Der Zauber des Arion

31.12.2002 – Zum Jahreswechsel 1920/21 nahm das Leben von Alexander A. Aljechin eine entscheidende Wendung. In mehreren Etappen reifte in ihm der Entschluss, seine russische Heimat zu verlassen. Was hinter ihm lag, beschrieb Aljechin in dem dünnen Heft Das Schachleben in Sowjet-Rußland, Berlin 1921. In der Einleitung zu dieser Publikation griff Dr. Savielly Tartakower auf die antike Mythologie zurück: "Wie die wilden Tiere in der Arion-Sage, so ließen auch die bolschewistischen Machthaber den Schachzauber über sich ergehen." Mehr von Gerald Schendel...

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Der Zauber des Arion


Dürer: Arion

Schachweltmeister Alexander A. Aljechin (1892-1946) war, als Tschigorin 1908 gestorben war und das russische Schachleben einen Höhepunkt erreicht hatte, "zunächst nur einer unter den vielen Typen der russischen Meister" (Reti, Die neuen Ideen im Schachspiel, 1922). Noch die Erfolge, die Aljechin 1914 - kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges - erreicht hat, galten als "glücklich" oder "überraschend". Dann verschwand er von der Bildfläche. Nach dem Krieg und der Revolution in Russland gab es im Westen Gerüchte, Aljechin sei gestorben.


  

 

1921 tauchte Aljechin in einem Berliner Schachcafé auf. Er sagte wenig über die zurückliegenden Jahre, schleppte angeblich ständig eine Sèvres-Vase mit sich herum, die er vom russischen Zaren für den Sieg im all-russischen Meisterturnier 1914 erhalten hatte (A. Münninghoff, Max Euwe, 2001). Was Aljechin selbst über die vergangenen sieben Jahre mitzuteilen bereit war, enthielt die von Tartakower (1887-1956) als "Buch" bezeichnete Publikation "Das Schachleben in Sowjet-Rußland" (32 Seiten), dessen Text auf "Berlin, im Juni 1921" datiert ist. Als Verfasser gab der Berliner Verleger Bernhard Kagan (1866-1932) übrigens "Alexander von Aljechin" an.

Der Originaltext ist schwer zu erhalten. An deutschen Universitätsbibliotheken gibt es zwei Exemplare, in Norwegen und Schweden kann man sich das Heft ausleihen. Das Ministerium für Volksbildung der Deutschen Demokratischen Republik nahm Aljechins Text 1952 in eine "Liste der auszusondernden Literatur" auf. Anfang der 80er Jahre erschien in Westdeutschland ein Reprint. Einen weiteren Nachdruck enthält ATTACKE - Das Beste vom Sowjetschach, Bd. 3, Sportverlag Berlin, 1992.

In der Aljechin-Biografie von Müller/Pawelczak (2. Aufl., Berlin 1962) ging man recht ausführlich auf Aljechins Broschüre ein: "Sie enthält viel interessantes Material und macht manche Tatsache publik, die bei der Verschwiegenheit des Ostens sonst wohl für immer im Meere der Vergessenheit versunken wäre." In einem Satz erwähnten Müller/Pawelczak Aljechins "schönen Nachruf" für den vielversprechenden Meister Evensson (aaO., S. 17), der von den Truppen Denikins bei dem Rückzug aus Kiew füsiliert wurde, zitierten jedoch Aljechins Erklärung leider nicht vollständig. Der Originaltext in Das Schachleben in Sowjet-Rußland lautet:

"Im Jahre 1919 erhielt man in Moskau die Nachricht vom Tode des jungen und viel versprechenden Meister Alexand. Moissejewitsch Evensson, der von den Truppen des Generals Denikins bei ihrem Rückzug aus Kiew füsiliert wurde, da er einerseits als ein verantwortlicher Sowjet-Beamter aufgefaßt wurde (Evensson wurde nämlich von den Bolschewisten in seiner Eigenschaft als Jurist zum Dienst herangezogen, wobei er als Untersuchungsrichter des kriegsrevolutionären Tribunals fungierte) und so anderseits das Unglück hatte, ein Jude zu sein."


Bemerkenswert ist diese Notiz aus mehreren Gründen. 1. Aljechin kannte Evensson persönlich; er spielte 1916 ein Match gegen ihn und anscheinend auch 1918 in Kiew. 2. Neun Monate, vom 13. Mai 1920 bis zum 13. Februar 1921, arbeitete Alexander Aljechin selbst als Untersuchungsrichter bei der Hauptverwaltung der Miliz (vergl. Isaak u. Wladimir Linder, Das Schachgenie Aljechin, Sportverlag Berlin 1992, S. 66). 3. Aljechins Broschüre Das Schachleben in Sowjet-Rußland enthält keinerlei anti-semitische, bzw. anti-jüdische Elemente, sondern macht im Gegenteil anläßlich der Tötung Evenssons auf Ausschreitungen gegen Juden aufmerksam.

In der berühmten Berliner Wochenschrift Die Weltbühne beklagte sich Chajim Ahron Krupnik in der Ausgabe vom 23. Juni 1921 (S. 689 f.) in einem Beitrag unter der Überschrift Europa tanzt!:


"(...) Die Ukraine wurde mehrere Male nach einander 'befreit': die Türken befreiten sie von den Tartaren, die Polen von den Türken, die Russen von den Polen, die Deutschen von den Russen, die Ukrainer von den Deutschen, die Bolschewiki von Petljura, Denikin von den Bolschewiki - und so weiter. Aber alle versuchten, sie von den Juden zu befreien, die bekanntlich an allem schuld sind. (...) Dieses Entsetzen dauert bald zwei Jahre. Ueber achthundert jüdische Siedelungen sind in zweitausend Pogromen vernichtet worden. Mehrere hunderttausend Juden sind durch Mord, Hunger, Krankheiten umgekommen. (...) Europa will auch von all dem Elend gar nichts hören. Die Zeitungen (...) haben für den Brand eines Warenhauses in Amerika oder Erdbeben in den Philippinen mehr Interesse als für die unerhörte Vernichtung von drei Millionen Juden in der Ukraine. (...)"

Dr. Savielly G. Tartakower, dessen Familie in Russland unter Ausschreitungen gegen Juden zu leiden hatte, wird Aljechins Bericht über den Tod Evenssons nicht entgangen sein. Tartakower lebte Anfang der 20er Jahre in Wien, beschäftigte sich aber dennoch viel mit Russland. Er übersetzte 1922 eine Anthologie moderner deutscher Poesie ins Russische. 1923 erschien im Interterritorialen Verlag Renaissance, Wien, Das russische Revolutionsgesicht: eine Anthologie zeitgenössischer russischer Dichtungen, ins Deutsche übertragen und mit einer Einleitung versehen von Savielly Tartakower. Sein Verleger, D. Erdtracht, hat Anfang der 20er Jahre mehrere zionistische Schriften veröffentlicht. Am Rande sei bemerkt, dass ein Soziologe namens "Aryeh Tartakower" (verwandt mit Savielly?) für den Jüdischen Weltkongreß tätig war.

Bücher über das neue Russland waren 1920/21 sehr populär. Der seinerzeit sehr bekannte deutsche Arzt und Pazifist Prof. Georg Friedrich Nicolai schrieb in der Berliner Weltbühne (Bolschewik und Gentleman, Ausgabe v. 6. Januar 1921, S. 10 ff.):


"Jeder, der in Rußland war, hält sich für verpflichtet, über die Bolschewisten (im Augenblick für Viele eine der interessantesten exotischen Kuriositäten) zu schreiben; und das Publikum glaubt, diese Berichte von Augenzeugen hätten besondern Wert. Das ist ein Irrtum; sehr oft verzerrt allzu große Nähe (...) So ist nicht erstaunlich, daß auch heute wieder nur zu oft gleich kluge Menschen, die zu gleicher Zeit in Rußland waren, das Entgegengesetzte aussagen. (...) Jeder, der in Rußland war, sieht es anders; und im Grunde sieht er nur Das, was er sehen will."

Auch die Schweizer Schriftstellerin Annelise Rüegg (1879-1934) befand sich 1920/21 in Russland. 1914 hatte sie das Buch Erlebnisse einer Serviertochter: Bilder aus der Hotelindustrie veröffentlicht, 1916 folgte die Fortsetzung Weitere Erlebnisse. Den ersten Weltkrieg verarbeitete sie in dem Buch mit dem Titel Im Kriege durch die Welt: Erlebnisse aus der Kriegszeit, Verlag Grütli Buchhandlung, Zürich 1918. Der Schweizerische Grütliverein war 1838 in Genf als patriotisch-demokratischer Arbeiterbildungsverein gegründet worden. Später wurden Gesangs- und Turn-, bzw. Sportvereine mal an-, dann wieder ausgegliedert.

1901 schloss sich der Grütliverein mit der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS) zusammen. 1915 trat der Grütliverein aus der SPS wieder aus. 1920 wurde in Luzern die sozialistische Arbeitersport-Internationale gegründet. Am 16. November 1920 hatte Annelise Rüegg ein Interview mit Lenin. Über ihre Erlebnisse in Sowjetrussland schrieb sie einen Bericht, der in der Schweizerischen Landesbibliothek in französischer Übersetzung erhalten und für die Schachgeschichte noch nicht ausgewertet worden ist: Impressions d'une socialiste suisse hôte des Soviets von Anna-Lisa Aljechin-Ruegg, Torino 1928 (38 Seiten).

Alexander Aljechin und Annelise Rüegg verlobten sich Weihnachten 1920. Anfang 1921 begleitete Aljechin seine Verlobte und andere Delegierte als Dolmetscher in Moskau und in anderen russischen Städten. Ob er sich schon entschlossen hatte, Russland zu verlassen? Im Februar 1921 gab er seine Arbeit als Untersuchungsrichter auf, am 15. März heiratete er Annelise Rüegg, und am 29. April 1921 erhielt er die Ausreiseerlaubnis nach Lettland. Dort soll er sich etwa zwei Monate lang aufgehalten haben, bevor er nach Berlin weiter reiste.

In Das Schachleben in Sowjet-Rußland fasste Aljechin seine Eindrücke abschließend so zusammen:


alles hänge von dem persönlichen Einfluß irgend eines "sowjetistischen" Regierungsmannes ab - "ähnlich wie das Schach in Moskau ein kurzes Aufblühen dank Iljin-Genewsky erlebte. Es erscheint aber kaum wahrscheinlich, daß man auf einem so unsoliden Fundament etwas Dauerndes bauen könne."

Tartakower leitete Aljechins Bericht mit den Worten ein:

"Wie die wilden Tiere in der Arion-Sage, so ließen auch die bolschewistischen Machthaber den Schachzauber über sich ergehen. Daß es dem bekannten Berliner Schachverleger gelungen ist, gerade den moskowitischen Großmeister und Schachdiktator a. D. Alexander Alexandrowitsch von Aljechin zur Schilderung jener wundersamen Schicksale zu gewinnen und daß er bei der Redigierung des Buches in deutscher Sprache wertvolles Belegmaterial beigefügt hat, kann man als einen besonders glücklichen Griff bezeichnen, für den ihm die gesamte Schachwelt Anerkennung zollen wird."

Was meinte Tartakower mit den wilden Tieren in der Arion-Sage? Die griechische Mythologie kennt einen König Arion von Milet, der Trambelos, den Sohn von Telamon und Hesione, wie seinen eigenen aufzog. Dieser Arion ist wohl nicht gemeint. Gemeint ist wohl auch nicht das wilde Pferd Arion, ein Kind des Meeresgottes Poseidon. Gemeint ist vermutlich der Sänger und Dichter Arion von Lesbos, eine historische Gestalt um 600 v. Chr. Auf ihn bezieht sich folgende Sage:

Arion von Lesbos wurde eines Tages eingeladen, an einem musikalischen Wettstreit in Sizilien teilzunehmen. Er gewann den Preis und wurde von seinen Verehrern mit vielen reichen Gaben beschenkt. Die Seeleute, die ihn in seine Heimat zurückbringen sollten, beschlossen, Arion zu töten und zu berauben.

"Du mußt sterben", sagte der Kapitän des Schiffes zu Arion. "Welches Verbrechen habe ich denn begangen?", fragte Arion. Der Kapitän erwiderte: "Du bist zu reich!" "Schont mein Leben", bat Arion. "Ihr sollt all meine Preise haben." Der Kapitän antwortete: "Du würdest dein Versprechen sicher vergessen, wenn wir in Korinth ankommen. Ich würde es an deiner Stelle auch tun. Eine erzwungene Gabe ist keine Gabe." Arion ergab sich in sein Schicksal, doch er hatte eine letzte Bitte: "Laßt mich noch ein letztes Lied singen." Der Kapitän stimmte zu.


Arion ging zum Bug des Schiffes, rief die Götter an, sang und sprang dann über Bord. Das Schiff segelte weiter.

Durch Arions Gesang war jedoch eine Schar Delphine angelockt worden. Einer von ihnen ließ Arion auf seinem Rücken sitzen. Bald überholten sie das Schiff und erreichten den Hafen. Arion war gerettet, die räuberischen Seeleute wurden zum Tode verurteilt.

Die wilden Tiere, von denen Tartakower sprach, wären demnach die Delphine, die sich durch die Kunst des Arion verzaubern ließen und ihm das Leben retteten. Der Vergleich mit den bolschewistischen Machthabern enthält eine Anspielung darauf, dass Aljechin in Anerkennung seines herausragenden Talentes mit einer offiziellen Ausreisebewilligung der russischen Regierung Russland verlassen durfte.

Treibt man den Vergleich noch weiter, wird aus dem um sein Leben singenden Sänger Arion der um sein Leben spielende Schachspieler Aljechin - doch eine Schachpartie Aljechins um das eigene Leben ist von Aljechin-Biografen in das Reich der Legende verbannt worden.


Gerald Schendel / 31.12.2002

 

 


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