Dortmund und Kramnik feiern "Silberhochzeit"

von Dagobert Kohlmeyer
14.07.2017 – Am Samstag beginnt in Dortmund das diesjährige Sparkassen Chess-Meeting. Star und Turnier-Veteran zugleich ist Vladimir Kramnik, der unglaublicherweise bereits zum 25. Mal teilnimmt. Ein Rückblick von Dagobert Kohlmeyer.

Schach Nachrichten

Vladimir Kramnik und Dortmund - 25 Jahre im Zeitraffer

Kann man mit 42 Jahren „Silberhochzeit“ feiern? Ja, das ist möglich, wenn man Schachspieler ist, mit knapp 17 Jahren zum ersten Mal an einem bestimmten Turnier teilnimmt und … diesem dann 25 Jahre lang die Treue hält. Die Rede ist von Vladimir Kramnik und dem Sparkassen Chess-Meeting in Dortmund. Der 14. Weltmeister der Schachgeschichte spielte 1992 als Jungprofi zum ersten Mal im Revier und startete dort praktisch seine große internationale Karriere. Ich lade zu einem Rückblick auf dieses Vierteljahrhundert ein.

April 1992. In der Dortmunder Westfalenhalle finden die 20. Internationalen Schachtage statt, damals zum ersten Mal Chess-Meeting genannt. Während oben im Hauptturnier die Großen der Zunft spielen und Garri Kasparow schließlich vor Wassili Iwantschuk gewinnt, kämpfen unten in der „Wanne“ über 500 Teilnehmer in drei Open um den Sieg und Preisgelder. Im sehr stark besetzten A-Open mit 192 Teilnehmern gewinnen am Ende Smbat Lputjan (Armenien), Vladimir Kramnik (Russland) und Zurab Asmaiparashvili (Georgien) mit je 8,5 Punkten aus 11 Partien. Lputjan und „Asmai“ waren schon bekannte Großmeister, aber den noch 16-jährigen Kramnik aus dem Schwarzmeerort Tuapse hatten nur wenige auf der Rechnung. Der schlaksige Figurenkünstler war damals zwar schon U18-Weltmeister und 2590 ELO schwer, aber besaß außer dem FIDE-Meister noch keinen Titel. Das sollte sich schnell ändern.

s/w Foto: Asmaiparashvili – Kramnik im A-Open 1992

Es war die Zeit der Papierfotos, und nur wenige von damals sind dem Chronisten noch verblieben. Beim Abschlussbankett in Dortmund sagte mir Großmeister Juri Rasuwajew: „Garri Kasparow und ich als Team-Kapitän haben heute beschlossen, dass Vladimir Kramnik im Sommer 1992 bei der Schacholympiade in Manila für Russland spielen wird.“ Dort war der inzwischen 17-jährige Jungstar mit 8,5 aus neun Partien dann der fleißigste Punktesammler seines Landes. Im gleichen Jahr wurde er Internationaler Meister und Großmeister.

Kramnik, Asmai, Kasparov, Iwanchuk zur Siegerehrung in Dortmund 1992

1993 startete Vladimir Kramnik im Dortmunder Hauptturnier und belegte ungeschlagen den zweiten Platz hinter seinem Landsmann Anatoli Karpow. 1994 konnte er nicht teilnehmen, weil er WM-Kandidatenkämpfe bestreiten musste. Ein Jahr später aber begann Kramniks unvergleichliche Siegesserie im Revier. Gespielt wurde jetzt immer in den Sommerferien im Stadttheater - einige Male sogar nebenan in der Oper, die 1.000 Zuschauerplätze hat. Es war die geruhsame Zeit vor den Internet-Übertragungen und noch kein Problem, große Spielsäle mit dem Schach-Publikum zu füllen.

1995 gewann Vladimir Kramnik das Sparkassen Chess-Meeting zum ersten Mal. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass dies der Auftakt zu einer unvergleichlichen Siegesserie sein würde.

Von 1996-1998 folgten drei weitere Turniergewinne Kramniks hintereinander. 1997 fanden die 25. Dortmunder Schachtage statt. Vladimir siegte im Jubiläumsturnier deutlich mit 6,5 aus 9 vor Anand (5,5). Am Ende bekam der Großmeister noch einen schönen Dortmunder Bierkrug als Präsent (auch wenn er lieber Wein bevorzugt).

Nachdem 1999 mit dem Ungarn Peter Leko ein weiterer Stammgast und Publikumsliebling das Traditionsturnier zum ersten Mal für sich entscheiden konnte, siegte der Dortmunder Schachkönig Kramnik in den Jahren 2000 und 2001 erneut in seinem Revier.

Dabei sah es im Sommer 2000 zunächst gar nicht nach einem Erfolg für den Russen aus. Zur Hälfte des Turniers lag Vladimir nur in der Tabellenmitte, weil er gegen den Engländer Michael Adams seine erste Niederlage in Dortmund überhaupt kassiert hatte. Ich fragte ihn, ob ihn das nicht wurme. Seine Antwort: „Irgendwann musste das ja mal passieren. Priorität hat in diesem Jahr vor allem mein WM-Match gegen Kasparow in London.“ In der zweiten Halbzeit jedoch drehte der Großmeister auf und gewann am Ende noch nach Wertung vor dem punktgleichen Anand. Nach dem gelungenem „warm up“ von Dortmund schrieb Vladimir Kramnik dann Schachgeschichte, als er im Herbst 2000 in London den großen Garri Kasparow vom WM-Thron stürzte. Es war ganz sicher der schöpferische Höhepunkt seiner Karriere.

Nach seinem Dortmund-Sieg im Jahre 2001 war Kramnik 2002 in anderer Mission im Revier: als Ehrengast und quasi „Schirmherr“ des Kandidatenturniers, in dem sein eigener WM-Herausforderer gesucht wurde. Peter Leko gewann und lieferte ihm später in Brissago (Schweiz) ein WM-Duell auf Augenhöhe (7:7).

Am Rande des Dortmunder WM-Kandidatenturniers, das im Kongresszentrum der Westfalenhalle stattfand, gab es eine denkwürdige Begegnung Vladimir Kramniks mit Boxlegende Vitali Klitschko, die friedlich endete. Sie wurde von vielen Fotoreportern und Kamerateams festgehalten (siehe Foto). Auf einen Rückkampf im Boxen verzichtete der Schachweltmeister lieber. Der ältere Klitschko hat das Sparkassen Chess-Meeting und Kramnik auch im heißen Sommer 2003 besucht.

Vitali Klitschko am Brett mit Vladimir Kramnik

„Alles ist relativ“

2004 gewann Anand in Dortmund und 2005 überraschend der erst 19-jährige Arkadij Naiditsch. In Erinnerung bleibt dem Chronisten jedoch ein launiges Interview welches er damals mit Vladimir Kramnik führte, das auch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschien. Es war das Einsteinjahr, und auf die Frage, ob er die Relativitätstheorie erklären könne, erwiderte Kramnik schmunzelnd: „Lassen Sie mich darauf so antworten: „Worin besteht der Unterschied zwischen Fußball und Schach? Er besteht darin, dass viele Fußball verstehen, aber keiner gut spielt. Und Schach spielen viele, aber keiner versteht es. Alles ist eben relativ.“
Vladimir Kramnik gewann das Sparkassen Chess-Meeting auch 2006, 2007 und 2009. Die Turnierseite schrieb damals von „Kramniks Neunter“, und ein Designer bastelte vor der Siegerehrung flugs eine große rote 9.
(Foto: Kramnik 2009 nach dem 9. Sieg)

Als der Russe 2011 zum zehnten Mal Schachkönig von Dortmund wurde, war ein Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde überfällig. Noch nie hat ein Schachspieler ein Superturnier so oft gewonnen. Es könnte eine Bestmarke für die Ewigkeit werden.

Dortmund 2011

Inzwischen ist Kramnik längst Turniersenior im Revier und wird von den jungen Wilden des internationalen Spitzenschachs gejagt. Fabiano Caruana gewann seit 2012 dreimal in Dortmund, im Vorjahr trug sich Maxime Vachier Lagrave bei seiner Premiere in die Siegerliste ein. Der Titelverteidiger aus Frankreich ist auch dieses Jahr im Orchesterzentrum NRW, dem jetzigen Spielort, mit von der Partie. Aber man sollte Vladimir Kramnik nie abschreiben. Er muss in seinem Revier oder in anderen Turniersälen der Welt zwar niemandem mehr etwas beweisen, doch Kramnik reist auch nicht an, um der Konkurrenz kampflos das Feld zu überlassen. Noch immer spielt er großartiges Schach, was er erst im vorigen Monat mit einer spektakulären Gewinnpartie gegen Weltmeister Magnus Carlsen beweis. Nicht umsonst ist der Russe die aktuelle Nr. 2 der Schachwelt.

Am spielfreien Montag (17.Juli) zeigt der Jubilar dann sein Herz für Kinder. Der inzwischen zweifache Familienvater spielt in einem Dortmunder Kindergarten simultan. Schon in der Vergangenheit war Vladimir im Revier jederzeit ein Star zum Anfassen. Das Foto aus dem Jahre 2008 zeigt ihn beim Blitzschach im Rathaus mit den Drillingen Christin, Jonas und Niklas Dohr.

Kramnik und die Kids

Epilog

Der Chronist hat Vladimir Kramniks erstaunliche Karriere über ein Vierteljahrhundert lang als Schachreporter weltweit begleitet: in Berlin, Dresden, Paris, London, Wien, New York, Linares, Dos Hermanas, Tilburg, Wijk aan Zee, Monte Carlo, Riga, Moskau, Elista, Jerewan, Prag, Budapest, Miskolc, Sofia, Brissago, Las Vegas oder Bahrain. Und seit nunmehr 25 Jahren permanent in Dortmund. Überall spürte man die Begeisterung der Schachfans über das außergewöhnliche Können dieses Figurenkünstlers, der es an Gedankentiefe mit den größten Schachkoryphäen aller Zeiten aufnehmen kann. Unsere Verbindung mit Dortmund aber ist, nicht nur wegen ihrer langen Geschichte, natürlich etwas ganz Besonderes.


Fotos: Dagobert Kohlmeyer


Dagobert Kohlmeyer gehört zu den bekanntesten deutschen Schachreportern. Über 25 Jahre berichtet der Berliner bereits in Wort und Bild von Schacholympiaden, Weltmeisterschaften und hochkarätigen Turnieren.
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hockeyplayer hockeyplayer 15.07.2017 01:21
Nur zur Erinnerug: Vor 25 Jahren setzte sich der Deutsche Schachbund das Ziel mindestens einen Spieler mit der Spielstärke von 2700+ für Deutschland hervorzubringen. Das Ziel wurde nicht erreicht. Arkadij Naiditsch, der die Chupze hatte, darauf hinzuweisen, wurde während seiner Zeit als Nationalspieler des DSB daraufhin gemaßregelt. Wie dieser Konflikt endete, ist bekannt.
Nebenbei erwähnte Naiditisch in diesem Zusammenhang die wirtschaftliche Stärke Deutschlands, wovon die Wirtschaftsredaktionen deutscher Zeitungen nach wie vor überzeugt sind. Der DSB konnte hiervon nicht profitieren. Die Gründe hierfür wurden verdrängt, nicht hinterfragt. Deshalb wird sich der DSB zwangsläufig die Frage stellen müssen, warum der Schachsport, insbesondere der Leistungssport, hiervon nichts abbekommt.
Fragen, die nicht erörtert werden, ebenso wie dieser Kommentar der Öffentlichkeit vermutlich nicht zugänglich sein wird, weil eine Löschung als sehr wahrscheinlich zu gelten hat.
Dass Vladimir Kramnik der Favorit in Dortmund ist, ist angesichts seiner Leistung zu respektieren. Aber das Turnier muss erst einmal gespielt werden. Der vorerst letzte (jetzt nicht mehr deutsche) deutsche Sieger in Dortmund hieß übrigens ....
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