Artur Jussupows zweites Leben

11.05.2011 – Es ist ziemlich genau 20 Jahre her, dass Artur Jussupow aus seiner russischen Heimat nach Deutschland ausgewandert ist. 1960 in Moskau geboren verzeichnete der spätere WM-Kandidat als junger Mann einen kometenhaften Aufstieg in die Liga der besten Schachspieler der Welt. Zwischen 1986 und 1992 nahm er dreimal an Kandidatenwettkämpfen teil und kam jeweils bis ins Halbfinale. Nachdem Jussupov 1990 beim SKA-Turnier in München Zweiter wurde und mit seinem Preisgeld nach Moskau zurück gekehrt war, wurde er in seiner Wohnung überfallen und niedergeschossen. Offenbar wussten die Männer Bescheid, dass an diesem Tag in Jussupows Wohnung Bargeld zu finden war. Jussupow überlebte den Überfall, entschloss sich aber wegen der zunehmend unsicheren Lage in der Sowjetunion auszuwandern. In Deutschland fand er eine neue Heimat. Viermal nahm er nun für Deutschland an Schacholympiaden teil und gewann 2000 die Silbermedaille. In München gründete er seine erfolgreiche Schachakademie. Als Autor veröffentlichte er zahlreiche Lehr- und Trainingsbücher, darunter die bekannte "Tigersprung"-Reihe. Dagobert Kohlmeyer und Artur Jussupow blicken zurück ... und nach vorne!Jussupov-Schachakademie...Mehr...

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Kalenderblatt: Artur Jussupow und sein zweites Leben in Deutschland
Von Dagobert Kohlmeyer

Er ist erst 51 Jahre alt, aber schon eine lebende Schachlegende. Artur Jussupow kann sein bisheriges Leben in zwei Teile aufgliedern. Die ersten 30 Jahre verbrachte er in der Sowjetunion, wo sein Talent frühzeitig entdeckt und entwickelt wurde. Dort reifte er zum Weltklasse-Großmeister und WM-Kandidaten heran. Er wurde Juniorenweltmeister und holte fünf Olympiasiege mit dem UdSSR-Team.

Seit genau 20 Jahren aber ist Artur in Deutschland ansässig, er besitzt einen deutschen Pass und hat viele Kämpfe in unserer Schach-Nationalmannschaft bestritten. Der Höhepunkt war dabei die Silbermedaille bei der Schacholympiade  Schnellschach. Was aber hat ihn im Mai 1991 bewogen, seine Heimat zu verlassen und von der Schachmetropole Moskau weg in den tiefen Süden Deutschlands zu gehen? Es war ein einschneidendes Erlebnis, das sein Leben von Grund auf veränderte.

Der Raubüberfall

Rückblende: Ein Jahr vor seinem Entschluss fand im Mai 1990 in München ein SKA-Turnier statt, das Alexander Beljawski gewann. Artur Jussupow teilte dort den zweiten bis vierten Platz. Mit seinem und Beljawskis Preisgeld in der Tasche reiste er nach Moskau zurück. Die Sowjetunion existierte zu diesem Zeitpunkt noch, und die Spieler mussten den Großteil des Geldes im Sportkomitee abgeben. Dazu kam es zunächst nicht, denn Artur wurde in seiner Wohnung überfallen. Er erinnert sich:

„Dieser Tag hat mein Leben entscheidend verändert. Man denkt nicht, dass so etwas passieren könnte, aber der Vorfall zeigt, dass unser Leben mitunter nicht so sicher ist, wie man es sich wünscht. Kriminalität gibt es ja überall. Dennoch war es damals außergewöhnlich in der Sowjetunion, weil der Staat alles kontrolliert hat. Aber sie waren anschließend nicht in der Lage, das Verbrechen aufzuklären. Das war auch ein Grund für mich wegzugehen. Ich kann heute nicht mehr jedes Detail des Überfalls rekapitulieren. Aber es spielte sich etwa wie folgt ab:

Wir mussten ja bei der Einreise beim Zoll alles deklarieren. Es ist also durchaus denkbar, dass jemand von den Beamten am Flughafen in Moskau den Tätern einen Tipp gegeben hat. Und so kamen sie zu meiner Wohnung und klingelten. Arglos öffnete ich und war damit den Banditen ausgeliefert. Es waren drei oder vier. Sie schossen sofort auf mich. Ich merkte, wie nervös sie waren, vielleicht standen sie auch unter Drogen. Es war eben mein Fehler, dass ich die Tür sofort geöffnet habe, ohne zu fragen, wer dort draußen steht. Kurioserweise haben die Einbrecher damals die Tasche mit dem Geld, das ich zum Sportkomitee bringen wollte, nicht bemerkt. Nur andere Banknoten, die mir gehörten, fanden sie. 

Ich hatte einen Schock und realisierte erst gar nicht, dass ich angeschossen wurde. Es war ein Bauchschuss, und ich hatte Glück im Unglück, dass die Kugel an den lebenswichtigen Organen vorbeischlug. In Moskau hat man das Geschoss noch nicht entfernt. Das geschah etwas später in Brüssel. Bessel Kok und seine damalige Frau haben mir damals in dieser schwierigen Situation sehr geholfen. Dafür bin ich ihnen noch heute dankbar. Das ist der zweite Teil der Geschichte. An Brüssel habe ich sowieso nur beste Erinnerungen. Dort gewann ich ein Jahr später mein WM-Kandidatenmatch gegen Wassili Iwantschuk, wobei mir herausragende Partien gelangen. Da war ich schon in Deutschland angekommen und hatte dadurch wohl frischen Wind und neue Inspiration erhalten.“


Ankunft in München

Bei uns angekommen

Dennoch war der damalige Entschluss, nach Deutschland zu gehen, natürlich eine schwierige Entscheidung. Wohl die schwerste in Arturs Leben. Denn er wusste ja nicht, was ihn und seine junge Frau Nadja erwarten würde. Eine sehr gute Starthilfe war das Angebot von Bayern München, bei ihnen in der 1. Schach-Bundesliga zu spielen. Rückblickend sagt Jussupow heute, dass er den Wechsel des Landes nie bereut hat. „Meine beiden Kinder sind hier geboren. Inzwischen haben sie schon das Abitur gemacht und studieren weiter. Das Leben hat einen ganz anderen Verlauf genommen. Deshalb ist dieser 20. Jahrestag heute für mich wirklich ein schönes Datum. Weil es damals eine zweite Chance war, die man im Leben manchmal bekommt. Oder eine zweite Geburt. Ich bin sehr froh, dass ich ein so schönes Land mit einer so großartigen Kultur kennenlernen durfte. Es war sehr spannend. Anfangs konnte ich überhaupt kein Deutsch, aber jetzt genieße ich die besseren Kontaktmöglichkeiten mit den Menschen. Ich unternehme sehr viel, das macht mir einfach Freude. Immer entdecke ich irgendwelche schönen Ecken in Deutschland, wenn ich unterwegs bin, ob beim Simultan oder Schachunterricht. Es ist wirklich ein reizendes Land.“


Dagobert Kohlmeyer und Artur Jussupov 1991 in Hamburg

Mit seiner Schachakademie hat Artur großen Erfolg und auch mit seiner Tigersprung-Reihe, die von der FIDE als beste Lehrbücher des Jahres 2009 ausgezeichnet wurde. Gemeinsam mit seinem früheren Trainer Mark Dworezki schrieb er einige Bestseller über alle Partiephasen, die in mehreren Sprachen erschienen. „Als Trainer hat man ein größeres Feedback, als wenn man als Großmeister zu Hause im Kämmerlein sitzt, sich auf Turniere vorbereitet oder in verschiedenen Wettbewerben spielt. Das ist ebenfalls eine neue Erfahrung, die ich in meinem zweiten Leben gemacht habe.“

Auf Wunsch einiger Schachfreunde stellte ich Artur die Frage, wie er die Tatsache beurteilt, dass in Deutschland sehr viele Schachfreunde den Trainerschein machen, aber ihre Zöglinge im internationalen Maßstab häufig keine nennenswerten Erfolge erreichen. Seine Antwort: „Es ist eine komplizierte Geschichte. Sie hängt sehr viel mit Schachtraditionen zusammen. Ein zweiter Aspekt ist die Frage, wie gut diese Ausbildung wirklich ist. Man muss nicht unbedingt ein starker Großmeister sein, wenn man Erfolg als Schachtrainer haben will, aber es bedarf einer echten, gediegenen Ausbildung. In Russland gibt es da natürlich eine sehr lange Tradition. Diese ist in Deutschland nicht in dem Maße vorhanden. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Festveranstaltung zum 125. Jubiläum des deutschen Schachbundes im Jahre 2002 in Leipzig. Dort wurde über viele Probleme gesprochen, aber es fiel kein einziges Wort über die Trainerausbildung. Das ist vielleicht in kurzen Worten eine Erklärung, wo hierzulande noch Reserven liegen. Die FIDE-Akademie in Berlin ist eine gute Einrichtung. Aber dort werden ja vorwiegend ausländische Trainer ausgebildet.“ 

Das Schachspiel und sein Wert

Über das Spiel der Spiele könnte Artur stundenlang philosophieren. Bei einem unserer jüngsten Gespräche sagte er: „Schach ist für mich eine unglaublich wichtige Sache. Es hat mich auch als Mensch geformt. Ich habe durch die intensive Beschäftigung mit dem Spiel viele Qualitäten gewonnen, die man im Leben braucht, zum Beispiel Konzentration, Verarbeitung von Informationen, strategisches Denken. Dazu gehört auch die Fähigkeit, mit Siegen und Niederlagen vernünftig umzugehen. Alles das habe ich dem Schach zu verdanken. Ich glaube an die große gesellschaftliche Bedeutung des Denksports. Er kann sehr zur Entwicklung junger Menschen beitragen. Das ist ein ungeheurer Wert. Hier liegt auch unser Potential, das wir noch mehr ausschöpfen sollten. In dieser hektischen Computerwelt, wo es oft nur um Schnelligkeit geht, kann Schach als Oase der Ruhe und Konzentration ein Gegengewicht schaffen. Und man erlernt viele Dinge, die zum Beispiel für eine wissenschaftliche Karriere wichtig sind. Durch Schach lernt man, mit Informationen zu arbeiten und eigene Ideen zu entwickeln, die Gedanken und Pläne des Gegners einzuschätzen, zu analysieren und zu verarbeiten. Das ist für junge Menschen eine unglaublich wichtige Sache. Viele Kinder, die im Schach erfolgreich sind, tanken dadurch Selbstbewusstsein für das ganze Leben. Auch wenn sie nicht Großmeister oder Schachprofi werden, so profitieren sie davon für ihren Beruf, für ihre weitere Entwicklung und können eine erfolgreiche Karriere in anderen Bereichen starten.


Mit Robert von Weizsäcker in Bonn

Deshalb ist es wichtig, dass es nicht nur eine Schachpresse oder spezielle Webseiten wie ChessBase gibt, sondern dass auch Tageszeitungen regelmäßig über Schach berichten, eine wöchentliche Schachecke haben und Veranstaltungen wie Simultanspiele organisieren. Das gehört zur Kultur einer guten Redaktion. Denn Schach ist und bleibt ein Teil des Weltkulturerbes. Es gibt keinen anderen intellektuellen Sport, der einen so großen Reiz hat und den Menschen so viel Nutzen bringt. Das Spiel auf den 64 Feldern ist einfach ein phantastisch konstruiertes Abbild des Lebens. Es symbolisiert zwar den Kampf zweier Armeen, aber dieser geschieht mit friedlichen Mitteln.“

Am Ende unseres Gesprächs waren wir uns einig: Man kann und sollte noch viel mehr über dieses Thema reden. Wichtig ist, dass wir alle dazu beitragen, Schach noch populärer zu machen. 


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