50 Partien... (5) Pillsbury – Lasker, Sankt Petersburg 1896

von Johannes Fischer
25.08.2017 – Emanuel Lasker, Weltmeister von 1894 bis 1921, gilt als Defensivkünstler, der auch in schwierigen Stellungen kühlen Kopf bewahrte und seine Gegner unaufhörlich vor Probleme stellte. Aber Lasker konnte auch angreifen und war ein ausgezeichneter Taktiker. Seine vielleicht brillanteste Angriffspartie spielte er 1896 beim Turnier in Sankt Petersburg gegen Harry Nelson Pillsbury. Und er spielte sie in einem entscheidenden Moment des Turniers.

1894 war Lasker durch einen Wettkampfsieg gegen Wilhelm Steinitz Weltmeister geworden. Aber in seinem ersten Turnier als Weltmeister konnte er nicht zeigen, dass er auch der beste Spieler der Welt war. In Hastings 1895 landete er hinter Pillsbury und Mikhail Tschigorin auf dem dritten Platz. Alle drei, Steinitz, Pillsbury und Tschigorin, traf er dann beim Viermeisterturnier in Sankt Petersburg 1895/1896 wieder. Es war also ein prestigeträchtiges Turnier – und ein langes: die vier Meister spielten jeweils sechs Partien gegeneinander. Wer hier gewann, der hatte guten Grund, sich als besten Spieler der Welt zu bezeichnen, Weltmeistertitel hin oder her.

Harry Nelson Pillsbury

Doch Lasker startete nicht gut ins Turnier. Gleich in der ersten Runde wurde er mit Weiß von Pillsbury vernichtend geschlagen. Auch die zweite Partie gegen Pillsbury verlor Lasker, dieses Mal im Endspiel. Erst in der dritten Partie zwischen den beiden gelang Lasker ein Remis.

Gegen die anderen Spieler im Turnier hatte Lasker mehr Erfolg, aber trotzdem lag er zur Halbzeit, nach 9 von 18 Runden, in der Tabelle einen ganzen Punkt hinter Pillsbury.

Stand nach 9 von 18 Runden

Rg. Name Land         Punkte
1 Harry Nelson Pillsbury
 
  11½ 0½½ 111 6.5 / 9
2 Emanuel Lasker
 
00½   11½ 1½1 5.5 / 9
3 William Steinitz
 
1½½ 00½   011 4.5 / 9
4 Mikhail Chigorin
 
000 0½0 100   1.5 / 9

Das war die Ausgangslage vor der zehnten Runde, als Lasker zum vierten Mal gegen Pillsbury spielen musste. Doch in diesem entscheidenden Moment zeigte Lasker sein bestes Schach und gewann mit Schwarz eine brillante Angriffspartie, die in die Geschichte einging.

 

Nach dieser Partie lief für Pillsbury nicht mehr viel zusammen. Er holte aus den letzten acht Partien des Turniers nur noch 1,5 Punkte und landete am Ende mit 8,0/18 auf dem dritten Platz. Lasker hingegen beendete das Turnier souverän und gewann mit 11,5/18. Zweiter wurde Steinitz mit 9,5/18.

Endstand

Rg. Name Land 1 2 3 4 Punkte
1 Emanuel Lasker
 
  11½01½ 00½1½½ 1½11½1 11.5 / 18
2 William Steinitz
 
00½10½   1½½111 01100½ 9.5 / 18
3 Harry Nelson Pillsbury
 
11½0½½ 0½½000   11100½ 8.0 / 18
4 Mikhail Chigorin
 
0½00½0 10011½ 00011½   7.0 / 18

Mit diesem Turniersieg hatte Lasker seinen Anspruch bekräftigt, nicht nur Weltmeister, sondern auch der beste Spieler der Welt zu sein. Und er hatte gezeigt, dass er besonders stark spielen konnte, wenn es darauf ankam.

St. Petersburg 1895/1896 - Alle Partien

 

50 Partien, die jeder Schachspieler kennen sollte

1. McDonnell - Labourdonnais
2. Die Unsterbliche: Adolf Anderssen - Lionel Kieseritzky
3. Paul Morphy: Einfach, kraftvoll, stark
4. Der magische Turm: Wilhelm Steinitz gegen Curt von Bardeleben...


Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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Mazel_tov Mazel_tov 25.08.2017 04:41
Pillybury hatte sich mir Syphilis angesteckt und in der zweiten Turnierhälfte beraubte sie ihn seiner Kraft.
MARIO1962 MARIO1962 25.08.2017 10:34
das waren alles noch Meister, die auch 100 jahre später noch beeindrucken , ob man das später vom aktuellen " Weltmeister " sagen wird, ist stark zu bezweifeln.
rgorn rgorn 26.08.2017 05:33
@Mazel_tov:

Keine Bange. So schnell wirkt Syphilis nicht.
Silvio Z Silvio Z 26.08.2017 08:36
@MARIO1962
Mal die Brille wechseln. Dafür hat der aktuelle Weltmeister (ohne Anführungszeichen) das moderne Schach zu sehr verändert und neue Akzente gesetzt, als dass man stark bezweifeln könnte, 100 Jahre später könne er nicht mehr beeindrucken.
chrisKönig chrisKönig 27.08.2017 01:13
Wieso gibt es die Figurinen Notation nicht mehr?
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