Er wollte doch nur spielen

25.01.2008 – Für jedes Feld auf dem Schachbrett ein Lebensjahr: Bobby Fischer starb am 18. Januar 2008 im Alter von 64 Jahren auf Island. Fischer lebte für das Schach, doch spielte irgendwann nicht mehr. Über Fischers labile Psyche und seine kompromisslose Einstellung gegenüber bürokratischen Funktionären hat sich schon der amerikanische Großmeister und Psychoanalytiker Reuben Fine vor fünfzig Jahren Gedanken gemacht. Mit Hilfe Fines geht Peter Münder dem Rätsel Fischer nach.Robert Hübners CD zu Bobby Fischer...Mehr...

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Er wollte doch nur spielen
Von Peter Münder

Die biographischen Eckdaten sind bekannt: Die ältere Schwester schenkt dem sechsjährigen Bobby ein Schachspiel und sofort wird Schach für den Jungen zum Lebensmittelpunkt. Der Vater hatte sich zwei Jahre nach Bobby Fischers Geburt abgesetzt und ward nicht mehr gesehen, während die dynamische, selbstbewusste Mutter Regina (geb. Wender) als Krankenschwester und dann als Ärztin stark im Beruf gefordert war und sich kaum um ihre Kinder kümmern konnte. Die Mutter förderte zwar Bobbys Hobby, doch als er nur noch auf das königliche Spiel fixiert war und alle anderen Lebensbereiche ausblendete, wollte Regina Fischer die Notbremse ziehen.

Bobby hatte egomanische Züge entwickelt, konnte keine Kritik ertragen und wollte die Schule schmeißen: "Ich will nur noch Schach spielen", hatte der 14jährige Bobby angekündigt - da sollte Reuben Fine, New Yorker Therapeut und international anerkannter Schach-Experte, eingreifen.


Reuben Fine

GM Reuben Fine (1914-93), Psychoanalytiker und anerkannter Eröffnungstheoretiker, Autor von "Die größten Schachpartien der Welt", gehörte zwischen 1936-51 zu den acht besten Spielern der Welt. Er sollte das nicht mehr domestizierbare Söhnchen wieder auf richtige Bahnen zu lenken und ihm bei einigen Partien auf den Zahn fühlen. Doch als Fine während einer privat gespielten Partie Bobby beiläufig fragte, warum er unbedingt die Erasmus Hall-Schule verlassen wollte, schrie Bobby empört auf: "Ihr steckt alle unter einer Decke! Das ist eine Falle!" und stürmte davon.

In seinem immer noch faszinierenden Buch "Die Psychologie des Schachspielers" (zuerst 1956 veröffentlicht, nach der WM 1972 aktualisiert) beschreibt Fine seine eigenen Erfahrungen mit Bobby und versucht, das Bobby-Enigma zu entschlüsseln. Der Spezialist für Ödipus-Komplexe, Vatermord-Phantasien und Penis-Neid hatte bei mehreren Treffen und einem halben Dutzend gespielten Partien (eine privat gespielte hat Bobby als Nr. 44 in "Meine 60 denkwürdigsten Partien" aufgenommen) Gelegenheit, das Schachwunderkind zu studieren.

Zwei Partien Fischer gegen Fine...

Seine Überlegungen kreisten damals schon um die Aspekte, die im Laufe der Jahre immer wieder diskutiert wurden: Hatte Bobby erst am Brett pathologische Züge entwickelt? Oder war es vielleicht so, dass ihn seine erratischen Eskapaden als Weltmeister, die Verweigerung von Revanchematches mit längeren Perioden ohne aktive Turniererfahrungen, zu sehr belasteten und zu grotesken Ausrastern führten? War Bobby Fischer also das psychische Opfer einer viel zu langen Entzugsperiode geworden - "Verrückt wegen des jahrelangen Verzichts auf harte Schachduelle", wie es in einigen Nachrufen in englischen Blättern hieß? War Fischers früh entwickelte, fast autistische Konzentration auf die 64 Felder also eher Größenwahn, Wunschdenken oder die totale Hingabe an eine neu entdeckte, faszinierende Kunst?

Schon als 14jähriger Teenie, als er US-Meister wurde und dann mit 15 Jahren der jüngste Großmeister der Schachgeschichte, war Fischer davon überzeugt, bald den WM-Titel zu erobern: "Es gibt niemanden, den ich nicht schlagen könnte", prahlte er und wurde deshalb von vielen Freunden und Gegnern belächelt. Als er dann bei einigen Kandidatenturnieren doch herbe Niederlagen einstecken musste, stand für ihn fest, dass sich die Russen mit Remis-Absprachen und Mauscheleien gegenseitig Punkte zugeschanzt hatten und ihn so ins Leere laufen ließen. Alles nur Einbildung? Ein klassischer Fall von Paranoia?


Fischer in jungen Jahren

Von wegen - auch Reuben Fine und viele andere Großmeister, darunter auch Helmut Pfleger, haben diese Mauscheleien der Russen bestätigt. Sie nahmen sie allerdings zähneknirschend in Kauf. Bobby war jedenfalls nicht gewillt, sich diese Machenschaften, die damals ja auch von FIDE- Funktionären unterstützt wurden, zu tolerieren. Schon lange vor der WM in Reyjkjavik 1972 hatte er gegen willkürliche, undurchsichtige FIDE- Entscheidungen protestiert, war bei Kandidatenturnieren nicht zu angesetzten Partien erschienen und hatte sich damit letztlich am meisten geschadet. In seinen Betrachtungen über Bobby Fischer versucht Reuben Fine, ein Psychogramm dieses "American Hero" zu liefern, der ja auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges als exzentrischer Einzelkämpfer die geballte sowjetische Schachmacht, inklusive KGB-Agenten und der bornierten Moskauer KP- Funktionärskaste wie bei einem Western-Showdown vernichtend geschlagen hatte.

Die exzentrische Diva siegte wohl auch deswegen gegen die roten Teufel, die sich als graue Funktionärsmäuse entlarvt hatten, weil die Russen tatsächlich so agierten, wie Bobby es darstellte: "Für die sowjetischen Meister ist das Schachspiel ein Beruf, dem sie von neun Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags nachgehen- mit dem Herzen sind sie nicht dabei". Fischers geradezu fundamentalistischer Furor, mit dem er Organisatoren und Funktionäre verfolgte, wenn sie seinen Forderungen nach anderen Lampen, Sesseln oder der Entfernung von TV-Kameras nicht nachkamen, ist eben darauf zurückzuführen, dass er immer "mit dem Herzen beim Spiel" war und alles für eine existentielle Bedrohung hielt, was ihn mit Irritationen und Ablenkungen von dieser wichtigsten Sache der Welt abhalten wollte.


Dem Schach ergeben: Bobby Fischer

Aufschlussreich sind Reuben Fines differenzierte Beobachtungen über Fischers Spieltechnik, die übrigens auch ein Licht auf den Therapeuten selbst werfen: Denn Fine hielt sich neben Fischer (noch vor Reshevsky) für den besten amerikanischen Schachspieler. Er stellte permanent Vergleiche mit Bobby an, hielt sich eigentlich für genauso genial wie Bobby und kokettierte mit der kuriosen Konstellation, dass von diesen beiden US- Schachkoryphäen, die in die Geschichte eingehen würden, " einer der Therapeut des anderen" war.

Fine bemerkt in seinem Buch: "Besonders überraschend war bei Fischer stets die Reife seines Spiels- schon als er fünfzehn war. Die Eröffnungen beherrschte er vollkommen, im Mittelspiel war er ein erfahrener Taktiker und im Endspiel war er scharf wie ein Rasiermesser. Er schien keine erkennbare Schwäche zu haben, ausgenommen seine psychische Labilität - die allerdings hat ihn so manchen Punkt gekostet, auch im Wettkampf gegen Spasski. Seine Einstellung zum Schach lässt sich am besten mit der Laskers vergleichen, der das Leben als Kampf und das Schachspiel als einen Aspekt dieses Kampfes ansah. Fischer hat gesagt: Ich würde Schach mit Basketball vergleichen. Basketballspieler wechseln den Ball hin und her, bis man einen Durchschlupf findet, dann schlägt man zu, mit allem, was man hat".

Fine hatte aber auch schon früh erkannt, dass Fischers totale Fixierung aufs Schach, der enorme Stellenwert eines Sieges für das eigene Selbstwertgefühl eben auch extreme negative Auswirkungen bei Niederlagen haben kann. Als Fischer beim zweiten Kandidatenturnier 1960 in Buenos Aires nur Dreizehnter wurde - nachdem er sich beim ersten Interzonenturnier noch mit Spasski den ersten Platz teilte- wagte sich Fischer für die nächsten zehn Jahre nicht mehr auf stark besetzte Turniere im Ausland. Dazu Fine: " Für Bobby ist eine Niederlage auf dem Brett mehr als eine verlorenes Spiel, sie bedeutet geradezu einen Zusammenbruch seiner Lebensweise".


Sigmund Freud: Was hätte er zu Fischer gesagt?

Bemerkenswert sei auch Bobby naiver Umgang mit dem Tabuthema Aggressivität: "Die meisten Menschen erklären, sie spielten zur Entspannung, aus Sportbegeisterung oder aus Freude an Geselligkeit oder aus allen möglichen Gründen, bloß nicht deshalb, weil es ihnen Vergnügen bereitet, den anderen zu schlagen. In dieser Hinsicht hält Fischer in seiner fast kindlichen Offenheit nicht hinterm Berge. So weit man zurückdenken kann, hat er stets öffentlich verkündet, er sei der beste Spieler der Welt und sogar der beste Spieler aller Zeiten, er könnte jeden schlagen. Bobby verheimlicht den in seinen Siegen mitschwingenden Sadismus keineswegs. "Ich sehe gern, wie sie sich winden", hat er in jüngeren Jahren einmal gesagt. Und als er mehr Schliff gewonnen hatte, sagte er: "Ich zerbreche das Ich des anderen". Fischer ist tatsächlich überzeugt, dass er mit seinen Schacherfolgen all die Feinde vernichtet, die ihm bei seinem Aufstieg das Leben schwer gemacht haben".

Mit geradezu prophetischer Weitsicht sagte Reuben Fine auch voraus, dass Fischer nach dem Sieg der WM in Reykjavik seinen Titel aus Angst vor einer Niederlage nicht verteidigen würde. Ein Herausforderer, der nach einem Sieg gegen den Titelinhaber selbst Weltmeister wird, meinte Reuben Fine, verhalte sich meistens so wie ein Vater, der sich in seiner Familie seinen Patriarchen-Platz nicht streitig machen lasse und jede Herausforderung ablehne.

Vor dem Hintergrund dieser Biographie eines Einzelgängers, der sich meistens bevormundet, gegängelt, bespitzelt und hintergangen fühlte, müssen wohl auch Bobbys aberwitzige Ausraster eingeordnet werden. Er wollte tatsächlich nur spielen, er sah natürlich auch das Match gegen Spasski 1992 in Belgrad und Sveti Stefan (Montenegro) mit dem enormen Preisgeld von fünf Millionen Dollar als Möglichkeit für ein Comeback - trotz der geballten internationalen Medienpräsenz, die ihn zwar wieder ins Rampenlicht brachte, die er aber zutiefst verabscheute.


Fischer-Spassky Revanchematch in Sveti Stefan 1992

Als die US-Regierung den Handelsboykott gegen Jugoslawien verhängt hatte und Bobbys Match als kriminellen Akt verfolgte, brannten bei Bobby verständlicherweise alle Sicherungen durch. Er spuckte auf das offizielle Schreiben des US-Justizministers und verhöhnte die amerikanischen Behörden, die sein unbotmäßiges Verhalten nicht vergaßen und ihn als Steuerflüchtling rund um den Globus jagten.

Fischers unsäglicher Haß auf US-Bürokraten stammt aus dieser Zeit, als er nach dem Sieg gegen Spasski in Ungarn und auf den Philippinen untergetaucht war. In seiner maßlosen Wut hatte er sich nach den Terrorattacken vom 11. September zu wüsten anti-amerikanischen Hasstiraden und begeisterter Zustimmung für diese Attacken hinreißen lassen. Bis zuletzt, als er wegen eines angeblich ungültigen US-Passes in Tokio inhaftiert war und schließlich mit einem isländischem Paß nach Reykjavik ausreisen konnte, fühlte sich Bobby Fischer von amerikanischen Behörden getäuscht und ausgetrickst.

Die Isländer empfingen Bobby Fischer jedoch mit offenen Armen - sie hatten nicht nur honoriert, dass ihre kleine Insel nach dem WM-Kampf von 1972 plötzlich auf dem großen internationalen Parkett bekannt geworden war. Die meisten Isländer hatten wohl auch erkannt, dass Bobby tatsächlich nur Schach spielen wollte.

Saemunder Palsson (Spitzname "Saemi Rock"), ein Polizist, der beim WM-Turnier 1972 für Bobby Fischer Wächter und Faktotum spielte, war jedenfalls begeistert, als es im Sommer 2004 mit der isländischen Einbürgerung des amerikanischen Schachgenies klappte. Damals während des WM-Thrillers hatte er für Bobby mitten in der Nacht Hamburger und Pizza besorgt, sich um seine Garderobe gekümmert oder obskure Fluchtwege ausbaldowert, um die aufdringlichen Journalistenpulks abzuhängen. "Das waren tolle Zeiten", erinnerte sich Palsson. "Ich habe Bobby zwar gelegentlich launisch oder unberechenbar erlebt, aber wenn er ein Brett hatte und Schach spielen konnte, war er der friedlichste, gutmütigste Mensch der Welt".


Fischer und sein Ex-Bodyguard Saemunder Palsson

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