Erinnerungen an Bobby Fischer

25.04.2008 – Vergangenen Donnerstag widmete die Berliner Lasker-Gesellschaft einen ihrer Schachabende im ihrem Domizil im Dorlandhaus dem legendären Bobby Fischer und dem sensationellen Wettkampf zwischen Boris Spassky und Robert Fischer in Reykjavik 1972. Als Ehrengast begrüßte Paul Werner Wagner Goßmeister Lothar Schmid, der als Schiedsrichter seinerzeit den Wettkampf miterlebte und Fischer auch bei anderen Gelegenheiten kennengelernt hatte und dabei u.a. dessen ungewöhnlichen Frühstücksgewohnheiten zur Kenntnis nahm. Ein weiterer Gast war Andreas Goldstein. Der Filmemacher arbeitet derzeit an einer Dokumentation über Fischer und erzählte von seinen bisherigen Rechercheergebnissen. Dagobert Kohlmeyer berichtet. Mehr...

Erinnerungen an Bobby Fischer
Von Dagobert Kohlmeyer

Die Emanuel Lasker Gesellschaft in Berlin hatte am Donnerstag zu einer besonderen Veranstaltung eingeladen. An dem Abend unter dem Thema „Erinnern an Bobby Fischer“ führte Paul Werner Wagner auf dem Podium ein Gespräch mit Großmeister Lothar Schmid und dem Regisseur Andreas Goldstein, der an einem Dokumentarfilm über Bobby Fischer arbeitet.

Viel Prominenz hatte sich eingefunden, als der Karl-May-Verleger und „Schachschiedsrichter des Jahrhunderts“ über seine persönlichen Begegnungen mit dem amerikanischen Schachgenie berichtete, die in dem WM-Match Fischer - Spasski 1972 in Reykjavik gipfelten. Unter den Gästen waren der Präsident des Deutschen Fernschachbundes, Exweltmeister Fritz Baumbach, der Präsident des Berliner Schachverbandes Matthias Kribben, der Historiker Professor Hans Holländer sowie viele Mitglieder der Lasker-Gesellschaft

Kennen gelernt hatte Schmid den Amerikaner beim WM-Kandidatenturnier 1959 in Bled, wo er Augenzeuge wurde, wie der damals 16-jährige Fischer nach einer Weiß-Niederlage gegen Paul Keres mit Tränen in den Augen ins Hotel stürmte. „Er zeigte schon damals viele Emotionen, was ich als durchaus menschliche Geste empfand“.

Ein Jahr später setzten die beiden ihre Bekanntschaft bei der Schacholympiade in Leipzig fort, wo Fischer erstmalig am Spitzenbrett der USA spielte. Lothar Schmid lud den jungen Großmeister anschließend zu sich nach Hause nach Bamberg ein, wo Fischer sich etwa eine Woche aufhielt. „Bobby schlief jeden Tag bis zum Mittag und nahm dann sein Frühstück ein. Er aß täglich acht Spiegeleier!“, verriet Schmid dem erstaunten Auditorium. 

Bei der Rückfahrt zum Flughafen nach Frankfurt am Main machten beide im Spielcasino von Bad Homburg Station. Bobby war noch nicht volljährig, so dass sich Schmid als sein Onkel ausgab, damit der Amerikaner eingelassen wurde. „Bobby spielte sehr vorsichtig. Er setzte immer nur auf Rot oder Schwarz. Schon damals zeigte sich, dass er das Risiko nicht übertrieb, genau wie in seinen Schachpartien“, schilderte Schmid seine damaligen Beobachtungen.

Dann berichtete der Bamberger über die Begleitumstände, warum und wie er WM-Schiedsrichter wurde. Er hatte schon 1971 in Buenos Aires das schwierige WM-Kandidatenfinale zwischen Tigran Petrosjan und Bobby Fischer zur Zufriedenheit geleitet, was ihn nach Auffassung der FIDE-Oberen und auch der WM-Finalisten Fischer und Spasski, die ihn beide gut kannten, prädestinierte, auch den brisanten Job des Unparteiischen in Reykjavik zu tun.

Breiten Raum in den Schilderungen von Lothar Schmid nahmen dann die dramatischen Ereignisse in der isländischen Hauptstadt ein, die der interessierten Schachöffentlichkeit ja in den Grundzügen bekannt sind. Fischer kam erst eine Woche später, nachdem der englische Bankier Slater den Preisfonds kräftig aufgestockt hatte. Bobby verlor die erste Partie, weil er Spasskis Bauern auf h2 schlug und seinen Läufer verlor. Zur zweiten Partie trat er nicht an und wurde genullt.

Das Match drohte zu kippen, „es hing am seidenen Faden“, so Lothar Schmid. Der Schiedsrichter hatte, wie er uns erzählte, viele schlaflose Nächte. Die Spannung war zu Beginn der dritten Partie fast unerträglich, als Fischer, den die Kameras störten, in einem Extraraum spielen wollte. Würde das WM-Duell platzen?

„Die Situation war eskaliert, nachdem Fischer die 2. Partie kampflos verloren hatte. Er wollte unbedingt in diesem separaten Raum spielen. Dem wurde entsprochen, aber vor dem dritten Spiel machte er wieder Theater. Spasski und ich waren empört. Da packte ich die beiden Kampfhähne, die etwas größer als ich waren, bei den Schultern, drückte sie in ihre Sessel und sagte: „Spielt jetzt!“. Spasski machte daraufhin wie automatisch den ersten Zug. Es war der schwerste Augenblick, aber das WM-Match gerettet.“

Moderator Werner Wagner ließ im Gespräch mit Lothar Schmid Fischers Leben weiter Revue passieren, wobei sich der Bamberger im Laufe der Unterhaltung an immer mehr Details erinnerte. Gedächtnislücken gab es sehr wenige, (Lothar Schmid wird im Mai 80 Jahre!) einige konnten mit Hilfe des fachkundigen Auditoriums gefüllt werden.

Allein über das WM-Match des Jahrhunderts in Reykjavik sind etwa 150 Bücher erschienen, die Lothar Schmid als weltbekannter Sammler natürlich alle besitzt. „Das beste Turnierbuch hat Großmeister Svetozar Gligoric geschrieben“, sagt der Karl-May-Verleger.

Der Abend in der Lasker Gesellschaft hatte mit einer Filmsequenz begonnen, wo Regisseur Andreas Goldstein Originalaufnahmen vom Match in Reykjavik zeigte: die Ankunft von Spasski und seinen Begleitern, den rauchenden Großmeistern Nikolai Krogius und Jefim Geller; Fischers Ankunft und die Fotografenmeute, die beiden Protagonisten am Brett, Fischer in seinem riesigen Drehstuhl. 

„Keiner der 13 isländischen Sessel, die wir ihm zeigten, war Bobby gut genug. Also musste einer aus Amerika herbeigeschafft werden“, erinnerte sich Lothar Schmid.

Andreas Goldstein arbeitet seit drei Jahren an dem Filmprojekt über Bobby Fischer und war schon weltweit unterwegs, um Schauplätze von dessen Wirken zu besuchen und mit Zeitzeugen zu reden.

Zu Beginn verblüffte er die Gäste mit der Bemerkung: „Ich wusste vorher mehr über Fischer, als ich jetzt weiß! Fischer ist ein Mythos. Und die Eigenschaft eines Mythos besteht darin, dass Erzählungen und Wirklichkeit verschwimmen. Am Anfang hatte ich eine viel klarere Vorstellung. Mit zunehmender Beschäftigung löste sich das irgendwie auf.“

Dies sei deshalb so, weil jeder Gesprächspartner seine eigene Sicht der Dinge einbringe. Deshalb will der Filmemacher noch weiter recherchieren und – wenn möglich - noch mehr Filmmaterial beschaffen.

Goldstein: „Was Sie hier gesehen haben, sind nur wenige Minuten von dem Originalmaterial, aber den damaligen Umständen geschuldet nicht so viel (Fischer wollte keine Kameras mehr). Wir sind auf der Suche nach weiterem Filmmaterial. Es muss noch mehr existieren. Aber es gibt auch Gerüchte, dass Teile vernichtet sind.“

Nach Goldsteins Worten wird es noch cirka ein Jahr dauern, bis der Dokumentarfilm fertig ist. Das sei für ein so anspruchsvolles Projekt keine besonders lange Zeit.

Der Regisseur ist noch jung, aber kein heuriger Hase seines Fachs. 2006 hat der Verband der deutschen Filmkritik  „Detektive oder die glücklosen Engel der inneren Sicherheit“ von Andreas Goldstein auf dem Filmfest Dresden als besten Kurzfilm des Jahres ausgezeichnet. Die Komödie über die "Zeit, als in der DDR staatstragende und subversive Aktivitäten nicht mehr auseinander zu halten waren“ (Andreas Goldstein) wurde voriges Jahr im 3sat erstmalig ausgestrahlt.

Zwei Stunden vergingen an diesem Abend in der Lasker-Gesellschaft am Leuschnerdamm in Berlin-Kreuzberg wie im Fluge. Bei Schnittchen und Rotwein war hinterher noch Zeit zu angeregten Gesprächen.

 

Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer

 

 


Nachricht an die Redaktion Bitte nutzen Sie dieses Feld für Kontakt mit der Redaktion



Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren