Abenteuer Kreta

04.10.2003 – Wir befinden uns im Jahr 2003 n. Chr. Die ganze Welt ist mit dem Internet vernetzt... Die ganze Welt? Nein, eine von unbeugsamen Kretern bevölkerte Insel hört nicht auf, dem ungehinderten Informationsfluss Widerstand zu leisten. Und das Leben ist weder leicht noch billig für die ausländischen Journalisten und Schachspieler. Wohl dem der vorher all inclusiv gebucht hat! Gerade wollte Anna Dergachova die 3 Euro Gebühr für das Betreten des Strandes bezahlen und eine sehr archaische Form der Datenübermittlung wählen, da kam Otto Borik vom Schachmagazin 64 und wusste Rat. Er hatte heimlich Internet auf die Insel geschmuggelt. Billig war das nicht. Auch sonst haben die Spieler den Eindruck, dass sie die willkommene finanzielle Überbrückungshilfe zwischen Hauptsaison und Frühsaison für Not leidende Hoteliers und auch die ganze restliche Inselbevölkerung zu leisten haben. Anna Dergachova berichtet. Auf der Suche nach dem Schachturnier...

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Auf der Suche nach dem Schachturnier
Von Anna Dergachova-Daus

Auch im Oktober ist es auf Kreta wunderschön. Es ist ein Ort, wo es wahrscheinlich nie regnet. Das Wasser ist warm und die Sonne scheint angenehm. Es sind auch kaum noch Touristen da, was ich persönlich als vorteilhaft empfinde. Es gibt einen Haufen Liegestühle am 16 km langen Strand und wenig Interessenten, die sie in Anspruch nehmen wollen.

Da ich nur ungefähr wusste, wo der Europapokal statt findet (im Internet stand nur etwas über Rethymnon) bin ich nach Chania geflogen und habe mich von dort aus von einem freundlichen Taxifahrer dort hin bringen lassen. Da 47% des Jahreseinkommen Griechenlands aus der Touristikbranche kommt, sind die Einheimischen natürlich sehr zuvorkommend. So wurde ich schon bei meiner Ankunft von allen Seiten nett bedrängt in das erstbeste Taxi zu steigen und zu einem lächerlichen Preis von 55 Euro bis nach Rethymnon zu fahren. Ich bin zwar der griechischen Sprache nicht mächtig, doch das Studium der Philologie in Moskau hat doch etwas gebracht (das russische Alphabet haben wir schließlich von den Griechen bekommen) und ohne große Mühe konnte ich auf dem Schild entziffern, wie teuer es wirklich ist, dorthin zu fahren. Eigentlich nur 40 Euro. Der Taxifahrer war vielleicht etwas traurig als ich auf das Schild deutete, doch er gab sich geschlagen und auf dem ganzen Weg war er dann plötzlich richtig freundlich, kaufte mir unterwegs an einer Tankstelle sogar ein Bier auf seine Kosten und erklärte mir, so gut es ging mit einem Gemisch aus Englisch, Deutsch und Griechisch, wo ich am besten eine Bleibe suchen sollte. Auf seinen Rat habe ich mir dann ein Zimmer gemietet (es gibt eine ganze Menge davon, da die Hauptsaison schon vorbei ist), mich umgezogen und bin Richtung Strand und Touristikinformation gegangen. Doch es war schon zu spät für irgendwelche Auskünfte, das Büro öffnete erst wieder am nächsten Morgen. Na und, dachte ich mir, so groß ist diese Dorf-Stadt mit ihrem malerischen Hafen auch nicht.

Aus den Prospekten wusste ich, das es hier nur 6 Hotels gibt, die für dieses Schachereignis in Frage kommen können. Komischerweise konnte ich kein Plakat entdecken, dass darauf hinwies. Es gibt eigentlich auch keine, lediglich drei Stück, die sich an den Türen des Spielsaals befinden.


Tatsächlich ein Plakat

Aber kein richtiger Hinweis für solch ein wichtiges Schachereignis. So blieb mir also nichts anderes übrig, als noch einen Taxifahrer zu suchen, mich in sein Auto zu setzen und „zum Hotel, wo Schach gespielt wird“, zu fahren. „Was ist Schach“, wollte er wissen. „Ein Spiel“, erklärte ich, „wissen Sie – Chess, Echecs, Schachmaty.“ „Spiel“, sein Gesicht hellte sich auf. „Ich weiß, Sie suchen ein Kasino“. Nicht wirklich, dachte ich. Ich versuchte so eine Art Pantomime, doch er verstand immer noch nichts. Und als ich fast schon aufgeben wollte, begriff er plötzlich. „Shaki!“ Oh, große Völkerverständigung. Danach ging es schnell. Er erinnerte sich, etwas in der Zeitung gelesen zu haben, telefonierte eine Weile hin und hier, und kam zu dem Ergebnis, dass es sich entweder um das Creta Star Hotel handelt, oder um das Creta Marine Hotel. Er war sich da nicht so ganz sicher.

Wie sich herausstellte, findet das große Ereignis tatsächlich in beiden Hotels gleichzeitig statt. Die Männer spielen im Creta Star und die Frauen im Creta Marine. Nicht sehr glücklich. So empfinden es beide Schachgeschlechter, und auch die Journalisten und das Publikum (hätte es welches gegeben). Zwischen den beiden Hotels liegen etwa 8 km, die man allerdings mit einem Bus bewältigen kann, wenn er pünktlich kommt, was nicht immer der Fall ist. (das Männerteam von Lada Kazan mit Kasparov als Kapitän wohnt im Creta Marine Hotel und musste schon einmal mit 10 Minuten weniger spielen, da der Bus eine Verspätung hatte).

Erstaunlicherweise spielen so viele Superspieler (Kasparov, Grischuk, Adams, Ivanchuk, Dreev, Bareev, Morosevich, Bologan, Shirov, Lautier, Gelfand, Rublevski, Khalifman, Bacrot, Korchnoj usw.) in einem kleinen Raum, der nicht einmal vollklimatisiert ist, und wo die Spieler selbst kaum Platz haben, sich zu bewegen (eventuelle Zuschauer schon gar nicht).


Kasparov


Shirov und Bareev

Der zweite Turniersaal befindet sich eine Ebene tiefer (der Erste ist direkt neben der Rezeption im Erdgeschoss). Dort kämpfen die etwas schwächeren Teams, haben aber den besseren Saal. So klagte mir Volodja Chuchelov voll Entsetzen: „Wir gewinnen heute, es kann also sein, dass wir nach oben müssen. Und wie sollen wir dort atmen?“


Kasparov will nach unten


Mikhail Gurevich: Bis aufs Hemd ausgezogen?


Vladisklav Tkachiev


Rainer Knaak

 


Elisabeth Pähtz

Unten fand ich Elisabeth Pähtz, die für ein griechisches Männerteam spielt. „Warum das?“ – staunte ich. Nicht dass ich etwas gegen Frauen habe, die bei Männern mitspielen (Hier sind es drei – Elisabeth, Ekaterina Lahno und Iweta Radziewicz), das mache ich selbst ab und zu. Meine Frage war, warum für ein griechisches. „Ich fand keine Männerteam in Deutschland, wo ich spielen konnte, und die Frauen spielen diesmal leider nicht mit. Dazu musst du besser den Deutschen Schachbund befragen. Vermutlich kein Geld, oder kein Interesse.“

Das finde ich aber Schade. Da die Frauen es im Creta Marine Hotel wirklich paradiesisch schön haben. Große Räumlichkeiten, ein wunderhübscher Hotel-Park, Schwimmbäder, und das blaue Wunder, das Mittelmeer. Direkt neben dem Hotel ist eine Bucht, wo man wunderbar baden kann. Fast umsonst, lediglich 3 Euro. „Das soll ein Witz sein“, fragte ich Svetlana Petrenko und Karolina Smokina, die an diesem Tag frei hatten (es nehmen 13 Damenteams teil) und eigentlich gerne ins Meer wollten, aber möglichst umsonst.


Marie Sebag
 


Almira Skripchenko


Antoaneta Stefanova



„Nein Anna, das ist kein Witz“, erklärten sie mir, „da läuft irgendein Mann herum und sammelt von jedem, der am Strand liegt, drei Euro ein.“ Jammerschade, dachte ich, das Meer sollte doch eigentlich für alle kostenlos sein, und vielleicht auch die Getränke. Alle Spieler müssen nämlich beim Essen ihre Getränke bezahlen, sogar Wasser oder Tee, obwohl alle Teams Zimmer mit Essen reserviert hatten.


Kortschnoi und Rublevsky

In den ersten beiden Runden mussten die Spieler sogar ihr Wasser oder Kaffee selbst bezahlen. Ab Runde drei hat sich das dann geändert. Jetzt gibt es bei den Männern Saft, Wasser und Kaffee umsonst.

Bei den Damen aber noch nicht. Lediglich das Wasser ist umsonst. Alles anderes kostet Geld (und das nicht zu knapp, 2,5 bis 3 Euro pro Getränk). Da freut sich Igor Glek, der seinen Flug und dasselbe Hotel all inclusiv aus Deutschland reservierte und ein gutes Plus im Gegensatz zu allen anderen Teilnehmer machen wird. Es ist immer dieselbe Geschichte. Die Spieler kommen, zahlen große Preise und dann bekommen sie nicht mal das, was sie brauchen.

Letztes Jahr nahm sich das Team aus Tomsk ein anderes Hotel in der Nähe des Spiellokals, zahlte noch die dafür vorgesehene Strafe an die Organisatoren und machte trotzdem einen guten Gewinn. Was läuft sonst noch nicht so gut – die Internetverbindung. Es gibt nur zwei PC´s (ein Pressezentrum gibt es überhaupt nicht). In den Hotels selbst kostet jede Stunde 6 Euro. Otto Borik, der Chefredakteur des Schachmagazins 64, der mir half, die Bilder zu übertragen, musste seine erste unangenehme Überraschung erleben, die Rechnung des Hotels für die ersten 5 Tage Internet belief sich auf 200 Euro.

Doch nicht alles ist schlecht. Die Partien sind natürlich hochinteressant, man trifft wie immer Freunde (Natasha Regan, meine ehemalige Mannschaftskollegin kam mit ihrem 8 Monate alten Sohn, als Ersatz für das Englische Team, Marina Dolmatova macht hier Urlaub und unterstützt ihren Mann Sergey beim spielen), und natürlich das Meer. Dort gehe ich übrigens hin, bevor die letzte Runde anfängt. Wie das Turnier schachlich verlaufen ist, erfahrt ihr in meinem nächsten Bericht.  

 

 

 


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