Getrennt an Tisch und Brett

von Peter Muender
08.07.2016 – Vom 11. bis 30. Juli findet im spanischen Vitorio-Gasteiz im Rahmen der "Expochess 2016" der erste 1. Internationale Kongress für die Gleichberechtigung der Frauen im Schach statt. Unter verschiedenen Aspekten werden die Bedingungen für Frauen im Turnierschach beleuchtet. Zu den Referenten gehört u.a. Judit Polgar. Ein Vorbericht von Peter Münder...

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Getrennt an Tisch und Brett

Auf dem spanischen Expo-Chess-Symposium in Vitoria-Gasteiz wird vom 13.-15. Juli über Mädchen- und Frauenschach und über Möglichkeiten diskutiert, das Interesse von Frauen am Schach zu steigern. Psychologen, Pädagogen und Schachfunktionäre sowie Spitzenspielerinnen wie Judit Polgar und die georgische WGM Ana Matnadze erörtern dort auch in eigenen Beiträgen die Lage im Frauenschach. Eine Ausstellung mit Schachbildern der bekannten Hamburger Künstlerin Elke Rehder vervollständigt das Programm.

Sind es nur die FIDE-Funktionäre, die reformresistent sind und es nicht schaffen, sich auf neue Frauenschach-Modalitäten für den Grand Prix-Zyklus und die Herausforderung der WM-Meisterin zu einigen ? In ihrem Chessbase-Interview mit Frederic Friedel übte die Chinesin Hou Yifan (ELO 2653) ja scharfe Kritik an der FIDE : Die wäre nicht imstande, auf ihre seit sechs Jahren vorgebrachte Kritik am Austragungsmodus der K.O.-WM zu reagieren, sie selbst würde nur mit lapidaren Hinweisen auf eine baldige Diskussion über die strittigen Punkte vertröstet- und dann passiere wieder einmal gar nichts. „Ich könnte mich ja auf das Spitzenschach konzentrieren“, erklärte die Weltmeisterin zu einer möglichen Alternative, „aber auf dem Feld der Männer. Ich könnte versuchen, stärker zu werden, effizienter zu sein, denn ich hätte keine Verpflichtung mehr, in Frauenturnieren zu spielen“. Da Judit Polgar ja auch jahrelang im Männerschach aktiv war, stellt sich bei der Einschätzung der Situation auf dem Frauenschach-Sektor wohl auch für starke Spielerinnen die Frage, ob sie diesem Beispiel nicht folgen und auch in der Männerliga spielen sollten.

Die Hinweise auf eine bei Männern stärker ausgeprägte Aggressivität und einen extremeren Kampfgeist gehören offenbar ebenso zur Diskussion über das Frauenschach wie die Erörterung, ob Frauen geduldiger sind und mehr „Sitzfleisch“ haben- denn warum sonst gibt es überhaupt eine Frauenliga? Die besten männlichen Spieler wie Carlsen, Nakamura, Caruana u.a. haben zur Zeit eine ELO-Zahl zwischen 2700-2800, während die beste Spielerin Hou Yifan eine ELO-Zahl von 2653 vorweisen kann. Die beste Deutsche der Frauen-Weltrangliste, IM Elisabeth Pähtz aus Erfurt, liegt mit ELO 2498 auf Rang 14.

„Diese Diskussion über Frauen- und Männer-Schach müsste weniger die biologischen Differenzen im Blick haben“, postuliert sie, „sondern sie sollten diese Spielstärkenvergleiche anhand der ELO-Zahlen vornehmen und etwa Männer und Frauen im Segment um ELO 2400 oder 2300 vergleichen- da würde man dann feststellen, dass die Unterschiede minimal sind“. Sie sei vor allem deswegen in der Frauenliga aktiv, weil sie dort die besten Aussichten auf attraktive Start- und Preisgelder habe, erklärt sie. Das hält sie aber nicht davon ab, auch an Turnieren teilzunehmen, an denen- wie jetzt gerade in London- hochkarätige Spieler wie Nigel Short oder der ungarische GM Rapport (ELO 2750, Sieger mit 8 Punkten aus 9 Partien) teilnahmen und die kleine Zehner-Runde sich aus fünf Männern und fünf Frauen zusammensetzte. Für die beste deutsche Spielerin war dieses achttägige Turnier kurz nach mehreren anderen anstrengenden Kämpfen aber wohl eine zu große und stressige Herausforderung- sie wurde nur Vorletzte.

Die Thesen über ehrgeizige und kämpferische Männer am Brett, die sich mit großer Ausdauer ihren Sieg erkämpfen, während die empfindsamen Frauen angeblich schneller den Mut verlieren und vorschnell eine Partie aufgeben, hält Elisabeth Pähtz aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen für Unsinn: „Männer geben meistens früher auf als Frauen, sie erzielen auch eine größere Remisdichte als Frauen“.

Im Grunde geht es bei dieser Diskussion um unterschiedliche Modalitäten im Frauen- und Männerschach wohl um den Marktwert, Bekanntheitsgrad der Spieler und um Sponsorengelder: „Ich habe jedenfalls beim Frauenschach mehr Chancen, ein ordentliches Startgeld zu bekommen und ein gutes Turnierergebnis zu erzielen“, erklärt Elisabeth Pähtz. Hinsichtlich spezieller Fördermaßnahmen im Frauenschach ist ihre Devise „Klasse statt Masse“- also gezieltere Förderungen besonders talentierter Spielerinnen.

Polgar und Carlsen

Wer erlebt hat, wie Magnus Carlsen beim Hamburger ZEIT-Simultanauftritt gegen 70 Spieler eine geradezu euphorische Resonanz bei den Medien und Zuschauern auslöste- schon Stunden vor dem Simultankampf gab es lange Warteschlangen vor dem alten Zollgebäude am Hafen- wird auch verstehen, warum Sponsoren gern in solche Publikumsmagneten investieren. Dass aufgrund der FIDE-Modalitäten der Frauen-WM-Titel im K.O.-Turnier-Modus jeweils neu erkämpft werden muss, ist jedenfalls nicht nur für die Spielerinnen, sondern auch für die Sponsoren zu unübersichtlich und unattraktiv.

Das Rahmenprogramm des Expo Chess Kongresses präsentiert auch eine Ausstellung mit den Schachbildern der Hamburger Künstlerin Elke Rehder.

Es sind oft „kämpferische“ Konstellationen wie etwa Angriffe der mit Lanzen bewaffneten Bauern auf den König oder eine bedrohliche Belagerung der Dame . Ihre Holzschnitte zu Stefan Zweigs „Schachnovelle“ illustrieren auch die mentalen Probleme des Gestapo-Häftlings Dr. B., der Schach erst in der Zelle erlernt und später den Weltmeister herausfordert. Ob Frauen oder Männer am Brett sitzen, interessiert die Künstlerin weniger: „Mir geht es hauptsächlich um das antagonistische Prinzip im Schach, ich habe mich in meinen Motiven nicht speziell auf maskuline oder feminine Aspekte kapriziert“.

Judit Polgar

Jedenfalls dürfte es spannend werden auf dem Expo-Chess-Symposium, wenn Judit Polgar sich über Frauenschach äußert: Sie nahm seit über 25 Jahren nicht mehr an Frauenturnieren teil, sondern spielte als erste Frau fast ausschließlich gegen Männer. 1993 schlug sie Karpow in einer Schnellpartie, 2002 auch Kasparow. 2010 gewann sie noch gegen Topalow (3,5: 0,5 Mexico City Schnellschach, 2010) und erzielte 2011 bei der Schnellschach-EM in Aix-les-Bains 8,5 aus 11- punktgleich mit EM-Meister Wladimir Potkin. Außerdem nahm sie dreimal am Weltpokal teil (2009, 2011 und 2013). Im August 2014 gab sie ihren Rücktritt vom Profi-Spitzenschach bekannt- sie war eben immer eine starke Spielerin, die sich ihren Spitzenplatz am Brett erkämpfte und nicht auf offizielle Bürokraten- Maßnahmen zur Gleichstellung gegenüber den Männern wartete.
GM Nigel Short, der mehrmals gegen sie verlor, beschrieb ihren enormen Kampfgeist so:“ Sie ist ein Killer und riecht das Matt schon zwanzig Züge im voraus“.

Info: Expo Chess-Kongress 13.-15. Juli Gran Hotel Lakua, Vitoria-Gasteiz, Provinz Alava

Vorträge von:

Judit Polgar (best female chess player of all the history of modern Chess).
Leontxo García (best international journalist specializing in Chess).
Anna Matnadze (Chess Player).
Juan Antonio Montero (Psychologist).
Beatriz Marinello (Vice President FIDE).
Fernando Mosquera (Psychiatrist).
Lorena García (Psychopedagogy).
Nicola Lococo (Philosopher).
Angels Cucarella (Psychologist).
Martha Fierro, (Secretariat of the committee of Women FIDE).
Sabrina Vega (current champion of Spain).
 

Veranstalterseite...
 


Themen Frauenschach

Peter Münder, Anglist, Pinter-Biograph und begeisterter Schachfreund spielt beim Hamburger Schachverein Caissa Rahlstedt.
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knight100 knight100 08.07.2016 03:34
Fortsetzung:
Die Schachspielerin im Artikel gibt selbst zu, dass die negativen Klischees über Frauen und Mädchen sich negativ auf die weibliche Spielstärke auswirken. Anstatt nun die Wurzel solcher Klischees, nämlich die Extra-Würste für Mädchen, zu beseitigen, versuchen solche Frauen dann mit medialer Propaganda ein Umdenken zu erzwingen. Das funktioniert nicht. Zu wenig Jungen und Männer lassen sich von so blöder Propaganda beeindrucken. Zu offensichtlich ist es, dass Frauen sich vor Leistung drücken, indem sie Männern die Teilnahme an Frauenturnieren verbieten und sich hinter tollen Ausreden verstecken.

Man könnte z.B. auch nur solche Männer teilnehmen lassen, die nicht besser spielen, aber selbst davor haben die meisten Frauen Angst und dann wundern sie sich auch noch über Klischees, die über Frauen durch solche unsolidarische egoistische Verhaltensweisen der meisten Frauen erzeugt werden. Die meisten Frauen erzeugen mit ihrer männerfeindlichen egoistischen Geisteshaltung („Frauen zuerst, Männer danach!“) solche Klischees selbst und haben sie deshalb auch mehr als verdient, inklusive ihrer schlechteren Spielstärke im Schach. Daran würde auch eine tausendfache mediale Aufmerksamkeit gar nichts ändern."
knight100 knight100 08.07.2016 03:31
Eine Erklärung (die auch meiner/und vieler anderer Meinungen entspricht) zu dem Sachverhalt aus einem Kommentar im Artikel:

http://blog.zeit.de/schach/frauen-schach-ohme-melanie-interview/?sort=asc&comments_page=3#comments

Es ist auch lesens-empfehlenswert, den ganzen Artikel + Kommentare

Etwas gekürzt, wegen Themenbezogenheit:...
...
"Solche Extrawürste für Mädchen sind bereits eine unangemessene Besser-Behandlung und Förderung von Mädchen im Schach, die allerdings nach hinten losgeht, weil man Mädchen und Frauen immer nur auf Kosten von Jungen und Männern fördern möchte, indem man Männern gleiche Rechte verweigert und sie von Frauenschach-Turnieren ausschließt, während Frauen bei Männer-Schach-Turnieren natürlich selbstverständlich mitmachen dürfen, weil die meisten Frauen sich alle Rechte an Land ziehen und Männern so wenig Rechte wie möglich gönnen bzw. so viele Rechte wie möglich wegnehmen wollen. Kein Wunder, dass solches geschlechtsfeindliche Verhalten von den meisten Frauen beim anderen Geschlecht dann auf wenig Gegenliebe und ablehnendes Verhalten stößt. Da hilft auch überhaupt keine Propaganda (im Artikel als „mediale Aufmerksamkeit“ bezeichnet) mehr, indem man tolle Ausreden dafür findet, warum Mädchen natürlich unbedingt einen Pokal mehr als Jungen gewinnen können müssen.

Man sollte Mädchen überhaupt nicht mehr fördern und ihnen alle Rechte wegnehmen, die Jungen verwehrt werden. Das wäre die beste Förderung für Mädchen, denn so lernen sie, dass man für Dinge kämpfen muss statt sich alles mit Ausreden und Sonderrechten zu erschleichen. Und so könnten sie auch endlich von Jungen ernst genommen werden. Und würden es dann auch. Jungen haben ein Gespür dafür, ob jemand gut Schachspielen kann oder gut tolle Ausreden dafür erfinden kann, warum er nicht gut Schachspielen kann.

Mädchen kann man jedenfalls nicht an das Schachbrett holen, indem man medial auf das männliche Geschlecht einprügelt und das weibliche Geschlecht glorifiziert („spielt besser als 99% aller deutschen Männer“) oder indem man das Geschlecht eines Menschen hervorhebt oder betont. Das wirkt sich nur so aus, dass Mädchen unerwünschter werden am Schachbrett als wenn für sie die selben Bedingungen gelten würden wie für Jungen. Gleiche Bedingungen bedeutet, dass Jungen grundsätzlich mitmachen können bei Förderprojekten für Mädchen, wenn sie vom Verhalten her da rein passen. Dann würden sie auch keine ablehnende Haltung gegen Mädchen entwickeln, wenn sie nicht von westlichen Gesellschaften in die unerwünschte Ecke abgeschoben würden, weil sie ja angeblich weniger förderungswürdig seien.

Man sollte die Preise für beste Mädchen auch radikal abschaffen. Kein Mädchen begreift, was Leistung bedeutet, wenn es dazu erzogen wird zu denken, dass es eine Leistung ist als Mädchen geboren worden zu sein. Jedes Mädchen wird dann denken: „Warum soll ich lernen gegen Jungen zu gewinnen, wenn es anscheinend auch eine ganz tolle Leistung ist, als einziges Mädchen teilgenommen zu haben?“
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