"Kramnik hat keine Chance mehr" - Interview mit GM Jan Gustafsson

22.10.2008 – Morgen um 15 Uhr sitzen sich Anand und Kramnik wieder in der Bundeskunsthalle gegenüber. Konnte Kramnik den Ruhetag nutzen, um vielleicht noch einmal anzugreifen? Nein, meint der Hamburger Großmeister Jan Gustafsson: "Kramnik hat keine Chance. Drei Siege in sechs Partien, die er jetzt braucht, um zumindest in den Tiebreak zu kommen, kann er nicht schaffen." Um jetzt noch einmal in den Wettkampf zurück zu finden, müsste Kramnik seinen Stil komplett umstellen. In einem Interview, dass Abendblatt-Readkteur Rainer Grünberg (auf www.abendblatt.de/schachwm ) führte, erklärt, der deutsche Nationalspieler zudem, wie Anand in diesem Wettkampf bei seiner Vorbereitung den "human factor" berücksichtige. (Bild: Gustafsson bei der Hamburger Schachnacht)Zum Hamburger Abendblatt...Interview mit Jan Gustafsson...

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Am Donnerstag um 15 Uhr beginnt in Bonn die zweite Hälfte des Schach-WM-Kampfes zwischen dem Inder Viswanathan Anand (38) und dem Russen Wladimir Kramnik (33) - live bei www.abendblatt.de/schachwm. Anand führt nach sechs Partien mit 4,5:1,5 Punkten und braucht aus den maximal sechs ausstehenden Spielen noch zwei Punkte zum Titelgewinn. Vier Remis würden ihm dafür reichen. "Kramnik hat das Match verloren, er hat keine Chance mehr", sagt der Hamburger Großmeister Jan Gustafsson im Gespräch mit dem Abendblatt. Der 29-jährige Spitzenspieler des Bundesligaklubs Hamburger SK von 1830 ist zurzeit der beste in Deutschland geborene Schachspieler. Bei der Schach-Olympiade in Dresden, die am 12. November beginnt, spielt Gustafsson für die deutsche Nationalmannschaft.

Abendblatt: Herr Gustafsson, wie beurteilen Sie die Lage von Wladimir Kramnik nach drei verlorenen Partien. Hat er überhaupt noch eine Chance, Anand in den restlichen sechs Partien den WM-Titel streitig zu machen?
Jan Gustafsson: Kramniks Lage ist völlig hoffnungslos. Er hat keine Chance mehr. Wladimir ist einer, der sehr korrekt spielt, der selten gewinnt und normalerweise noch seltener verliert. Drei Siege in sechs Partien, die er jetzt braucht, um zumindest in den Tiebreak zu kommen, kann er nicht schaffen. Dazu müsste er seinen Spielstil radikal umstellen. Und selbst dann wäre dieses Unterfangen gegen einen wie Anand, dem derzeit wohl besten Spieler der Welt, kaum von Erfolg gekrönt.

Abendblatt: Es hat diese Comebacks in der Vergangenheit bei WM-Kämpfen gegeben. Garri Kasparow lag 1984 gegen Anatoli Karpow mit 0:5-Siegen zurück, gewann drei Partien - und dann wurde das Match plötzlich abgebrochen, weil Karpow zu erschöpft war. Auch Viktor Kortschnoi holte 1978 gegen Karpow einen 2:5-Rückstand auf, verlor aber nach drei Siegen in Folge die nächste Partie und damit den Titel.
Gustafsson: Selbst im Fußball kommt es nicht so häufig vor, dass man einen 0:3-Rückstand aufholt. Im Schach sind diese Fälle noch viel seltener. Sie haben zwei genannt. Aber das ist diesmal gar nicht der Punkt. Um zu gewinnen, muss man ein höheres Risiko eingehen, als es Kramnik gewöhnlich in seinen Partien tut. Das ist eine Mentalitätsfrage. Kramnik will korrektes Schach spielen. Er vertritt die reine Lehre. Damit gewinnt man auf höchstem Niveau auch Partien, aber nicht drei von sechs. Außerdem hat er in den vergangenen zwei Jahren, wenn ich mich recht erinnere, bei Großmeister-Turnieren keine Partie mehr mit den schwarzen Steinen gewonnen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Kramnik ist ein sehr starker Spieler, vielleicht versteht er von allen Großmeistern am meisten vom Schach. Aber er ist kein Zocker. In einem Zweikampf musst du dich manchmal auch in trübe Gewässer begeben. Kramnik jedoch scheut den Dreck.

Abendblatt: Was hat Kramnik in diesem Match falsch gemacht?
Gustafsson: Ich bin überrascht, wie langsam und schlecht er Varianten berechnet, und dass er einfache Fehler macht. Springer schlägt d4, sein 29. Zug in der fünften Partie, war so einer. Kramnik hatte zu diesem Zeitpunkt noch 15 Minuten Bedenkzeit für elf Züge. Da darf ihm solch ein Patzer nicht unterlaufen, wenn er Weltmeister werden will. Sein größtes Problem ist aber, dass er dauernd in der Eröffnungsphase von Anands neuen Ideen überrascht wird. Das ist im modernen Schach in der Regel tödlich. Du brauchst danach viel Bedenkzeit, um die unbekannten Probleme zu lösen, und irgendwann fehlt dir dann in einer kritischen Position diese Zeit - und du fängst an Fehler zu machen. Alle drei Partien, die Kramnik verloren hat, hätte er nicht verlieren müssen. Er fing ausgerechnet dann an zu patzen, als er die größten Schwierigkeiten hinter sich gelassen hatte.

Abendblatt: Kramnik und Anand haben sich mehr als ein halbes Jahr mit ihren Sekundanten und ihren Computern auf dieses Match vorbereitet. Was hat Anand besser gemacht?
Gustafsson: Anand hat den Faktor Mensch in seine Vorbereitung einbezogen. Er hat Stellungen aufs Brett gebracht, deren Probleme vielleicht objektiv, aber unter Zeitdruck nur sehr schwer zu lösen sind. Das ist ihm deshalb leicht gefallen, weil er diese Art Schach schon immer zu spielen pflegte. Anand spielt nicht unseriös, aber er ist schon bereit, sich auf Stellungen einzulassen, die man zu Hause mit seinen Computern nicht ausanalysieren kann. Kramnik dagegen ist ein Purist. Er will das perfekte Schach spielen, er hat aber dabei die praktische Seite eines Wettkampfes unterschätzt. Deshalb wird es ihm in der Vorbereitung auch kaum in den Sinn gekommen sein, Eröffnungsvarianten, die unter Großmeistern seit langem als anrüchig galten, länger als nötig zu betrachten. Anand jedoch scheint bei seiner Vorbereitung seinen Schwerpunkt vor allem darauf gelegt haben, wie er Kramnik überraschen, wie er ihn aus dem Konzept bringen kann. Seine beiden Schwarzsiege beruhen auf einer Variante im halbslawischen Damengambit, die man in dieser Form unter Großmeister kaum noch spielte. Anand hat diesem zwielichtigen Abspiel, das durch den Zug 8…a6 eingeleitet wird, neues Leben eingehaucht und damit in der Praxis Erfolg gehabt. Was die Computer später dazu sagen werden, steht auf einem anderen Brett.

Abendblatt: Das allein erklärt nicht Kramniks einfache Fehler.
Gustafsson: Kramnik musste sich auf unbekanntem Terrain bewegen, das kostete ihm Zeit und Kraft. Entscheidender ist aber, dass er diese Art Positionen gewöhnlich nicht spielt. Sein Blick geht mehr ins Strategische. Anand fordert ihn aber in diesem Match, Zug für zu Zug alles ganz genau zu kalkulieren. Natürlich beherrscht Kramnik auch diese Art Schach, doch ihm mag vielleicht ein bisschen Übung auf diesem Feld fehlen. Anders ausgedrückt: Kramnik liebt es - schachlich gesehen - im Mercedes Autobahn zu fahren, jetzt muss er plötzlich mit einem Motorrad über Feldwege brettern. Da kann man bei mangelnder Fahrpraxis schon mal stürzen.

Interview: Rainer Grünberg

 

 

 


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