Waffen enthielten. Proviantschiffe ließ man durch,
weil man kalkulierte, dass man in Afrika später eine Menge Kriegsgefangener zu
versorgen hatte.
Damit
die Deutschen keinen Verdacht schöpften, erfand man Agenten und dankte ihnen
über Funkfrequenzen, die von den Deutschen abgehört wurden. Oder man schickte
Aufklärungsflugzeuge los, die die Konvois erst „entdecken“ mussten. Der Einbruch
in den deutschen Marinecode hatte entscheidende Auswirkungen in der U-Boot
Schlacht im Atlantik. Zwischendurch hatten Turing und seine Kollegen allerdings
große Schwierigkeiten zu überwinden, weil die deutsche Marine zusätzliche Walzen
eingeführt hatte. In dieser Zeit hatte ein englischer Geheimdienstmitarbeiter
die abenteuerliche Idee, einen eroberten deutschen Bomber mit englischen Piloten
in deutschen Uniformen in der Nähe eines deutschen U-Bootes abstürzen zu lassen.
Bei der Rettung sollten sie das Boot kapern und sich in den Besitz der
Codebücher bringen. Das Projekt konnte niemals realisiert werden. Später lebte
der Secret Service Mann seine Phantasien auf Papier aus: Es war Ian Fleming, der
Erfinder von James Bond. Die Idee wurde vor dem Hoolywoodstreifen „U571“ in
modifizierter Form verfilmt.
Wichtige
Abhörergebnisse lieferte „Ultra“ auch bei Eroberung Italiens, bei der Landung in
der Normandie und bei der raschen Offensive in Frankreich. Selbst als die
Amerikaner schon im Gebiet des Deutschen Reiches standen, leisteten die
Informationen General Patton wertvolle Dienste, um zwischen den deutschen
Restverbänden hindurch möglichst schnell an die Elbe vorzustoßen und dort die
verbündeten Russen an die Vereinbarungen von Jalta zu erinnern.
Die Codebreakers lieferten unentwegt Nachrichten, die mit großer Geschwindigkeit
nach Wichtigkeit sortiert und weitergeleitet wurden. Nur ganz wenige wussten von
der Existenz der geheimsten aller britischen Einrichtung, die Churchill, „meine
goldene Gans, die niemals schnattert“ nannte. Die Pläne der Deutschen waren oft
so schnell bekannt, dass Hitler eigentlich auch persönlich bei Churchill hätte
anrufen können, um Bescheid zu sagen, was man als nächstes vorhabe.
Neben Mathematikern wie Alan Turing arbeiteten Sprachwissenschaftler und alle
möglichen Tüftler in Bletchley an der Entschlüsselung. Und eine Reihe von
bekannten Schachspielern! Es war praktisch die ganze englische
Nationalmannschaft, bei Kriegsausbruch noch in Buenos Aires bei der
Schacholympiade aktiv, die sich bald in den Blechtley-Hütten einfand und während
des Krieges statt Schach- Nachrichtenvarianten entschlüsselte: Hugh Alexander,
Stuart Millner-Barry, Harry Golombek.
Nichts gelernt: Vom Zimmermann-Telegramm
zur Enigma
Es
ist erstaunlich, dass die Deutschen niemals ernsthaft prüften, ob ihr
Funkverkehr tatsächlich so sicher war, wie sie glaubten. Schließlich ging
einiges, was sie vorhatten, auf seltsame Weise gründlich schief. Noch
erstaunlicher ist dieser Umstand, wenn man weiß, dass die Engländer mit den
gleichen Mitteln bereits den Ersten Weltkrieg gewonnen hatten. Allerdings sind
die Fakten selbst heute kaum allgemein bekannt, so dass man annehmen kann, dass
sie auch in Vierzigern kein Allgemeingut waren. 1917 fingen die Engländer ein
verschlüsseltes Telegramm des deutschen Außenministers Zimmermann ab, in dem
dieser Mexiko zu einem Angriff auf die USA bewegen wollte. Ziel war es, die
Amerikaner zuhause zu beschäftigen und vom Kriegseintritt in Europa
fernzuhalten. Das Gegenteil wurde erreicht. Die englische Codebreakers von „Room
40“ entschlüsselten die Botschaft und legten sie den Amerikanern vor, die
daraufhin Deutschland den Krieg erklärten. Bis 1923 ahnten die Deutschen nicht,
wie die Zimmermann-Depesche in die Hände des Feindes geraten waren. Erst als die
Royal Navy die offizielle Geschichte des Ersten Weltkrieges veröffentlichte,
worin auch die Entschlüsselung der Zimmermann-Depesche erwähnt wurde, kam die
Wahrheit ans Tageslicht. Die Veröffentlichung dieser Fakten erzeugte bei den
deutschen Militärs zwar die Einsicht, dass eine bessere Verschlüsselung nötig
war. Dies führte dann zwar zur Einführung der Enigma, die ab 1925 in Serie
gefertigt wurde und von der man insgesamt über 30.000 Exemplare baute. Doch
gleichzeitig lullte die Enigma und ähnliche Maschinen die deutsche Kriegsleitung
ein, die tatsächlich glaubte, das Problem ein für alle mal gelöst zu haben.
Die vollständige Geheimhaltung um „Ultra“
dauerte bis weit nach dem Krieg an. Erst nachdem der ehemalige Secret
Service-Mann Frederick Winterbotham 1974 sein Buch „Ultra“ veröffentlichte,
wurde sie aufgegeben. Viele Zeitzeugen sind inzwischen gestorben, ihre
Erinnerungen verloren. Viel verbleibt im Dunkel. Den Helden von damals blieb die
öffentliche Anerkennung versagt. Erst heute weiß man, welchen Dienst Alan Turing
und seine Mitstreiter Europa und der Welt erwiesen haben.
Man sollte denken, dass ein Genie wie Turing mit diesen Verdiensten von seinem
Heimatland hoch dekoriert und geehrt werden würde. Doch das war nicht der Fall,
im Gegenteil. Turing war homosexuell, eine Eigenschaft, die unter den
Intellektuellen Englands, von denen die meisten in gleichgeschlechtlichen
Internaten aufgewachsen waren, nicht eben selten war. Aber man gab es nicht
öffentlich zu, denn es war gesetzlich verboten. Turing machte aus seiner
Veranlagung jedoch kein Geheimnis und wurde für die Behörden dadurch zu einem
Sicherheitsrisiko. Nach dem Krieg wurde er nach einem Zwischenfall mit einem
seiner Geliebten zu einer Hormonbehandlung gezwungen und sah sich Nachstellungen
des Secret Service ausgesetzt.
Turing, der eine unglückliche Kindheit in englischen Internaten verbrachte,
während seine Eltern in Indien im Kolonialdienst arbeiteten, dessen erste große
Liebe, ein Mitschüler, überraschend an Tuberkulose starb und der seine größten
Erfolge als Wissenschaftler im Geheimen erzielen musste, hatte bestimmt kein
märchenhaftes Leben. Doch er setzte diesem ein solches Ende. Am 7.Juni 1954,
heute vor 50 Jahren, aß er einen vergifteten Apfel.

Am 23.Juni
2001, Turings Geburtstag, wurde in Manchester im Auftrag des Alan Turing
Memorial Fund ein von Glyn Hughes geschaffenes Denkmal aufgestellt.
Nachprogrammierung der Turing-Engine
Seit Turing wird die Leistungsfähigkeit von
Computern, ihre „Intelligenz“, mit der Spielstärke im Schach gemessen. Turings „Collossus“,
der erste programmierbare Computer, wird derzeit in England rekonstruiert.
Turings Schachprogramm, das erste Schachprogramm der Welt, war ein
Papierprogramm, für das es damals noch keinen Rechner gab. Turing selbst
simulierte in der einzig übermittelten Partie den Computer und errechnete die
Züge anhand seiner Programmierung.
Mathias Feist ist Co-Autor der Schachengine
von Fritz und hat mit Hilfe von Ken Thompson, dem Miterfinder des Betriebsystems
Unix, die Turing-Engine in moderne Maschinensprache übersetzt und als
Schachengine für die Fritz-Schachoberfläche programmiert. Wer das Schachprogramm
Fritz (ab Version 6) hat, kann die Turing-Engine downloaden und gegen das
Programm spielen, das Alan Turing wahrscheinlich in seiner Zeit in Bletchley
Park entwickelt hat, wenn er nicht gerade an der Entschlüsselung der Enigma
tüftelte. Die Turing-Engine ist der Beginn maschinellen Denkens, das
kybernetische erste Rad. „Es ist keine sehr gute Engine, aber auf den heutigen
Rechnern erreicht sie Suchtiefen, an die Turing wahrscheinlich nie gedacht hat.
Einfach zu schlagen ist sie ganz bestimmt nicht,“ meint Mathias Feist.
Material:
Texte zur Turing-Engine und zu dessen Nachprogrammierung...
Die erste Partie der Turing-Engine zum Nachspielen...
Die Turing Engine als Fritz-Engine zum Download auf der Downloadseite ...
Links:
Bletchley Park...
Alan Turing Homepage...
Alan Turing Project...
Das Zimmermann-Telegramm...
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