GUB-Schüler wehren sich mit Schach

02.12.2004 – Die Hamburger Schulsenatorin will zwecks Senkung der Kosten eine Reihe von Schulen in Hamburg schließen. Eine der Kandidaten ist das Gymnasium Uhlenhorst-Barmbek (GUB), Heimat der ältesten und größten Schulschachgruppe Deutschlands. Das GUB ist Schließungskandidat weil es nach dem Glauben des Hamburger Schulsenats die kleinste Schule Barmbeks ist und einen angeblichen Sanierungsbedarf in Höhe von 4 Mio. Euro habe. Inzwischen hat sich heraus gestellt, dass das GUB eigentlich nur einen sehr geringen Sanierungsbedarf von 270.000 Euro hat und der Schulsenat Ausbauentwürfe der früheren Schulleitung mit Sanierung verwechselt hat. Auch ist das GUB nicht die kleinste Schule Barmbeks, sondern nach Schülerzahl die größte. Besser zählen konnten die Schachschüler des GUB, die gestern gegen den Rest von Hamburg einen Vergleichswettkampf an hundert Brettern mit 69:31 gewannen. Ehrengast war Christian Zickelbein, mit dem das Hamburger Schulschach 1956 begann. Schulschach in Hamburg: gestern und damals...
Deutschlands größte Schachgruppe durch geplante Schulschließung bedroht

Hamburg spart. Auch bei der Bildung. So will es der Hamburger Finanzsenator und deshalb plant die Schulbehörde, ca. 30 Schulen zu schließen, u.a. das GUB. Denn der Sanierungsbedarf des GUB wurde von der Schulaufsicht auf 4 Mio EUR geschätzt. Im Schulentwicklungsplan ist daher vermerkt: "Da das Gym. Uhlenhorst-Barmbek hohen Sanierungsbedarf hat, wird auf diesen Standort verzichtet." Aber wie sich herausgestellt hat, gibt es kein entsprechendes Gutachten der Behörde, das diesen Sanierungsbedarf begründet. Offenbar geht die Zahl 4 Mio. auf eine alte Bedarfsanalyse der Schulleitung zum Ausbau des GUB zurück. Inzwischen hat die Elternschaft ein Gutachten eines vereidigten Sachverständigen eingeholt. Danach liegt der tatsächliche Sanierungsbedarf bei ca. 275.000 EUR. (Fassadenarbeiten)

Um die Schüler des GUB in den anderen Schulen aufzunehmen, ist der Ausbau der Nachbarschulen geplant: "Die Schüler werden soweit wie möglich auf die umliegenden Gymnasien verteilt. Sollte das nicht in vollem Umfang möglich sein, ist zu prüfen, ob ein vierzügiger Ausbau an einem der bestehenden acht/neunzügigen Gymnasien möglich ist" .  Was dieser Ausbau der Nachbarschulen kosten würde, wurde vorsichtshalber nicht kalkuliert. Auf jeden Fall dürften Kosten über 275.000 EUR liegen. Eigentlich wollte man deshalb das kleinste Gymnasium in Hamburg-Barmbek schliessen, aber da hat man sich auch verrechnet: das GUB hat 551 Schüler, das benachbarte Margarethe-Rothe-Gymnasium nur 489.

Presseartikel zu den geplanten Schulschließungen:

Blankenese: Hamburg- Diese Schulen sollen schließen...

Abendblatt: GEW greift Dinges-Dierig scharf an...

Abendblatt: GAL gegen Schulschließung...

Abendblatt: Streit um Schulschließungen - Senatorin ermahnt Direktoren...

Abendblatt: Warum gerade unsere Schule...

Welt: Eltern wollen gegen Schulschließung klagen...

Welt: Schulleiter üben Kritik an Plänen zur Schulschließung...

Welt am Sonntag: Guter Wurf von Senatorin Dinges-Dierig...

Harburger: "Ein hilfloser und zynischer Versuch"...

GEW: Schulschließung statt Schulentwicklung...
 

"Wir lassen uns nicht Matt setzen!"

Gestern fand im Gymnasium Uhlenhorst-Barmbek (GUB) der größte deutsche Schachmannschaftswettkampf statt: An 100 Schachbrettern spielte das GUB gegen eine Auswahl von Hamburger Schulen, die sich aus Schülern des Johanneums, des Matthias-Claudius-Gymnasium und vieler anderer Schulen zusammensetzte. Mit 69 : 31 siegte das GUB in diesem Solidaritätswettkampf, in dem sich die Teilnehmer gegen die Schließung des GUB aussprachen und für den Erhalt der Schachgemeinschaft Heinrich-Hertz und Uhlenhorst-Barmbek (SGHHUB), der größten und ältesten Schulschachgruppe Deutschlands.

 





Ingo Wilms (Vorsitzender der Hamburger Schachjugend) hielt die Eröffnungsrede:

"Das GUB bietet nicht nur die Heimat für die SG, sondern Räume für viele wichtige Veranstaltungen des Hamburger Jugend- und Schulschachs." "Die SG bietet mit ihrer Arbeit in dem sozial schwach strukturierten Stadtteil Barmbek einen unentbehrlichen Zugang zur Jugend, der nicht aufgegeben werden darf."


Endergebnis

Christian Zickelbein, schrieb in einer Stellungnahme an die Hamburger Schulsenatorin:

"Ich habe diese Schachgruppe 1956 als Schüler an der Heinrich-Hertz-Schule gegründet, mit dem Beginn meines Referendariats 1964 habe ich eine zweite Schachgruppe am Gymnasium Uhlenhorst-Barmbek aufgebaut und beide Gruppen zur inzwischen berühmt gewordenen „SG“ vereinigt. Mein Klub hat viele Jahre seine Bundesliga-Wettkämpfe in der Aula der Schule ausgetragen, viele Schüler beider Schulen sind bis heute Mitglieder des Klubs. Unser Herz schlägt immer noch für „die SG“ – und wir wollen, dass auch das der „SG“ – es hat seinen Sitz seit langem im GUB – nicht zu schlagen aufhört."

Mit von der Partie: der ehemalige Schulleiter Karl Herbst, ein alter Studienfreund von Christian Zickelbein:

 


Karl Herbst

 

"Das beste, was das GUB hat, ist die SG"

 

Am Randes des Berliner Politikerschachturniers in Berlin am Wochende zuvor sprach sich Innenminister Otto Schily für den Erhalt dieser Institution aus: Otto Schily plädiert für Erhaltung der SGHHUB...
 

Welt: Otto Schilys Hilfe für das Gymnasium Uhlenhorst...
 

 

 

Rückblick:  

Hamburger Schulschachgeschichte: Die ersten zehn Jahre

 




Anlässlich seines 10-jährigen Bestehens gab der Hamburger Schachjugendbund im Jahr 1968 ein fast 100-seitige Broschüre über seine Geschichte heraus. Heute fast 40 Jahre bietet die Broschüre einen faszinierenden Einblick in ein kleines Stück Schachgeschichte.

Im Jahr 2004 hat die Hamburger Schulbehörde vom Finanzsenat den Auftrag bekommen, Geld einzusparen und im Schulentwicklungsplan deshalb auch die Schließung des Gymnasiums Uhlenhorst-Barmbek ins Auge gefasst (allerdings noch nicht endgültig beschlossen!), Heimat der ältesten und größten Schulschachgruppe Deutschlands.
 

Irma Keilhack wurde 1908 in Hamburg geboren und trat als 18-Jährige in die SPD ein. 1933 wurde sie wegen ihrer Parteizugehörigkeit von der Gestapo vorübergehend verhaftet. Nach dem Krieg wurde sie wieder in Hamburg politisch aktiv. Von 1949 bis 1961 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages. 1956 setzte sie den Bau einer Jugendherberge in Bonn aus Mitteln des Bundestages durch, um Übernachtungsmöglichkeiten für jugendliche Besucher des Parlaments zu schaffen. Sie gehörte lange Jahre dem SPD-Bundesvorstand an und war von 1961 bis 1970 sie Mitglied des Hamburger Senats, wo sie im Verbraucherschutz und der Jugend- und Familienpolitik tätig war. Bis 1970 war sie Jugendsenatorin. Im Jahr 2001 starb sie im Alter von 93 Jahren.

Bürgermeister a.D. Dr.Voscherau zum Abschied von Irma Keilhack...

Die Welt: Trauer um eine Politikerin der ersten Stunde...

 

Knapp vierzig Jahre zuvor hatte die damalige Jugendsenatorin Irma Keilhack in der Bröschüre des Hamburger noch ein optimistisches Vorwort geschrieben: "Die große Zahl von Verbänden bringt zum Ausdruck, dass...den vielfältigen Erwartungen junger Menschen in Hamburg ein weitgefächertes und fundiertes Angebot seitens der Jugendverbände gemacht wird. Der Hamburger Schachjugendbund leistet dazu einen unverzichtbaren Beitrag, indem er bereits in den Schulen sich der schachinteressierten Jugend annimmt und für den Gedanken des Schachspiels wirbt. Über das Schachspiel hinaus, das den Ausgangspunkt darstellt für das Erlebnis der Gemeinschaft, der Phantasie und Kombinationsgabe, ist der Hamburger Schachjugendbund zu einer Jugendgemeinschaft herangewachsen, die über die Grenzen Hamburgs Beachtung und Anerkennung findet." Man spürt in den Zeilen noch etwas von jener Aufbruchstimmung, die in  Deutschland in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte. Bildung durfte noch etwas kosten und Schach gehörte dazu.

In seinem Grußwort sah der Landesschulrat Wolfgang Neckel im Schach "eine wesentliche Bereicherung des außerunterrichtlichen Angebots," und: "Dieses Spiel ist in besonderem Maße geeignet, geistige und charakterliche Fähigkeiten zu wecken und zu fördern."

 

Im Jahr 1956, genau: am 9.Januar 1956, hatte der Schüler Christian Zickelbein am Heinrich Hertz-Gymnasium eine Schachgruppe ins Leben gerufen, die 1964 zusammen mit den Schülern des Gymnasiums Uhlenhorst-Barmbek zur Schachgemeinschaft Heinrich Hertz und Uhlenhorst Barmbek (SGHHUB) wurde und bald seine Heimat in Räumen im Gymnasium Uhlenhorst Barmbek (GUB) fand. Dort besteht sie noch heute - zur Zeit mit Betonung auf dem Wort "noch".

 


Damals...

 


...und 40 Jahre später: Christian Zickelbein

 

Die Schach-Aktivitäten an den Hamburger Schulen führten 1958 zur Gründung des Hamburger Schachjugendbund, nach dessen Vorbild sich später die Deutsche Schachjugend im Deutschen Schachbund formierte. Gründer und erste Mitarbeitern im Hamburger Schachjugendbund waren Schachfreunde wie Herbert Jesse, Erik Roeder und Christian Zickelbein.

 


Das "Caissomobil" (
Caisso...? Vermutlich der Ehemann von Schachgöttin Caissa) der "Schachelschweine" (Vereinsname der SGHHUB)

Zu den Angeboten an die Jugendlichen gehörten gemeinsame Ausflüge, Freizeiten und natürlich Schachturniere.

 


Schach, aber bei Weitem nicht nur Schach.

 

In der Broschüre zum 10-jährigen Jubiläum findet man z.B. den Bericht über ein Jugendmannschaftsturniers mit Teams aus den Städten Bolton, Den Haag, London, Maribor, Oslo, Prag, Stockholm, Münster und Hamburg. Eine Statistik gibt über den Boom bei der Entwicklung des Jugendschachs Auskunft. Von 70 Schülern, die im Jahr 1953 in den Schulen in Wettkämpfen Schach spielten, war die Zahl im Jahr 1968 auf 752 gestiegen. Seit 1959 gab es regelmäßig Jugendeinzelmeisterschaften.

 

 

Zu den frühen Siegern gehörten so bekannte Hamburger Namen wie Siegfried Weiß (1960, 1961), Uwe Kunstowicz (1963) und Andreas Liersch (1964, 1965, 1966). Bald gab es Deutsche Jugendeinzelmeisterschaften und Jugendmannschaftsmeisterschaften.



Besonders in diesen war Hamburg immer eines der führenden Bundesländer. Das deutsche und Hamburger Schach befand sich im Aufwand, fast schon im "Schachfieber":
 

 

 


Ludwig Rellstab mit Fans

 


Werbung mit zeitgenössischem Zahlungsmittel

 

Im Jahr 1957 hatten sich einige Schach begeisterte Hamburger Lehrer, darunter Franz Buroh und Oswald Stephani, getroffen und beraten, wie das Schulschach weiter gefördert werden könne. Franz Buroh hatte dann die Idee zu dem Turnier "Rechtes gegen linkes Alsterufer". Bei der ersten Auflage 1958 nahmen 20 Mannschaften teil. Der frühere Präsident des Deutschen Schachbundes Emil Dähne hatte dafür einen Silberpokal gestiftet. Nach zehn Jahren war die Zahl der teilnehmenden Mannschaften auf 98 gestiegen. Im Laufe der folgenden Jahre ist diese Veranstaltung zum größten regelmäßig durchgeführten Schachturnier der Welt angewachsen.

 


Gast beim Turnier "Rechtes gegen linkes Alsterufer" 1959: Weltmeister Botvinnik

 

 



Falls nach dem Willen des gegenwärtigen Hamburger Senats das GUB geschlossen werden sollte, so würde die SGHHUB ihre Heimat und ihre Basis verlieren. Ein Stück deutscher Schachgeschichte wäre damit gestorben.

 

Text: André Schulz, Rainer Woisin
Fotos: 10 Jahre Hamburger Schulschachverband, Pascal Simon

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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