Adibans Eröffnungsküche (3.Teil)

13.03.2017 – Der indische Großmeister Adhiban Baskaran war Neuling im hochklassigem Feld des A-Turniers von Wijk aan Zee. Nach etwas holprigem Start schlug er sich prächtig, was auch auf seine originelle Eröffnungsvorbereitung zurückzuführen ist. Selbst Carlsen konnte er erfolgreich überraschen. Conrad Schormann beleuchtet Adhibans Eröffnungen (Teil 3)

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Zögerlicher Beginn, dann ein furioser Zwischenspurt, dann souverän austrudeln lassen. Adhiban Baskarans Premiere beim Tata-Steel-Turnier in Wijk aan Zee in drei Episoden zu unterteilen, bietet sich an.

So unterschiedlich die drei Phasen des Turniers für den indischen Großmeister verliefen, sein originelles Eröffnungsspiel blieb eine Konstante. Anstatt Hauptvarianten herunterzubeten, setzte Adhiban gegen die stärksten Gegner, die er je hatte, auf abseitige, originelle und riskante Rezepte aus seiner Eröffnungsküche – mit Erfolg.

Heute schauen wir uns seine Eröffnungen in den Runden 9 bis 13 an.

Runde 9: Wei Yi – Adhiban

 

 

Runde 10: Adhiban – Nepomniachtchi

Stellung vor 10.Lc4

Auf eine theoretische Debatte mit einem präparierten Gegner ließ sich Baskaran Adhiban in Wijk nur einmal ein. In seiner Weißpartie gegen Ian Nepomniachtchi konnte der Inder absehen, dass ein Najdorf auf dem Brett stehen würde, wenn er das will. Nepomniachtchi ist seinen Systemen treu, und speziell im Najdorf kennt er sich aus wie wenige andere. In genau dieser Variante, dem "delayed poisened pawn", hatte Nepomniachtchi in Runde 3 gegen Najdorf-Killer Wei Yi nach 10.Le2 einige kritische Momente zu überstehen. Anstatt Wei Yi zu folgen und sich anzuschauen, was Nepo vorbereitet hatte, spielt Adhiban das aktivere 10.Lc4, und wenig später steht ein Figurenopfer auf dem Brett, das der Inder mit seinen Sekundanten für diese Partie ausgebrütet haben dürfte.

Stellung nach 15.0-0-0

"Dann schlag halt auf f5." In der Prä-Engine-Zeit wäre es niemals zu einer Stellung wie dieser gekommen. Die Schwarzspieler hätten schlichtweg kein Vertrauen gehabt, überleben zu können, und sich schon lange vorher nach solideren Alternativen umgesehen. Hier können wir davon ausgehen, dass beide Kontrahenten vor der Partie die Variante ausgiebig geprüft haben, und "Nepo" traut sich zu, das von der Maschine angezeigte 0.00 auch in einer praktischen Partie nachweisen zu können.

Stellung vor 22...b5

Nach einer Serie von Maschinenzügen ist Schwarz im weißen Würgegriff gefangen, aber Weiß hat keine Möglichkeit durchzubrechen. Houdini diagnostiziert ein Gleichgewicht der Kräfte, Weiß hat volle Kompensation, aber eben nicht mehr als das. In einer praktischen Partie ist freilich die schwarze Aufgabe viel schwieriger zu lösen als die weiße, und hier greift Nepo fehl. "Ohne Not", so Houdini, spuckt er per 22...b5 seinen Turm a8 und steht fortan am Rande des Verlusts. Nach 22...Ta7 bleibt die Engine bei 0.00, Weiß behält die Kontrolle, kann aber nicht entscheidend verstärken.

Runde 11: Carlsen – Adhiban

Stellung vor 3.Sf3

Schwarz gegen den Weltmeister, es gibt einfachere Aufgaben. Adhiban Baskaran bleibt sich und seinem Wijk-Konzept auch gegen die Nummer eins der Welt treu. Mittels 1e4 d5 2.exd5 Sf6 konfrontiert er Carlsen mit einem abseitigen, theoretisch nicht weltklassetauglichen, aber praktisch spielbaren Gambit. Auch Carlsen bleibt sich treu. Anstatt mit den scharfen 3.Lb5+ oder 3.c4 sofort danach zu trachten, das schwarze Spiel zu widerlegen, sendet er seine übliche Botschaft übers Brett: "Lass uns eine lange Partie spielen."

Stellung nach 11...Tb8

Mutig und gut. Anstatt mit 11...Dc8 kleinlaut b7 zu decken (gefolgt von einer mehrstündigen Massage à la Carlsen), wirft der Inder dem Norweger seinen a-Bauern zum Fraß vor. Weiß muss manches Tempo investieren, um sich den Bauern per Qb3-a4xa7 zu holen und dann die Dame zurück ins Spiel zu bringen, das ist locker einen Bauern wert.

Runde 12: Adhiban – Giri

Stellung nach 2.Lc4

2.Lc4 wird immer populärer, a) um Russisch zu verhindern und b), um die Partie in italienische Gewässer zu lenken anstatt in spanische. Wenn aber ein Spieler wie Baskaran Adhiban zu 2.Lc4 greift, dann kann noch allerlei daraus werden. Vielleicht hat er wieder ein verbessertes Königsgambit im Sinn, vielleicht eine Wiener Partie, vielleicht eine Aufstellung Marke Eigenbau?

Stellung nach 9...f6

Eine reguläre Wiener Partie ist es geworden, eine seltene Eröffnung auf Großmeisterebene, der aus weißer Perspektive ein wenig der Biss fehlt. Bewährt und gut ist nun 9...0-0. Aber nun spielt Giri einen Zug Marke Eigenbau. 9...f6 scheint ebenfalls geeignet zu sein, alle schwarzen Probleme zu lösen. Es entstand eine eher ereignisarme Partie, die nach 34 Zügen unentschieden endete.

Runde 13: Rapport – Adhiban

Stellung nach 3.Sc3

Für die letzte Runde hatte die Auslosung das Duell Rapport-Adhiban angesetzt, und angesichts der Unberechenbarkeit der Kontrahenten konnte alles passieren. Rapports Vorliebe für Abseitiges ist bekannt. Hier sucht und findet er selbst in einer an sich schon semi-abseitigen Eröffnung wie dem Trompowky einen Weg, ausgetretene Pfade zu verlassen. 3.d5 und 3.Lxf6 sind die Hauptfortsetzungen. Rapports 3.Sc3 ist eine Alternative, die zu einem merkwürdigen Hybrid aus Trompowsky und offenem Sizilianer führt.

Stellung vor 8.Sf3

13 Runden Turnierschach am Stück, das ist harte, Kräfte zehrende Arbeit. Vielleicht war es eine Kombination aus Erschöpfung und Müdigkeit, die Rapport schon im 8. Zug fehlgreifen lässt. 8.Sf3? sieht natürlich aus, ist aber schlecht, weil es den f-Bauern blockiert und die Dh4 perspektivlos dastehen lässt. Schon 1979 zeigte die armenische Bundesliga-Legende Rafael Vaganian gegen Chessbase-Magazin-Redakteur Rainer Knaak, was an dieser Stelle zu tun ist: 8.f4, und die Lage ist unklar.

Stellung vor 11.e5

Zu Müdigkeit und Erschöpfung gesellt sich Frustration. Nach seinem Fehlzug 8.Sf3 fehlen Weiß jegliche Pläne und Hebel, um vorwärtszukommen. Stillzuhalten und die Partie irgendwie zu retten, entspräche eher nicht Rapports Naturell, daher will er mit Gewalt Verwicklungen herbeiführen. Aber 11.e5? verliert in erster Linie einen Bauern und führt zu schwarzem Vorteil, den Adhiban nach 41 Zügen verwertet und das mit weitem Abstand beste Turnier seines Lebens gespielt hatte.

 



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