FIDE-Bosse im Wahlkampf

22.07.2002 – Kürzlich konnte die Schachöffentlichkeit bemerken, dass hinter den Kulissen der FIDE etwas vor sich ging. Die Webseite der Fide, www.fide.com, war verschwunden. Inzwischen ist die FIDE unter www.fideonline.com erreichbar, nachdem die Inhalte erst noch woanders geparkt waren. Aus internen Kreisen der FIDE hieß es, die Fide-Seite sei ge-"highjacked" worden. Dokumentiert sich hier öffentlich ein Bruch zwischen den Geschäftspartner der Fidecommerce Kirsan Illyumshinov und Ajrtom Tarrasow? Unabhängig davon befinden sich beide im Wahlkampf. Illymshinov will seine Präsidentschaft von Kalmückien erneuern, Tarrassow Gouverneur der Region Krasnojarsk werden. Gerald Schendel hat die Fakten zusammen getragen. FIDE-Bosse im Wahlkampf...

ChessBase 14 Download ChessBase 14 Download

ChessBase 14 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...

FIDE-Bosse im Wahlkampf

An der Sitzung des FIDE Presidential Boards am 6./7. Juli 2002 nahm der Präsident des Weltschachbundes FIDE, Kirsan Nikolajewitsch Iljumschinow, nicht teil. Artjom Michailowitsch Tarassow, der (ehemalige?) Chef der Firma FIDE Commerce International, präsentierte sich der Schachöffentlichkeit zuletzt bei den Wüstenduellen im Rahmen des UAE Schach-Grand-Prix in Dubai (2.-9. April 2002). Die beiden FIDE-Bosse befinden sich in Russland im Wahlkampf.

Nach drei Monate währender Prüfung kam das russische Verfassungsgericht am 9.7. zu einer Entscheidung über das seit dem 16. Oktober 1999 geltende Wahlgesetz bezüglich der Amtszeiten bei Legislative und Exekutive. Dieses Gesetz sieht vor, dass nur zwei Amtszeiten zulässig sind. Die zu entscheidende Frage war, wie Amtsträger zu behandeln sind, die ihr Amt vor dem 16. Oktober 1999 angetreten haben.

Kirsan N. Iljumschinow wurde 1993 zum Präsidenten von Kalmückien gewählt. Vor Ablauf seiner regulären Amtszeit soll der damalige russische Präsident Boris Jelzin Kirsan Iljumschinow geraten haben, eine Wiederwahl mit verlängerter Amtszeit anzustreben. So ließ sich Iljumschinow 1995 wieder wählen - bis 2002!

Das russische Verfassungsgericht entschied nun, dass das Gesetz vom Oktober 1999 nicht rückwirkend gilt. So können z.B. der Bürgermeister von Moskau Juri Luschkow, der Gouverneur von St. Petersburg Wladimir Jakowlew, der Präsident von Baschkortostan Murtasa Rachimow und der Gouverneur der Region Swerdlow Eduard Rossel weitere Amtszeiten anstreben. Kirsan Iljumschinow kann seine Wiederwahl im Oktober 2002 betreiben, wonach seine erste Amtszeit im Sinne des Wahlgesetzes beginnen würde. Danach ist wiederum eine Wiederwahl möglich - dies würde dann die vierte Amtszeit insgesamt sein, im Sinne des Wahlgesetzes jedoch nur die zweite.

Kirsan Iljumschinow, der große Förderer des professionellen Schachs, hat vor der Wahl in Kalmückien im Oktober zwei wichtige Termine, die mit der Wahl direkt natürlich nichts zu tun haben: in Moskau das Schachmatch Russland gegen der Rest der Welt (8.-12. September) und in Kalmückien - ebenfalls im September - den Besuch des Dalai Lama. Ob der Dalai Lama tatsächlich kommt, steht in den Sternen. Das geistliche Oberhaupt der Buddhisten wird traditionell alljährlich in das buddhistische Kalmückien eingeladen, kam bislang aber erst ein Mal.

Wie schon im Jahre 1995, als er erstmals zum FIDE-Präsidenten gewählt wurde, steht Kirsan Iljumschinow 2002 vor zwei Wahlen, denn auch beim FIDE-Kongress in Bled (November 2002) ist ein neues Präsidium zu wählen. Bis zum 7. August 2002 müssen Kandidaturen beim FIDE-Sekretariat in Lausanne (Schweiz) annonciert werden.

Unklar ist zur Zeit, ob man Artjom Michailowitsch Tarassow noch als „FIDE-Boss" betrachten kann.


Artjom Tarrassow


Bei der Sitzung des Presidential Boards der FIDE Anfang Juli in Qatar wurde - in Abwesenheit von Tarassow - zwar über Fide Commerce gesprochen und bekannt gegeben, dass Iljumschinow den FIDE-Funktionär Casto Abundo (Philippinen) zu einem Direktor der Firma ernannt habe, man ließ jedoch nichts darüber verlauten, ob Artjom Tarassow noch Präsident, bzw. Direktor der Firma FIDE Commerce International ist.

Im amtlichen Firmenregister Großbritanniens sind derzeit übrigens zwei Firmen ähnlichen Namens verzeichnet: FIDE Commerce Limited und FIDE Commerce International Limited.

FIDE Commerce Ltd. war die erste gemeinsame Gründung des Schachgespanns Iljumschinow/Tarassow. Diese Firma (Register-Nr. 3689369) wurde nicht, wie man 1999 glaubte und publizierte, im März 1999 gegründet, sondern bereits am 29. Dezember 1998. FIDE Commerce Ltd. (Sitz: 175 Piccadilly, London, W1V 9DB; Geschäftszweck: other business activities) wurde still und leise am 10. Juli 2001 aufgelöst.

FIDE Commerce International Ltd. wurde am 26. Juni 2000 gegründet (Register-Nr. 4023838). In dem Bericht der Britischen Schachföderation über den FIDE-Kongress 2000 war vor allem von der neuen Firma FIDE Commerce International die Rede. Zu deren Direktor war Tarassow ernannt worden, und während des FIDE-Kongresses 2000 wurde bekannt, dass FIDE-Präsident Iljumschinow ebenfalls zum Direktor der Firma ernannt werden würde. Auf dem Firmenkonto bei der Barclays Bank befanden sich damals 911.806,43 US Dollar. Beteiligt an FIDE Commerce International waren Chess Trust (70 Prozent - Iljumschinow) und Gambit Trust (30 Prozent - Tarassow). Aufgabe dieser neuen Firma sollte es sein, kommerzielle Sponsoren für die WM im besonderen und für die FIDE im allgemeinen zu suchen.

Nachdem diese Daten bekannt waren, billigte der FIDE-Kongress 2000 die bis 2017 (mit Option bis 2027) laufende Vereinbarung zwischen FIDE und FIDE Commerce International.

Der kleine, aber bedeutsame Unterschied zwischen FIDE Commerce und FIDE Commerce International drang erst Ende Januar 2001 in das Bewusstsein der Schachöffentlichkeit, als gemeldet wurde, dass FIDE Commerce International Ltd. am 24. Januar 2001 im Zentralen Schachklub in Moskau eine Vereinbarung mit der bekannten Sportmarketing-Firma Octagon Sponsorship Consulting Ltd. Corporation (Octagon) unterzeichnet hat.

Wer in der Sponsoren-Datenbank Großbritanniens stöbert, findet dort einen Eintrag, aus dem hervorgeht, dass Octagon am 25. Juni 2001 bekannt gab, dass die Firma von FIDE Commerce die weltweiten Vermarktungsrechte von Schach erworben hat und einen britischen Sponsor für ein WM-Finale in London sucht. Unter Kontaktinformation wurde auf eine Sportsponsoring-Seite verwiesen, auf der zu lesen war:

" WORLD CHAMPIONSHIP GRAND FINAL
Octagon Marketing, the leading global sports marketing and entertainment agency, has acquired use of exclusive rights from FIDE Commerce to capitalise on the commercial and marketing potential of chess worldwide. A UK sponsor is sought for a major World Championship Grand Final event. The event will be covered by a terrestrial broadcaster and held at a premium central London venue. This will be the culmination of hundreds of competitors across the globe vying for the Undisputed World Champion crown. (...)"


Vor der Schachöffentlichkeit präsentierte sich Artjom Tarrasow zuletzt bei den Wüstenduellen im Rahmen des UAE Schach-Grand-Prix in Dubai (2.-9. April 2002). Da der Preisfonds dort nicht so hoch war, wie ihn sich die Spieler erhofft hatten und wie er ihnen anscheinend auch versprochen worden war, wurden Schuldige gesucht. Angeblich sollte deswegen Tarassow entlassen und der Vertrag mit Octagon gekündigt werden (Peter Swidler in Schach 5/2002, S. 5, bzw. bezüglich Octagon Alexei Schirow bei Mark Crowther’s TWIC 388 v. 15.4.2002 und TWIC zur Auszahlung Tarrassows durch Iljumschinow und der Nicht-Erneuerung des Vertrages mit Octagon unter Berufung auf John Henderson in The Scotsman [TWIC 390 v. 29.4.2002]).

Octagon (David Collins) reagierte darauf mit der Richtigstellung (TWIC 389 v. 22.4.2002): „Octagon continue to work alongside FIDE and FIDE Commerce to build on the success of this first Grand Prix in Dubai."

Bei den Verhandlungen zur Einigung der Schachwelt Anfang Mai in Prag haben Beobachter weder Artjom Tarassow noch einen Vertreter von Octagon gesichtet (ein Vertreter des Fernsehsenders und Brain-Games-Rechtsnachfolgers Einstein war anwesend, wurde aber nicht zu den Verhandlungen zugelassen [Stefan Löffler in Schach 6/2002, S. 23]).

Mitte Juli 2002 wiederholte Mark Crowther’s TWIC (Nr. 401 v. 15.7.2002), dass Artjom Tarassow FIDE Commerce International verlassen, die Kontrolle über das FIDE-Netzwerk im Internet aber behalten habe, sodass die FIDE gezwungen sei, ausgehend von der neuen Adresse http://www.fideonline.com, ein neues Netz zu knüpfen. Eine offizielle, ausdrückliche Bestätigung dieser Behauptung enthält das Communique der FIDE zur Sitzung des Presidential Boards jedoch nicht.

Bemerkenswert ist: Der Eintrag für die Domain worldfide.ru wurde am 3. Juni 2002 geändert: „delegated till 2002.10.16". Die für FIDE Commerce, bzw. Artjom Tarassow (175 Piccadilly London) am 8. Juni 1999 registrierte Internet-Domain http://www.worldfide.com lief am 8. Juni 2002 ab, ohne dass sie (bislang) erneuert worden ist (whois-Anfrage v. 19.7.2002). FIDE Commerce International (Geschäftszweck: business & management consultancy) hat ihren Sitz nicht mehr im Empire House (175 Piccadilly), sondern laut britischem Firmenregister in dem christlichen Hause Faith House, 7 Tufton Street, London, SW1P 3Qb, wo sich auch das Konsulat der attraktiven kleinen Republik Kiribati befindet. Irgend etwas also ist passiert.

Am 28. April 2002 starb Alexander Lebed in einem Helikopter-Crash. Der ehemalige russische General hatte sich als Herausforderer des damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin profiliert und galt als derjenige, der Moskaus Krieg in Tschetschenien (1994-96) beendete. Nach dem Waffenstillstandsabkommen ging ein Bild um die Welt, das Alexander Lebed bei einer Schachpartie mit seinem tschetschenischen Verhandlungspartner zeigte. Lebed war seit Mai 1998 Gouverneur der Region Krasnojarsk (Sibirien/Russland), einem Gebiet, das viermal so groß ist wie Frankreich.

Am 17. Juni berichtete Jelena Schischkunowa bei gazeta.ru, dass Artjom Tarassow an diesem Tag in Krasnojarsk angekommen sei, wo er auch gleich eine Pressekonferenz einberufen habe, um bekannt zu geben, dass er sich in dieser Region, aus der seine Familie mütterlicherseits stamme, um das vakante Amt des Gouverneurs bewerben wolle. Wenn er das Rennen gewinne, dann wolle er der Region ausländische Investitionen verschaffen: „Ich bin hier, um zu arbeiten." Am 18. Juni wollte er die Wahlbehörden über seine Kandidatur offiziell informieren.

Da andere Kandidaten als aussichtsreicher gelten, haben die größeren Medien seither nichts mehr über die Kampagne Tarassows berichtet. Vermutlich sammelt er derzeit die erforderliche Anzahl von Unterschriften, um zur Wahl zugelassen zu werden. Die Wahl in Krasnojarsk soll am 8. September stattfinden - dem Tag, an dem auch das Schachmatch Russland gegen den Rest der Welt in Moskau beginnen soll.

Am 22. Juli 2002 wurde die britische Sponsoren-Datenbank aktualisiert. Auf der Sportsponsoring-Seite ist die Suche Octagons nach einem Sponsor für den Schachtitel Undisputed World Champion gestrichen und durch einen anderen Eintrag ersetzt worden. Dies kann zweierlei bedeuten: entweder ist Octagon bei der Suche nach einem Sponsor fündig geworden, oder die Firma ist nicht mehr zuständig.

Wie auch immer die Wahl in Krasnojarsk ausgehen mag: Artjom M. Tarassow wird danach nicht arbeitslos sein, wenn er weiterhin bei dem kirgisischen Internet Service Provider Transfer Ltd. als Sales Department Manager tätig ist.

Gerald Schendel/22.7.2002

 

 

 

 


Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren