Fritz-Trainer als Trend-Setter

01.04.2011 – Was spielt man in diesem Frühling? Ein kräftiges Schottisch oder eher ein dezentes Katalanisch? Dominiert Halb-Offen oder Geschlossen? Auch im Schach - so hört man immer wieder - gibt es Modeerscheinungen. Die meisten dieser Trends werden bekanntlich von den Großen unserer Zunft bestimmt, so haben etwa Radjabov und Kasimdzhanov in den letzten Jahren eine Renaissance der Königsindischen Verteidigung angestoßen. Von einer kaum vergleichbaren Entwicklung berichtet Philipp Lins vom Tiroler Schachklub Pradl. Die Vorstellung der Bird-DVD von Andrew Martin auf der vereinseigenen Webseite "löste einen absoluten 1.f4-Hype aus!" und führte zu einer lebhaften Bird-Diskussion auf den Blitz-Abenden. Grund genug, mit der Besprechung einer weiteren neuen Fritz-Trainer DVD nachzulegen. Mit Dejan Bojkovs DVD "A modern way to play the King's Indian" wurde ein ambitionierter Trainingskurs gewählt. Denn wie schon auf der Bird-DVD geht es auch hier hoch her. Schwarz kämpft von Beginn an mit allen Mitteln um gutes Spiel. "Der Schwarzspieler darf kein Kind von Traurigkeit sein und sich nicht von Opfervarianten abschrecken lassen", resümiert Lins in seiner Rezension. Gut möglich also, dass man heuer im Raum Innsbruck öfter auf Königsindisch mit Sa6 stoßen wird. Zur Rezsnsion...

GM Dejan Bojkov: A modern way to play the King's Indian

Rezension von Philip Lins vom Schachklub Pradl

Die letzte DVD-Neuvorstellung “1. f4!, Bird’s Opening“ von Autor IM Andrew Martin löste bei uns im Schachklub Pradl einen absoluten 1. f4!-Hype aus! Seitdem gibt es keinen Club-Abend mehr, bei welchem diese Eröffnung nicht gespielt wird. Meist sind es zwar nur Blitzpartien, jedoch sieht man einige Varianten, bekannt von der DVD, bereits auch in Meisterschaftspartien – mit Erfolg! Es scheint, dass diese Eröffnung Potential hat, um in das fixe Eröffnungsrepertoire aufgenommen zu werden.


GM Bojkov: A modern way to play the King's Indian
Ob die nun folgende Neuvorstellung mit dem interessanten Titel “A modern way to play the King’s Indian“ den gleichen Anklang in unseren Reihen finden wird, ist jetzt noch nicht vorauszusehen. Jedoch, was jetzt schon vorweg zu sagen ist, jeder Einzelne von uns hatte zumindest eine der beschriebenen Varianten selber auf dem Brett, ob als Weiß- oder als Schwarzspieler. Mich hat das schon ein wenig gewundert, da ich bisher noch nie wissentlich Königsindisch gespielt habe - zumindest dachte ich das. Meiner Meinung nach war Königsindisch die Eröffnung wo Weiß eine Bauernkette von g2 bis eventuell sogar c6 hat und Schwarz von c7 bis nach f3 und folglich Schwarz am Königsflügel und Weiß am Damenflügel agiert. Meistens, was von unzähligen Partien von dem legendären Herrn Kasparow und auch von dem (nicht mehr ganz so neuen) Stern am Schachhimmel Herrn Nakamura gezeigt wurde, stimmt das auch. Diese Eröffnung hat mehr oder weniger eher positionellen Charakter, welchem nicht selten ein taktischer Plan zum Sieg, oder zur Niederlage, folgt.

Nun aber mehr von der neuen Variante in Königsindisch mit Sa6! Einzelne mögen sagen: "So neu ist das nicht"! Das ist wahr, da es doch schon viele Partien hierzu gibt und derzeit sogar von der Weltspitze häufig gespielt wird, jedoch in meinen etwas betagteren Eröffnungsbüchern ist keine einzige dieser Varianten erwähnt...nicht mal als Fußnote. Diese Varianten lassen Schwarz nicht passiv herumsitzen und garantieren oft guten Zündstoff mit besten Gewinnchancen.

Aufbau

Der bulgarische Meister 2009 GM Dejan Bojkov (2544) arbeitet in ca. fünf Stunden Videomaterial die wichtigsten Varianten durch und streut gekonnt wichtige Pläne ein, sowohl für Weiß als auch für Schwarz. Hierdurch ist es einfach den logischen und gut strukturierten Varianten und Abwicklungen zu folgen, auch wenn hier und da mal Pause gedrückt werden muss, da ein positionelles, oder taktisches, Opfer erst auf den zweiten Blick Gefallen findet.

Inhalt

Auf dieser DVD von der Firma ChessBase präsentiert GM Bojkov eine modernere Herangehensweise an die Königsindische Verteidigung. Im Gegensatz zur allseits bekannten Variante mit e5, Sc6 und dann Rückzug des Springers und dem darauf folgenden Vorstoß des f-Bauern entstehen hier nicht zwingend derartige positionelle Plänkeleien. Um sogar noch weiter zu gehen, mit Sa6 verhindert Schwarz die Verstellung des weißfeldrigen Läufers, welcher in manchen Varianten nach g4 und eventuell sogar gegen den Springer auf f3 abgetauscht wird, um somit aktiv im Geschehen im Zentrum einzugreifen.



Zudem sind Züge wie e5, c5 oder sogar c6, wonach der Springer auf a6 entweder auf c5, b4 oder via c7 nach e6 fruchtbare Felder besetzen kann, fast immer möglich. Nicht selten werden die Springer überaus reizvoll zur Show gestellt und werden dem weißen Bauernzentrum an den Kragen gehen, wodurch sogar schöne Vorpostenfelder für sie entstehen. Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass die Läuferdiagonale h8-a1 oft gefährlich für den Anziehenden werden kann, was im gewöhnlichen Königsinder, wo die schwarzen Bauern den eigenen Läufer einsperren, nicht der Fall ist.

GM Bojkov erwähnt, dass Sa6 gegen die vier Hauptvarianten gut spielbar ist:
a) 1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. Sc3 Lg7 4. e4 d6 5. Le2 0-0 6. Lg5 Sa6 (das Averbach-System; Bild 1),
oder 5. Sf3 0-0 und nun:
b) 6. Le2 Sa6 (Petrosjan-System; Bild 2)
c) 6. h3 Sa6 (Bagirov-System) und
d) gegen die aggressive Vierbauern-Variante mit 6. f4 Sa6.

Nach 6. Le2 Sa6 und zum Beispiel 7. Sd2 e5 kann sogar eine Stellung mit typischen Charakterzügen, bekannt vom modernen Benoni, entstehen:



Beim Sämischen System mit 5. f3 möchte Weiß nicht weiter im Zentrum expandieren und Schwarz antwortet am besten mit c5, wodurch eine Stellung mit Benko-Stil entstehen kann.



Gegen andere Varianten und zum Beispiel gegen g3 und Lg2 kann Schwarz flexibel mit c5 oder e5 antworten und ähnlich wie in den anderen Varianten aufbauen, wobei auch hier teilweise sehr scharfe Abwicklungen entstehen können.

Fazit

Die Königsindische Verteidigung mit Sa6 und den präsentierten Nebenvarianten wird von GM Bojkov nachvollziehbar mit den wichtigsten Plänen erklärt. Allerdings, was meines Erachtens überaus wichtig zu sein scheint, darf der Schwarzspieler kein Kind von Traurigkeit sein und sich nicht von Opfervarianten abschrecken lassen, ja sogar mehr, Schwarz kann oder soll oft selber einen Bauern, Qualität oder sogar Dame für eine aktivere Stellung opfern. Der Autor zeigt wie wirkungsvoll ein wichtiges Zusammenspiel der Figuren ist, wodurch oft materieller Nachteil leicht kompensiert werden kann. Aus diesem Grund ist diese DVD nicht nur für wissbegierige Schachspieler, auf der Suche nach einer anderen Eröffnung interessant, sondern liefert auch schöne und teilweise gar spektakuläre Opfervarianten, was durchaus in jeder anderen Eröffnung ebenso passieren kann. Auf Grund des möglichen Umschwenkens in andere Eröffnungen wie zum Beispiel in das Benko-Gambit oder das moderne Benoni, ist es von Vorteil, wenn einem dieser Spielstil liegt, oder man zumindest nicht absolut abgeneigt ist.

Last but not least, eine interessante und zeitgleich auch absolut passende Aussage von GM Bojkov ist: ”… mhh, and now, the queen is trapped but that is no problem, we can sacrifice it…“. Ich finde, das hat was von dem Film „300“, wo 300 Spartaner es mit einer Übermacht an Kriegern aufnehmen, jedoch auch wie im Schach, es zählt nicht die Quantität, sondern die Qualität, sprich die Aktivität der Figuren, welche genügend Kompensation garantieren.

Etwas schade ist allerdings, dass keine Referenzpartien auf der DVD enthalten sind. Dies kann jedoch anhand der ChessBase Spielerdatenbank mit „Positionssuche“ gemütlich von zuhause aus erledigt werden.
Die DVD “A modern way to play the King’s Indian” gibt es online im ChessBase Shop.


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