"Tag des Schachs" in Berlin

01.09.2003 – Vergangenen Samstag, dem letzten Samstag im August, wurde in vielen Städten mit vielen Schachveranstaltungen der vom Deutschen Schachbund initiierte "Tag des Schach" begangen. In Berlin trafen sich Junioren und Veteranen, darunter der Fernschachweltmeister Friedrich Baumbach, der frühere DSB-Präsident Alfred Kinzel (Foto) und der Präsident des Berliner Schachverbandes Alfred Seppelt zum intellektuellen Stelldichein am Brett. Harald Fietz berichtet. Schach im noblen Schaufenster...

ChessBase 14 Download ChessBase 14 Download

ChessBase 14 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...

Schach im noblen Schaufenster
Impressionen vom „Tag des Schachs“ in Berlin

Von Harald Fietz

Vergangenes Jahr hatte der Deutsche Schachbund eine wirklich gute Idee: Der letzte Samstag im August wurde zum „Tag des Schachs“ erklärt! Ein solcher Fixpunkt im Kalenderjahr bringt zumindest zwei positive Effekte. Einerseits gibt es einen Grund, die lokalen Medien neugierig zu machen, denn wer verpasst schon gerne einen Gedenktag. Anderseits mobilisiert man – kurz nach den Sommerferien – die eigenen Mitglieder vor der neuen Spielzeit zu einer gemeinsamen Aktion. Für die zweite Auflage erkor man - auch das war kein schlechter Gedanke - das Motto der Städtevergleiche. Nur wollten nicht alle ihre „Tradition“ aus dem Vorjahr aufgeben. Dazu gehörten auch die Hauptstädter. Der Berliner Schachverband setzte erneut auf die Triumphkarte eines Mannschaftsvergleichs „Alt gegen jung“. Die Alterspanne zwischen dem ältesten Teilnehmer und dem jüngsten Figurenschieber betrug fast 80 Jahre! Am Ende waren an für einen Schachwettkampf ungewöhnlicher Stätte die Senioren mit 37:33 wiederum erfolgreich.

Unter der reibungslosen organisatorischen Federführung des Berliner Jugendwarts Carsten Schmidt versammelten sich am 30. August Samstagmorgen um 10 Uhr, wenn das Geschäftstreiben in Berliner Einkaufszentren erwacht, reichlich Recken beider Generationsgruppen zum umkämpften, aber nie verbissenen Wettstreit. Aus der westlichen City zwischen Bahnhof Zoo und Ku'damm war man an den zentralen Ort im brodelnden Leben der Metropole, den Potsdamer Platz, gewechselt. Zu Mauerzeiten ein öder Fleck im Niemandsland des "anti-kapitalistischen" Schutzwalls ist es heute die Schnittstelle der Verkehrs- und Lebensströme im urbanen Flickenteppich Berlin mit seinen 3,3 Millionen Einwohnern und seinen Befindlichkeiten zwischen räumlich-umgrenzter Kiezidentität und weltläufiger Offenheit.

Eigentlich wollten die Schachspieler Openair die Aufmerksamkeit auf sich lenken, aber das wechselhafte Wetter machte dem einen Strich durch die Rechnung. Statt des Marlene-Dietrich-Platzes, wo sonst die Leinwandprominenz zu den Berliner Filmfestspielen über den roten Teppich defiliert, fanden die Denksportler gleich nebenan bei der Marke mit dem guten Stern Aufnahme! Im Ausstellungsraum des vom italienischen Stararchitekten Renzo Piano entworfenen 21-geschossigen Hauptquartiers von DaimlerChrysler Services stehen nur Nobelkarossen in Preiskassen ab einem guten Jahresgehalt aufwärts – also königlicher Sport zwischen fürstlichen Preisen!

Und wie im Vorjahr schienen heuer beide Zehn-Mann-Teams gewillt, mit viel Verve an die 15-Minuten-Partien zu gehen. Die Senioren vertraten so prominente Namen wie der frühere Fernschach-Weltmeister Fritz Baumbach (SC Friesen Lichtenberg), FM Harald Lieb (SK Zehlendorf), FM Alexander Delander (SW Neukölln), der nie zu unterschätzende Berliner Verbandspräsident Alfred Seppelt (Lasker Steglitz-Wilmersdorf) und sein früherer DSB-Kollege Alfred Kinzel (Märkischer SV Neuruppin). Hinzu kamen verdiente Mitglieder der Berliner Schachszene: Horst Bläsing (früher eine Stütze der 1. Mannschaft von König Tegel), Dieter Lentschu (der frühere Berliner Seniorenreferent und auch vom SC Friesen Lichtenberg), Eberhard Metzger (der frühere Vorsitzende von Zitadelle Spandau), Hans Reimer (der 1. Vorsitzender von Humboldt Wedding), Sigurd Krüger (Post Wedding) und Dr. Joachim Fechner (Landesspielleiter und ebenfalls von Post Wedding). Auf Seiten der Jugendauswahl formierten sich mit vielen Berliner Jugendmeistertiteln und Meriten bei deutschen Meisterschaften dekorierte SpielerInnen. Von König Tegel kamen Stefanie Schulz (Dritte der Deutschen U-18 2003), Alina Rath (die erst 15-jährige Berliner U-18 Meisterin 2003), Dimitry Suchin (Berliner U-18 Meister 2003), Miran Alic und Matthias Thiele (der Ergänzungsspieler des Zweitbundesligisten mit 20 Jahren fast der Jugend entwachsen). Der SC Kreuzberg war durch seine U-14 Champions vertreten: Atila Figura (Deutscher U-14 Meister 2003) und Ilja Brener (Dritter der deutschen U-14 Meisterschaft 2003). Jeweils einen Spieler schickten Makkabi Berlin (den mit elf Jahren Jüngsten im Feld, Georg Kachibadze, den Berliner U-12 Meister 2003), SK Zehlendorf (den ebenfalls elfjährig Thomas Schrödter), Chemie Weißensee (den Berliner Jugendsprecher Christian Laßan, den Berliner U-16 Meister 2003), Empor Berlin (den Neuzugang für das Oberliga-Team Sergej Kolessov, den Berliner U-16 Meister 2002) und Lasker Steglitz-Wilmersdorf (den im vergangenen Jahr aus der Schachjugend verabschiedeten Fabian Gallien).

Gespielt wurden zunächst Mini-Matchs a zwei Partien (ältester gegen jüngster Spieler, Zweitältester gegen Zweijüngster usw.) und dann fünf Runden im Scheveninger System. Es ging also nicht um die höheren Weihen im Schach, sondern um Werbung für das intelligenteste Brettspiel. Bezeichnend eine Episode aus der Auftaktrunde. Der im kommenden Jahr sein zwanzigjährigen Jubiläums vollendende Verbandspräsident Alfred Seppelt stand gegen Thomas Schrödter mit dem Rücken zur Wand, aber in Zeitnot griff der Elfjährige mehrfach fehl, so dass der 74-Jährige seinen letzten Bauern unterstützt von Kg2 bis h2 brachte. Doch der durch den König in der e-Linie gedeckte Sf3 schlug diesen raus. Auf Seppelts Ausruf „Zeit“ mit Fingerzeig auf die Uhr konterte Schiedsrichter Carsten Schmidt trocken: „Remis!“. Kein Widerspruch vom Verbandsboss, auch wenn die Senioren wussten, dass sie zu Beginn vorlegen musste, weil die Jugendlichen in den letzten Runde für gewöhnlich das bessere Stehvermögen haben. Anno 2002 gewannen die älteren Semester 38,5:31,5, auch heuer behielt die Rentnertruppe mit 37:33 die Oberhand. „Diese Senioren!“, stöhnte wohl schon zurecht bei Halbzeit der gebürtige Berliner georgischer Herkunft Georg Kachibadze.

Trotz unbestrittener Verdienste aller Vorkämpfer stach einer heraus. DSB-Ehrenpräsident Alfred Kinzel ließ es sich wiederum nicht nehmen, aus seinem brandenburgischen Alterswohnsitz, der Fontane-Geburtsstadt Neuruppin, an seine frühere Wirkungstätte zu kommen, und mit seiner Vitalität Spieler und Zuschauer gleichermaßen zu faszinieren. Am 28. September vollendet er das 91. Lebensjahr, und in punkto Kampfgeist und Fairness nimmt es der Veteran, der zwischen 1975 und 1983 als Chef die Geschicke des DSB leitete, mit jedem 30 Jahre jüngeren Frühpensionär auf. Sein sportliches Ergebnis lag mit 4:3 Punkten im positiven Bereich. Dabei sind die Heranwaschenden von heute zwar höflich, aber zugleich immer am vollen Punkt interessiert. Zwei Beispiele unterstreichen, was es heißt, Vorbild zu sein. In der ersten Partie saß der vom Weltschachverband zum „Ritter der FIDE“ ernannte frühere Spieler des Berliner Traditionsvereins „1827 Eckbauer“ dem 21-jährigen Fabian Gallien gegenüber. Nach unorthodoxer Eröffnung wechselte das Kampfglück – erst hatte Kinzel einen Mehrbauern, dann etablierte der Oberliga-Spieler von Lasker Steglitz-Wilmersdorf einen Freibauern, den er unaufmerksam einstellte. Nach einem weisen Remisangebot kam es in der vierten Runde zu einem gerechten Ausgang.

Französisch [C00]
A. Kinzel – F. Gallien
Berlin (Tag des Schachs 2003)
1.e4 e6 2.d3 d5 3.Sd2 Sf6 4.g3 c5 5.e5 Sfd7 6.f4 Sc6 7.Sgf3 Le7 8.Lg2 Sb6 9.0–0 Ld7 10.c4 Sb4 11.De2 Lc6 12.a3 Sc2 13.Tb1 dxc4 14.Sxc4 Sxc4 15.Dxc2 Sb6 16.Le3 Tc8 17.Tbc1 Ld5 18.Sd2 0–0 19.Se4 Lxe4 20.Lxe4 g6 A tempo gespielt! 21.Lxb7 Tc7 22.Le4 Sd5 23.Lf2 Dd7 24.De2 Tfc8 25.Tc4 Sb6 26.Tc2 Db5 Nach einigem Überlegen die Flucht nach vorne! 27.Tfc1 Sd7 28.Le3 Sb6 29.b4 Sd5 30.Lxd5 exd5 Weiß hatte noch acht Minuten übrig und Schwarz nur vier Minuten! 31.Lxc5 Lxc5+ 32.Txc5 Txc5 33.Txc5 Txc5 34.bxc5 Dxc5+ 35.Kg2 Dxa3 36.Dc2 De7 37.Dc6 d4 38.De4 Dd7 39.h4 h5 40.Kf2 a5? 41.Da8+ Kg7 42.Dxa5 Dc6 43.Dd2 und Kinzel bot mit fünf gegen drei Minuten großzügig Remis an. ½–½
Zum Abschluss des Schachtages begegneten sich zwei gegensätzliche Typen. Hier der lebenserfahrene 90-Jährige, dort der 14-jährige aktuelle deutsche Jugendmeister seiner Altersklasse, der in seinem Interesse vollständig auf das königliche Spiel orientiert ist. Leicht warfen beide Spieler die Züge auf das Brett, aber letztlich war es die durch die mehr als vierstündige Veranstaltung herabgesetzte Reaktionszeit, die dem stets mit seiner Schiebermütze antretenden Senior Aufmerksamkeit und Partie kostete. Im nächsten Jahr will er, der schon in einer kurzen Ansprache zu Beginn den generationsverbindenden Gedanken der Veranstaltung lobte, wieder dabei sein - wenn es die Gesundheit erlaubt.

Königsindisch [E87]
A. Figura – A. Kinzel
Berlin (Tag des Schachs 2003)
1.d4 Sf6 2.c4 d6 3.Sc3 g6 4.e4 Lg7 5.f3 Sbd7 6.Le3 e5 7.d5 0–0 8.Sh3 Sc5 9.Sf2 Sh5 10.b4 Sd7 11.Le2 Sf4 12.Lf1 f5 13.g3 Sh5 14.Ld2 f4 15.g4 Shf6 16.h4 h5 17.g5 Se8 18.Lh3 Sb6 19.Lxc8 Txc8 20.Db3 Kh7 21.c5 Sd7 22.Sd3 b6 Bisher wurde zügig gespielt. Weiß blieben noch zehn Minuten, Schwarz zwölf Minuten übrig. 23.c6 Sb8 24.b5 a5 25.bxa6 Sxa6 26.a4 Sc5 27.Dc4 Ta8 28.Kd1 Ta5 29.Sb5 Da8? Mit einem "Hey, habe ich überhaupt nicht gesehen!" registrierte der früher in der Berliner Polizeiverwaltung tätige Kinzel locker seine Fahrlässigkeit. 30.Lxa5 Dxa5 31.Kc2 Tf7 32.Db4 Da6 33.Thd1 Lh8 34.a5 Sg7 35.Sc3 b5?! 36.Dxb5 Tf8 37.Sxc5 Dxb5 38.Sxb5 dxc5 39.Sxc7 Tc8 40.d6 1–0

Zum Nachspielen...

Was bleibt sonst haften? Viele Zuschauer riskierten an den Fensterscheiben einen neugierigen Blick auf das Treiben im noblen Autosalon oder bestaunten als Besucher der Luxuslimousinen überrascht den ungewöhnlichen Wettstreit. Die Werbematerialien - insbesondere die aktuellen Postkarten und Flyer aus den Reihen der Deutschen Schachjugend - sind pfiffiger als das Faltblatt aus dem letzen Jahr. „Schach ist Treibstoff fürs Gehirn“ passte als Slogan genau in die edle Wandelhalle chromblitzender Prestigeobjekte! Doch leider hat hier in Berlin (wie vielleicht auch andernorts?) kaum jemand verstanden, dass Werbematerialen auch unter das Volk gebracht werden müssen. Wie verdutzt wäre der Bürger erst, wenn er diese Druckerzeugnisse mit kompetenten Erklärungen von freundlichen SpielerInnen in die Hand gedrückt bekommt? Gerade nach der PISA-Studie und angesichts steigender Lebenswartung muss Otto-Normalverbraucher von Angesicht zu Angesicht im Dialog begeistert werden. Ein heiter-beschwingter Tag war es trotzdem.

Schach zwischen Karossen - Fotogalerie:



Ein Duell, dass Vorzeichen für den gesamten Tagesverlauf setzte: Ex-Fernschachweltmeister Fritz Baumbach behielt gegen den Berliner U-18 Meister Dimitry Suchin die Oberhand.
 


FM Adolf Delander war zum zweiten Mal beim Tag des Schachs dabei.


Dr. Joachim Fechner versteht sich als Landesspielleiter nicht nur auf das Verwalten sondern auch die Praxis am Brett.
 


Dieter Lentschu war früher für das Seniorenreferat beim Berliner Schachverband zuständig.


Hans Reimer ist schon lange Jahre Vorsitzender von Humbolt Wedding.


Mit 74 Jahren will Alfred Seppelt 2004 nach 20 Jahren den Posten als Präsident des Berliner Schachverbandes aufgeben.


Der „Ehrenritter der FIDE“ Alfred Kinzel zog wie im Vorjahr die faszinierten Blicke von jung und alt auf sein Spiel.


Der deutsche U-14 Meister Atila Figura kannte in der Schlussrunde keine Gnade mit Alfred Kinzel.


Ilja Brener vom SC Kreuzberg gilt als eines der größten Schachtalente Deutschlands (im Hintergrund verfolgt seine Mutter das Spiel).





Georg Kachibadze hatte keinen leichten Stand gegen die Veteranen und stöhnte: „Diese Senioren!“
 



Christian Laßan, der Sprecher der Berliner Schachjugend, verteidigte umsichtig sein Brett.


Matthias Thiele, Ergänzungsspieler vom Zweitbundesligisten König Tegel, war letztmals bei einem Jugendwettbewerb dabei.


Die 15-jährige Alina Rath von König Tegel ist bereits Berliner U-18 Meisterin.



Stefani Schulz ließ es sich - trotz einer Feier am Vorabend – nicht nehmen, später für Alina Rath in den Generationenvergleich einzusteigen.


 


In der letzen Runde räumten Laßan und Krüger fast das gesamte Brett ab. Ein italienischer Fußball-Coach hätte trefflich resümiert: „Habe fertig!“



Gruppenbild der Generationen: (von links) Hans Reimer, Eberhard Metzger, Fritz Baumbach, Fabian Gallien, Christian Laßan, Atila Figura, Matthias Thiele, Alfred Kinzel, Stefanie Schulz, Ilja Brener, Miran Alic, Thomas Schrödter, Dimitry Suchin, Sigurd Krüger, Joachim Fechner, Alfred Seppelt, Adolf Delander, Horst Bläsing und Dieter Lentschu.


Manche Heranwachsende – wie hier Miran Alic – wollten die weiblichen Besucher – hier die 21-jährige Stephanie Rudolph von der TSG Oberschöneweide - nicht nur durch intelligente Züge beeindrucken. Was die junge Dame wohl davon hält?

Fotos: Harald Fietz

 

 


Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren