Die feine englische Art

11.06.2008 – Dass beim Schachspielen nicht nur Figuren auf einem Brett hin und her bewegt werden, wird jeder wissen, der schon einmal eine Turnierpartie gespielt hat. Also so ziemlich jeder Schachspieler. Dass beim Schach aber - egal ob Profi oder Amateur - jede Menge Emotionen mitschwingen und dass hierin ein enormes psychologisches Potential liegt, davon haben die meisten Spieler nur eine schemenhafte Ahnung. Die für manchen vielleicht überraschende Botschaft der DVD "Chess for Scoundrels" ("Schurkenschach") von Nigel Davies lautet, dass Amateure auch in Sachen Psychologie im Schach eine Menge von den Profis lernen können. Diese Erfahrung musste auch Rezensent Matthias Krallmann vor einigen Jahren beim Open in Hamburg machen. Und zwar gegen eben jenen Nigel Davies, der in seinen Umgangsformen einen so dezidiert korrekten Eindruck auf ihn  machte, wie man es von einem gebildeten Engländer erwarten darf. Nigel Davies: "Chess for Scoundrels" im Shop kaufen...Zur Rezension mit Videoausschnitt...

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Nigel Davies: "Chess for Scoundrels"

Rezension von FM Matthias Krallmann

Beim Hamburger Open 1993 spielte ich gegen einen seriös wirkenden Großmeister aus England, welcher von seinem ganzen Habitus und seinem Auftreten den Eindruck vermittelte, er würde korrektes Schach spielen. Seine Spielanlage erwies sich jedoch als höchst spekulativ. Der Erfolg gab ihm Recht, ich verlor chancenlos. Nach fünfzehn Jahren habe ich ihn durchschaut. Sein Name ist Nigel Davies. Der Titel seiner neuen DVD “Chess for Scoundrels” lässt sich vielleicht am besten mit “Schach für Schurken” übersetzen.


Nigel Davies:
Chess for Scoundrels...

Der Autor konstatiert, dass es gut ist, wenn man im Privatleben nett ist. So findet und behält man leichter einen Partner oder Freunde. Auch für das Berufsleben kann es nicht schaden, wenn man gut mit anderen zusammenarbeiten kann. Davies meint jedoch, dass auf dem Schlachtfeld des Schachbrettes ein guter Schachspieler etwas von einem Schurken braucht um zu überleben. Er will den Zuschauer nicht dazu motivieren unfair zu sein. Fußtritte unter dem Tisch, wie Petrosjan sie einst praktizierte, liegen ihm fern. Davies Gebiet ist die Psychologie, seiner Ansicht nach einer der wichtigsten Aspekte des Schachs, der von vielen Spielern jedoch weitgehend ignoriert oder zumindest unterschätzt wird. Ich erinnere mich an einen Vortrag des Psychologen Munzert bei einem A-Trainer-Lehrgang. Im Anschluss daran wurden die Teilnehmer aufgefordert, einzuschätzen, wie hoch der Anteil der Psychologie am Ausgang eines Schachturniers sei. Das Ergebnis war, dass die Teilnehmer (unter ihnen deutsche Spitzenspieler wie die Großmeister Lutz, Bönsch und Müller) zur Überzeugung gelangten, dass bei einem geschlossenen Rundenturnier mit annähernd gleicher Spielstärke die Psychologie durchaus eine gewisse Rolle spielen könne. Bei einem Open mit großen Spielstärkenunterschieden hingegen würden sich die besseren Spieler immer durchsetzen, auch wenn die schwächeren Spieler psychologisch vorbereitet wären. Grundsätzlich hatte ich den Eindruck, dass die meisten Trainer eher an Elo als an Psychologie glaubten. Mittlerweile sind einige Jahre ins Land gegangen und der Weltmeisterschaftskampf Kramnik-Topalov hat verdeutlicht, wie wichtig die Psychologie zumindest für den Ausgang eines Zweikampfes sein kann.

Davies unterteilt sein Material in verschiedene Kapitel, denen er teilweise originelle Titel gibt, z.B. „Quälerei“, „Einschüchterung“, „Strick geben“ oder „Klassisches Konditionieren“. Quälerei nennt Davies das bekannte „Kneten“ in leicht besserer Stellung ohne Verlustgefahr. Unbestritten ist dies eine wichtige Technik, die jeder ambitionierte Spieler beherrschen sollte. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob man einen erfahrenen Spieler mit Albins Gegengambit wirklich einschüchtern kann, wie Davies behauptet. Da leuchtet mir schon eher ein, dass man einem weniger guten Spieler einen Strick geben muss, damit er sich selbst aufhängen kann. Natürlich ist hier alles im übertragenen Sinne gemeint, das heißt gegen einen schwächeren Spieler sollte man nicht mit direkten Drohungen arbeiten, sondern ihm viele Möglichkeiten lassen, damit er sich eine schlechte aussuchen kann. Auf Pawlows Hund kommt Davies, wenn er standardisiertes Spiel ohne Beachtung der konkreten Stellung anprangert. Dazu gibt er ein instruktives Beispiel von einer Partie, in der Weiß sich gegen die beschleunigte Drachenvariante ohne d6 genauso aufbaut, wie man dies gegen die normale Drachenvariante mit d6 gewöhnlich tut, also mit Le3, Dd2 usw. Da Schwarz nun d7-d5 spielen kann, erhält er ausgezeichnetes Spiel. Dies ist Davies Standardaufbau: In jedem Kapitel wird anhand einer oder mehrerer typischer Partien das psychologische Verfahren oder die psychologische Technik verdeutlicht, die zuvor nur kurz verbal erklärt wurde. Natürlich muss die entsprechende Technik immer zum Gegner passen, sonst funktioniert es nicht. Den Gegner durch äußerst provokative Züge zu beleidigen, klappt dann besonders gut, wenn der Gegner sehr stolz ist. Karpov war als amtierender Weltmeister laut Davies beleidigt, als Miles 1980 bei der Europamannschaftsmeisterschaft gegen ihn auf 1.e4 a6 zog und spielte deshalb schlecht. Eine Rolle spielte sicherlich auch, dass Miles bis zu diesem Zeitpunkt eine sehr schlechte Bilanz gegen Karpov hatte und dieser ihn vielleicht unterschätzte.

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Zum Ausnutzen der gegnerischen Zeitnot ist bereits einiges publiziert worden. Davies schließt sich hier der allgemeinen Ansicht an, dass man nichts überstürzen, keine direkten Drohungen aufstellen sondern dem Gegner viele Möglichkeiten und viel Stoff zum Nachdenken geben sollte.  Der Engländer warnt vor der äußerst riskanten psychologischen Taktik, sich selbst freiwillig in Zeitnot zu begeben um den Gegner leichtsinnig oder nervös zu machen. Dzindzichashvili und Reshevsky waren absolute Meister in dieser Taktik. Davies erzählt die Anekdote, dass Dzindzichashvili sich einst in einer Entscheidungspartie um 10 000 Dollar mit wenigen Sekunden auf der Uhr in aller Ruhe eine Zigarette anzündete. Das Feuerzeug funktionierte nicht richtig und er musste es mehrfach betätigen. Alburt stellte daraufhin postwendend die Partie ein. Er war dem psychologischen Druck offensichtlich nicht gewachsen.

Davies warnt seine Zuhörer vor zu vielen Remisangeboten. Mit einer solchen Offerte gibt man dem Gegner auch eine Information, nämlich dass man mit einem Remis zufrieden ist. Der Gegner ist nun psychologisch im Vorteil. Allerdings kann man mit einem Remisangebot den Gegner auch verärgern und aus dem Gleichgewicht bringen. Manche Spieler spielen schlechter, nachdem sie ein Remisangebot ausgeschlagen haben. Einige forcieren das Spiel um dem Gegner zu zeigen, dass das Remisangebot falsch war. Hart an der Grenze zur Unsportlichkeit ist meines Erachtens das Verhalten Fischers beim Interzonenturnier auf Mallorca 1970. Als sein Gegner Geller ihm mit Weiß spielend im 7.Zug Remis anbot, lachte Fischer ihn aus, spielte weiter und gewann ein „todremises“ Turmendspiel.

Zur „Must-win-Situation“ führt Davies das bekannte Beispiel der letzten Partie Kasparov-Karpov aus Sevilla 1987 an, in der Kasparov in einer langen, extrem ruhig angelegten Reti-Partie gewann. Dies ist meines Erachtens ein bisschen antiquiert. Kramnik-Leko in Brissago 2004 ist die moderne Variante dieses „Siegen auf Bestellung“. Kramnik meinte nach der Partie in einem Interview, ein bisschen mehr Druck müsste man gegen Leko schon machen, von alleine würde dieser nicht zusammenbrechen.

Wenn man ein Remis braucht, um ein erwünschtes Turnierergebnis zu erzielen oder eine Norm zu machen, sollte man auf keinen Fall bewusst auf Remis spielen. Dies führt laut Davies zielsicher in den Untergang. Der Gegner weiß ja in der Regel, dass man ein Remis benötigt und kann dies ausnutzen. Er wird also eine ausgeglichene Stellung immer weiterspielen und auf einen Fehler warten, der sich aufgrund der außergewöhnlichen Belastung auch leichter einstellen kann. Viel besser sei es „normal“ zu spielen. Dies verunsichere den Gegner, der nun nicht wisse, ob man überhaupt ein Remis akzeptieren würde. Schließlich ist ein Remis am leichtesten aus einer Position der Stärke zu erreichen.

Eine Technik, die ein „Schurke am Schachbrett“ auf jeden Fall beherrschen sollte, ist die Täuschung des Gegners durch Mimik. Verzweifelt Aussehen in einer scheinbar hoffnungslosen Position, in der man eine tiefe Falle aufgestellt hat, führte bereits zu vielen unerwarteten Punktgewinnen. Davies illustriert diese Taktik mit einer Partie von De Firmian. Eine schlechtere Position zu gewinnen, ist natürlich eine sehr schwierige Aufgabe. Hier hilft manchmal die Provokation des Gegners auf dem Brett. Der Angriffsspieler Bronstein agierte in einer Partie gegen Kavalek in Amsterdam 1968 so provokant passiv, bis diesem der Kragen platzte und er unberechtigt eine Figur opferte. In einer anderen Partie, die Davies auswählt, wurde Bronstein selbst zum Opfer. Der hinhaltende Widerstand von Keres zermürbte ihn so sehr, dass er eine klar bessere Position noch verlor. Die schwindende Bedenkzeit spielte in dieser klassischen Partie aus dem Jahr 1956 ebenfalls eine Rolle. Davies hat seine Lehren aus den Partien der Vergangenheit gezogen. In einer Partie gegen Rowson aus dem Jahr 2004 opferte er spekulativ eine Figur, als seinem Gegner die Bedenkzeit davonlief. Davies gibt zu, dass seine Spielweise einer Computeranalyse nicht standhalten würde, doch dreimal dürfen Sie raten, wer die Partie gewann...

Fazit: Eine äußerst unterhaltsame DVD, auf der Davies eine ganz andere Botschaft für seine Zuhörer als Kasparov in seinem Buch „Strategie und die Kunst zu leben“ für seine Leser hat: Schach ist etwas ganz anderes als das normale Leben. Schach ist Krieg, hier ist alles erlaubt. Man sollte nicht zu höflich sein und jede Möglichkeit nutzen um die Partie zu gewinnen. Kurz gesagt: „Spielen Sie wie ein Schurke!“

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