"Gelb und rot sind unsere Farben"

08.06.2012 – Beim kürzlich in Bremen ausgetragenen Schachfußball-Cup belegte die Mannschaft "fuß brothers Jena" hinter dem All Star-Team vom Hamburger SK und den wieselflinken Schachaktivisten von Deep Chess einen überraschenden dritten Platz. Für die Jenaer selbst kam der Erfolg nicht so überraschend, denn die Jenaer Schachfreunde sind schon länger auch in Sachen Fußball unterwegs. Dr. René Gralla interviewte "Oberbrother" Jan Richter und fand außerdem in seinem Archiv zum Thema "Schach und Fußball" noch zwei seltene und bisher unveröffentlichte Fotodokumente mit einem brillanten Mittelfeldstrategen, der aus seiner damaligen Begegnung mit dem Schach für seine spätere Karriere viele Lehren gezogen hat. Interview und Dokumente...

 

"GELB UND WEINROT SIND UNSERE FARBEN!"

Jetzt rollt das Leder wieder bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine. Und man kann schon heute darauf wetten, dass anlässlich diverser Expertenrunden auf allen TV-Kanälen unweigerlich das Stichwort "Rasenschach" fallen wird. Dass "Rasenschach" tatsächlich mehr ist als eine Floskel, das demonstrieren inzwischen die "fuß brothers" Jena, die beide Disziplinen, Balltreten und Figurenschieben, gleichberechtigt nebeneinander pflegen. Die fitte Truppe hat unlängst beim 2. Schachfußball-Turnier des SV Werder Bremen hinter dem Hamburger SK und dem Team „Deep Chess“ den dritten Platz geschafft, hier dazu der Bericht . Über Kameradschaft auf dem Heiligen Grün und die richtige Angriffsstrategie am Brett spricht „fuß brothers“-Gründungsmitglied Jan Richter, 41 - im Hauptberuf Lehrer für Deutsch, Englisch und Französisch an einem Gymnasium - , mit ChessBase-Autor Dr. René Gralla.


Jan Richter


Dr. René Gralla : Was machen die "fuß brothers" während der jetzt angebrochenen Tage der EM?

Jan Richter: Wir schauen die Spiele, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf den Begegnungen der deutschen Mannschaft.

Dr. R. Gralla: Ihr Klub pflegt Fußball und Schachsport gleichberechtigt nebeneinander. Was bedeutet das konkret?

J. Richter: Unter den Freizeitkickern gibt es erstaunlich viele Schachspieler, und so sind wir auf die Idee gekommen, die "fuß brothers" zu gründen. Wobei sich dann bald auch Synergien in umgekehrter Richtung entwickelt haben: weil Schachspieler, die sich gesagt haben, ein bisschen Fußball nebenbei tut mir gut, zu uns gestoßen sind. Einmal in der Woche trainieren wir Fußball, und einmal im Monat ist ein Übungsabend im Schach angesetzt.

Dr. R. Gralla: Offenbar nehmen Sie gerade Fußball sehr ernst. Haben Sie schon höhere Spielklassen im Visier?

J. Richter: Nein, im Gegenteil, wir sind in keiner Liga gemeldet, und wir trainieren auch bloß auf dem Kleinfeld.

Dr. R. Gralla: Immerhin fahren Sie zu Wettkämpfen am Wochenende. So haben Sie unlängst einen sensationellen dritten Platz geschafft bei einem kombinierten Schach- und Fußballturnier des SV Werder. Wie lief das ab?

J. Richter: Nominiert wurden sieben Spieler, und die mussten für beide Disziplinen zur Verfügung stehen. Man durfte also eben gerade nicht mit zwei Teams anreisen, etwa eine Mannschaft für Fußball und eine für Schach! Erst stand Fußball in der Halle auf dem Programm, vier Feldspieler und ein Torwart, und dann wurde ein doppelrundiges Blitzturnier ausgetragen, an sechs Brettern. Im Schach hatte man also einen Ersatzspieler zur Verfügung und im Fußball zwei. Für den Endstand wurden die Ergebnisse in beiden Disziplinen saldiert.


Hier wird Geschichte geschrieben: Die „fuß brothers“ Jena bei SV Werder Bremen vor einer Hallenwand mit einem Graffiti, das links den jungen Otto Rehhagel zeigt. Foto: fuß brothers e.V. Jena

Dr. R. Gralla: Auf welcher Position spielen Sie?

J. Richter: Torwart, aus Altersgründen. Früher war ich Allrounder, habe von der Verteidigung bis zum Angriff fast alles gemacht.

Dr. R. Gralla: Wie lange dauern die Partien im Fußball?

J. Richter: In Bremen waren das zehn Minuten, das können aber auch mal 15 Minuten sein.


Mal im Geist der Drachenvariante das gegnerische Tor stürmen? Das Team der fuß brothers Jena um Mastermind Jan Richter (links) diskutiert die richtige Strategie in einer Spielpause des 2. Schachfußball-Turniers des SV Werder Bremen.
Foto: fuß brothers e.V. Jena

Dr. R. Gralla: Einer der Großen im deutschen Fußball, Felix Magath vom VfL Wolfsburg, behauptet gerne, dass er am Schachbrett für seine Strategien auf dem Platz inspiriert worden sei. Ist da was dran? Immerhin gibt es analog zur Faustregel im Schach, dass man durch das Zentrum zu attackieren habe, auch eine Theorie im Fußball, dass der Angriff durch die Mitte dem Marsch über die Flügel vorzuziehen sei.

J. Richter: So genau haben wir eigentlich noch gar nicht darüber nachgedacht. Immerhin pflegen wir die Brüderlichkeit, dafür steht schließlich schon das "brothers" im Vereinsnamen, und das merkt man auch auf dem Platz: Bei uns gibt es keine ballverliebten Dribbelkünstler, sondern es wird kein Laufweg gescheut, und das Passspiel wird gepflegt, mit dem richtigen Moment der Abgabe für einen erfolgreichen Abschluss. Insofern sind wir dann doch eher eine Mannschaft, die über die Flügel kommt, mit dem tödlichen Pass in die Mitte beziehungsweise dem Rückpass hinter die Reihen der gegnerischen Abwehr.






Am Brett Pläne für das Stadion schmieden: Felix Magath 1985 in seinem Haus in Quickborn während einer Partie, die er anlässlich eines Interviews für das „Hamburger Abendblatt“ gegen den Autor René Gralla (Fotos: A. Laible) gespielt hat.

Nachfolgend das Protokoll der denkwürdigen Begegnung zum Nachspielen:




 

 

 


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