Blick zurück auf Ohrid

21.10.2009 – Beim Europacup in Ohrid gab es zwei nicht unbedingt erwartete Siegermannschaften. Im Hauptturnier der Männermannschaften siegt das junge Team von Saratov. Der neue Pokalsieger gab nicht einen einzigen Mannschaftspunkt ab. Im Frauenturnier kam es zu einem Dreikampf zwischen Titelverteidiger Monte Carlo, der Mannschaft aus Tiflis und Spartak Vidnoe, das mit den beiden Kosintseva-Schwestern, Antonaeta Stefanova, Kateryna Lahno und Evgenia Ovod ebenfalls sehr stark besetzt war. Die Entscheidung fiel nach spannendem Kopf-an-Kopf-Rennen eine Runde vor Schluss, als Tiflis Chiburdanidze aussetzen ließ und verlor und Monte Carlo sich gegen Mika Yerevan nicht durchsetzten konnte. Spartak Vidnoe gewann dagegen seinen Wettkampf und stand als Sieger fest. Dejan Bojkov war als Trainer von Antoaneta Stefanova vor Ort und berichtet, mit welchem Aufwand das russische Team zum Sieg kam. Bericht, Bilder, Tabellen, Partien...

Der Europacup: Ein Blick von innen

Der Europacup fand vom 4. bis 10. Oktober in Ohrid, Mazedonien, statt. Die Stadt liegt nahe der albanischen Grenze an einem wundervollen See, der den gleichen Namen trägt.


Der See von Ohrid


Die Berge am See von Ohrid


Die Stadt Ohrid mit der Festung Samuli oben auf dem Berg


Blick aus dem Granit-Hotel, wo das Frauenturnier stattfand
 

25. Europameisterschaft der Vereine, Ohrid, 4.-10.2009  
Rk. SNo FED Team Games + = - TB1 TB2 TB3
1 1 RUS Economist-SGSEU-1 Saratov 7 7 0 0 14 27.5 179.5
2 7 ARM Mika Yerevan 7 6 0 1 12 24.5 195.5
3 2 RUS Ural Svedrdlovskaya 7 5 1 1 11 28.5 161.5
4 8 RUS SPbChFed Sankt-Peterburg 7 5 1 1 11 26 187
5 4 GER OSG Baden-Baden 7 5 0 2 10 33 146.5
6 9 UKR PVK - Kievchess 7 5 0 2 10 29 152
7 13 ISR Beer Sheva Chess Club 7 5 0 2 10 29 150
8 3 RUS ShSM-64 Moscow 7 5 0 2 10 29 142

... 54 Teams

 

 

25. Europameisterschaft der Vereine, Frauenturnier, Ohrid, 4.-10.2009  
Rk. SNo FED Team Games + = - TB1 TB2 TB3
1 2 RUS Spartak Vidnoe 7 5 2 0 12 21.0 97.5
2 1 MNC Cercle d'Echecs Monte Carlo 7 3 3 1 9 18.5 86.5
3 3 GEO Samaia Tbilisi 7 3 3 1 9 15.5 105.5
4 4 RUS Economist-SGSEU Saratov 7 3 3 1 9 15.5 101.0
5 5 MNE T-com Podgorica 7 4 1 2 9 15.0 81.5
6 6 ROU CS Cotnari-Politehnica Iasi 7 2 4 1 8 15.0 80.0
7 9 POL Polonia Votum Wroclaw 7 3 2 2 8 13.0 91.0
8 10 SRB Radnicki Rudovci 7 3 1 3 7 11.0 90.5
9 7 ARM Mika Yerevan 7 2 2 3 6 12.5 94.5
10 8 SRB BAS Beograd 7 2 1 4 5 11.5 80.0
11 11 FRA Vandoeuvre Echecs 7 1 0 6 2 5.5 86.5


 


Ich war als Trainer der Ex-Frauenweltmeisterin Antoaneta Stefanova in Ohrid. Ende August hatte sie mich eingeladen, mit ihr zu arbeiten, und kurz vor dem Inventi-Turnier in Antwerpen trafen wir uns zu unserem ersten Trainingscamp.



Antoaneta Stefanova mit ihrem neuen Trainer Dejan Bojkov


Die frühere Weltmeisterin mit ihrem ehemaligen Trainer Vladimir Georgiev

Eti spielt zusammen mit den Schwestern Nadezhda und Tatiana Kosintseva, Ekaterina Lahno und Evgenia Ovod für die Mannschaft von Spartak Vidnoe.


Evgenia Ovod

Die Mannschaft besteht aus lauter Europameisterinnen, aber trotzdem waren sie hinter der Mannschaft aus Monte Carlo, die die beiden letzten Wettbewerbe gewonnen hatten, nur an zwei gesetzt. Man rechnete damit, dass diese beiden Teams den Titel unter sich ausmachen würden.

Die russischen Spieler verfügen über eine phantastische Organisation. Am Geld für Trainer haben sie nicht gespart – Yury Dokhoian, der legendäre Trainer von Garry Kasparov (und augenblicklicher Sekundant von Sergey Karjakin) war vor Ort, um die Kosintseva-Schwestern zu betreuen.

Beide punkteten gut und holten Silbermedaillen für ihre Ergebnisse am 1. bzw. 3. Brett. Dokhoian ist ein bemerkenswerter Trainer, der bei jedem Verlust seiner Schüler mit leidet. Doch nach der Partie zeigt er eine ganz andere Seite von sich und wird zu einem Menschen mit viel Sinn für Humor, der genau analysiert, was geschehen ist. Robert Fontaine war ebenfalls vor Ort, um seine Frau Katya zu unterstützen und zu betreuen. Und last but not least war da noch unsere Mannschaftsleiterin WGM Elmira Mirzoeva, stets gut gelaunt und optimistisch und immer da, wenn die Mädchen sie brauchten.


Elmira Mirzoeva

Das Turnier lief gut für unser Team. Es begann mehr als überzeugend mit einem 4-0 Sieg gegen die solide Mannschaft von “Mika”- Erevan. Dann folgten zwei Unentschieden gegen “Economist” und “Samaia”- Tiflis. Gegen Tiflis hatten wir ein bisschen Pech, denn in den Schwarzpartien verteidigten wir uns gut, aber in den Weißpartien konnten wir unsere guten Stellungen nicht nutzen. Nach diesem Wettkampf fanden die Damen ihren Rhythmus und gewannen drei Mal in Folge. Besonders wichtig war dabei der 3,5:0,5 Sieg in der sechsten Runde gegen eines der besten Teams “T-com”- Podgoritsa. Vor der Runde sorgte die starke Leistung von Ekaterina Kovalevskaya – Brett Vier der Mannschaft aus Montenegro – für Gesprächsstoff in unserer Mannschaft. “Wir haben ebenfalls eine Katya an Brett Vier”, stellte Dokhoian fest. Tatsächlich erwies sich unsere Katya als stärker und brachte “Spartak” einen Schwarzsieg.


Auszeichnungen für Ekateryna Lahno und Almira Skripchenko


Kateryna Lahno und Antoaneta Stefanova

Nach dieser Niederlage musste das montenegrinische Team in der letzten Runde pausieren, doch am Ende fehlte ihnen nur ein halber Punkt zur Bronzemedaille. Ein seltsames Schicksal für einen Medaillenkandidaten.

Tatsächlich führte der Turniermodus – sieben Runden bei elf Mannschaften – zu einigen seltsamen Situationen. Zum Beispiel spielte die Mannschaft von Monte Carlo in der ersten Runde Unentschieden, aber hatte dann das Glück, am nächsten Tag gegen die Außenseiter von ”Vandoeuvre” gelost zu werden und nach einem 4-0 waren sie sofort wieder zurück an der Spitze. Und in der letzten Runde konnte Tabellenführer “Spartak” nicht gegen die Mannschaft auf Platz Drei, Monte Carlo, antreten, weil die Paarungen am unteren Ende der Tabelle das nicht zuließen.

Bei den Herren habe ich mich darüber gewundert, dass die Mannschaft aus “Baden-Baden”, die in den ersten fünf Runden lediglich 5 Brettpunkte abgegeben hatte, nicht einmal mehr theoretische Chancen auf den Titel hatte, weil sie knapp gegen “Mika”-Eriwan verloren hatte (Naiditsch hatte in einer klar besseren Stellung einen ganzen Turm eingestellt).


Tomofeev und Chuchelov bei der Analyse

Doch zurück zur sechsten und entscheidenden Runde des Frauenturniers, in der sich das russische Team den Titel sicherte. Vor der Runde hatten wir die gleiche Zahl von Mannschaftspunkten wie die Georgierinnen, während Monte Carlo einen Punkt hinter uns lag. Wir rechneten damit, dass die Entscheidung über den Titel erst in der letzten Runde fallen würde, aber… Erst einmal gönnte die Mannschaft aus Tiflis ihrem Brett Eins, Maya Chiburdanidze, eine Pause und verlor ihren Kampf. Und dann kam Monte Carlo nicht mit “Mika” zurecht und spielte einen weiteren Wettkampf Remis. Dadurch war “Spartak”- Vidnoe eine Runde vor Schluss Turniersieger!


Saratov gegen T-Com


Der Erfolg war das Ergebnis des guten Spiels aller Mannschaftsmitglieder.


Spartak Vidnoe vor der Siegerehrung


Spartak Vidnoe


feiert seinen Sieg

Außer den Silbermedaillen für Nadya und Tatiana Kosintseva für das jeweils zweitbeste Einzelergebnis an ihren Brettern gewann die Mannschaft noch zwei Goldmedaillen für das beste Einzelergebnis – Antoaneta Stefanova für ihre Leistung an Brett zwei und Katerina Lahno für ihr Ergebnis an Brett vier. Mit 5,5 aus 6 erzielte Katya auch die beste Performance bei den Frauen: 2772.


Beste Ergebnisse für Humpy Koneru und Tatiana Kosintseva


Stefanova, Dembo, Cmilyte


Ovod, T.Kosintseva und Mirzoeva. N.Kosintseva spricht mit Dochojan

Mir blieb nicht viel Zeit, das Geschehen bei den Männern zu verfolgen, denn sie spielten in einem anderen Hotel, dem INEX Goritsa. Generell gewann ich den Eindruck, dass die junge Mannschaft aus Saratov ziemlich überzeugend gewann. Zur brenzligsten Situation kam es für sie wahrscheinlich in der ersten Runde. Doch dass sie alle ihre Wettkämpfe gewonnen haben (wenngleich auch meist mit minimalem Vorsprung) spricht für sich. Es fällt schwer, einen bestimmten Spieler hervorzuheben, sie haben als Mannschaft ausgezeichnet gespielt. Was die Einzelleistungen betrifft, so hinterließ das Spiel von Levon Aronian einen starken Eindruck, auch wenn er in der letzten Runde gegen Mamedyarov verlor. Beeindruckendes Schach zeigte auch Peter Svidler.

Er gewann die Silbermedaille für die zweitbeste Einzelleistung an Brett zwei, aber erzielte die beste Performance bei den Herren: 2920! Die Goldmedaille für das beste Ergebnis an Brett Eins ging an Vladimir Georgiev, den ehemaligen Trainer von Eti. Er spielte für KSH Llamkos (Kosovo) und holte 5 aus 6. Die meisten Punkte holten Michael Adams (Baden-Baden) und Artur Zarka (Roskovec), beide erzielten 6,5/7.


Lauter Medaillentraäger: Onischuk, Stefanova, Miroshnichenko, Georgiev

Das Turnier war ausgezeichnet organisiert. Schön waren vor allem der Service und die Einstellung den Spielern gegenüber. Dazu kamen noch ein paar ungewöhnliche Rahmenveranstaltungen – wie die Unterwasserschachpartie. Das Nationalfernsehen berichtete ausführlich vom Turnier und die Ergebnisse der Heimmannschaft Alkaloid wurden genau verfolgt. Sie starteten mit fünf Siegen und es ist schade, dass sie nicht mehr daraus machen konnten. Ein Spieler im Team zeigte besonders gutes Schach, acht Jahre nach seinem ersten Besuch in Ohrid. Andrey Volokitin gewann die Goldmedaille für das beste Ergebnis an Brett drei überzeugend mit 6/7 und zu jedermanns Überraschung gewann er etliche Partien nicht in seinem “üblichen” scharfen Stil, sondern in eleganten Turmendspielen.

Eti hatte einen freien Tag, an dem wir das Kloster St. Naum besichtigten, das 905 errichtet wurde.

Naum, Schüler von Cyril und Methodius (den Schöpfern des kyrillischen Alphabets, das heute noch in Russland, der Ukraine, Bulgarien, Mazedonien und Serbien benutzt wird) hat etwa zwanzig Kilometer entfernt von Ohrid gelebt.


Das Kloster von Naum

Pfauen leben friedlich im Garten des Klosters.

Der Mönch am Eingang erzählte uns, was wir machen müssen, um glücklich zu werden.


Frühling im Kloster




Fresken in der Kirche

Wir dachten an einen Wunsch während wir das Grab des Heiligen berührten und mit dem rechten Ohr haben wir versucht, seinem Herzen zuzuhören.



Ich konnte es nicht hören, aber ich hoffe, mein Wunsch geht in Erfüllung.


See Ohrid


GM Dejan Bojkov
www.dejanbojkov.blogspot.com



 

 

 

 

 

 

 

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