Dichterfürst und Schachliebhaber – Vladimir Nabokov

02.07.2017 – Wer ist das denn, dieser Vladimir Nabokov? Ein russischer Großmeister? Welche Elo-Zahl hat er? Nabokov ist kein Großmeister und hat keine Elo-Zahl. Richtiger gesagt: Er war nicht und hatte nicht, denn der 2. Juli 2017 ist der vierzigste Todestag des Schriftstellers. Bei den Älteren dämmert es und als Erklärung hört man ein einziges Wort: „Lolita“.

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Nabokov hatte diesen Roman „Lolita“, der eine pädophile Beziehung zwischen einem zwölfjährigen Mädchen und einem 27 Jahre älteren Mann erzählt, 1955 veröffentlicht. Mitte der 50iger Jahre war solch ein Thema in der Gesellschaft ein Tabu. Besonders in den prüden USA. Seine literarischen Freunde rieten ihm von einer Veröffentlichung ab, sein engster Vertrauter Morris Bishop meinte sogar, dieses Werk könne ihn seine Professur kosten. Ein Teil der Lektoren der großen amerikanischen Verlage hielten das Werk für Pornographie und alle lehnten den Roman ab.

Nach der Veröffentlichung des Buches in Frankreich wurde es „privat“ nach England gebracht. Die so eingeschmuggelten Bücher fanden reißenden Absatz. Damals schrieb der britische Autor Graham Greene, der Schriftsteller mit den meisten Nominierungen für den Literaturnobelpreis – und ebenso vielen Ablehnungen, in der Londoner „Sunday Times“ über die drei wichtigsten Neuerscheinungen 1955. Er nannte Nabokovs „Lolita“, die anderen beiden waren eine Reisebeschreibung aus dem 18. Jahrhundert von Boswell und „Frankreichs Uhren gehen anders“ eines Schweizer Historikers.

"Lolita", aus der Verfilmung von Stanley Kubrick (1962) mit James Mason, Sue Leon und Shelley Winters. Nabokov schrieb selbst das Drehbuch.

Durch den Streit in Europa wurden die amerikanischen Zeitungen aufmerksam und nach hitzigen Debatten erschien „Lolita“ 1959 beim renommierten New Yorker Verlag G. P. Putnam’s Sons. Unbeeindruckt davon, was kirchliche Würdenträger, erzkonservative Politiker oder kluge Kritiker äußerten, „Lolita“ wurde das erste Buch nach „Vom Winde verweht“ 1937, von dem in den ersten drei Wochen mehr als 100.000 Exemplare verkauft wurden.

Der deutsche Nabokov-Experte Dieter Zimmer meinte einmal, dass es für den russischen Schriftsteller ein Glücksfall gewesen sei, mit dem Manuskript schon in den 50iger Jahren fertig gewesen zu sein. Zehn oder gar zwanzig Jahre später, nachdem viele Sex-Tabus gefallen waren, hätte „Lolita“ wohl kaum diese Aufmerksamkeit erfahren. Auch Nabokov sah es so. Die üppig sprudelnden Tantiemen gaben ihm die Möglichkeit, seine Stellung an der Universität zu kündigen und sich ganz dem Schreiben zu widmen.

Der Erfolg hatte noch einen anderen positiven Aspekt. Jetzt waren bei den Verlagen plötzlich seine früheren Werke gesucht und begehrt, sie wurden übersetzt und gedruckt. Nur gut, dass „Lolita“ bereits Nabokovs zwölfter Roman gewesen ist. Da gab es viel zu übersetzen und zu drucken.

So wurde auch der Roman „Lushins Verteidigung“ dem Vergessen entrissen. Den hatte Vladimir Nabokov bereits 1930 fertig gestellt und ist für mich bis heute der beste Schachroman. Dabei gibt es in dieser Geschichte keine Partienotation, kein Diagramm, dafür umso mehr Atmosphäre. Denn in diesem Buch gibt es weder Mord noch Totschlag – wenn man von einem „Selbstmatt“ als Lösung des Problems absieht.

Mit Sicherheit berührt und fesselt der Roman deshalb, weil ein Teil vom Leben des Autors in dieses Werk eingeflossen ist. Die genaue und dichte Beschreibung macht die Faszination aus. Man erfährt auch manches aus Nabokovs Leben. Der dickliche unsportliche Lushin kommt aus einer begüterten Familie mit einem Haus in St. Petersburg und einem Landsitz in den unendlichen Wäldern der Umgebung.

Nabokov war weder dicklich noch unsportlich, aber in einer begüterten Umgebung wuchs auch er auf. Sein Geburtshaus in St. Petersburg steht noch heute.

Er stammte aus einer reichen Familie. Die mütterlichen Verwandten bestanden im Wesentlichen aus Großgrundbesitzern und Goldminenbetreibern. Dennoch erlebte Nabokov früh, wie vergänglich Besitz und Glück sind. Mit 16 Jahren erbte er von einem Onkel mütterlicherseits eine riesige Villa und war sie mit 17 wieder los: die Bolschewiken hatten sie nach der Oktoberrevolution beschlagnahmt.

Seine Familie floh 1917 vor den neuen Herrschern und lebte in Berlin – so wie auch Lushin im Roman. Nabokov beschreibt dieses Leben der Exilrussen in Berlin, wobei er selbst anfangs in England studierte und erst nach dem Examen Mitte der 20iger Jahre nach Berlin kam. Mit scharfem Auge beobachtet er die russische Kolonie: die Reichen, die ihren Reichtum ins Exil gerettet hatten und in Saus und Braus lebten, die Wohlhabenden, die von der Rückkehr nach Russland träumten und diejenigen, die so taten als wären sie noch reich. Nabokovs Vater gab eine russische Zeitschrift heraus, bei 300.000 Russen in Berlin keine dumme Idee. Während im Scheunenviertel in Berlin-Mitte die russischen Juden in bitterer Armut versuchten zu überleben, wohnten die Nabokovs im eher feudalen Wilmersdorf und später im nördlichen Grunewald in Berlin-Halensee.

1936 musste er mit seiner jüdischen Frau erneut fliehen. Sie gingen zunächst nach England, 1940 in die USA. 1945 erhielt die Familie die amerikanische Staatsbürgerschaft, 1948 bekam Vladimir Nabokov an der Harvard-Universität in Boston eine Professur für europäische und russische Literatur.

1961 zog Nabokov mit seiner Familie in die Schweiz. Bis zu seinem Tod am 2. Juli 1977 lebten sie im Palace-Hotel in Montreux am Genfersee. In Clarens liegt Vladimir Nabokov mit seiner Frau Vera und seinem Sohn Dimitri in einem Familiengrab begraben.

Beim Schach mit seiner Frau Vera

Vladimir Nabokov verstand viel vom Schach und kannte eine Reihe von Großmeistern. Er konnte sich in die Psyche eines Meisters hineinversetzen, die Ängste und Sehnsüchte nachvollziehen, die Einsamkeit des Meisters verstehen – und er konnte all dies auf eindringliche Weise zu Papier bringen. Nabokov spielte jedoch kein Turnierschach, seine Liebe galt der Schachkomposition und Studie. Auf diesem Gebiet gelangen ihm einige preisgekrönte Kompositionen. Hier zwei Beispiele:

Weiß am Zug, Matt in zwei

 

 

Weiß am Zug, Matt in drei

 

 

Nabokov Museum...

 


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