Das vergessene Kandidatenturnier

von Michael Dombrowsky
05.10.2016 – Das Kandidatenturnier von 1956 in Amsterdam ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten, vielleicht, weil kein Spieler aus "dem Westen" teilnahm. Mit Smyslow, Keres, Petrosian, Bronstein, Geller und dem jungen Spassky waren sechs der zehn Teilnehmer Großmeister aus der Sowjetunion. Smyslow und Keres lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das Wassily Smyslow am Ende für sich entschied. Er besiegte im folgenden WM-Kampf auch Weltmeister Botwinnik, büßte den Titel im Revanchekampf aber wieder ein. Mehr...

ChessBase 14 Download ChessBase 14 Download

ChessBase 14 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...

Amsterdam 1956 – das vergessene Kandidatenturnier

Vor 60 Jahren fand ein Weltklasseturnier statt, das weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Dabei ging es in dem Wettbewerb sogar um das Recht, Herausforderer von Weltmeister Michail Botwinnik zu sein. Die Rede ist vom „Kandidatenturnier zur Weltmeisterschaft Amsterdam 1956“.

Dabei waren die Zutaten für ein hochklassiges, spannendes Turnier vorhanden. Da waren die Spieler der Weltklasse, eine Organisation mit dem holländischen Ex- Weltmeister Max Euwe an der Spitze, der auch noch dem Schiedsgericht vorsaß und noch im gleichen Jahr ein gelungenes Turnierbuch auf den Markt brachte. Euwe öffnete dem Veranstalter Türen – und Kassen – in den Verwaltungsstuben und bei privaten Sponsoren. Die Teilnehmer waren daher gut untergebracht und versorgt. Auch der Spielort, der Minerva-Pavillon in der Musikakademie in Amsterdam, war gut gewählt; und als man für zwei Spielrunden (die zehnte und elfte von achtzehn) nach Leeuwarden ausweichen musste, erwies sich der Turniersaal in der historischen Kornbörse platzmäßig als noch großzügiger.

Warum fand das Turnier so wenig Beachtung? Der Berliner Wolfgang Heidenfeld, war ein Schachjournalist und Buchautor, der 1933 vor den Nazis flüchten musste. Nach dem Zweiten Weltkrieg vertrat er Südafrika und viermal Irland bei Schacholympiaden. In Amsterdam als Schiedsrichter tätig, stellte er in einem Artikel eine interessante These auf. Nach seiner Meinung hatten in Amsterdam die westlichen Spitzenspieler gefehlt. Samuel Reschewski (USA) oder Miguel Najdorf (Argentinien) hätten wegen ihrer Kampfeslust dem Turnier die nötige Würze geben können.

So war die Sowjetunion mit sechs Topspielern vertreten: David Bronstein, Wassili Smyslov, Paul Keres, Efim Geller, Tigran Petrosjan und dem Jugendlichen Boris Spasski. Dieser Phalanx standen nur die beiden Argentinier Herman Pilnik und Jugend-Weltmeister Oscar Panno, sowie Laszlo Szabo (Ungarn) und Dr. Miroslav Filip (CSSR) entgegen. Das Turnier wurde doppelrundig gespielt.

Der Turnierverlauf war spannend, das verrät ein Blick an die Tabellenspitze, wo die Führung häufig wechselte – allerdings nur innerhalb der sowjetischen Meister. Nach der vierten Runde lag Smyslov bis zur sechsten allein vorn. Dann löste ihn ab Runde sieben bis zur neunten Runde Geller ab. Danach nahm Keres bis zur zwölften Runden Platz eins ein.

Keres-Pilnik

 

 

In Runde dreizehn schloss Geller zu ihm auf, in Runde vierzehn zog Smyslov mit den Beiden gleich. In der fünfzehnten Runde fiel Geller zurück, in der sechzehnten auch Keres. Bis zum Turnierende baute Smyslov seinen Vorsprung auf anderthalb Punkte zu Paul Keres aus.

Smyslow-Bronstein

 

 

Damit hatte sich der logische Favorit durchgesetzt. Smyslov hatte 1953 das Kandidatenturnier in Zürich gewonnen und gegen Botwinnik 12:12 im WM-Kampf gespielt. Max Euwe erhielt nach dem Turnier in Amsterdam einen Brief von Fritz Sämisch, den er im Turnierbuch zitierte, da der deutsche Großmeister interessante Vergleiche zu den Meistern vergangener Tage zog.

Sämisch schrieb: „Ich studiere gegenwärtig mit fanatischer Hingabe die Kandidaten-Partien! Dabei studiere ich aber vorerst mehr die Spieler, als die Partien und da ist mir besonders bei Keres aufgefallen, er spielt wie der alte Lasker obgleich er doch noch gar nicht so alt ist. … Genauso wie dieser geht er nur noch dann aus sich heraus, wenn er „seine“ Partien bekommt, also eine bestimmte Art Stellungen, welche ihm liegen. Bekommt er aber keine derartigen Stellungen, so spielte Lasker stumpfsinnig auf Remis, und Keres erspart sich das sogar und bietet einfach Remis an. Smyslov spielt so stark und sicher wie Capablanca. Bronstein so ehrgeizig und verbissen wie Aljechin. Geller so tief und originell wie Tschigorin. Petrosjan so sicher und unbefangen wie Schlechter. Szabo kämpft so unverdrossen und schlagfertig wie ein „gutgelaunter“ Spielmann. Spasski erinnert an den jungen Marshall. Panno ist noch nicht ausgereift, aber ausdauernd und eigenbrötlerisch, nicht unähnlich Nimzowitsch. Bei Filip und Pilnik ist es schwierig, deren Farbe zu bestimmen. Filip ist intelligent und zähe, aber hat noch keine genügende Praxis und Pilnik hat zuviel gespielt und daher noch keine Zeit gefunden, sich zu einer eigentlichen Linie zu entwickeln. Die Praxis allein oder die Möglichkeit dazu genügt eben nicht, man muss auch an was glauben.“

Smyslov gewann das Turnier von Amsterdam mit 11,5 Punkten (+6 = 11 -1) aus 18 Partien und bezwang auch Weltmeister Botwinnik 1957 mit 12,5:9,5. Allerdings verlor er bereits ein Jahr später den Revanchekampf mit 10,5:12,5 und Botwinnik war erneut Weltmeister.


 

 



Michael Dombrowsky war fast 40 Jahre als Redakteur bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften tätig. Als Rentner begann er Bücher zu schreiben. Das erste Schachbuch auf dem Markt sind die „Berliner Schachlegenden“.
Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren

JochenSchoof JochenSchoof 06.10.2016 09:11
Ich finde es etwas merkwürdig, dass zwar Paul Keres als Este gelistet wird, Tigran Petrosjan aber als Russe. Es wäre folgerichtig, ihn als Armenier zu führen. Generell denke ich aber, dass es am sinnvollsten wäre, die seinerzeitigen Nationalitäten, also sechsmal die Sowjetunion, zu benutzen. Denn weder Armenien noch Estland gab es 1956 als souveräne Staaten.
1