FIDE-Ethikkommission: Verwarnung für Short, Tadel für Topalov und Danailov

30.08.2007 – Der FIDE-Ethikkommission unter Vorsitz von Roberto Rivello hat mehrere Beschwerden verhandelt und gestern auf der FIDE-Webseite die Beschlüsse veröffentlicht. Nigel Short wird für die Verwendung des Wortes "Dunderheads" zur Beschreibung der FIDE-Vizepräsidenten Zurab Asmaiparashvili und Georgios Makropoulos in einem Interview verwarnt. Silvio Danailov erhält für die Veröffentlichung einer Übereinstimmungsstatistik der Züge von Kramnik mit Fritz 9-Vorschägen von Partien im WM-Kampf 2006, mit der Absicht Kramnik Betrug zu unterstellen, einen strengen Tadel. Veselin Topalov erhält für die gleiche Veröffentlichung als Verantwortlicher, außerdem für ein Interview, das er dem spanischen Journalisten Frederico Marin Bellon für die Zeitung ABC gab und in dem er Kramnik offen des Betruges bezichtigte, einen besonders strengen Tadel ("severe reprimand"). Zudem wurde Topalov mit einer Bewährungszeit von 12 Monaten belegt. Bei erneuten Verstößen gegen den FIDE-Ethikkodex in dieser Zeit muss er mit einer empfindlichen Geldstrafe und eine Sperre für alle FIDE-Turniere rechnen. Drei weitere Urteile wurden in den Fällen "Dimitrije Bjelica" (Fall 01/06), "Jackie Ngubeni (Fall 01/07) und "Moroccan Arbiters" (03/06) gesprochen. In ausführlichen und sehr transparenten Erläuterungen hat die Ethikkommission ihre Urteile begründet. Mehr...

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- Urteile der FIDE-Ethikkommission

FIDE-Ethikkomission

Vorsitz: Mr. Roberto Rivello
Members: Mr. Ralph Alt
Mr. Laurence Ball
Mr. Dirk J.A. De Ridder
Mr. Noureddine Tabbane
Mr. Ian Wilkinson

 


Die Ethikkomission bei ihrer Sitzung Ende Juli in Athen, v.l.n.r. :
Ms. Elli Sperdokli (Fide-Sekretariat in Athen), Lawrence Ball (Südafrika), Ian Wilkinson (Jamaika),
Dirk JA De Ridder (Belgien), Roberto Rivello (Italien, Vorsitz), Ralph Alt (Deutschland),
Noureddine Tabbane (Tunesien). Foto: Michalis Kaloumenos, Dimitris Skyrianoglou



Aufgabe der FIDE-Ethikkommission ist es, auf Einhaltung des FIDE-Ethikkodex zu achten und Beschwerden gegen Personen zu prüfen, die dagegen verstoßen haben bzw. verstoßen haben sollen. In der Einleitung zu ihrem Ethikkodex hat die FIDE ausgeführt, dass eine völlig exakte Beschreibung von Ethikrichtlinien nicht möglich ist, aber im Weiteren auch umrissen, welche Handlungen als Verstöße gewertet werden und welche Strafen ausgesprochen werden können. Außerdem wurden die formalen Vorschriften formuliert, denen die Ethikkommission bei der Verhandlung von Beschwerden zu folgen hat. So prüft die Kommission zunächst ihre Zuständigkeit, nimmt im positiven Fall Beschwerden an und führt ggf. Anhörungen durch, in denen die Beschuldigten Gelegenheit haben, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Aufgrund der ermittelten Fakten und der eingereichten Unterlagen spricht sie ihr Urteil und verhängt je nach Schwere des Falles nach einem festen Katalog Strafen.

Strafenkatalog:

- "warning" (Verwarnung)
- "reprimand" (strenger Tadel)
- "fine" (up to twenty five thousand U.S. Dollars or up to the sum stated by a specific FIDE regulation, if existing).
(Geldstrafe bis 25.000 Dollar oder bis zu einer von der FIDE festgelegten Summe)
Bei schweren Fällen kann auch eine Sperre verhängt werden.

Die Ethikkommission traf sich Ende Juli in Athen, beriet dort über fünf Beschwerden und führte über Telefon eine Anhörung durch, bei der Veselin Topalov und sein Manager Silvio Danailov zu den gegen sie von Vladimir Kramnik und dessen Manager Carsten Hensel erhobenen Vorwürfen Stellung nahmen. Diese Beschwerde (judgement 04/06) ist von den fünf verhandelten Fällen ohne Zweifel die bedeutendste.

In einer ausführlichen Erklärung hat die Ethikkommission die relevanten Vorgänge und Fakten, die mit dieser Beschwerde in Verbindung stehen, aufgelistet (s. Links). Einen Teil der Beschwerde hat sie abgelehnt, da die Kommission sich hier nicht zuständig fühlte, einen Teil der Beschwerde hat die Kommission angenommen. Ausgangspunkt sind die Vorgänge während des WM-Kampfes in Elista im Herbst 2006 zwischen Veselin Topalov und Vladimir Kramnik. Topalov und sein Team hatten Vladimir Kramnik vorgeworfen, während der Partien zu häufig von seinem Video überwachten Ruheraum in den nicht Video überwachten Toilettenraum gegangen zu sein. Da das bulgarische Team meinte, Kramnik hätte dort die Möglichkeit, externe Hilfe zu empfangen, reichte es Protest ein, der zum Beschluss des amtierenden Appelationskomitee führte, die Toilette zu schließen. Dagegen gab es Proteste von Kramnik, der zur fünften Partie nicht, zu den folgenden nur unter Protest antrat. Der Wettkampf wurde schließlich mit Mühe zu Ende geführt, wobei in dessen Verlauf von allen beteiligten Seiten eine Reihe von Presseerklärungen veröffentlicht und Beschwerden eingereicht wurden.

Nach dem Urteil der Ethikkommsion waren Topalov bzw. Mitglieder seines Teams in Elista zwar berechtigt, aufgrund ihrer Beobachtungen einen Protest einzureichen und auch als möglichen Beweis Übereinstimmungsstatistiken der Züge Kramniks mit einem Schachprogramm vorzulegen. Diese hätten jedoch dem zuständigen FIDE-Organ, z.B. dem Schiedsrichter, und nicht der Presse übermittelt werden müssen, wodurch ein klarer Verstoß gegen den Etkikkodex vorliegt.

Die Aussagen, die Veselin Topalov in seinem Interview für ABC getätigt hat und in denen er Kramnik des Betruges während des Wettkampfes bezichtigte, wertete die Ethikkommission als Ruf schädigend gegen Kramnik und ebenfalls als Verstoß gegen die Ethikregeln 2.2.9 und 2.2.11.

In Bezug auf beide Beschwerden beantragten Danailov und Topalov einen Aufschub des Urteil, um noch Beweise für ihre Anschuldigungen gegen Kramnik vorzulegen, doch die Ethikkommision erklärte, dass bereits genügend Zeit verstrichen sei, Beweise zu erbringen, und dass beide Handlungen zu den jeweiligen Zeitpunkten offenbar ohne evidenten Beweis vorgenommen wurden.

Auch gegen Topalov wurde indirekt der Verdacht erhoben, er würde möglicherweise externe Hilfe in Anspruch nehmen. Ein Artikel von Martin Breutigam in der Süddeutschen Zeitung sorgte für großes Aufsehen. Infolgedessen kam es Anfang des Jahres zu heftigen Reaktionen auf verschiedenen Webseiten, in Zeitschriften und zu einigen weiteren Artikeln zu diesem Thema. Unter anderem wurde Nigel Short vom indischen Journalisten Vijay Tagore befragt. Short war als Augenzeuge bei der WM in San Luis 2005 zugegen und äußerte sich in dem Sinne, dass dort zumindest die Gelegenheit gegeben war, externe Hilfe in Anspruch zu nehmen. In besagtem Interview, das bei der indischen DNA (online nicht mehr verfügbar) in englischer Sprache erschien, hatte Short auch die FIDE-Vizepräsidenten Zurab Asmaiparashvili und Georgios Makropoulos angegriffen, die während der Partien nicht einmal im Turniersaal gewesen wären, und die beiden FIDE-Offiziellen als "Dunderheads" bezeichnet. Zurab Asmaiparashvili hat daraufhin Beschwerde gegen Short eingelegt.

Die Ethikkommision bestätigte Shorts Recht, sich in einem Interview kritisch zu äußern. Das Wort "Dunderheads" (Schwachköpfe) zur Charakterisierung der beiden FIDE-Vizepräsidenten, sei jedoch unangemessen und beleidigend gewesen. Short wurde deshalb verwarnt.

Außerdem wurde eine Beschwerde von Ali Nihat Yazici gegen Dimitrije Bjelica verhandelt. Bjelica hatte verschiedene FIDE- und ECE-Offizielle beleidigt und verleumdet. Er wurde mit einem Tadel belegt. Der Beschwerde von Arthur Kogan gegen den südafrikanischen Organisator Mr. Jackie Ngube wegen Vertragsverletzung wurde stattgegeben. Ngube wurde für drei Jahre für alle Aktivitäten im Zusammenhang mit der FIDE gesperrt. Im Fall von Fälschungen von Qualifikationsunterlagen für eine Reihe marrokanischen Schiedsrichter durch Offizielle des Marokansichen Verbandes sprach die FIDE-Ethikkommission mehrjährige Sperren aus.


André Schulz

Links:

Aufgaben der Ethikkommission...

FIDE Ethic Rules...

Roberto Rivello: How the Ethic commission works...

Beschwerden:

Urteil: 04/06, Topalov und Danailov (Beschwerde von Kramnik und Hensel)...

Urteil 02/07, Short (Beschwerde von Asmaijparashvili)...

Urteil 01/06, Dimitrije Bjelica (Beschwerde von Ali Nihat Yazici)...

Urteil 01/07, Jackie Ngubeni (Beschwerde von Arthur Kogan)...

Urteil 03/06, Marokkanische Schiedsrichter (Beschwerde des Schiedsrichter-Versammlung)...

 

 

 


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