Erinnerungen an Wassily Smyslow

24.03.2011 – Am 27.März 2010, kurz nach seinem Geburtstag, verstarb Wassily Smyslow - bis dahin der älteste lebende Weltmeister. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden. Smyslow war viele Jahre der schärfste Rivale von Michail Botvinnik, dem er 1957, allerdings nur für ein Jahr, den Titel als Weltmeister entreißen konnte.Der Moskowite gehörte viele Jahrzehnte zur Weltspitze und nahm an 15 Weltmeisterschaften teil, seine letzte war die K.o.-WM in Groningen 1997. Neben dem Schach galt seine Liebe der Musik, wo er als Sänger große Virtuosität erlangte. Weniger bekannt sind Smyslows Leistungen als Studienkomponist. Anlässlich des 90. Geburtstages stellt Dagobert Kohlmeyer einige Werke des 7. Schachweltmeisters vor. Erinnerungen und Studien...

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Smyslow wurde 89 Jahre alt. Vor einem Jahr war er noch der älteste lebende Weltmeister. Dann starb er am 27. März 2010, also kurz nach seinem letzten Geburtstag, in einem Moskauer Krankenhaus. Die Nachricht erhielt ich am gleichen Tag von Boris Spasski, der jetzt dienstältester Weltmeister ist. Er sagte: “Wassili Wassiljewitsch war eines der Schachgenies des 20. Jahrhunderts. Für mich gab es nach dem zweiten Weltkrieg vier Titanen, die das Schach in der Sowjetunion prägten: Botwinnik, Smyslow, Keres und Bronstein. Alle sind jetzt tot. Wir sollten ihr Andenken für immer in Ehren halten.“


Smyslow mit seiner Katze Belka

Mit einer Trauerfeier im Zentralen Schachklub von Moskau nahm der russische Schachverband  Ende März 2010 Abschied von seinem berühmten Mitglied. In dem Gebäude am Gogol-Boulevard war Smyslow über ein halbes Jahrhundert lang aus und ein gegangen. Das russische Fernsehen brachte in den Hauptnachrichten ausführliche Berichte über Smyslows Karriere. Zeitzeugen wie Juri Awerbach sowie der Schachhistoriker Isaac Linder würdigten vor der Kamera die Bedeutung des Verstorbenen als Schachspieler, Buchautor und Schachlehrer.


Smyslow mit Gattin Nadezhda

In den letzten Jahren lebte Smyslow, der sehr religiös war, mit seiner Frau Nadeshda ganz zurückgezogen. Die Kräfte ließen nach, seine Augen wurden immer schlechter. Das Ehepaar verbrachte die meiste Zeit auf seiner Datsche im Moskauer Umland, wo nur eine zugelaufene Katze Abwechslung ins Leben brachte. 

Neben dem Schach gab es mit der Musik noch eine zweite Liebe Smyslows. Er war ein großartiger Sänger und hätte durchaus auch auf Opernbühnen bestehen können. Etliche Schallplatten und CDs, die er aufnahm, sind ein Beleg dafür. Wer bei Konzerten am Rande von Schachevents seinen lyrischen Bariton gehört hat, vergisst diese schöne, kultivierte Stimme nicht.

 

Die Poesie des Schachs
Von Dagobert Kohlmeyer

Anlässlich des runden Geburtstags von Wassili Smyslow möchten wir unsere Leser auf eine weitere Facette seines reichen Schaffens aufmerksam machen. Der siebente Weltmeister ist nicht nur ein universeller Schachspieler gewesen, der seine Partien mit leichter Hand absolvierte und dabei immer die Harmonie auf dem Brett suchte. Er war - scheinbar nebenbei - auch ein sehr erfolgreicher Studienkomponist.

Smyslow hat weit über hundert dieser kleinen Kunstwerke geschaffen und die besten von ihnen in einem Buch veröffentlicht. Das handliche Bändchen erschien im Jahre 2005 in Moskau. „Studien sind die wahre Poesie des Schachs“ betont der Autor darin.

Bemerkenswert ist, dass die Aufgaben über einen sehr langen Zeitraum von sieben Jahrzehnten entstanden. Seine erste Studie verfasste Wassili im jugendlichen Alter von 15 Jahren, die letzte mit 85. Eines der jüngeren Werke ist dem bekannten holländischen Mäzen Joop van Oosterrom gewidmet. Der Schachveteran schickte es mir vor einem Dutzend Jahren mit der Bitte um Veröffentlichung. Es war sein spezieller Dank an den Sponsor der Amber Turniere und der Vergleiche „Ladies – Veteranen“. Smyslow wirkte bei letzteren Matches immer mit, und van Oosterom hat ihm 1998 in Nizza eine Augenoperation bezahlt.  

Zum Thema Schachkomposition schreibt Wassili Smyslow in seinem 1996 bei Bock & Kübler erschienenen Buch „Die Kunst des Endspiels“, das ich ins Deutsche übersetzen durfte: „Das Interesse an der Analyse von Endspielen bringt auch die Hinwendung zu Studien und Kompositionen mit sich. Seit meinen ersten Schritten in der Welt des Schachs löste ich gern Aufgaben. Ich bevorzugte dabei Stellungen, die dem praktischen Spiel nahe waren.

Schachstudien begeistern durch klare und überraschende Ideen. In verschiedenen Zeiträumen versuchte ich mich selbst als Komponist. Etliche Aufgaben sind von der Praxis beeinflusst. Ich bin der Ansicht, dass die Beschäftigung mit Studien die analytischen Fähigkeiten schult, das heißt, die Stärke des Schachspielers hebt und ihn nicht vom praktischen Spiel ablenkt.“

 

"64" 1936

Weiß gewinnt

1.Sd6+ Kb8  2.Tb1+ Ka8  3.Se8 Dg3+  4.Ka4 Ld4  5.e5! Lxe5 (5.Dxe5 6.h8D) 6.Sc7+, und Weiß gewinnt.  "Dem Autor gelang es, in leichter Aufgabenform eine typische Studienidee zum Ausdruck zu bringen", schrieb die Moskauer Schachzeitschrift damals.

 

 

  

"Schach in der UdSSR"

1938, 4. Preis

Remis

 1.Lf6+ exf6 2.f4 Th8+ Wenn 2...Tb8, so 3.Kg6 Tb2  4.h6 usw. 3.Kg7 Txh5 4.a4 Tg5+ 5.Kh8! Der schwarze König darf seinen Kontrahenten nicht freilassen und muss auch den Turm im Käfig halten. 5…Kh5 6.Kh7 Tg6 7.Kh8 Th6+ 8.Kg7 Tg6+ 9.Kh8! (Verlieren würde 9. Kh7? wegen 9...Tg5! 10.Kh8 Kg6+.) 9...Kh6 - Patt!  Schwarz konnte sein großes materielles Übergewicht nicht realisieren. Hier wurde das Thema "Festung" in natürlicher Form realisiert.

Es folgt eine Aufgabe, die Wassili Smyslow seinerzeit dem berühmten georgischen Studienkomponisten Gia Nadareischwili (1921-1991) gewidmet hat.

 

"Prawda" 1976

 Weiß gewinnt

1.f7! Nicht zum Ziel führen 1.Lb4 Kd3  2.Ke1 (2.f7 Ld2) 2...f3  3.gxf3 e2  4.f7 Lf4 oder 1.Le1 Kd3  2.Lxh4 Kd2  3.Le1+ Kd1  4.f7 La3  5.Lc3 Lc5! 1...La3  2.Lg7 Zeitverlust wäre 2.Lb2 Lf8  3.Ke2 Kd5  4.Lf6 Ke6  5.Lxh4 Kxf7 mit Remis. 2...f3! Schwarz stellt eine Pattfalle auf. 3.gxf3 Nicht aber 3.f8D wegen 3... Lxf8  4.Lxf8 e2+  5.Kf2 fxg2, und Schwarz gewinnt. 3...Kd3  4.f8L! Das voreilige 4.f8D führt nach 4...e2+  5.Kf2 (5.Ke1 Lxf8  6.Lxf8 Ke3, und der König kassiert beide weißen Bauern) 5...Lc5+!  6.Dxc5 e1D+!  7.Kxe1 zum Patt.4...e2+ Wenn 4...Lc1, so 5.Lh6 Ld2  6.Kg2 Le1 7.Lc5 e2  8.Lf2 mit Gewinn. 5.Kf2 e1D+! 6.Kxe1 Ke3 7.f4! Kxf4 8.Kf2 Lc1 9.Lh6+, und das Duell der drei gleichfarbigen Läufer endet zugunsten von Weiß.

Die nächste Studie verfasste Smyslow am Rande der 27. Schacholympiade, wo er als Ehrengast weilte. Es wohl ist seine bekannteste Aufgabe.


 Dubai
1986

Weiß gewinnt

1.g6! hxg6  2.h7 Lf6  3.Lb8!! Verhindert die lange Rochade. Nach 3.Kxf6 0-0-0 ist das Spiel remis. 3...Txb8  4.Kxf6 Kd8  5.h8D+ Kc7 6.Dh2+, und Weiß gewinnt. Interessant ist die Echo-Variante 1.g6! Lb6 2.Lb8!! Txb8 3.g7. Spielt Schwarz im ersten Zug 1…Lb6, dann folgt 2.Lb8!! Txb8 3.g7. 1-0

  

Moskau 1998

Joop van Oosterom gewidmet

Weiß gewinnt

 

1.Lb8! Auf 1.Lxb6 oder 1.Sd2 folgt 1...Kg5. 2.f4+ Kh6. 1...a1D  2.Lxe5! Dxe5  3.Sd2 De4+  Auch die Flucht hilft dem König nicht: 3...Kg5  4.f4+ Dxf4 5.exf4+ Kxf4 6.c5 bxc5 7.b5! Ke5  8.Sc4+ Kd5 9.Sb6+ Kd6 10.h4! a3  11.Sc4+ und 12.Sxa3 mit Gewinn. 4.Sxe4 fxe4 5.c5 bxc5 6.b5 a3 7.b6 a2 8.b7 a1D  9.b8D, und es gibt keine Rettung vor dem Matt: 9…Kg5 10.Df4 matt; 9…Df6 10.Dg3 matt.

 

 

 

Moskau 2005

 
Remis

Tatsächlich schafft Weiß dieses Kunststück! Seine Rettungschance besteht in der ungünstigen Lage des schwarzen Königs. 1.g4 Lf5! Das Läuferopfer verhindert erst einmal die Mattdrohung. Nicht aber 1…Lh5?? 2.g5 matt. 2.g5+ Kh5 3.Kxf5 b2 4.Te1 Kh4 5.Kf4 Kh3 6.Kf3 Kh2 7.Te2+ Kh3 8.Te1 Remis.

Es entsteht der Eindruck, dass Smyslows Spätwerke die früheren an Reife, Schönheit und Gedankentiefe übertreffen. Wenn Sie mich nach meinem Favoriten fragen, so ist es die 1986 in Dubai verfasste Studie. Sie besticht durch Einfachheit, Klarheit und Praxisnähe.

 


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