30 Monate Wettkampf pur

von Martin Fischer
17.02.2016 – Trotz Computer und vieler skeptischer Stimmen - Fernschach lebt. Natürlich, die Computer haben das Fernschach stark verändert, doch um erfolgreich Fernschach zu spielen, muss man mehr können, als Schach-Engines zu bedienen. Das beweist Leonardo Ljubicic: Mit 10 Punkten aus 16 Partien gewann er vor kurzem das Finale der 28. Fernschachweltmeisterschaft. Mehr...

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30 Monate Wettkampf pur

Eine Weltmeisterschaft im Schach dauert ca. drei Wochen. Für Fernschachspieler ist dies ein Sprint, dauert ihre Weltmeisterschaft doch rund 30 Monate, obwohl schon seit längerem nicht mehr mit Postkarten Züge ausgetauscht werden. Der 49jährige Ingenieur Leonardo Ljubicic aus Omis, einem kleinen Ort in der Nähe von Split, ist der neue König der Fernschachspieler. Das Finale der Weltmeisterschaft bedeutete 30 Monate lang fast jeden Tag zwei bis drei Stunden Analyse, an Wochenende das Doppelte an Zeitaufwand.

Während Schach ein geistiger Ringkampf zwischen zwei Menschen ist, ist das heutige Fernschach mehr ein wissenschaftliches Duell, ausgetragen auf einem – virtuellen – Schachbrett. Deutlich wird hierbei vor allem, dass es beim Fernschach darauf ankommt, die Möglichkeiten, die einem durch moderne Computertechnik an die Hand gegeben wurden, sinnvoll und effizient einzusetzen. Der menschliche Faktor einmal nicht als Fehlerquelle, sondern als Mittel und Weg zur Ergebnisoptimierung.

Eines der gängigen Vorurteile über Fernschach ist, dass es heutzutage, in den Zeiten moderner Engines und leicht verfügbarer Hardware, sinnlos geworden ist. Eigentlich sei der Mensch doch nur ein Zugausführer für die Engines, bringe aber selber keine wesentliche Leistung mehr ein.

Sicherlich, seit den Zeiten des Australiers Cecil Purdy, der 1958 die erste offizielle Fernschachweltmeisterschaft gewann, hat das Fernschach einige einschneidende Veränderungen hinnehmen müssen. Aber es hat nach wie vor seine Anhänger und Freunde, wie der umfangreiche Turnierbetrieb des Weltfernschachverbandes ICCF und der zahlreichen nationalen Fernschachorganisationen beweist. Und Höhepunkt der Turniere ist das Finale einer Fernschachweltmeisterschaft. Das 28. Finale ist noch nicht beendet, vier Partien sind noch offen, aber der Sieger und Weltmeister, steht bereits fest: Es ist Leonardo Ljubicic.

Leonardo Ljubicic, Sieger der 28. Fernschachweltmeisterschaft

Fernschach wird ein bisschen unter Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt. Schließlich sitzen die Spieler sich nicht direkt gegenüber, sondern beide in einem stillen Kämmerlein und tauschen ihre Züge auf einem virtuellen Brett aus. Heute zumeist über einen Server. Das Finale der 28. Fernschachweltmeisterschaft wurde über den ICCF-Webserver gespielt. Aber dennoch ist es möglich über den Webauftritt der ICCF dem Turnier zeitnah zu folgen und Informationen über die einzelnen Spieler zu bekommen.

Das Finale begann am 10. Juni 2013. Mit vier Siegen ist der Weltmeister auch derjenige Spieler, der am meisten Partien gewann und mit 10,0 aus 16 letztendlich souverän Weltmeister wurde. Wie beim Fernschach, wo sehr viel „korrektes“ Schach gespielt wird, üblich, war der Anteil der entschiedenen Partien mit rund 13 % nicht sehr hoch. Aber ein Blick auf die Partie zeigt, dass nur sehr wenige „Salon-Remisen“ dabei waren.

Die frühe Führung in diesem Turnier ging an den Tschechen Boukal, der nach 8 und 13 Monaten jeweils einen Sieg einfahren konnte. Gegen Ende 2014 konnte Ljubicic dann auch seinen zweiten und dritten Sieg verbuchen und die Führung übernehmen, ehe am 30. September 29015 der vierte Sieg in „Sack und Tüten“ war.

Der Fernschachweltmeister frönt seinem Hobby

Neben dem Weltmeister, der ausführlich in einem zweiteiligen Interview vorgestellt wird, sollen noch drei weitere Spieler herausgehoben werden, auch wenn sie nicht an der Spitze des Feldes landeten. Während Ozeanien im „Normalschach“ eher eine untergeordnete Rolle spielt, so ist es im Fernschach eine relevante Größe. Diese Tradition setzte in diesem Turnier der neuseeländische Fernschachgroßmeister Mark Noble fort. Er ist nicht nur ein hervorragender Fernschachspieler, sondern konnte auch schon im Blitzschach Titel erringen. Darüber hinaus vertritt er Neuseeland noch im Boule, einer vor allem in den Ländern des ehemaligen britischen Empires beliebte Sportart.

Bemerkenswert auch die Leistung des mittlerweile 76jährigen Italieners Fabio Finocchario, der 2013 die 25. Fernschach-WM gewann. In welch anderen Wettbewerben ist es vorstellbar, in diesem Alter noch Weltmeister zu werden.

Deutschland ist traditionell mit mehreren Teilnehmern im Finale dabei. Traditionell deshalb, weil sich das Fernschach in Deutschland schon seit langem einer großen Beliebtheit erfreut und deutsche Spieler immer wieder erfolgreich waren. Der deutsche Fernschach GM Reinhard Moll konnte in der Vergangenheit bereits dreimal den World-Cup gewinnen, ein weltweites offenes Fernschachturnier.

Allen drei gemeinsam ist, wie auch den anderen Teilnehmern des Finals, das Schach für Sie Hobby ist. Zeitaufwendig, aber ein Hobby.

Diese drei Spieler konnten zwar in diesem Turnier ihre Erfolgsserie nicht fortsetzen, aber sie beweisen durch ihre immer wiederkehrenden Erfolge, dass Fernschach mehr ist als Züge einer Engine ausführen.

Links:

ICCF

Das Finale der 28. Fernschachweltmeisterschaft

Partien der 28. Fernschachweltmeisterschaft

 


Martin Fischer ist langjähriger Turnierleiter auf dem Fritz-Schachserver. Schach spielte er für Johanneum Eppendorf, in der Saison 2013/14 in der Zweiten Bundesliga.
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Mawin Mawin 03.03.2016 09:13

Leonardo Ljubicic:

"I think we are indeed getting closer to the point when chess is solved (at least in today's top correspondence chess)."
http://en.chessbase.com/post/better-than-an-engine-leonardo-ljubicic-2-2

Meine vorgeschlagene Lösung:

"Bei die verschiedenen Relokation-Methoden kann der Spieler optional der König und/oder die Dame umdirigieren, bevor die Partie beginnt, unter Beibehaltung der Rochade-Rechte. Wenn beide Spieler die Standard-Stellung bevorzugen, Sie können es auch wählen. Es ist ein kraftvoll Methode der Umdirigierung die ursprüngliche Position zur Verbesserung Eröffnung-Varianz, während die Spieler bleiben bei die Kontrolle. Die ergebenden Positionen weichen geringfügig von die Norm, und würde als natürliche von den meisten Spieler erfahren. Die Methode kann für trainieren benutz werden, weil es vermeidet eine Eröffnungs-theoretische Fixierung."
http://mlwi.magix.net/bg/relokationvar.htm

Zum Beispiel:

"Relokation-Schach. Beide Spieler können entweder den König oder die Dame umsetzen (relokatieren). Schwarz nimmt die Vertauschung als erster vor. Alternativ kann er auch die Position so belassen, wie sie ist. Der weiße Spieler hat dann die Möglichkeit seinen König oder seine Dame umzusetzen, worauf er das Spiel beginnt, indem er den ersten Zug macht. Dies ist die einfachste meiner vorgeschlagenen Umstellungsvarianten (Relokation-Methoden), da sie nur zwei Halbzüge benötigt. Dennoch kann sie 64 verschiedene Positionen erzeugen."
http://mlwi.magix.net/bg/relokationvar.htm

M. Winther
Mendheim Mendheim 20.02.2016 05:00
Lt Marseille, das Fernschach ist nicht "tot", sondern einfach anders als früher. Es spielen aber immer noch Tausende Leute. Sind das alles Zombies?
Scherz bei Seite. Fernschach hat ein Remisproblem. Das ist das Problem Nr. 1. Ljubicic hat jeweils mit Weiß gegen die vier Letztplatzierten gewonnen, aber gegen keinen Spieler auf Rang 2 bis 13. Die Remisquote der ersten 14 untereinander beträgt 94%. Darüber muss man nachdenken.
Lt Marseille Lt Marseille 19.02.2016 04:35
Die Berichterstattung war wieder einmal sehr nett und auch korrekt gemeint. Doch sollten wir uns nichts vormachen: Das Fernschach ist schon längst tot. Da spielen fast nur noch Rechner gegeneinander - vor allem daher stammt die gestiegene Remisquote. Sicherlich war diese Kennzahl auch früher schon relativ hoch, wenn man sie mit dem Nahschach vergleicht, nun aber tun die Rechner ihr grausames Werk.
Obwohl es vor ca. 8 - 10 Jahren ein ähnliches Experiment gab: Würde der neue Weltmeister wirklich gegen einen meiner Freunde von der GWDG in Göttingen antreten wollen? Diese haben zwar "nur" eine ELO von ca. 1.900, besitzen aber so ziemlich jedes käufliche Programm und haben am Arbeitsplatz Zugang zu einer der leistungsfähigsten Großrechenanlage Deutschlands. Wer traut sich?

Viele liebe Grüße, Lothar Karwatt
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