Alexandre Deschappelles: Soldat, Schachmeister, Prahlhans

von Michael Dombrowsky
08.05.2017 – Nach dem Tod von Philidor galt Alexandre Deschappelles, gestorben vor 170 Jahre, als stärkster Spieler der Welt. Er diente zunächste in Napoleons Armee als Logistikexperte. Nach seiner Entlassung spielte er Schach und Whist im Café de la Régence.

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Der böse General am Schachbrett

Ob er der stärkste Spieler im ruhmreichen Café de la Régence im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts gewesen ist bleibt wohl ungeklärt. Klar ist dagegen, dass er eine der schillernsten Figuren der Schachgeschichte war. Bewundert, gefürchtet und verachtet. Vor 140 Jahren ist er gestorben. Die Rede ist von Alexandre Deschapelles.

Eigentlich passt sein kompletter Name Alexandre Louis Honoré Lebreton Deschapelles ideal zu dem Baron, der des kleinen Geburtsortes Ville d’Avray weniger. Dafür strahlt die Nennung des Nachbarortes umso heller: Versailles. Im Versailler Schloss des französischen Königs Ludwig XIV. diente sein Vater Louis Gatien Le Breton Comte des Chapelles in der Leibgarde. In New Orleans, der Hauptstadt der französischen Kolonie Louisiana in Amerika geboren, war der Offizier der Kavallerie nach Paris empfohlen worden und hatte prompt die Anstellung am Hofe in Versailles erhalten.

Damit war der Weg für Alexandre Deschapelles vorgezeichnet. Er wurde zu seiner Ausbildung auf berühmteste Militärakademie Frankreichs nach Brienne geschickt. Diese Elite-Schule hatte ein paar Jahre zuvor Napoleon Bonaparte absolviert. Deschapelles’ Ausbildung endete abrupt. Im Jahr 1794 – also im fünften Jahr der französischen Revolution – setzte sich sein Vater mit Frau und drei Geschwistern nach Deutschland ab. Ein wunderbarer Grund das „Fürstensöhnchen“ von der Schule zu werfen. Alexandre trat dem Freiheitsheer bei, weil er in der Armee von Napoleon zu Ruhm und Ehre kommen wollte.

Soldat in Napoleons Armee

Seine Karriere als Soldat endete schon auf dem Schlachtfeld von Fleurus im Sommer 1794. Deschapelles verlor seine rechte Hand. Dennoch blieb der 14jährige in der Armee, von nun an als Kriegskommissar, zuständig für alle Dinge, die Soldaten bei einem Feldzug brauchen. Nur Waffen und Munition fielen nicht in seinen Bereich. So war er bei den Feldzügen gegen Preußen 1806 und gegen Spanien 1808 dabei, wo er in Gefangenschaft geriet. Nach seiner Flucht aus dem spanischen Lager brachte ihm seine Bekanntschaft mit Marschall Michel Ney (Napoleon nannte ihn den „Tapfersten unter den Tapferen“) einen Posten als „Tabaksteuerkommissar“ in Straßburg ein. Erst 1815, als Napoleon aus der Verbannung von Elba zurückgekehrt war und mit einem Staatsstreich wieder die Macht übernommen hatte, aktivierte man auch den Logistiker Deschapelles. Ney köderte ihn für die Aufgabe der Rekrutierung von Soldaten mit dem Titel eines Generals.

Nach nur 100 Tagen war mit der vernichtenden Niederlage bei Waterloo alles Zu Ende. Deschapelles, der im Wesentlichen nur Militär und Krieg kannte, stand vor dem Nichts. 35 Jahre alt, in den dauerhaften Ruhestand versetzt, ohne rechte Hand und mit einer durch einen Säbelhieb entstellten rechten Gesichtshälfte, suchte neue Aufgaben. Er fand sie im Café de la Régence in Paris beim Whist (dem heutigen Bridge), Schach und sogar beim Billard.

Genie oder Prahlhans

Man sollte jedoch für Alexandre Deschapelles nicht allzu viel Mitleid entwickeln. Erstens beherrschte er die Karten, die Figuren und selbst das Queue mit großem Können. Zweitens war der hagere, große General im Umgang mit Menschen kurz gesagt: ein Kotzbrocken. Deschapelles war herrschsüchtig, bösartig in seinen Reden, zügellos in seinen Beschimpfungen, eitel, ein Prahlhans, der seine Geschichten – heute würde man sagen – mit „alternativen Fakten“ schmückte.

So ist seine Legende, dass er erst 1798 im Café de la Régence das Schachspiel gelernt und am ersten Abend drei Partien verloren habe, aber ab dem nächsten Abend für einen der besten Spieler Frankreichs unbesiegbar blieb, mit großer Vorsicht zu genießen. Auch seine Berichte über die Schacherlebnisse 1806/1807 in Berlin und in Hamburg, von denen er berichtete, dass er fast allen Spielern einen Turm vorgegeben und keine Partie verloren habe, klingen geradezu phantastisch. Als diese Aussagen in englischen Schachartikeln angezweifelt wurden, pöbelte Deschapelles zurück, dass das Wort eines französischen Generals Beleg genug seien, um als wahr zu gelten.

Café de la Régence im 19. Jahrhundert

Trotz aller Selbstbeweihräucherung und Eigenlob bleibt die Tatsache, dass Deschapelles zwischen 1816 und zirka 1830 der wohl beste Schachspieler in Paris war, wenn er auch den größten Teil seines Geldes am Kartentisch gewann. So ist es nicht verwunderlich, dass es in der Bridge-Theorie einen „Deschapelles-Coup“ gibt. Dass seine Spielstärke ungeachtet seiner ruppigen und verletzenden Art geschätzt wurde, lässt sich an seinen Schülern ablesen. Louis Charles de Labourdonnais (1795 – 1840) übernahm nach dem Rückzug seines Lehrers für rund zehn Jahre das Regiment im Café de la Régence. Ihm folgte ein weiterer Schüler des Generals: Pierre Charles Fournier de Saint-Amand (1800 – 1873).

Als Deschapelles merkte, dass er seinen Schüler nicht mehr dominieren konnte, zog er sich zurück. Auch eine Verhaftung, weil man glaubte er sei an einem Komplott gegen König Louis-Philippe beteiligt, erleichterte seine Entscheidung in die Provinz zu ziehen. Er verließ Paris und begann mit Obst- und Gemüseanbau. Viele hielten es für ein Hobby, doch bewies er auch in diesem Metier viel Geschick und machte daraus ein profitables Unternehmen. Mitte der 40er Jahre kränkelte er zunehmen, zog zurück nach Paris, um schneller ärztliche Hilfe bekommen zu können. Alexandre Deschapelles starb nach langem Leiden am 20. Oktober 1847.

Zeugnisse seiner Spielstärke sind von Alexandre Deschapelles wenige erhalten. Hier zwei Kostproben seines taktischen Könnens:

 

Vorgabepartie: Schwarz gab einen Zug vor.

 

 



Michael Dombrowsky war fast 40 Jahre als Redakteur bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften tätig. Als Rentner begann er Bücher zu schreiben. Das erste Schachbuch auf dem Markt sind die „Berliner Schachlegenden“.
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