DSB denkt über Reform der Deutschen Meisterschaft nach

von André Schulz
06.02.2017 – Wird es doch eine Reform der Deutschen Einzelmeisterschaft geben? Seit Jahren ist das derzeitige Format der Deutschen Einzelmeisterschaft in der Kritik. Vorschläge zu einer Reform scheiterten am Widerstand der Landesverbände. An der letzten Einzelmeisterschaft im Lübeck nahmen nur noch zwei Großmeister teil. DSB-Vize Klaus Deventer hat nun Vorschläge zu einer Reform gemacht. Mehr...

Reform der Deutschen Einzelmeisterschaft

Am Format der Deutschen Einzelmeisterschaften wird seit vielen Jahren Kritik geübt. Immer weniger deutsche Spitzenspieler nehmen teil, aus verschiedenen Gründen. Während die Landesmeisterschaften in anderen Ländern einer der Höhepunkte ist, wird sie in Deutschland kaum noch zur Kenntnis genommen. Dabei gibt es im internationalen Vergleich durchaus unterschiedliche Erfolgsmodelle. So werden die Landesmeisterschaften in verschiedenen skandinavischen Ländern oder auch in England als großes Meisterschaftsfestival ausgetragen, bei dem man Titel in verschiedenen Rating- oder Alterskategorien gewinnen kann. In Russland, Frankreich oder den USA wird der Titel hingegen jeweils in einem geschlossenen Rundenturnier vergeben. Besonders den USA locken hohe Preisträger die besten Spieler an die Bretter.

In Deutschland werden die Einzelmeisterschaften seit 1993 in einem Turnier nach Schweizer System ausgespielt. "Offenes Turnier" wäre keine korrekte Bezeichnung, denn es gibt klar definierte Teilnahmebedingungen.

Teilnahmeberechtigt sind (Ausschreibung für die Meisterschaft 2017)

─ der Titelverteidiger aus der DEM 2016,
─ je zwei Spieler aus den Landesverbänden Nordrhein-Westfalen, Bayern, Württemberg und Baden,
─ je ein Spieler aus den Landesverbänden Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Thüringen,
─ ein Spieler des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Schachbundes,
─ der Dähne-Pokalsieger 2016,
─ der Sieger der A-Klasse der Deutschen Schach-Amateurmeisterschaft 2016,
─ von der Kommission Leistungssport zu nominierende Spieler.

Das letzte Kriterium öffnet das Turnier im Prinzip für alle Kaderspiele und Großmeister, die davon aber kaum noch Gebrauch machten.

Ähnlich wie in einem (kleineren) Open ist die Teilnehmerzahl bei den Deutschen Meisterschaften recht hoch, weshalb die Runden nach Schweizer System ausgetragen werden. Der Deutsche Schachbund unterstützt zwar den Ausrichter, nicht zuletzt mit einem finanziellen Zuschuss (gemäß den aktuellen Richtlinien in Höhe von 9.000 Euro), organisiert das Turnier jedoch nicht selber, sondern vergibt es per Ausschreibung an Verbände oder häufiger Vereine, die sich dafür zuvor beworben haben. Die Landesverbände zahlen für die Teilnehme ihrer Verbandsieger dem Ausrichter einen Unterbringungszuschuss in Höhe von 100 Euro pro Übernachtung. In den letzten Jahren wurde es immer schwieriger, Ausrichter zu finden, was sicher auch daran liegt, dass kein attraktives Teilnehmerfeld garantiert ist.

Bis 2015 wurde vom Ausrichter noch erwartet, dass er ein Preisgeld in Höhe von 16.000 Euro für die ersten acht Plätze zur Verfügung stellt. Diese Anforderung besteht inzwischen nicht mehr. Der Ausrichter kann nun auch eine Meisterschaft ohne Preisgeld ausrichten, soll sich aber um die Teilnahme von Spielern mit Elo 2400 oder besser bemühen.

An der zuletzt in Lübeck ausgetragenen Meisterschaft nahmen dann mangels Preisgeld nur noch zwei Großmeister teil, obwohl das Turnier selber zu guten Bedingungen stattfand. Die nächste Deutsche Einzelmeisterschaft wird übrigens vom 22.6. - 02.07.2017 in Apolda (Thüringen) stattfinden. Hier wurden 10.000 Euro Preisgeld ausgelobt.

Die Sieger der letzten DEM: Karsten Schulz (3. Platz), Sergej Kalinitschew, Rasmus Svane (v.l.n.r.) (Foto: Jan-Henrik Plackmeyer)

Viele Schachfreunde würden sich lieber eine Deutsche Meisterschaft mit einem kleineren, aber dafür spielstärkeren Teilnehmerfeld wünschen. Alle Vorschläge zur Reform der Titelkämpfe in dieser Richtung scheiterten jedoch in der Vergangenheit am Widerstand der Landesverbände, die auch weiterhin gerne ihre Verbandsieger als Teilnehmer der Endrunde sehen möchten. 2015 gab es es deshalb in Dresden eine Art inoffizielle Alternativmeisterschaft, das UKA-Masters, mit sechs Kaderspielern, die in einem Rundenturnier gegeneinander spielten. Daniel Fridman gewann.

Die UKA-Masters

Klaus Deventer, DSB-Vizepräsident, hat nun auf der DSB-Homepage folgenden Vorschlag gemacht, die beiden Formate zu verbinden:

 

Deutsche Einzelmeisterschaft (DEM)

Ideen zur künftigen Ausrichtung

Die Deutsche Einzelmeisterschaft (DEM) steht in der Diskussion. Von vielen Spitzenspielern wird sie gemieden, Ausrichter sind rar und auch die Meister der Landesverbände überlegen sich, ob die anfallenden sieben Tage Urlaub gut investiert sind.

Im vergangenen Jahr stand der DSB erstmals vor der Alternative, die Meisterschaft ausfallen zu lassen oder sie ohne Preisfonds auszutragen. Letztlich wurde die zweite Option gewählt. Der Hauptausschuss des DSB hat zugleich Ullrich Krause, den Präsidenten des Schachverbands Schleswig-Holstein und den zuständigen DSB-Vizepräsidenten, also mich, beauftragt, dem nächsten Bundeskongress Vorschläge für eine Reform der DEM zu präsentieren.

Wir haben dazu einige Ideen entwickelt, die ich kurz skizzieren möchte: Umwandlung der DEM in ein (alljährliches) Meisterturnier des DSB, Vorberechtigung der ersten sechs für das nächste Meisterturnier, garantierter Preisfonds (Vorschlag: 5.200 €, finanziert durch ein Startgeld von je 200 € /Teilnehmer - dafür Kürzung der Pauschalzahlung des jeweiligen Landesverbands um den gleichen Betrag), Verkürzung auf sieben Tage (zwei Doppelrunden), Qualifikation des Ersten (alternativ: auch des Zweiten) für ein alle zwei Jahre ausgetragenes Rundenturnier (bisher: German Masters). Für dieses Rundenturnier sind fünf oder sechs Spitzenspieler (deutsche Rangliste) gesetzt; dort wird der Titel „Deutscher Meister“ vergeben. Vorteil: Gewinn an Attraktivität – Nachteil: Keine direkte Qualifikation der Landesverbandsmeister für das Rundenturnier.

Es handelt sich wie gesagt um Ideen und noch kein fertiges Modell. Wir wollen damit eine möglichst breite Diskussion anstoßen und rufen alle registrierten Nutzer der DSB-Homepage dazu auf, sich fünf Minuten Zeit zu nehmen, und die eigenen Gedanken zur DEM in die Kommentare zu schreiben. Das kann eine Stellungnahme zu unseren Ideen sein, genauso willkommen sind aber auch ganz andere Vorschläge. Denkverbote gibt es nicht.

Die Beiträge benötigen wir bis zum 20. Februar 2017. Danach wollen wir alle Vorschläge auswerten und daraus einen Antrag an den Bundeskongress machen. Wer seinen Vorschlag nicht in die Kommentare schreiben möchte, kann gerne auch eine E-Mail senden und zwar an dem-reform@schachbund.de.


Vielen Dank!

Klaus Deventer
DSB-Vizepräsident
 

Wer gute Ideen zu einer Reform hat, kann eine Mail an den Schachbund schicken oder sie auch hier als Diskussionsbeitrag vortragen.

 

Vorschläge zur Reform beim Deutschen Schachbund...

Ausschreibung für die Meisterschaft 2017...

Richtlinien für Ausrichter...

Liste der Deutschen Meister (Wikipedia)...

 

 


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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