Ausflug in die Provinz

08.01.2004 – Naujac sur Mer an der französischen Atlantikküste hat zwar nur 400 Einwohner, aber davon sind 40 Mitglieder im örtlichen Schachklub. Außerdem besitzt man den wohl einzigen Schach-Campingplatz der Welt. Da die erste Mannschaft von Naujac aber gegen den Abstieg spielt, kam Jules Armas auf die Idee, für einen wichtigen Kampf Verstärkung zu besorgen. Warum das gerade Evi Zickelbein und ihr Freund Merijn van Delft waren und weshalb der Weg von Hamburg nach Naujac über Lübeck und Stanstedt führt, welchen Unterschied eine Minute macht und warum das angesichts der französischen Küche doch eigentlich alles völlig egal ist, erzählt Evi Zickelbein in ihrem Bericht aus der Provinz. Zum Sommeruralub bei La Rochade anmelden...Die prickelnde Geschichte...

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Ausflug in die französische Provinz
Von Eva Maria Zickelbein

Trifft man einen alten Schulfreund 10 Jahre nach dem Abitur zufällig in einer Kneipe, stellt man für gewöhnlich schon erfreut fest, wie klein ist doch die Welt ist. Gleiches gilt natürlich für die Schachwelt – man kennt sich und man trifft sich – zum Bespiel in Wijk aan Zee oder in Naujac-sur-Mer!

Von Wijk aan Zee über Hamburg und London nach Naujac-sur-Mer:

In Wijk aan Zee wurde Ende November das Cultural Village Tournament ausgetragen (früher bekannt als Sonnevanck-Turnier). Nebenbei - das IM-Turnier erfüllte bestens seinen Zweck: Ferenc Langheinrich und Merijn van Delft erfüllten jeweils ihre letzte Norm und werden beim nächsten Fide-Kongress den Titel verliehen bekommen.

Einer der drei teilnehmenden Internationalen Meister hat einen wirklich außergewöhnlichen Beruf: Jules Armas betreibt mit seiner Frau Rike Wohlers-Armas in Naujac-sur-Mer, nördlich von Bordeaux im Médoc zwischen Atlantikküste und Gironde-Mündung gelegen, den wohl einzigen Schachcampingplatz der Welt! Und natürlich liegt den beiden auch das Schicksal des dortigen Schachklubs sehr am Herzen, der mit zwei Mannschaften am französischen Spielbetrieb teilnimmt. Naujac I plagen in der Nationale III Abstiegssorgen und neben dem bereits für Naujac gemeldeten IM Alex Wohl engagierte Jules Armas während des Turniers in Wijk kurzerhand Merijn van Delft für den Wettkampf von Naujac I gegen Libourne! Und sogar die frankophile Freundin des neuen IM’s und Schreiberin dieser Zeilen durfte nicht nur als Dolmetscherin mit…

Fünf Tage vor dem Match organisierte Rike Wohlers-Armas die gesamte Reise am heimischen Computer: Flugtickets von Ryan-Air von Hamburg (Lübeck-Blankensee) über London nach Bergerac und einen Mietwagen für die Fahrt von Bergerac in der Dordogne nach Naujac-sur-Mer im Médoc. Per Email sendete sie uns die Tickets und am Samstag, 06. Dezember, brachen wir um 7 Uhr morgens, selbst für den Nikolaus war es noch zu früh gewesen, auf unsere 14stündige Reise nach Südfrankreich auf.

Nach eher negativen Erfahrungen mit Billigfluglinien à la AirBerlin waren wir bezüglich Ryan-Air erst skeptisch. Als jedoch auf der ersten Flughälfte von Hamburg nach London alles wunderbar klappte, waren wir schon bereit, unsere Vorbehalte zu vergessen. Auf dem Londoner Flughafen Stansted zeigte sich jedoch, dass man von derartigen Fluggesellschaften kein Entgegenkommen und keine Flexibilität erwarten kann: Unsere Sorglosigkeit und unglaubliche Dummheit führten dazu, dass wir trotz vierstündigem Aufenthalt in Stansted den Check-In für unseren Anschlussflug nach Bergerac um eine Minute (!) verpassten.

Gnadenlos wehrten die trockenen englischen Damen von Ryan-Air alle unsere Überredungsversuche ab und wir waren gezwungen, von Bergerac auf La Rochelle umzubuchen. Das war natürlich mit erheblichen Kosten verbunden, doch eine andere Möglichkeit gab es nicht. Die Autovermietungsfirma Herz schlug Ryan-Air bezüglich Kundenfreundlichkeit und Flexibilität um Längen: Problemlos buchten Sie den gemieteten Wagen von Bergerac nach La Rochelle um und das einzige Problem war lediglich, dass unser Opel Corsa keine Innenbeleuchtung hatte und so das Kartenlesen während der Fahr unmöglich gemacht wurde.


De Bahnhof von Bordeaux

Von La Rochelle bis Bordeaux war das auch kein Problem, doch auf den kleinen Landstraßen von Bordeaux nach Naujac zu finden, ist wahrscheinlich schon bei Tageslicht schwer – im Dunkeln schier unmöglich! Doch Teamchef Paul „Polo“ Sevilla rief uns alle 10 Minuten an und dirigierte uns so in die „Auberge du Chasseur“ in St. Isidore, wo das große Mannschaftsdiner steigen sollte und wo die Spieler und Monsieur le Président schon seit zwei Stunden auf uns warteten.

 Schließlich stand „Polo“ an der Straße und winkte uns Richtung Parkplatz des einzigen Restaurants am Platze. Nach einem ersten Willkommenstrunk nahmen wir an einer langen Tafel Platz und das nun folgenden Diner entschädigte uns für alle Reisestrapazen: In einer so herzlichen und entspannten Atmosphäre habe ich in Deutschland selten ein Mannschaftsessen erlebt!


Polo, Jean-Paul, Merijn und Evi stoßen auf Naujac an

Für die Feinschmecker, die unter uns Schachspielern ja auch nicht ganz selten sind, hier das Menu:

Hors d’oeuvre


« Salade de Carottes »
Rezept...
« Salade de Gesier »
Rezept...
« Oefs mimosas »


Plat principal
 


« Filet de boeuf au trois poivres »




« Gratin dauphinois, Asperge vert, Carottes »

Rezept...

Dessert



« Fromage »


« Glace »


« Gâteaux Forêt noire »

 

Dazu genossen wir natürlich ausgiebig die Weine des Médoc und nachdem die Schachspieler entdeckt hatten, dass die Boule-Mannschaft, die an der Tafel neben uns speiste,

mit den besten Weinen der Region ausgerüstet war, überredete Monsieur le Président, Patrick Vidal, die Boulespieler, den ausländischen Gästen doch einmal den „Grand-Cru“ der Region den „Château de St. Estèphe“ zum Probieren zu geben.


Eric, Spieler von Naujac I und Geschichtslehrer,
präsentiert mit einem Boule-Spieler den berühmten St.Éstèphe.

Aus dem Probieren wurde dann eine ganze Flasche, u.a. weil Xavier den Boulespielern einige Zauber- und Kartentricks vorführte!

Der Schachklub von Naujac nimmt mit zwei Mannschaften am Spielbetrieb teil und hat 40 Mitglieder – eine stolze Zahl, wenn man bedenkt, dass Naujac selbst nur 600 Einwohner hat, und Naujac-Bourg gar, das typisch französische Dorfzentrum mit Kirche, Mairie, École und Bar, nur 120 Einwohner zählt! Patrick Vidal errechnete während des Diners auf der weißen Tischdecke den Prozentsatz der Mitglieder in Naujac und der Vergleich zu den 400 Mitgliedern des Hamburger Schachklubs in der 1,8 Millionen-Metropole beeindruckte den selbstbewussten Ingenieur natürlich keineswegs!

Nach dem ausgiebigen, fünfstündigem Diner, das schließlich um zwei Uhr morgens an der Bar mit einem Menthe und einem Trivial-Pursuit-Spiel am Automaten endete, fuhren wir mit George und Xavier auf den Campingplatz und nahmen unser Mobil-Home in Augenschein:


Mobil-Home auf dem Campingplatz La Rochade – dank Heizung auch im Winter zu bewohnen!

Und da die französischen Mannschaftskämpfe sonntags auch ein sehr viel humanere Anfangszeit als in Deutschland haben (14 statt 9 Uhr!), konnten wir richtig ausschlafen und gestärkt durch ein leckeres Frühstück, zubereitet von George Daniel und Xavier im Haus von Rike und Jules, zum Treffpunkt der beiden Teams auf dem Marktplatz von Hourtin fahren. Dort trennten sich dann aber unsere Wege, da Naujac I in Libourne antreten musste und Naujac II beim Eisenbahnverein ASPOM in Bordeaux. Naujac I plagt Abstiegssorgen, deshalb wurde neben Merijn van Delft auch noch der Internationale Meister Alex Wohl eingesetzt, der mit seiner französischen Freundin Françoise angereist war und am dritten Brett spielte der rumänische Trainer George Daniel Dinu, der bei Rike und Jules auf dem Campingplatz wohnt. Da es nicht erlaubt ist, mehr als drei neu gemeldete Spieler einzusetzen, spielte ich am Spitzenbrett der zweiten Mannschaft in Bordeaux. Wir verteilten uns auf die diversen Autos und fuhren im herrlichen Sonnenschein durch das Médoc.

Viele Abschnitte der Pinienwälder waren verwüstet, da es im letzten Winter fürchterliche Stürme gegeben hatte. Da ich die wunderschöne Gegend bisher nur aus vielen Sommerurlauben kannte, war es wirklich interessant zu sehen, wie die Landschaft und die Dörfer im Winter aussehen!

Unser Wettkampf in Bordeaux verlief anfangs nach Plan: Nachdem mein Gegner Bernard Font ausgiebig die Mannschaftskarten studiert hatte, setzte er sich zurück ans Brett und entkorkte 5....Le7, um nach 6. d5 den Bauern e5 einzustellen. Er spielte ziemlich lustlos noch 14 Züge weiter, bevor er mir zum 1:0 für Naujac die Hand herüberreichte.

Zickelbein (2138) - Font (1770)
Nationale V ASPOM-Naujac Hamburg, 07.12.2003

1.e4 e5 2.Sc3 d6 3.f4 Sf6 4.Sf3 Sc6 5.d4

5...Le7? 6. d5 +- 

Dann allerdings ging’s erst einmal anders herum: Alle Kids im Team, neben Léna Armas, der 10jährigen Tochter von Rike und Jules, verloren auch noch ihre Freunde, die Geschwister Eleonore (13) und Pierre-François (8) Tron.


Léna Armas hält viel von deutschen Schulen.

Nur Eleonore hatte Lust, ihre Partie noch mit mir zu analysieren, die anderen spielten lieber draußen Kriegen und Verstecken und warteten sehnsüchtig auf die Abfahrt Richtung Naujac. Das sollte allerdings noch etwas dauern, denn die Erwachsenen ließen sich mehr Zeit: Nachdem wir durch Siege von Christian Scipion und Teamchef Jean-Paul Teyssier zum 3:3 ausgleichen konnten, brachte uns Guy van Eeckhout mit einer tödlichen Springergabel in Führung. Schließlich lief noch die Partie am vierten Brett von Georges Berenge: Ein wilde Partie, in der es hin und her gegangen war und die George schon einige Male klar für sich hätte entscheiden können, dauerte fast vier Stunden: Beide Spieler spielten das schließlich entstandene Endspiel sehr schnell, darauf bedacht, die Zeit nicht zu überschreiten. Dass sie schon lange über dem 40. Zug waren und noch eine dazubekommen hatten, war in der Aufregung untergegangen... Bei diesem 5:3 für Naujac war das einzig Blöde, wie Léna Armas sofort bemerkte, dass alle Kinder verloren, die Erwachsenen aber gewonnen hatten.

Auf der Heimfahrt setzten mir die Kids die Nachteile des französischen Schulsystems auseinander – im Vergleich zu Deutschland natürlich vor allen Dingen der lange Tag bis 16 oder 17 Uhr und danach noch viele Hausaufgaben – meine Argumente wie die tollen „Ecoles maternelles“, die langen Ferien oder auch die Ergebnisse der Pisa-Studie konnten sie nicht überzeugen. Léna Armas hatte außerdem von Mutter Rike gehört, dass die deutschen Kinder zwar weniger zur Schule gehen, aber trotzdem genauso viel lernen wie die französischen Kinder (...)!

Im Auto erfuhren wir per Handy vom Erfolg der ersten Mannschaft in Libourne: Der 5:1-Erfolg (Remisen werden in Frankreich nicht gezählt) ist ein wichtiger Schritt in Richtung Klassenerhalt!

Merijn van Delft beendete seine erste Partie für Naujac mit einer netten kleinen Kombination:


Berard (2140) - van Delft (2402) [B42]
Nationale III Libourne-Naujac, 07.12.2003

 34.Lxh3 Dxa3 35.Kf2



35...Txe3! 36.Dxe3 Ld4 37.Ta1 Lxe3+
38.Ke1 Dxa1+ 0–1

Ganze Glanzpartie zum Nachspielen...

Und natürlich mussten die Siege der beiden Teams erst einmal gefeiert werden: Patrick Vidal wartete zu diesem Behufe in der Naujacs „Bar de l’Union“, natürlich stilecht gegenüber der Kirche am Dorfplatz gelegen. Nachdem alle versammelt waren und die Kids zu Hause abgeliefert waren, gab’s eine kleine Ansprache und dann Pernod für die Kenner und Heineken für die Banausen.


Patrick Vidal, Paul Sevilla, George Dinu und Noël Noleau feiern das 5-1 der ersten Mannschaft.


Hat’s den auch Wirtsleuten Spaß gemacht!?

Nationale III, Groupe IV
Naujac 5 - 1 Libourne

m WOHL Aleksandar H. 2379 1 - 0 DUFEAL Julien 2145
f VAN DELFT Merijn 2402   1 - 0 BERARD Serge 2140
  DINU George Daniel 2221 X - X BAUDOIN Stephane 1970
  VOIRIN Xavier 1930      0 - 1 AUNEAU Dominique 1950
  MARTIN Eric 1840        X - X GUICHENEY Pascal 1880
  NOLEAU Noel 1871        X - X QUEYROI Daniel 1790
  BASTIN Stephane 1910    1 - 0 CASTAING-RODE Sandrine 1780
  SEVILLA Paul 1760       1 - 0 NIVET Gildas 1650
  ARMAS Lara-Maria 1680   1 - 0 NIVET Patrick 1500

Pl. Equipe Pt d. p. c.
1  Pau Henri IV        12 16 22 6
2  Bayonne Adour       10 15 22 7
3  Bordeaux ASPOM I    10 4 17 13
4  Mérignac            10 2 14 12
5  Mont-de-Marsan      8 0 14 14
6  Bordeaux-Echecs III 7 -2 15 17
7  Libourne            7 -4 12 16
8  Naujac              6 -6 11 17
9  Saint Junien        6 -16 6 22
10 Bordeaux ASPOM II   4 -9 10 19

 

Den restlichen Abend verbrachten wir mit Analysen und Abendessen auf dem Campingplatz: Xavier und George kochten und Merijn analysierte die Partien:


Merijn, Noël, Xavier und George analysieren.


Noël und Merijn analysieren Noëls „Holländer“...
 


Allroundtalent Xavier schneidet professionell Zwiebeln.



„Blitz“, der Hund von Familie Armas, hat das alles nicht sonderlich interessiert...

 

Am nächsten Tag hatten wir sogar noch Gelegenheit, ans Meer zu fahren, bevor wir nach einem leckeren Déjeuner von Xavier und George diesmal wirklich von Bergerac über London zurück nach Hamburg flogen!







 

Ligue Aquitaine Nationale V
Groupe Centre-Ouest

Pl. Equipe Pts d. p. c.

1 GUJAN ECHECS      9 16 19 3
2 NAUJAC II         9 12 18 6
3 BORDEAUX ASPOM IV 7 7 15 8
4 BORDEAUX ECHECS   7 5 13 8
5 MERIGNAC B        7 -3 8 11
6 TRESSES           3 -9 7 16
7 CREON B           3 -13 5 18
8 LIBOURNE          3 -15 4 19




Nationale V: ASPOM – Naujac




NAUJAC 5 - 3 BORDEAUX ASPOM

1B ZICKELBEIN Eva-Maria 2134 1 - 0 FONT Bernard 1770 1N
2N TEYSSIER Jean-Paul 1730   1 - 0 HUI BON HOA Edmond 1690 2B
3B VAN EECKHOUT Guy 1740     1 - 0 RIVIERE Florent 1580 3N
4N BERENGE Georges 1590      1 - 0 BARAT Jean-Claude 1570 4B
5B ARMAS Lena 1360           0 - 1 MARCHAND Etienne 1420 5N
6N TRON Eleonore 1140        0 - 1 NAFATI Abdelaziz 1499 6B
7B TRON Pierre-Francois 1220 0 - 1 DUPERIER Bernard 1290 7N
8N SCIPION Christian 1090    1 - 0 MICHON Catherine 1130 8B




 

 

Camping La Rochade

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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