Das erste Drittel Schach-WM: Eine Rückschau

20.10.2008 – Vier von zwölf Partien der Schach-WM in der Bundeskunsthalle in Bonn sind gespielt, und es war ein gutes erstes Drittel. Das Ambiente stimmt, die Spieler bringen sich durch ihre Züge ins Gespräch, nicht durch Mätzchen und Marotten und das Publikum sah spannende Partien und begeisterndes Schach. Das Medieninteresse ist groß und Bonn freut sich, die WM zu Gast zu haben. Nach vier Partien führt Anand 2,5:1,5. Dagobert Kohlmeyer blickt auf einen viel versprechenden WM-Auftakt und sprach mit Bons OB Bärbel Dieckmann. Turnierseite...Zum Bericht...

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Schach-WM : Bonn ist stolz, Anand führt, Kramnik bleibt ruhig
Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer

Nach dem ersten Drittel der Schachweltmeisterschaft zwischen Viswanathan Anand (Indien) und Wladimir Kramnik (Russland) liegt der Titelverteidiger mit 2,5:1,5 in Führung. Eine Woche ist seit der Auftaktpressekonferenz in Bonn vergangen, Zeit für den Schachreporter, die bisherigen Ereignisse mal Revue passieren zu lassen.

Sonntag, 12. Oktober: Die WM-Finalisten stellen sich der Presse. Tags zuvor haben sie in der Bundeskunsthalle schon ihre Stühle ausprobiert. Etwa eine Viertelstunde lang begutachteten Anand und Kramnik die Sessel, auf denen sie während der Partien mehrere Stunden lang sitzen werden. Während der Russe nach kurzer Zeit mit den Worten "Das sind die besten Stühle der Welt" seine Inspektion beendete und auf seinem Platz noch ein paar Minuten lässig hin und her schaukelte, bat Anand darum, seinen Sitzplatz noch etwas besser einzustellen. Auch Spielbrett und Schachfiguren wurden einer gründlichen Prüfung unterzogen. Turnierdirektor Josef Resch hatte den beiden WM-Finalisten verschiedene Figurensätze zur Auswahl angeboten. Sie spielen mit den vertrauten Staunton-Figuren.

Vor den Journalisten kündigen Vishy Anand und Wladimir Kramnik ein Match auf hohem Niveau an. Bei ihrem mit 1,5 Millionen Euro dotierten Duell wollen sie sich einen harten Kampf liefern. Kramnik und Anand loben die guten Spielbedingungen in der Bundeskunsthalle, der Russe nannte sie sogar brillant. Die WM-Finalisten wohnen hier im selben Hotel, allerdings in verschiedenen Flügeln. Trotz des hohen Einsatzes und bei aller Konkurrenz soll das Duell aber Genleman-like über die Bühne gehen, nicht so wie in Elista bei Kramnik-Topalow. Beide Spieler haben sich monatelang intensiv vorbereitet, jetzt kann es endlich losgehen.

Montag, 13. Oktober: Der Abend senkt sich über Bonn, im Rathaus gehen die Lichter an. Anand und Kramnik haben wenige Stunden vor dem ersten Zug noch eine leichtere und angenehmere Aufgabe. Sie tragen sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann begrüßt die Schachstars und verweist darauf, dass sich schon viele gekrönte Häupter sowie Staats- und Regierungschefs aus aller Welt in dem Buch verewigt haben. Bonn sei sehr stolz, so ein großes Sportereignis wie die Schach-WM auszurichten. Danach folgt das Galadinner, dessen Höhepunkt die Farbauslosung ist. Kramnik hebt unter seinem Kegel eine weiße Beethoven-Figur hervor.



Damit hat ihm der berühmteste Bonner den Anzugsvorteil in der ersten Partie beschert.


Der erste Zug

Viel Schach-Prominenz ist an diesem Abend versammelt, beobachtet das Geschehen, genießt das Spiel zweier Geigenvirtuosen und nutzt die Gelegenheit zu Gesprächen, unter ihnen FIDE-Ehrenvorsitzender Florencio Campomanes, DSB-Präsident Robert von Weizsäcker und Sportdirektor Horst Metzing.

"Wir sind stolze Gastgeber der Schach-WM"
Interview mit Bonns Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann

Das Stadtoberhaupt von Bonn hat ein Herz für Sport. Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann gibt im folgenden Gespräch Auskunft über Schach, Joggen und ihre Söhne, die bekannte Beachvolleyballer sind.

Bonn ist seit vorigem Dienstag Nabel der Schachwelt. Wie stolz sind Sie?

Das ist natürlich ein ganz wunderbares Ereignis für unsere Stadt. Es erfüllt uns mit großem Stolz, Gastgeber der Schachweltmeisterschaft 2008 zu sein. Wie die Freunde des königlichen Spiels in aller Welt haben wir dem Match zwischen Anand und Kramnik entgegengefiebert.


Wladimir Kramnik, Bärbel Dieckmann, Vishy Anand

Welche Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf, nachdem Bonn als WM-Ort feststand?

Ich habe mich unglaublich gefreut, dass wir die Gelegenheit erhielten, eine so hochkarätige Sportveranstaltung auszurichten. Sie ist neben der Olympiade in Dresden das größte Schachereignis des Jahres. Großartig, dass die ganze Welt nun auf uns schaut. Die Stadt wird eine ganze Zeit lang jeden Tag in den Nachrichten und Zeitungen sein.

Bonn hat sich geschmückt, nicht nur entlang der Adenauer-Allee, die zur Bundeskunsthalle führt, leuchten die WM-Plakate.

Wir wollen uns zu diesem WM-Duell von unserer besten Seite zeigen. Bonn ist für Menschen aus dem In- und Ausland ein großer Anziehungspunkt. Die Schachweltmeisterschaft wird das Interesse der Öffentlichkeit ein weiteres Mal auf die Stadt lenken.

Warum ist das Logo der Schach-WM nicht am Rathaus zu sehen so wie in Dresden das Olympiade-Transparent?

In der Innenstadt gibt es bei uns keine Plakate. Unser Rathaus ist mit Fahnen geschmückt. Die beiden Schachspieler haben sich vor der ersten Partie ins Goldene Buch eingetragen, das ist unsere größte Referenz an sie.


Anand trägt sich ins Goldene Buch ein

Verfolgen Sie die Spiele der Schachweltmeisterschaft?

Natürlich. Ich war zur Eröffnung und habe die ersten Züge des Matchs von Anand und Kramnik live miterlebt. DSB-Präsident Robert von Weizsäcker saß neben mir und hat mir den Partieverlauf erläutert. In den nächsten Wochen möchte ich den Figurenkünstlern, so oft es meine Zeit erlaubt, bei ihren Manövern zusehen.

Spielen Sie selbst Schach?

Ich kenne die Regeln, und könnte durchaus eine Partie spielen, aber nicht auf so hohem Niveau.

Welche anderen Sportarten betreiben Sie?

Früher spielte ich Volleyball, heute jogge ich. Meine Söhne sind Beachvolleyballer. Markus ist nicht mehr aktiv, aber Christoph ja noch immer sehr erfolgreich und aktuell Zweiter der Weltrangliste.

Erstes Matchdrittel

Am Tag darauf sprachen dann endlich die Figuren. Vier Spieltage erleben vier ganz unterschiedliche Partien. War der Auftakt noch verhalten, obwohl die Partie "durchaus "schöpferische Elemente enthielt" (Robert von Weizsäcker), so bot das zweite Spiel schon eine Menge Zündstoff.


Anand stellt die Figuren auf

Anand hatte überraschend mit dem d-Bauern eröffnet und auf Kramniks Nimzoinder die seltene Variante mit 4. f3 gewählt. Da war eine Menge Pfeffer drin. Im Partieverlauf erhielt Vishy deutliche Stellungsvorteile, konnte aber trotz seines Läuferpaares keine entscheidende Überlegenheit erzielen. Wladimir blieb cool, gab einen Bauern für Gegenspiel und neutralisierte auf diese Weise alle Gefahren. "Darum und wegen meiner Zeitnot habe ich Kramniks Remis-Angebot akzeptiert", erklärte der Weltmeister hinterher. Den ersten Ruhetag wollten beide nutzen, um mit ihren Teams neue Überraschungen auszubrüten. Kramniks Sekundant Sergej Rublewski feierte hier in Bonn am letzten Mittwoch seinen 34. Geburtstag. Gemeinsam mit seinen Kollegen Peter Leko (Ungarn) und Laurent Fressinet (Frankreich), die alle zu Kramniks Mannschaft gehören, schaute der Russe, der in Kurgan (Sibirien) zu Hause ist, im Pressezentrum der WM vorbei.


Peter Leko stellt sich den Fragen indischer Journalisten

Viele Schachgrößen verfolgen das Geschehen in Bonn, darunter DSB-Präsident Robert von Weizsäcker, der frühere WM-Kandidat Robert Hübner sowie zahlreiche Großmeister aus verschiedenen Ländern.


Dr. Robert Hübner und Prof. Dr. Robert von Weizsäcker

Der Schachbund-Präsident nannte die äußeren Bedingungen fast perfekt. "Die Bundeskunsthalle ist erfahren in der Organisation solcher Ereignisse. "Stichwort Kramnik - Deep Fritz". Von Weizsäcker betonte: "Schachweltmeisterschaften werden ja manchmal irgendwohin vergeben, aber die Bonner veranstalten einen so bedeutenden Event nicht zum ersten Mal. Ich finde es persönlich gut, dass gerade diese Einrichtung das Ganze auf die Beine stellt, weil Schach ja vor allem ein Kulturgut ist, das wir an den Mann bringen müssen. Und da ist die Synthese aus Sport und Kunst aus meiner Sicht hochwillkommen".


Fernschachgroßmeister Robert von Weizsäcker plaudert mit Schachgroßmeister Arthur Jussupow

Mit den FIDE-Vertretern Campomanes und Makropoulos führte der DSB-Präsident in Bonn intensive Gespräche. Von Weizsäcker bezeichnete die Schach-WM und die anschließende Olympiade als ein Geschenk für Deutschland. Von dem großen Interesse der Öffentlichkeit an diesen beiden Highlights des Jahres 2008 werde der Schachsport ganz sicher profitieren, erklärte der Ökonomieprofessor aus München. "Wir sind einer der größten Verbände in der Schachwelt, und ich würde auf diesem Weg auch gern die europäische Präsenz im Weltschachbund erhöhen".

Der DSB-Präsident war hier an den ersten vier Spieltagen nicht nur ein gefragter Gesprächspartner für alle Medien, sondern als Fernschachgroßmeister und Olympiasieger auch ein gern gesehener Gast bei den Live-Kommentatoren. Ob bei Helmut Pfleger oder beim amerikanischen Großmeister Yasser Seirawan (in vorzüglichem Englisch) teilte er einer großen Fangemeinde in aller Welt seine fundierten Beobachtungen zum Verlauf der WM-Partien mit.

Partie 3 - der Knaller


Auftakt zu einer schachlichen Sternstunde

Dies Spiel bot alles, was Schach so faszinierend macht: Eine überraschende Neuerung in der Eröffnung, ein wildes Hauen und Stechen, tiefes Nachdenken, Zeitnot und Nervenflattern, einen Mattangriff und eine Weißniederlage. Die Schach-WM hatte ihr erstes Highlight. Am Abend dann dies:

Wladimir Kramnik betritt als erster das Podium. Die Pressemeute lauert schon. Fotografen schießen ihre Blitze in das müde Gesicht des Schachgenies.


Kramnik bei der Pressekonferenz

Gerade hat der Exweltmeister aus Russland seine erste Niederlage gegen Anand kassiert. Mit Weiß, was ganz selten bei ihm passiert. Der Sieger aus Indien lässt die Medienleute noch etwas warten. Kramnik geht derweil vorn am Tisch in Gedanken wohl nochmal die Partiephase durch, wo er seinen Turm unglücklich auf a3 postierte, was letztlich die Null einbrachte. Danach stellt er sich wie Anand den Fragen zu der ungewöhnlichen Partie. Beide analysieren in gewohnt ruhiger Art das Spielgeschehen. Nach 15 Minuten hellt sich Kramniks Miene schon wieder auf, er hat in seiner Karriere gelernt, mit Schlappen umzugehen. Anand kann dem Ruhetag entspannter als er entgegensehen.


Anand bei der Pressekonferenz

Die Fachwelt diskutiert danach noch lange, was da gerade passiert ist. Artur Jussupow und Helmut Pfleger nennen die Partie herausragend. "Sie war hochkompliziert, spannend, wild, eigentlich völlig undurchsichtig. Dort, wo die Computer sich bestens auskennen, geben sie praktisch zu jedem Zug auch ihr Placet. Es ist unglaublich, sie rechnen millionenfach schneller, und trotzdem kann der Mensch in ihrem ureigensten Metier mithalten. Das war eine phantastische Partie, spannend bis zum Schluss. Da kann man nur froh sein, dies mitzuerleben", meint Pfleger.

In der vierten Partie lieferte Kramnik dann nach Ansicht des Münchner Großmeisters mit seinen schwarzen Figurenmanövern ein Lehrbeispiel strategischer Spielführung, aus dem jeder Schachfreund etwas mitnehmen könne. Der Herausforderer zeigte sich in der Tat von seiner Niederlage des Vortages gut erholt und war in keiner Phase des Spiels in Gefahr. Er übertrieb das Risiko nicht und befolgte damit einfach eine goldene Regel der russischen Schachschule, nach einem verloren Spiel erst einmal ein sicheres Remis zu machen.

Auf die Frage eines russischen Journalisten nach seiner weiteren Matchtaktik erwiderte Kramnik lächelnd, dass er auf Grund des Rückstandes im Gesamtklassement keinerlei Grund zur Panik sieht. "Ich warte auf meine Chance und bin sicher, sie wird kommen", sagte der Russe und erfüllte beim Verlassen der Bundeskunsthalle noch viele Autogrammwünsche. Vishy Anand war da schon längst mit seiner Frau Aruna enteilt. Beide WM-Finalisten haben am Sonntag ihren zweiten Ruhetag, ehe das Match am Montag fortgesetzt wird.


Das Ambiente stimmt - Hostessen spielen Schach

Viel gelobt wird von Zuschauern und prominenten ausländischen Gästen das Ambiente der Bundeskunsthalle. Es könne für eine Schach-WM besser nicht sein. Der Spielsaal reichte aber am Samstag nicht, er war mit Zuschauern mehr als überfüllt. Da die Plätze dem Ansturm nicht genügten, sie waren vorher schon restlos ausverkauft, saßen die Leute auch auf den Treppenstufen.


Marsha Mohite, Robert Huntington

Das Ereignis in Bonn stößt auch auf ein großes Medieninteresse. 500 Journalisten aus allen Kontinenten sind akkreditiert, Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen sowie das Internet bringen ausführliche Berichte. Helmut Pfleger: "Wenn das so weitergeht wie vor zwei Jahren beim Match Kramnik - Deep Fritz, dann gehen alle zufrieden auseinander".

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