Das pure Pirc-Vergnügen

08.06.2007 – Die Pirc-Verteidigung ist eine sehr flexible Eröffnung, mit der der Nachziehende rasche Vereinfachungen vermeiden und den vollen Punkt anstreben kann. Schwarz entwickelt erst den eigenen Königsflügel und schaut sich an, welchen Aufbau Weiß wählt, um dann gezielt zum Schlag gegen das weiße Zentrum auszuholen. Viele bekannte Namen sind mit der Pirc-Verteidigung verknüpft: Mikhail Gurevich, Alexander Chernin, Jan Timman, Yasser Seirawan, Alexander Beliavsky und einige mehr. Der englische Großmeister Nigel Davies gilt  seit Jahren als einer der führenden Experten in dieser Eröffnung. Seit kurzem liegt von ihm eine Pirc-DVD im Videoformat vor. Bereits jetzt hat Davies' insgesamt 7-stündiger Trainingskurs von verschiedenen Seiten höchstes Lob für Präsentation und Inhalt erfahren. Nigel Davies: "The Pirc Defence" im Shop kaufen... Zur Rezension mit Videoausschnitt...

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Sehnsucht nach schwarzen Feldern
Nigel Davies' Pirc-DVD rezensiert von Steve Giddins

Leser meines Buches “Der Aufbau eines Eröffnungsrepertoires” wissen, dass ich fest daran glaube, dass Spieler ihren Eröffnungen treu bleiben und nicht alle paar Jahre die Pferde wechseln sollten. Allerdings bringt es Vorteile, ab und zu eine andere Eröffnung zu spielen. Bei mir, der ich seit über 20 Jahren Französisch spiele, betrifft das  farbliche Vorurteile. Wie jeder Französischspieler weiß, muss man sich an schwarze Felder gewöhnen, die einfach nur offene Wunden sind – vor allem, wenn man Winawer spielt. All diese Bauern auf den weißen Feldern, keinen schwarzfeldrigen Läufer mehr… Natürlich, man hat Kompensation, der Weiße hat einen Doppelbauern, usw., aber dennoch, nachdem man 20 Jahre und mehr mit Schwarz Winawer-Stellungen gespielt hat, neigt man manchmal zur Verzweiflung und wünscht sich Stellungen, in denen man die schwarzen Felder ein bisschen besser im Griff hat.

 

Nun gut, wenn Sie schwarze Felder wollen, dann gibt es kaum eine bessere Eröffnung als die Pirc-Verteidigung 1 e4 d6 2 d4 Sf6 3 Sc3 g6. Hier macht Schwarz die Dinge von Anfang an klar, er gestattet Weiß, das Zentrum mit Bauern zu besetzten, aber verschafft sich Möglichkeiten zu Gegenspiel auf den schwarzen Zentralfeldern. Der Läufer auf g7 feuert auf der langen Diagonale und wird später von Zügen wie e5 oder c5 unterstützt, die die schwarzen Felder angreifen und das weiße Zentrum unterminieren.

Pirc und sein enger Verwandter, die Moderne Verteidigung, erfreuen sich heutzutage bei den absoluten Top-Großmeistern nicht der allergrößten Beliebtheit, aber ein harter Kern von Anhängern hält ihnen die Treue, und es ist klar, dass Schwarz aus Sicht der Theorie keine wirklich ernsten Probleme lösen muss. Objektiv gesehen steht Weiß in etlichen Varianten wahrscheinlich etwas besser, aber auch nicht mehr als in den meisten anderen Eröffnungen. Außerdem bieten die meisten Stellungen im Komplex Pirc/Moderne Verteidigung größere Chancen auf aktives Gegenspiel als viele andere Eröffnungen, da starke Vereinfachungen zu Beginn der Partie meist vermieden werden. Dies macht Pirc zu einer idealen Eröffnung für Spieler, die mit Schwarz gewinnen wollen. 

Was starke Großmeister betrifft, so wendet Ponomariov Pirc regelmäßig an, aber wahrscheinlich ist Mikhail Gurevich der erfolgreichste Vertreter dieser Eröffnung. Interessanterweise kombiniert er Pirc mit Französisch als Hauptwaffen gegen 1 e4, was meine Theorie über Farbkomplexe weiter unterstützt. Und wenn man diesen Gedanken erst einmal verfolgt, dann fällt einem ein, dass auch der große Mikhail Botvinnik, der die Hälfte seiner Karriere die schwarze Fahne im Winawer hochgehalten hat, zum Ende seiner Laufbahn Anhänger der Modernen Verteidigung geworden ist! In England trug Ray Keene in den 1960ern und 1970ern maßgeblich dazu bei, Pirc populär zu machen, aber nach Keenes Rückzug vom aktiven Schach hat Großmeister Nigel Davies diese Rolle übernommen.

Video-Ausschnitt aus dem Kapitel "Österreichischer Angriff" starten...

Obwohl nicht mehr so aktiv wie früher halte ich Davies nach wie vor für einen der tiefsten englischen Spieler. Schon als Jugendlicher zeichnete sich sein Stil durch feines Verständnis verschiedener Systeme der Englischen und der Reti-Eröffnung mit Weiß und der Pirc-/Moderne Verteidigung mit Schwarz aus. Obwohl sich sein Stil in den letzten Jahren erweitert hat und er jetzt auch 1 e4 mit Weiß und 1 e4 e5 mit Schwarz spielt, so hatte ich dennoch immer das Gefühl, als ob sein Spiel in den raffinierten positionellen Irrgärten der hypermodernen Systeme den größten Eindruck hinterlässt. Deshalb ist er die Idealbesetzung, um dem Durchschnittsspieler in die Geheimnisse der Pirc-Verteidigung einzuführen, und genau das tut er auf dieser DVD. In mehr als 7 – genau, sieben! – Stunden Einführung bietet er ein vollständiges Repertoire für Schwarz an, das auf den Zügen 1 e4 d6 2 d4 Sf6 3 Sc3 g6 beruht.

Wie gründlich das Material abgehandelt wird, zeigt sich z.B. darin, dass nicht weniger als 13 einzelne Lektionen dem „Austrian Attack“, 4 f4, gewidmet sind. Davies verwirft hier die oft empfohlene Variante 4…Lg7 5 Sf3 c5, die Weiß erlaubt, mit 6 Lb5+ Ld7 7 e5 Sg4 8 e6 fxe6 9 Sg5 Lxb5 10 Sxe6 Lxd4 11 Sxd8 Lf2+ 12 Kd2 Le3+ usw. Remis zu forcieren. Stattdessen empfiehlt er die Variante 5…0-0 6 Ld3 Sa6, die zu scharfen Stellungen führt, in denen die Verteidigungsressourcen von Schwarz es ihm gestatten, sich gegen die unterschiedlichen weißen Angriffsideen zu behaupten.

 

Weitere besonders gefährliche weiße Systeme sind die, die mit 4 Le3 eingeleitet werden, sowie Robert Byrnes altes System 4 Lg5. Wenn mich meine verzweifelte Sehnsucht nach ein paar schwarzen Feldern dazu gebracht hat, Pirc zu spielen, bereitete mir Byrnes System stets die größten Sorgen. Nachdem ich gesehen habe, wie Davies diese Variante auf der DVD abhandelt, gibt es immer noch eine bestimmte Zugfolge, nach der bei mir noch nicht alle Zweifel in Bezug auf die schwarze Stellung ausgeräumt sind, aber ansonsten scheinen die hier vorgestellten Varianten Schwarz ausgezeichnetes Gegenspiel zu geben. Als langjähriger Pirc-Spieler verfügt Davies natürlich in den unterschiedlichsten Varianten über eine Vielzahl von eigenen Ideen und die teilt er die gesamte DVD hindurch mit dem Zuschauer.

Alles in allem glaube ich, dass jeder, der Pirc spielen möchte, auf dieser DVD eine große Menge wertvolles Material findet. Natürlich kann man wie bei jedem Repertoirebuch immer eine oder mehrere empfohlene Varianten durch andere ersetzen, wenn man feststellt, dass einem eine bestimmte Variante nicht gefällt, aber Davies hat sehr sorgfältig darauf geachtet, Schwarz die solidesten und zuverlässigsten Varianten zu empfehlen. Das nächste Mal, wenn jemand gegen mich mit 1 e4 eröffnet und ich mich nicht in der Lage fühle, ein weiteres schwarzfeldriges Gambit zu spielen, das sich hinter dem Namen Winawer verbirgt, dann weiß ich, was ich spielen werde…

Weitere Rezensionen der neuen Pirc-DVD von Nigel Davies finden Sie (in englischer Sprache) auf www.chesscafe.com and www.chessco.com 

 


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