ChessBase Logo Shop Link
Sprache :
Suche :
OK

Abschied aus Astana

14.03.2013 – Ist Frauenschach etwa doch anders als Männerschach? Alina L'Ami philosophiert über dieses Thema, wobei Liveübertragungen und mitlaufende Engines eine gewisse Rolle spielen. Früher konnte man in Kasachstan noch einen Turm einstellen, ohne dass es gleich jeder auf der Welt mitbekam. Irina Krush stellte nichts ein und machte eines der besten Ergebnisse. Abschied aus Astana...
 

Abschied von Astana

Bobby Fischer hat bekanntlich einmal gesagt: “Ich glaube nicht an Psychologie, ich glaube an gute Züge.” Ich habe gerade ein wirklich schweres Turnier hinter mir, die Mannschafts-WM der Frauen, und suche jetzt einen oder mehrere Sündenböcke. Und der emotionale Aspekt des Frauenschachs kommt da gerade recht. Ist das ein plausibler Grund für unser uneinheitliches Spiel? Auf diese Frage gibt es keine leichte Antwort, aber manchmal verwandelt sich eine Partie Schach eben in einen Kampf zweier Persönlichkeiten, was natürlich weder gut noch schlecht ist. Es ist eben einfach so. Wahrscheinlich nicht der schnellste Weg, um im Schach besser zu werden, aber für das Publikum ist dieser Kampf der Persönlichkeiten definitiv deutlich unterhaltsamer. Was die Mannschaftskapitäne betrifft – Leiter einer Frauenmannschaft zu sein, das ist nun wirklich eine nervenaufreibende Beschäftigung! :) Hut ab vor denen, die sich hier behaupten können!

Hier zwei Zutaten für ein richtig interessantes Schachrezept:

1. Frauen mit all ihrem Kampfgeist;

2. Mannschaftswettbewerbe –ein weiterer Faktor, der Schach eine andere Dynamik verleiht, meiner Meinung nach eine sehr reizvolle.

Vielleicht führt Punkt zwei zu Diskussionen, ob Schach ein Mannschaftssport ist oder nicht…aber das ist ein Thema, das viel zu weit führt, um es hier zu diskutieren. Aber wenn Sie mich fragen, dann glaube ich, dass Schach ein Mannschaftssport ist. Oder, um es anders zu sagen: Schach kann ein Mannschaftssport sein.

Astana!

Die modernen Straßen Astanas...

... mit ihren kühnen Gebäuden, ...

... die islamische, westliche und futuristische Einflüsse verbinden.

Offensichtlich mag man hier Tulpen!

Das Wahrzeichen der Stadt, der Bajterek-Turm http://de.wikipedia.org/wiki/Bajterek-Turmdie Einheimischen nennen das Riesenbauwerk wegen seiner Lollipop-Form manchmal "Chupa-Chups" :)

Der Turm sieht wunderbar aus, aber leider hatte ich keine Zeit, um ganz nach oben zu klettern.

Der Präsidentenpalast Ak Orda, die offizielle Arbeitsstelle des kasachischen Präsidenten http://de.wikipedia.org/wiki/Ak_Orda_Palast 

Die Nur-Astana-Moschee

Die Mannschaftsweltmeisterschaft der Frauen in Astana war all das und mehr! Ein sehr spannendes Turnier voller Überraschungen, Fehler, Leidenschaft und am Ende ‘glatzköpfiger’ Mannschaftskapitäne, die sich angesichts dessen, was auf den Brettern geschah, die Haare rauften J.

Ehrlich gesagt, als ich anfing, meine Eindrücke zu notieren, kam mir wieder zu Bewusstsein, dass es beim Schach nicht nur um Züge, Technik, usw. geht. Es geht auch darum, Druck auszuhalten, sich aus schwierigen Stellungen zu befreien, der Gegnerin Fallen zu stellen – anders gesagt: man muss zäh sein. Ist es so gesehen wirklich eine Überraschung, wenn die Gegnerin, nachdem man eine schwierige Stellung verteidigt hat, den Druck nicht mehr aushält, ihre Aufmerksamkeit nachlässt und sie zusammenbricht?! Normalerweise passiert genau das vor einem Patzer, denn der kommt nicht einfach aus heiterem Himmel. Natürlich können auch zusätzliche Faktoren, auf die niemand Einfluss hat, eine Rolle spielen, deshalb möchte ich mich erst einmal auf eine logische Erklärung für das, was in manchen Partien in Astana passiert ist, beschränken. Übrigens macht jeder früher oder später die gleichen Erfahrungen. Wie sollte man auch sonst etwas lernen?

Der Präsident des kasachischen Schachverbands bei seiner Abschlussansprache

Traditionelle Trachten

Übergabe der Medaillen

Mitglieder der ukrainischen Mannschaft

Mitglieder der russischen Mannschaft

Die junge Mannschaft aus Kasachstan, die sich sehr gut geschlagen hat

Die türkische Mannschaft

Valentina Gunina und Olga Girya gratulieren sich gegenseitig zum drittbesten Ergebnis an Brett eins, bzw. zum besten Ergebnis an Brett fünf.

Kateryna Lagno und Natalia Zhukova; beide haben Brettpreise gewonnen: Lagno gewann den zweiten Preis and Brett eins und Zhukova gewann den ersten Preis an Brett vier.

Wie oben erwähnt ist eine wichtigsten Zutaten eines attraktiven Turniers ein zusätzlicher Anreiz, in unserem Fall reichte da schon die Tatsache, dass dies ein Mannschaftsturnier war; besser noch: ein Frauen-Mannschaftsturnier!

Als Mitglied der rumänischen Delegation habe ich einmal mehr begriffen, wie wichtig es ist, seine Gegnerin zu überraschen, die richtige Spielerin auszuwählen, um mit Weiß oder Schwarz eine bestimmte Variante gegen sie zu spielen und nicht zuletzt: welchen Unterschied es ausmachen kann, wenn man seine persönlichen Ziele hinten anstellt und die Mannschaft an erste Stelle setzt. Das klingt vielleicht idealistisch, kommt aber in der Praxis tatsächlich sehr häufig vor, trotz allem, was andere vielleicht glauben. Zum Beispiel, wenn man eine absolute Remisstellung auf dem Brett hat, aber irgendetwas finden und Druck entfalten muss, da das Ergebnis des Mannschaftskampfs von einem abhängt (dabei könnte man sogar noch verlieren)…oder nehmen wir an, ein Mannschaftsmitglied hat eine forcierte Variante gefunden und gewonnen – wie gut fühlen sich dann die anderen, die wissen, dass sie jetzt mehr Möglichkeiten haben, ruhig zu spielen oder sogar, wenn nötig, Remis machen können. Deshalb ist Schach ein Mannschaftssport, bei dem es auf Strategie ankommt. Und ich hatte das Glück, einen wunderbaren Mannschaftsgeist zu erleben, obwohl unser Ergebnis besser hätte sein können. Wir haben zwar keinen einzigen Mannschaftskampf gewonnen, aber gegen die Ukraine, die Meistermannschaft, Unentschieden gespielt!

Vielleicht war die kalte Luft Kasachstans für die manchmal katastrophalen Entscheidungen am Brett verantwortlich. Gefühle und Druck gehören zum Spiel dazu, also soll mir niemand erzählen, er oder sie hätte die wunderbare Organisation der Frauen-Mannschafts-WM nicht genossen! Was mich zu einem anderen Detail dieses Turniers bringt: Live-Übertragungen mit Computeranalyse. Natürlich ist das eine phantastische Erfindung, die Schach dem großen Publikum näher bringt und dafür sorgt, dass jetzt sogar meine Mutter versteht, was auf dem Brett geschieht. Aber was die Spielerinnen betrifft…sie müssen sich weit mehr Kritik als früher gefallen lassen, vor allem, wenn man sieht, wie die Engine verrückt spielt und von +5 auf -5 springt. Ich ertappe mich selbst immer wieder dabei, wie ich als Erstes, wenn ich eine Partie verfolge, prüfe, was der Computer sagt, ohne wirklich zu versuchen, allein herauszufinden, welche Gefahren und Feinheiten die Stellung enthält. Und dann ist es natürlich leicht zu reden und zu kritisieren, wobei die Dinge in einer wirklichen Partie dann doch ein wenig anders liegen.

Die Goldmedaille ging an die Ukraine

Hoch den Pokal! 

Die drei besten Spielerinnen an Brett eins

Und an Brett zwei

Irina Krush

Das also hilft gegen das kalte Wetter in Astana! Irina gewann die Goldmedaille für das beste Ergebnis am zweiten Brett und kam dabei auf eine Performance von 2607! Besser war nur Ju Wenjun, die mit einer Performance von 2651 das beste Ergebnis an Brett eins erzielte! Das waren die beiden einzigen Performances über 2600.

Musik,...

... Tanz,...

... und Artistik bei der Abschlussfeier. 

Natürlich ist Computeranalyse eine revolutionäre Erfindung und ich bin sehr froh darüber. Aber man sollte nicht mit Steinen werfen, bevor man selbst herausgefunden hat, was im Glashaus geschieht. Es sei denn…die Figuren tanzen wie wild übers Brett und werden scheinbar ohne jede logische Erklärung auf verminte Felder gesetzt. Und dennoch kann Schach so befriedigend sein, wenn die rechte Hand nicht mit der Maus den Bildschirm hinunter scrollen kann, um zu sehen, wie die Engine die Stellung einschätzt … Bei solch einem analogen Vorgehen begreifen wir womöglich leichter, dass alle Züge aus einem bestimmten Grund gespielt werden. Lange Zeit bevor es Schachengines gab, war Bobby Fischer phantastisch gut darin, verdammt gute Züge zu finden und Fehler in den Partien und Kommentaren anderer Spieler zu entdecken; aber bei allem gebotenen Respekt: Psychologie spielt eine Rolle im Schach!

Das Turnier ist vorbei...

... Zeit zur Entspannung :)

 Übersetzung: Johannes Fischer

Nachricht an die Redaktion Bitte nutzen Sie dieses Feld für Kontakt mit der Redaktion

Lesetipps

Regeln für Leserkommentare
    Noch kein Benutzer? Registrieren