"Angst!"

12.05.2003 – Einige Entscheidungen Gary Kasparovs während seines Wettkampfes gegen Deep Junior im Februar diesen Jahres waren rätselhaft. Statt wie sonst von ihm gewohnt mit prinzipiellen Zügen kompromisslos auf Gewinn zu spielen, verblüffte er die Fachwelt und das Publikum mit zaghaften und zaudernden Fortsetzungen. Was war der Grund dafür? Großmeister Dr. Robert Hübner hat sich einige entscheidende Stellen in den Partien angesehen und forscht im Wesen des Menschen. Angst...

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Angst
Betrachtungen zum Wettkampf Kasparov – „Deep Junior“

Der Lichtkegel einer Tischlampe warf einen Kreis auf die Stellung einer Partie. Sie entstammte dem Wettkampf Kasparov – „Deep Junior“. Ich saß dahinter und versuchte, ihren Gehalt zu ergründen. Meine Aufmerksamkeit wurde jedoch von einer fetten Spinne abgelenkt, die sich an einem langen Faden von der Kappe der Lampe herabgelassen hatte und mit zuckenden Beinen den Damenturm des Schwarzen betastete.

Da hörte ich ein Quietschen hinter mir. Mit einem Ruck drehte ich mich um. „Sollten sogar Mäuse ins Haus gedrungen sein?“ wunderte ich mich. Ich bemerkte jedoch, daß die Zimmertür mit äußerster Vorsicht und Langsamkeit aufgedrückt wurde. Gebannt starrte ich auf das weiße Rechteck und hielt den Atem an. Endlich schob sich der Bart meines philosophiebeflissenen Freundes ins Zimmer.

Pfeifend ließ ich den angestauten Atem aus meiner Brust entweichen. „Du pflegst sonst nicht so behutsam daherzukommen,“ polterte ich los. „Warum dringst du hier zu so später Stunde ein wie ein Dieb?“ Der Gelehrte ließ sich matt in einen Sessel fallen. „Das Getöse der Welt hat mich ermüdet,“ brachte er schließlich mit schwacher Stimme hervor. Dann schloß er die Augen und verfiel in beharrliches Schweigen.

Ich beschloß, eine Erfrischung herbeizuholen. Das Klirren der Gläser weckte den Philosophen aus seiner Erstarrung. „Was treibst du denn da?“ fragte er nach einem schlaffen Blick auf das Schachbrett ohne Interesse. „Ich betrachte eine Partie aus dem Wettkampf von Kasparov gegen einen Roboter namens Tiefjünger,“ antwortete ich. „Von dem Ereignis habe ich gehört,“ gab der Denker zu. „Sonst erfährt der Medienkonsument glücklicherweise nichts vom Schachspielen, aber diese Angelegenheit wurde in der Presse breit dargestellt. Ich frage mich, warum dies der Fall ist. Waren die Spiele so qualitätshaltig?“

Belebt rieb ich die Handflächen aneinander. „Das habe ich nicht feststellen können,“ erwiderte ich. „Mir scheint das Auffallendste an diesen Partien zu sein, daß Kasparovs Spielführung von einer Zahmheit und Ängstlichkeit geprägt wurde, die er gegen menschliche Gegner niemals an den Tag legen würde. Schau hier,“ rief ich, während ich die Spinne von dem Turm abschüttelte, „ich zeige dir, auf welche Beobachtungen sich mein Eindruck gründet.

Die folgenden Beispiele und Analysen zum Nachspielen...

1.
Weiß: Kg1, Dd2, Tc1, Tf1, Le2, Le3, Sc2, Sc3; B. a2, b3, c4, e4, f3, g2, h3
Schwarz: Kg8, Dc7, Tc8, Tf8, Lb7, Le7, Se5, Sf6; B. a6, b6, d6, e6, f7, g7 ,h7.
Aus der 4. Wettkampfpartie: „Deep Junior“ – Kasparov. Stellung nach dem 17. Zuge von  Weiß.

Kasparov zog hier 17...Tfe8. Es ist mir rätselhaft, warum er den aktiven Vorstoß 17...b5 unterließ. Es ist das Standardmanöver in derartigen Stellungsstrukturen, das dem Schwarzen stets gutes Spiel verheißt, wenn es ohne Nachteile durchgesetzt werden kann.

I Der einzige direkte Widerlegungsversuch besteht in 18.cb5:. Nach 18...Dc3: 19.Dc3: Tc3: 20.Ld4 spielt Schwarz jedoch einfach 20...Tcc8 21.ba6: La8 22.b4 Sed7 mit Gewinnstellung. Es droht 23...e5 nebst 24...d5, und gegen das Vorrücken der Damenflügelbauern des Weißen bietet Le7-d8 stets eine zureichende Verteidigung.

II 18.Sd4 bc4:
A) 19.bc4: Tfd8.
Schwarz hat ein erhebliches positionelles Übergewicht.

B) 19.f4 Sed7 (Auch nach 19...Sd3 20.Ld3: cd3: 21.Sd5 Dd8 22.Tc8: Lc8: 23.Se7:+ De7: 24.Dd3: Lb7 hat Schwarz eine gute Stellung) 20.Lc4: Sc5 21.De2 Db8. Ich sehe nicht, wie Weiß die Stellung halten kann.

III 18.f4 Sed7 19.f5 ist die einzige Möglichkeit für Weiß, Gegenspiel zu erlangen. Nach 19...Se5 20.fe6: fe6: 21.Sd4 b4 22.Sa4 Se4: 23.Db4: Sc5 entsteht eine scharfe Stellung, die dem Schwarzen die etwas besseren Aussichten bieten dürfte.

Vielleicht wollte Kasparov dieser Fortsetzung aus dem Wege gehen, doch bin ich fest überzeugt, er gegen jeden Menschen 17...b5 gespielt hätte.

2.
Weiß: Kf3, Dc2, Ta1, Tf1, Ld2, Ld3, Sc3, Se2; B. a3, b2, d4, e3, f4, g2
Schwarz: Kg8, Dh4, Ta8, Te8, Lc8, Sb8, Sg4; B. a7, b7, c6, d5, f7, g7, h7.
Aus der 5. Wettkampfpartie: Kasparov – „Deep Junior“. Stellung nach dem 15. Zuge von Schwarz.

Kasparov griff zu 16.Lh7:+ und erzwang nach der Antwort 16...Kh8 mit 17.Sg3 ein Remis durch Zugwiederholung (17...Sh2+ 18.Kf2 Sg4+ 19.Kf3 Sh2+).

Naheliegend ist der Gewinnversuch 16.g3

I 16...Dh5 17.Th1, und nun:

A)    17...Te3:+ 18.Kg2, und Weiß gewinnt.

B)     17...Se5+ 18.Kg2 Df3+ 19.Kg1 Sg4 20.Tf1, und Weiß gewinnt.

C)    17...Sh2+ 18.Kg2 Df3+ 19.Kg1 Te3: 20.Lh7:+, und Weiß gewinnt.

D)    17...Se3:+ 18.Th5: Lg4+ 19.Kf2 Sc2: 20.Tah1 Lh5: 21.Th5: Sa1 (Auf 21...g6 folgt 22.Th1 mit Figurengewinn) 22.Lh7:+, und Weiß gewinnt.

II 16...Dh2 17.f5 h5 18.e4. ich sehe nicht, wie Schwarz seinem Angriff entscheidende Kraft verleihen kann.

III 16...Sh2+ 17.Kf2 Sg4+ 18.Ke1 Dh3. Dies scheint die aussichtsreichste Fortsetzung für Schwarz zu sein. Weiß hat mehrere plausible Entgegnungen:

A)    19.Lf5 ist nicht empfehlenswert; Schwarz antwortet 19...Se3:.

B)    19.e4 Dg2 gewährt dem Schwarzen ebenfalls eine Menge Gegenspiel: 20.Tg1 Df2+ 21.Kd1 Df3 usw.

C)    19.Sd1

Ca) 19...Sd7 20.Sf2 Sf2: 21.Kf2: Dh2+ 22.Ke1 Sf6 23.f5. Weiß steht auf Gewinn.
Cb) 19...Sh2 20.Lh7:+ Kh8 21.Tf2 Lg4 (21...g6 22.Lg6: fg6: 23.Dg6: ist hoffnungslos für Schwarz) 22.Ld3 Sf3+ 23.Tf3: Lf3: 24.Sf2 Dg2 25.Db3 b6 26.Tc1 Te6. Die Lage entbehrt der für Weiß wünschenswerten Klarheit.

D)    19.Tg1

Da) 19...Sh2 20.Lh7:+ Kh8 21. Ld3 Sf3+ 22.Kf2: Sg1: 23.Tg1:.  Weiß siegt mühelos

Db) 19...Sd7 20.e4

Db1) 20...Sh2 21.e5 Sf3+ 22.Kf2 Sg1: 23.Tg1: mit Gewinnstellung für Weiß.

Db2) 20...de4: 21.Se4 Dh2

Db21) 22.Kd1 Sdf6 23.Sf6:+ Sf6: 24.Te1 Lg4. Schwarz hat ausreichende Kompensation für das geopferte Material.

Db22) 22.Tf1

Db221) 22...Sdf6 23.Sf6:+ Sf6: 24.f5. Es ist dem Weißen gelungen, den Damenläufer des Gegners am Eingreifen in den Kampf zu hindern; er hat Gewinnstellung.

Db222) 22...Dg2 23.Lc1 Sh2 24.S2c3 Dc2: (24...Dg3:+ 25.Kd1 ist ungünstig für Schwarz) 25.Lc2: f5 26.Tf2 Sg4 27.Te2. Weiß hat das etwas bessere Endspiel.

Es muß zugegeben werden, daß es keine leichte Aufgabe ist, die besten Verteidigungszüge für Weiß zu finden; aber auch Schwarz muß stets die genaueste Fortsetzung finden, damit seine Initiative nicht versandet. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Kasparov gegen einen Gegner von Menschennatur 16.g3 unversucht gelassen hätte.

3.
Weiß: Kh2, Td1, Te2, Le3, Lg2, Sb3, Sc3; B.a4, b2, c2, e4, f2, g3, h3
Schwarz: Kg8, Tc8, Tc7, Lb7, Le7, Sd7, Sf6; B.a6, b6, d6, e5, f7, g7, h6.
Aus der 6. (letzten) Wettkampfpartie: „Deep Junior“ – Kasparov. Stellung nach dem 23. Zuge von Weiß.

Kasparov spielte das wohlbekannte Qualitätsopfer 23...Tc3:. Es sieht in dieser Stellung besonders attraktiv aus: Schwarz bekommt sofort zwei Bauern für die Qualität, die Bauern des Weißen auf a4 und c2 bleiben schwach, der Springer ist auf b3 außer Spiel.

Gegen ein Wesen aus Fleisch und Blut hätte der langjährige Weltmeister sich auf dem Wege zu einem sicheren Sieg gewähnt; zumal jemand, der ein solches Standardopfer zuläßt, schon ein arger Patzer sein muß. Gegen das elektronische Hirn bot er jedoch an dieser Stelle remis an (laut „Schachwoche“ 6/2003, S.4).

Natürlich begriff das genannte Hirn nicht, wie schlecht die Stellung für Weiß ist; das Angebot wurde abgelehnt. Nach der Folge 24.bc3: Le4: 25.Lc1 Lg2: 26.Kg2: Tc3: (Dies ist vermutlich nicht der beste Zug) 27.La3 Se8 28.f4 schlugen die Weißen remis vor, und Kasparov schlug zu. Mir ist nicht ganz klar, wie die Stellung einzuschätzen sei; immerhin läuft Schwarz bei Gewinnversuchen keinerlei Risiko. Ich bin sicher, daß Kasparov den Vorschlag bei einem lebenden Rivalen unter Hohngelächter zurückgewiesen hätte.

Es ist möglich, daß mir bei der Untersuchung der Stellungen die eine oder andere Verstärkung für das Spiel von Kasparovs Widersacher entgangen ist,“ schloß ich. „Dennoch halte ich es für erwiesen, daß der vielerprobte Kämpfer vor schachlichen Herausforderungen zurückschreckte, auf die er sich bei einem atmenden Gegner mit großer Freude geworfen hätte.“

„Jaja,“ murmelte mein Zuhörer geistesabwesend und zog die Stirn in Falten. „Worüber denkst du nach?“ erkundigte ich mich, denn ich kannte meinen Freund nicht erst seit gestern; die äußeren Anzeichen waren besorgniserregend. „Ich frage mich,“ erwiderte er langsam, „ob Kasparovs Furcht und die gefühlsstarke Teilnahme der Öffentlichkeit in einem Verband stehen. Warum hat Kasparov Angst?“

„Er fürchtet wohl, den Mythos der Unbesiegbarkeit zu verlieren und dadurch an Macht und Einfluß einzubüßen,“ vermutete ich. Der forschende Philosoph warf mir einen strafenden Blick zu. „Ich will nicht wissen, wovor Kasparov Angst hat, sondern warum,“ erläuterte er, „ich möchte dem Gefühl auf den Grund kommen.“

Ich zuckte in mürrischer Verlegenheit die Achseln und starrte auf das lichtüberflutete Schachbrett. Die Spinne war zurückgekehrt und wanderte über die Fläche auf der Suche nach einem günstigen Platz zum Ausspannen ihres Netzes. Der Denker arbeitete hörbar. Schließlich ergriff er wieder das Wort.

„Ich will dir flüchtig einige meiner Gedanken über die Wurzeln dieses unbehaglichen Empfindens andeuten,“ sprach er. „Dazu muß ich aber ein wenig ausholen.“ – „Bitte, bitte,“ sagte ich entgegenkommend, mich im Nacken kratzend. „Von allen Tieren ist der Mensch in hervorragendem Maße unfähig, sein Leben alleine zu bestehen,“ belehrte mich der Forscher, während er mich durchbohrend anblickte, „Er fühlt sich den bedrohlichen Naturgewalten hilflos ausgeliefert und sieht belebte Wesen in ihnen, die er durch sorgfältige Behandlung zu beschwichtigen sucht. Aber es gelingt nicht recht. Jetzt versucht er, durch das Bilden größerer Gemeinschaften den Anforderungen der Umwelt und seiner Existenzangst besser Herr zu werden; die Furcht verläßt ihn jedoch nicht. Je weiter seiner Geschichte fortschreitet, desto mehr muß er sich auf die Hilfe seiner Mitmenschen stützen, um zu überleben. Zumal als Mitglied größerer Ansiedlungen ist er ganz hilflos, wenn er nur auf sich selbst gestellt ist. Er bedarf der Fachleute, die ihn mit Nahrung, Kleidung, Wohnung versorgen; wenn er ihrer Unterstützung entbehren muß, kommt er um. Deshalb sind Spezialistentum und Eigentum gewachsen. Ich muß dies wohl nicht weiter ausführen?“ – „Nein, nein,“ antwortete ich hastig.

„Diese Abhängigkeit,“ fuhr der Denker fort, „schafft neue Empfindungen des Unbehagens, des Mißtrauens; der Einzelne fühlt sich weiterhin unkontrollierbaren Kräften ausgeliefert und erfährt die eigene Existenz noch stets als bedroht.

Dem versucht man nun durch die Erfindung und den Einsatz von allen möglichen maschinellen Einrichtungen zu steuern. Sie sollen die Bewältigung der praktischen Lebensschwierigkeiten sichern und den Menschen die Angst nehmen.“ – „Das ist eine bemerkenswerte Auffassung,“ unterbrach ich nachdenklich.

„Natürlich ist dies nur ein einzelner, ganz besonderer Aspekt der Wucherung solcher Prothesen,“ erläuterte der Denker. „Ach so,“ stotterte ich.

„Man beobachtet aber nun,“ spann der Philosoph seinen Gedankenfaden weiter, „daß die Befreiung von der Angst wieder nicht gelingt; das Unsicherheitsgefühl der Menschen hat nicht abgenommen, sondern ist verschoben worden. Kasparovs Verhalten beim Spiel gegen den elektronischen Rechner spiegelt diesen Umstand wider.“

Mein Blick irrte auf das Schachbrett ab. Die Spinne hatte mit dem Bau eines Netzes zwischen Turm und König begonnen.  „Warum flößt das Maschinenwesen dem Menschen denn Furcht ein?“ erkundigte ich mich.

Der Forscher schwieg. Die Leuchtquelle, die das Zimmer notdürftig erhellte, begann beunruhigend zu sirren; plötzlich ertönte ein trockener Schlag, und wir saßen im Dunkeln. In der Ferne schlug eine Turmuhr Mitternacht. Ich grabbelte in der Schublade, die ich vor meinem Bauch wußte, fand tastend eine Kerze samt Streichhölzern und konnte alsbald wieder einiges Licht verbreiten. Jetzt gab mir mein denkstarker Freund Bescheid auf meine Frage.

„Wie du siehst, ist die Abhängigkeit des Menschen von unvorhersehbaren Zufällen auf Grund seiner Erfindungen nicht kleiner geworden. Er hat keineswegs das erstrebte Gefühl gewonnen, die Welt selbst regelnd beherrschen zu können. Je lauter er prahlt, unbegrenzte Macht über die Natur zu besitzen, desto tiefer sitzt sein Gefühl der Ohnmacht. Bei den modernsten elektronischen Hilfsmitteln können sogar die Fachleute oft nicht hinreichend voraussehen, welche Auswirkungen ein Eingriff auf das Gesamtsystem zeitigen wird. Kurzum, im täglichen Leben kann der Mensch der Kette von Ursache und Wirkung meist nicht mehr nachgehen.

Außerdem muß er Art und Rhythmus seiner Tätigkeiten den ihn umgebenden Maschinen anpassen; er kann nicht mehr einen natürlichen, ihm selbst gemäßen und seinen Fähigkeiten angepaßten Arbeitsablauf gestalten. Seine Hauptaufgabe sieht der Mensch heutzutage schon in der Bedienung und Wartung seiner Maschinen. Er nimmt sich keine Zeit mehr, das natürliche Wachsen von Pflanzen, Gefühlen, Werken abzuwarten; die Schöpfung eigener Leistungen und das Genießen ihrer Früchte treten mehr und mehr in den Hintergrund. Die Ergebnisse, welche die Maschinen ihm vorsetzen, hält er für besser und zuverlässiger als die eigenen; ein tiefes Minderwertigkeitsgefühl hat sich seiner bemeistert, ohne daß er sich dies eingesteht. Seine Lebensumstände haben sich gewaltig verbessert; nicht aber sein Lebensgefühl.

Die Angst vor den Maschinen und der Haß gegen sie zog die Menschen in Masse auf die Seite Kasparovs: sie hofften, er werde durch einen Sieg die Maschinengefahr bannen und ihnen eine Selbständigkeit zurückgewinnen, das sie sich selbst nicht mehr erkämpfen können.

Auch die Beliebtheit der Darstellung von Kämpfen zwischen einer Gruppe „Außerirdischer“ und der „Menschheit“ hat keine anderen Wurzeln. Die bedrohenden Roboter aus dem All sind nichts anderes als die verdinglichte, aus dem eigenen Inneren nach außen gewendete Furcht vor den selbstgeschaffenen Maschinen; und die Menschen wollen sich mit diesen Bildern weismachen, daß sie Herr über ihre Schöpfungen bleiben, denn fast stets enden die Auseinandersetzungen für sie siegreich.

Folgender uralter Text zeigt jedoch, daß diese Hoffnung eitel ist:[1]

"Golzern war vor alten Zeiten eine Alp. Im jetzigen Metzgerberg stand eine Hütte, da walteten drei Alpknechte [...], ein Senn, ein Küher und ein Diener. Sie hatten wenig Arbeit, denn das Vieh brauchte auf der Weide fast gar nicht gehütet zu werden und wurde nie gestallt. Einst, da sie vor Übermut und Langeweile nicht mehr wußten, was anfangen, gingen sie hin, schnitzten aus einem Stück Holz einen rohen Kopf, kleideten denselben in Lumpen und stellten die so entstandene Figur hinter den Tisch. Sie hatten ihr Gespött mit diesem Toggel [...] und nannten ihn „Häusäli“ [...]. Wenn sie geschwungene Nidel aßen, fragten sie: „Häusäli, magsch au?“ und warfen ihm einen Schläck zu; wenn sie ihren Nidelreisbrei verzehrten, fragten sie wieder: „Häusäli, magsch au ä Bitz?“ und strichen ihm einen Chleipis unter die Nase und ums Maul. Nach und nach gaben sie ihm den Löffel in die Krallen und zeigten ihm, wie er dazu tun müsse, wenn er fressen wolle. Und bigoscht hindärä! Der Toggel fing an zu fressen! Da erschraken sie zuerst, gewöhnten sich aber für und für daran und trieben wieder ihre Späße. Als sie einmal Karten spielten, fragte der Senn: „Häusäli, wettisch au spilä?“ und gab ihm die Karten in die Taapen; zuerst mußte er nur die Karten halten und sein Partner schaute sie selber auf und spielte sie aus. Nach und nach hielt aber der Toggel die Karten fest und spielte selber. Das war ein Spaß! Von nun an spielte er jedesmal mit, und wer’s mit ihm hatte, der gewann immer. Der Balg nährte sich gut und gedieh. Alle Sonntage mußten sie ihn auf den benachbarten Chrottäbiel an die Sonne hinübertragen, und er war so fett, daß alle Alpknechte miteinander ihn kaum zu tragen vermochten. [...]

Der Sommer war dahin; die Alptriften erbleichten, und der Winter hatte schon die ersten Vorposten auf die Bergspitzen gestellt. Da hieß es abfahren von der Alp. Als die Kühe zusammengetrieben waren und alles bereitstand, stellte sich auch Häusäli ein, aber nicht, um einen rührenden Abschied zu feiern. Mit ernster und fester Gebärde gebot der Toggel dem Senn, als dem Oberhaupt der Alp, zu bleiben, den anderen erlaubte er, abzufahren, aber ja nicht zurückzuschauen, bis sie das Egg erreicht hätten. So geschah es, der Senn blieb, die anderen zogen mit dem Vieh ab, und als sie die Egg erreicht hatten, schauten sie zurück und sahen mit Zittern und Schrecken, wie der Toggel des Senns blutige Haut auf dem Hüttendach ausspreitete [...].’

Du siehst, daß die Menschen ihre eigenen Schöpfungen nie in der Hand zu halten vermögen. Die im ‚Zauberlehrling’ vermittelte Aussage gilt nicht für das vorliegende Thema: Hier gibt es keine Meister, die den unaufhaltsamen Gang der Dinge zum Stehen bringen könnten. Auch wer mutwillig einen Krieg anzettelt, wird früher oder später auf die Folgen seiner Tat zurückgeworfen werden.“

Die Kerze war heruntergebrannt. Kaum hatte der Philosoph sein letztes Wort gesprochen, als der Docht noch einmal kurz aufflackerte und dann verlosch. Brandgeruch und Dunkel umhüllten uns.

[1] Josef Müller, Sagen aus Uri; ich habe den Text aus dem Buche von M. Frisch, Wilhelm Tell für die Schule (Frankfurt am Main 1971), S.47-48 entnommen und unwesentlich gekürzt.

 

 

 


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