Die Tücken des Schachurlaubs

von Alina L'Ami
15.06.2016 – Schachurlaub in schöner Umgebung zu machen, hat viele Vorteile. Wenn man gut spielt, kann man die schöne Umgebung besser genießen. Und wenn man nicht gut spielt, dann heitert die schöne Umgebung einen auf. Aber man muss auch wirklich Urlaub machen. Was nicht immer einfach ist, wie Alina l'Ami bei einem Turnier im italienischen Salento festgestellt hat. Mehr...

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Schachurlaub

Ach, Urlaub ist doch etwas Schönes... wenn man sich dem völligen Nichtstun hingeben kann, oder, ganz im Gegensatz dazu, die Bergwanderung unternimmt, von der man immer geträumt hat; wenn man nicht zu Unzeiten durch den Wecker gestört wird und sich nicht durch Telefon oder Internet verrückt machen lässt... Ich meine den wirklichen Urlaub, wenn Montag und Freitag gleichermaßen freundlich wirken, wenn man seinen Chef (oder seine Angestellten) in Gedanken feuern kann, um stattdessen Sonne und Strand zu genießen, mit einem Cocktail in der einen und einem guten Buch in der anderen Hand... Das sind die Tage, an denen man sich wirklich auf das konzentrieren kann, was man in genau diesem Moment tun möchte, ohne immer auf Uhr oder Terminkalender zu achten.

Gestresst? Das muss nicht sein!

Aber das klingt sicherlich vertraut, denn sieht so nicht das Leben eines Schachspielers aus? Ist man da nicht immer sein eigener Chef und kann man sich seine Zeit nicht immer frei einteilen? Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat, aber es klingt gut, auch wenn es nicht ganz stimmt: "Tu das, was du gerne tust, und du musst nicht einen einzigen Tag in deinem Leben mehr arbeiten.

Aber was heißt denn eigentlich "Urlaub" für uns Schachspieler? Dass man eine Zeit lang zu Hause bleibt oder sich Richtung Südamerika aufmacht (und der Arbeit am Repertoire Ruhe gönnt)? Ein Turnier in Papua Neu Guinea zu spielen oder eine Kreuzfahrt in die Tropen zu unternehmen (wobei man das Reiseschach natürlich nicht zu Hause lässt)?

Das Leben als Schachspieler – immer Ferien?!

Italienischer Innenhof

Ich werde oft gefragt, welche meiner Reisen mir am besten gefallen hat, eine Frage, die eigentlich unmöglich zu beantworten ist. Nun, eigentlich haben mir fast alle meine Reisen gefallen, aber ein Land bedeutet mir doch besonders viel: Italien mit all seiner Vielfalt!

Ich liebe das Schach und den Lebensstil, den es mit sich bringt, und auch Sonne, Strand und Kultur sind mir alles andere als egal; deshalb habe ich ein Turnier gespielt, das einfach phantastisch schien: ein Open im italienischen Salento, unweit von Gallipoli. Tatsächlich war das Turnier sehr schön, abgesehen davon, dass in meinen Partien einfach alles schiefging.

Eine Beziehung zum Schach fordert viel Arbeit und Hingabe. Aber
der launische Partner kann auch dann enttäuschen. Da kann man nur...

… auf sonnigere Tage warten!

Die Schachszene

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich mag...

… es, wenn am Brett gelächelt wird!

 

Zwei Mal der gleiche Vovk?! Nicht in diesem Jahr! Letztes Jahr musste Andriy Vovk
seinem Bruder Yuri den Vortritt auf dem Siegertreppchen lassen, doch dieses Jahr gewann er!

 Könnten wir doch auch nach der Partie noch glücklich lächeln...

 

Vielen Dank an Arthur Pijpers für diese ausführlichen Analysen - und Respekt für den Mut, so wildes Schach zu spielen! Obwohl die Partie fast schon entschieden war, spielte die Zeitnot Weiß am Ende einen Streich und verdarb den Spaß... und was macht man nach solchen Partien, wenn man sich nicht selber schlagen will?!

Vielleicht tritt man lieber einen Ball!

Nette Leute und viel Spaß!

Immer noch zu viel Adrenalin? Auch Tennis bot Ablenkung.

Doch nicht jeder ist ein großer Freund des Sports. Diese Menschen (mich eingeschlossen) konnten einen Kurztrip nach
Gallipoli unternehmen, das nur sechs Kilometer von unserer Unterkunft entfernt lag.

Den ungeschriebenen Regeln mittelalterlichen Urbanismus zufolge, musste ein Schloss einfach sein.

Doch zurück zum Schach! Liza lebt in Kanada und unterrichtet Kinder im Schach.
Organisatorische Fähigkeiten hat sie auch.

Hier der Mann, dem alle dankbar waren: Turnierorganisator Matteo Zoldan (rechts),
der Spieler aus aller Welt willkommen heißen konnte, sogar aus der Dominikanischen Republik!

Bevor man in den Pool springt, werden noch einmal die Varianten geprüft...

... und man teilt in letzter Minute Geheimnisse

Als die weniger glücklichen Entscheidungen am Schachbrett erst einmal vergessen waren, konnte man mit neuer Kraft spielen. Hier zwei weitere Beispiele starken Schachs. Noch einmal vielen Dank an Arthur und Jan für ihre Analysen! Man sieht, dass diese Partien von Leuten gespielt wurden, die das Schach lieben.

 
 

Doch zurück zu meinem Schach. Ich habe versucht zu verstehen, was eigentlich passiert ist, vor allem, da die Turnierbedingungen optimal waren, ich von Freunden umgeben war und außerdem das Gefühl hatte, eigentlich gut in Form zu sein.

 

Aber Caissa hatte andere Pläne und hat mich ausgelacht. Fast immer war ich diejenige, die die längste Partie der Runde spielte und den Turniersaal als Letzte verließ, aber allzu oft schoß ich am Ende ein Eigentor, anstatt den Ball zwischen den gegnerischen Pfosten zu versenken.

Die Schiedsrichter

Was soll man machen?! Schach ist kompliziert.

 Und nicht immer läuft es so, wie man sich das vorstellt.
Das weiß ich genau, aber das zu akzeptieren, fällt mir schwer.

Schachurlaub... manchmal nimmt sich das Gehirn einfach eine Auszeit, ohne vorherigen Urlaubsantrag.

Wunderbare Rettung

Weiß am Zug. Wie schätzen Sie die Stellung ein?  

Nach gutem Spiel steht der polnische IM Daniel Sadzikowski hier mit Weiß auf Gewinn. Aber dann nahm sich sein Gehirn plötzlich eine Auszeit...

Weiß spielte 78. Lf3+? und ließ Schwarz damit vom Haken: Nach 78... Txf3 einigten sich die Spieler auf Remis. Offensichtlich scheitert 79. Tg6+ an 79... Kf5 80. Tg5+ Ke4 - autsch! Weiß hätte stattdessen den Läufer auf d4 nehmen sollen, denn dann steht Weiß nach 78...Tb2+ 79. Kf1 Kxg3 80. f5 einfach auf Gewinn.

Blackouts gehören zum Schach dazu, aber wenn jemand weiß, wie man die vermeidet, dann möge er oder sie sich bitte bei mir melden!

Anstatt eine billige Erklärung für mein schlechtes Abschneiden zu suchen (Müdigkeit nach einer Serie von 30 Partien in 30 Tagen, Doppelrunden, usw.), ging ich in mich und stellte fest, dass ich irgendwie inkonsequent war. Während des Turniers sagte ich mir ganz  'erwachsen': “Alina, du hast in letzter Zeit viel gespielt, du musst müde, also gehst du besser nicht schwimmen oder an den Strand, denn dann würdest du deine ohnehin schon knappen Energiereserven weiter anzapfen.”

Doch selbst wenn ich den Wunsch verspürte, bei ein paar Urlaubsaktivitäten zu entspannen und andere Teilnehmer beneidete, die mit Handtuch auf der Schulter schwimmen gingen, Tennis oder Fußball spielten, mit dem Motorboot auf dem Meer schipperten oder an den organisierten Ausflügen teilnahmen, unterdrückte ich diese Impulse, weil ich mich auf das Turnier konzentrieren wollte. Und genau das brach meinem Schachurlaub das Genick... Um sein Hobby genießen zu können, muss man die innere Freiheit haben, das Hobby als Hobby zu sehen, ohne jeden Druck oder Einschränkung, denn sonst wird es zu einem Job, der einen überwältigt.

 Verbindet Arbeit und Vergnügen: Peter Doggers, der bekannte holländische
Schachjournalist genießt seinen Erfolg am Schachbrett!

Und hier der glückliche Gewinner des Salento Opens 2016 (das fünften Geburtstag feierte) – Andriy Vovk!  

Einmal verließ ich meine Kammer im Hotel und fuhr mit der Gruppe nach Lecce...

… das gerne "Florenz des Südens" genannt wird.

Können Sie sich vorstellen, eine Tasse aromatischen italienischen
Kaffee auf einem solchen Balkon zu trinken?! Ich kann!

Italienische Küche

Wer kulinarische Genüsse liebt, wird in diesem Teil der Welt verwöhnt...

… genau wie Leute auf der Jagd nach Kunst/Souvenirs...

… oder Kultur!

Die Straßenfotografin in mir konnte sich dieses Motiv nicht entgehen lassen...

 … während wir auf den Gassen unterwegs waren... deren Steine in Hunderten von Jahren geformt wurden.
Ja, wir gingen durch Gassen, die im Jahre... ja, wann eigentlich? Können Sie mir nachsehen, wenn ich das genaue Datum
vergessen habe? Ich weiß allerdings noch genau, wie viel Elo-Punkte ich verloren habe.

Aber zum Glück habe ich die 20 Elo-Punkte nicht umsonst verloren, dann ich habe meine Lektion gut gelernt. Ich hoffe, ich komme nächstes Jahr wieder nach Salento, und dann werde ich mich daran erinnern, dass ich nur vier Mal im Jahr Urlaub habe: Weihnachten, Neujahr, Ostern und... jeden anderen Tag des Jahres!

Die italienische Küste wartet (un)geduldig.

Schlussstand

#     Títle Name FED Elo Pts
1 1
 
GM Vovk Andrey UKR 2632 7,0
2 8
 
IM Wieczorek Oskar POL 2432 6,5
3 7
 
IM Van Haastert Edwin NED 2435 6,5
4 5
 
GM Lazic Miroljub SRB 2455 6,0
5 2
 
IM Sadzikowski Daniel POL 2546 6,0
6 4
 
IM Pijpers Arthur NED 2471 6,0
7 3
 
IM Sprenger Jan Michael Dr. GER 2506 6,0
8 10
 
  Mohammad Nubairshah Shaikh IND 2413 5,5
9 6
 
IM D'amore Carlo ITA 2444 5,5
10 11
 
FM Gilevych Artem ITA 2404 5,5
11 21
 
WIM Parnali S Dharia IND 2160 5,5
12 22
 
  Difronzo Andrea ITA 2139 5,5
13 18
 
  Doggers Peter NED 2215 5,5
14 16
 
  Chizhikov Vladislav RUS 2229 5,0
15 13
 
FM Di Benedetto Edoardo ITA 2304 5,0
16 15
 
FM Lyell Mark ENG 2239 5,0
17 24
 
WFM Di Benedetto Desiree ITA 2122 5,0
18 20
 
  Pugachev Artem RUS 2209 5,0
19 9
 
GM Naumkin Igor RUS 2431 4,5
20 17
 
  Hill Alistair ENG 2217 4,5

 42 Spieler

Quelle: Chess-Results.com



Alina L'Ami ist Schachprofi, WGM, und bringt allem, was sie macht, großen Enthusiasmus entgegen. Sie liebt es, in die entlegensten Winkel der Erde zu reisen, um dort Schach zu spielen und darüber hier bei ChessBase zu berichten.
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Manarola1 Manarola1 16.06.2016 09:44
Da wäre ich auch gerne dabei gewesen (im B-Turnier) - und am Ende des Tages, am Strand, bei Rotwein und Spaghetti wäre mir das Resultat wohl auch egal gewesen....
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