"Tübinger Beiträge": Interview mit Dr. Hans Ellinger

10.01.2008 – In seiner Reihe "Tübinger Beiträge zum Schach" veröffentlicht der ehemalige Oberstaatsanwalt und Schachfreund Dr. Hans Ellinger im Selbstverlag in loser Folge Publikationen, die sich mit verschiedenen Themen rund ums Schach beschäftigen. Seit 1994 sind acht Bände erschienen. Die kleinen Auflagen sind meist rasch vergriffen, wie z.B. Ralf Woelks "Schach unter dem Hakenkreuz". Der Autor untersuchte dort die politischen Einflüsse auf das Schachspiel im Dritten Reich. Im Interview mit Dr. René Gralla berichtet Hans Ellinger, wie einerseits viele jüdische Schachspieler in KZs umgebracht wurden - darunter der Pole Salo Landau -, oder wie der jüdische Meister Fajarowicz einfach verschwanden, während die Nazis Schach zugleich zu Propagandazwecken missbrauchten. Als 9. Band soll demnächst ein Theaterstück der Brüder Berthold und Emanuel Lasker erscheinen. Interview im ND...Nachdruck...

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Nachdruck mit freundlicher Genehmigung

 

 

Eine Tübinger Reihe macht Schach zum Gegenstand der Forschung:

WIE DIE NAZIS DAS SCHACHSPIEL FÜR IHRE PROPAGANDA MISSBRAUCHTEN 

Ist Schach bloß ein Spiel? Oder Sport - oder doch eher Kunst? Während da die Meinungen auseinandergehen, demonstriert ein Leitender Oberstaatsanwalt im Ruhestand, DR. HANS ELLINGER (68) aus Tübingen, dass man sich mit Schach auch hoch wissenschaftlich beschäftigen kann. Seit bald anderhalb Jahrzehnten gibt der Jurist eine gelehrte Reihe zum schlauen Spiel heraus; der Autor DR. RENÉ GRALLA hat sich die Highlights im Interview für die Tageszeitung "Neues Deutschland" vorstellen lassen.

ND: Regelmäßig veröffentlichen Sie "Tübinger Beiträge zum Thema Schach". Wie hat das Projekt angefangen?

HANS ELLINGER: Ich bin nicht nur Aktiver am Brett und trage den Titel eines FIDE-Meisters, sondern ich bin auch Schachbuchfan und -sammler. Insbesondere interessiere ich mich für die Historie unseres Spiels, und so habe ich irgendwann Anfang der 90-er Jahre entdeckt, dass es zur Frühgeschichte des Schachs eine Untersuchung gab, von der nur noch eine maschinengeschriebene Fassung in einer Bibliothek im niederländischen Den Haag existierte. Autor war der Tübinger Professor Paul Thieme, und weil wir damals in derselben Stadt lebten, gelang es mir, Kontakt mit ihm aufzunehmen und ihn davon zu überzeugen, sein Werk 1994 neu herauszubringen. Das war gleichzeitig der Start meiner Reihe, die bis heute acht Bände umfasst; momentan ist die neunte Folge in Vorbereitung.

ND: Zwei Schulen streiten darüber, wann und wo Schach erfunden worden ist: vor gut 2200 Jahren in China, während der kriegerischen Epoche der Streitenden Reiche, oder im fünften nachchristlichen Jahrhundert in Indien.

ELLINGER: Paul Thieme war ausgewiesener Indologe. Indem er Parallelen zwischen der Aufstellung der alten indischen Heere und der Positionierung der verschiedenen Schachfiguren im Spiel herausgearbeitet hat, begründete er die These, dass Schach aus Indien stammt. Ergänzend berief er sich auf die Ergebnisse vergleichender Sprachforschung.

ND: Besonders bemerkenswert ist Ihre 1996 erschienene dritte Edition, Titel: "Schach unterm Hakenkreuz". Darin untersucht der Autor Ralf Woelk die politischen Einflüsse auf das Schachspiel im Dritten Reich.

ELLINGER: Entsprechend interessiert reagierte das Fachpublikum: Das Buch war kurze Zeit nach seinem Erscheinen vergriffen.

ND: Seltsam eigentlich, dass die Nationalsozialisten ein Spiel, bei dem sich die Teilnehmer meist anschweigen und das kaum zu Fanfarenaufmärschen passt, für ihre Propaganda vereinnahmen wollten.

ELLINGER: Vor 1933 gab es in Deutschland bürgerlich-nationale Schachvereine, zwei Verbände aus dem Lager der Arbeiterbewegung sowie mehrere katholische Schachbünde. Nach Hitlers Machtergreifung wurde auch das Schachleben gleichgeschaltet, im sogenannten "Großdeutschen Schachbund" (GSB). Die Arbeiterschachorganisationen wurden verboten und zerschlagen. Gleichzeitig dekretierte der neue "Bundesleiter" des GSB, Otto Zander: "Juden können wir zu unserer Arbeit nicht gebrauchen, sie haben aus unseren Vereinen zu verschwinden."

ND: Emanuel Lasker, der bisher einzige Schachweltmeister, den Deutschland gestellt hat, musste zusammen mit seiner Frau Martha emigrieren ...

ELLINGER: ... sie fanden Zuflucht zunächst in der Sowjetunion, wo Emanuel Lasker im Moskauer Turnier 1935 sogar noch den dritten Platz erreichte. Ende Oktober 1937 siedelte das Ehepaar in die USA über; während Laskers Schwester Theophila in ein Konzentrationslager verschleppt und dort vermutlich umgebracht wurde.

ND: Theophila Lasker teilte dieses Schicksal mit unzähligen jüdischen Leidensgefährten ...

ELLINGER: ... der polnische Problemkomponist, Vize-Amateur-Weltmeister von 1928 und Schachmäzen David Przepiorka starb 1940 in einem KZ. Der gebürtige Pole und spätere niederländische Staatsbürger Salo Landau wurde 1943 im KZ Dachau ermordet. Opfer des Holocaust wurden auch die ungarischen Brüder Andreas und Lajos Steiner; Andreas Steiner hatte zum  Kader der ungarischen Nationalmannschaft auf mehreren Olympiaden gehört. Die Brüder kamen 1944 um, als sie deutschen und ungarischen Faschisten in die Hände fielen. Diese Namen stehen für Millionen, die irgendwann verschwanden, wie der zweimalige jüdische Meister von Deutschland, Fajarowicz.    

ND: Wie ist es den Nationalsozialisten gelungen, das Schachspiel ideologisch zu kapern und für die eigene Propaganda zu missbrauchen?

ELLINGER: NS-Funktionäre riefen Schach zum "geistigen Kampfsport der Deutschen" aus. Exemplarisch ist die Antrittsrede des Regierungspräsidenten Wallroth, als er 1933 Schirmherr über den Niederelbischen Schachbund wurde: "Schachspielen heißt kämpfen bis zur Niederringung des Gegners, da gibt es keine Kompromisse, nur Sieg und Untergang. Im Schach geht's nach dem Führerprinzip, alles folgt dem Wink des Führers." 

ND: Ralf Woelk weist unter anderem nach, dass der seinerzeit amtierende Weltmeister Alexander Aljechin, der während der Kriegsjahre 1941 bis 1943 zuerst in Krakau und dann in Prag wohnte, mit den Nationalsozialisten kooperierte, um seinen Lebensunterhalt zu sichern ...

ELLINGER: ... der hat sich sogar in einer Artikelserie sehr abfällig geäußert über das so genannte "jüdische" Schach, das angeblich "opportunistisch" und "allein auf materiellen Gewinn" fixiert sei. Dem stellte Aljechin das "arische" Schach gegenüber, das er als "mutig und entschlossen" und "von Anfang an auf Sieg und Angriff" ausgerichtet feierte.

Verdiente sein Geld mit Schach während der Kriegsjahre 1941 - 1943 im nationalsozialistischen Deutschland, bevor er sich 1943 nach Madrid absetzte:
Weltmeister Alexander Aljechin (im Bild sitzend dritter von links im Kreise vom Mitstreitern während des "Europa-Turniers" 1941 in München).

ND: Die Nationalsozialisten haben eine eigene Spielvariante namens "Wehrschach" kreiert. Denn sie warfen dem traditionellen Schach vor, dass es zu abstrakt sei und nichts mit der modernen Kriegsführung zu tun habe; deswegen tauge es nicht zur Wehrerziehung.

ELLINGER: Das "Wehrschach" wurde ausgetragen auf einem elf mal elf Felder großen Spielplan, der Geländemarken enthielt wie Seengebiete und einen Fluss. Zum Einsatz kamen statt der herkömmlichen Figuren nun Artillerie, Panzer und Infanterie sowie Jagd- und Kampfflieger. Diese Einheiten mussten versuchen, eine Hauptfigur auszuschalten. "Tak-Tik", wie das Spiel auch hieß, wurde von der Wehrmacht an die Soldaten verteilt; allerdings sind das wohl nicht mehr als rund 25.000 Exemplare gewesen.

ND: Womit beschäftigt sich Band 9 Ihrer Tübinger Schachbeiträge, dessen Veröffentlichung in Kürze zu erwarten ist?

ELLINGER: Der zweite Weltmeister der Schachgeschichte, der bereits erwähnte Emanuel Lasker, und sein Bruder Berthold haben 1925 ein Drama geschrieben: "Vom Menschen die Geschichte". Das komplexe Theaterstück sollte Laskers philosophische Überlegungen auf die Bühne bringen. Emanuel Lasker hatte nämlich ein philosophisches Konzept entwickelt, das er "Machologie" nannte; er wollte allgemeine Prinzipien aus dem Schachspiel abstrahieren und auf die Lebenswirklichkeit übertragen. Das Werk der Lasker-Brüder war fast vollständig verschollen, bis auf die Kopie eines einzigen Pflichtexemplars aus einer Universitätsbibliothek. Und die wird jetzt vom Lasker-Experten und Walter Jens-Schüler Tim Hagemann, der in Tübingen Rhetorik lehrt, für eine neue Edition aufgearbeitet. Tim Hagemann präsentiert das Buch demnächst im Rahmen einer Lesung in den Räumen der Berliner Emanuel-Lasker-Gesellschaft.

ND: Abgesehen von der stark nachgefragten Publikation "Schach unterm Hakenkreuz" werden sich Ihre Auflagen, da es sich um eine wissenschaftliche Reihe handelt, wohl im überschaubaren Rahmen bewegen ...

ELLINGER: ... die Auflagen sind stets minimal, zwischen 200 und 400 Exemplaren. Ich versende die Bücher direkt an Interessenten; jede Edition finanziere ich aus eigenen Mitteln vor, und jedes Mal gehe ich mit einem finanziellen Minus aus der Sache raus. Das ist eben meine idealistische Seite, die mich antreibt.

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Anfragen zu den "Tübinger Beiträgen zum Thema Schach" direkt an den Herausgeber: <drhansellinger@aol.com>

 


Leserbrief:

»Schach und Faschismus« ist sicher eines der interessantesten Kapitel in der Geschichte des Brettspiels. Dankbarer Weise macht das Interview mit Herrn Ellinger darauf aufmerksam. Das genannte Buch von Ralf Woelk (»Schach unterm Hakenkreuz« ist zweifellos eines der besten Beiträge zum Thema. Leider hat sich darin ein kleiner Fehler eingeschlichen, der sich noch in dem Interview hartnäckig hält. Richtig ist zwar, dass der jüdische Spieler Andreas (oder Endre) Steiner vermutlich von Faschisten getötet wurde (1944 in Budapest). Auch sein Vater Bernat verlor sein Leben in dem von Nationalsozialisten zusammen mit den ungarischen Pfeilkreuzern ausgeübten Terror. Doch sein Bruder, der Internationale Meister Lajos Steiner, überlebte und verstarb erst 1975 in Sydney.

Ansonsten wünsche ich der Arbeit von Herrn Ellinger sowie der guten Schachberichterstattung des Neuen Deutschland weiterhin viel Erfolg.

Mario Tal

 

 

 


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