Hinter den Kulissen

27.06.2007 – Mit der Bühne des Schauspielhauses hat das Dortmunder Sparkassen Chess Meeting einen prominenten Austragungsort, der viele Zuschauer an den Turniertagen zu einem Besuch animiert. Statt "Faust" oder "Wie es Euch gefällt" wird dann Spitzenschach geboten, aber das Ambiente ist das gleiche. Nur haben jetzt Schachorganisatoren die Regie übernommen und sorgen hinter den Kulissen dafür, dass die Aufführung wie geplant über die Bühne geht. Als Zuschauer bekommt man davon wenig mit, deshalb hier das Angebot, einmal einen Blick hinter genau diese zu werfen. Mehr...

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Hinter den Kulissen
Von André Schulz

Von dem, was hinter den Kulissen eines Schachturniers vor sich geht, bekommen die Zuschauer meist nicht viel mit. Deswegen an dieser Stelle einmal das Angebot, genau dorthin zu schauen. Beim Dortmunder Sparkassen Chess Meeting kann man solch eine Expedition im Wortsinne unternehmen, denn das Turnier findet ja auf der Bühne eines richtigen Theaters, dem Dortmunder Schauspielhaus statt.


Theaterambiente


Blick auf die noch leere Bühne von der Empore aus

Partiebeginn ist um 15 Uhr, aber die ersten Helfer des Turniers sind schon zwei Stunden vorher an Ort und Stelle. Pressechef Rolf Behovits verteilt im Pressecenter an die neu an angereisten Journalisten Akkreditierungsausweise, vermittelt die zahlreichen telefonische Anfragen der Presse für Interviews oder beantwortet selbst Fragen von Journalisten zum Turnier.


Rolf Behovits

Hinter der Bühne wird inzwischen die Übertragungstechnik in Betrieb genommen.



Neben den Zug- und Brettübertragungen wird den Zuschauern auch eine Audiokommentierung der Partien angeboten, die mit Hilfe von drahtlosen Kopfhörern zu empfangen ist.



Guido Kohlen ist der Mann, der seit vielen Jahren dafür sorgt, dass die Technik störungsfrei funktioniert. Er ist sozusagen der Maschinist des Dampfers Sparkassen Chess Meeting.


Sieht aus wie der Kommandostand in einem U-Boot: der Inspizientenplatz neben der Bühne

In diesem Jahr werden die Partien ins Internet mit einer 15-minütigen Verzögerung weitergeleitet, um eventuelle Betrugsmöglichkeiten zu unterbinden. Bei einer zeitgleichen Zugübermittlung ins Internet könnte ein Helfer auf sehr einfache Weise mit einem Schachprogramm die laufenden Partien mitanalysieren und theoretisch den besten Zug an einen Spieler des Turniers zurück übermitteln. Diese Möglichkeit wurde in der jüngeren Vergangenheit kontrovers diskutiert. Nicht, dass einer der Spieler hier auch nur im Entferntesten unter Verdacht stünde, jemals zu solchen Hilfsmitteln greifen zu wollen, aber man wollte in Dortmund ein Zeichen setzten und hat diese Verfahren hier erstmals realisiert - übrigens ein Vorschlag von Vladimir Kramnik. Zur Verzögerung der Übertragung wurde eigens eine Software geschrieben, die die Züge eine beliebige Zeit festhält und dann mit dem eingestellten Zeitverzug weiterleitet.

Ein wichtiges Detail des Turniers ist auch ist die Bestückung des Erfrischungsraums mit Getränken und Snacks.


Auf Neudeutsch: das Catering

Beim Durchwandern der labyrinthartigen Gänge und Räume hinter der Bühne kann es übrigens schnell einmal passieren, dass man die Orientierung verliert. Wer zum Beispiel hier

stolpert und sich vielleicht den Fuß bricht, wird unter Umständen erst nach der Sommerpause in einem recht schlechten gesundheitlichen Gesamtzustand wiedergefunden. Außerdem gibt es eine Reihe von Dingen zu entdecken, deren Sinn sich besonders in einer Menge Menge, deren Aufbewahrung diese Kiste notwendig macht, für den Nichttheatermann nur ungefähr erhellt.

Im Pressezentrum sind inzwischen bereits einige weitere Mitarbeiter des Turniers und auch Besucher eingetroffen.


Andrzej Filipowicz

Andrzej Filipowicz ist Präsident des polnischen Schachverbandes und in Dortmund als Schiedsrichter beteiligt.

Dr. Helmut Pfleger kommentiert in Dortmund zusammen mit Klaus Bischoff seit vielen Jahren die Partien für die Zuschauer und informiert sich vor Rundenbeginn auf seiner Lieblingsschachwebseite über das Geschehen in der Schachwelt.

Seit Kommentatorkollege hat genau das gleiche Bedürfnis und sogar die gleiche Nachrichtenquelle.


Klaus Bischoff

Einer der aktivsten deutschen Schachjournalisten ist Dagobert Kohlmeyer, der für mehrere Zeitungen, Agenturen und Webseiten Fotos macht und Berichte schreibt, u.a. auch für ChessBase.


Dagobert Kohlmeyer


Thorsten Behl aus Hennef fotografiert u.a. für New in Chess


Schiedsrichterlegende Geurt Gijssen kam als Besucher

Ab Donnerstag ist ein kleiner Wettkampf zwischen zwei Dortmund-Veteranen geplant: Heiki Westerinen und Vlastimil Hort


Heiki Westerinen, aufgenommen in David Hamilton-Ästhetik


Vlastimil Hort: "Machä ich so für Foto, ja?"

Inzwischen nähert sich der Rundenbeginn. Organisationschef Gerd Kolbe erinnert in seiner Eröffnungsansprache an alte Zeiten und zeigt ein 20 Jahre altes Programmheft. Im Laufe der vielen Jahre, in denen in Dortmund Schachturniere veranstaltet werden, sind die Organisatoren, Helfer und Spieler zu einer großen Familie zusammen gewachsen, betonte Gerd Kolbe.


Als Gast wird der FIDE-Vizepräsident Geoffrey Borg begrüßt, der gerade von der Präsidiumssitzung der FIDE in Tallinn angereist ist. Dort hat man die Modalitäten eines WM-Zyklus beschlossen und bereits die Details der nächsten fünf Jahre festgelegt. Wenn man bedenkt, dass die gegenwärtige FIDE-Führung seit gut zehn Jahren im Amt ist und welche Metamorphosen die Schachweltmeisterschaft in dieser Amtszeit durchgemacht hat, dann sind fünf Jahre eine lange Zeit, eine sehr lange Zeit.

Geoffrey Borg gehörte zum The Right Move-Team von Bessel Kok bei der letzten FIDE-Wahl. Später ist der Wahlsieger Kirsan Ilyumshinov auf Bessel Kok zugegangen und Global Chess wurde aus der Taufe gehoben. Mit dem Kandidatenturnier in Elista ist die neue Organisation erstmals in Erscheinung getreten und hat zusammen mit der FIDE den neuen WM-Zyklus festgelegt. "Wir wollten damit auch ein klares Zeichen der Stabilität setzen", kommentierte er im Gespräch das neue Fünfjahres-Schema.

Der FIDE-Vize weilte übrigens nicht zum ersten Mal in Dortmund. Bei der Jugend-Weltmeisterschaft 1980 war er einer der Teilnehmer. Kasparov siegte vor Nigel Short. Geteilter Dritter wurde Klaus Bischoff, der nun in Dortmund kommentiert. So trifft man sich wieder.


Kramnik und Leko-Manager Carsten Hensel im Gespräch mit Geoffrey Borg

Dr. Helmut Pfleger betritt die Bühne, um auf seinem Kommentatorenplatz in den Kulissen Platz zu nehmen. Gerade hat man ihm ein Schachspiel einer bekannten Getränkefirma geschenkt. Über das Geschenk freut er sich, als überzeugter Ökoanhänger weiß er aber nicht, ob der Namensgeber ihm so recht ist.

Zu den angereisten Journalisten gehört auch Michael Müller, Ressortleiter Sport beim Neuen Deutschland.

Das Neue Deutschland ist vielleicht die Tageszeitung, die am regelmäßigsten über Schachthemen berichtet. Mindestens einmal pro Woche kann man etwas über Schach lesen. In Berlin ist man mit der Resonanz der Leser sehr zufrieden.

Inzwischen sind auch die Spieler eingetroffen und haben ihre Plätze auf der Bühne eingenommen.


Peter Leko


Magnus Carlsen, vor ihm kniend Dagobert Kohlmeyer, Alekseev fehlt noch

Der Zuschauerraum füllt sich allmählich. Zum Beginn der Runde werden die unteren Reihen vollständig besetzt sein. Nur auf der Empore finden sich noch einige Plätze. Über die Kopfhörer lauschen die Zuschauer den Kommentaren von Dr. Helmut Pfleger und Klaus Bischoff.

Neben den acht Teilnehmern des Großmeisterturniers wird auch die Spitzenpartie des Opens auf der Bühne des Schauspielhauses ausgetragen. Der Sieger des letzten Jahres Olaf Heinzel ist heute wieder einer der beiden Spieler im Spitzentisch des Opens.


Titelverteidiger IM Olaf Heinzel


Vjacheslav Savchenko gegen Olaf Heinzel.


Geoffrey Borg spricht mit Shakriyar Mamedyarov, daneben Turnierleiter
und UEP-Geschäftsführer Stefan Koth und Andrzej Fillipowicz


Mameydyarov und Kramnik


Carlsen streckt sich, Alekseev ist immer noch nicht da


Hier wird schon gespielt


Hier auch


Und hier ebenfalls



Während der ersten Züge haben die Fotografen fünf Minuten lang Gelegenheit, ihre Fotos von der Runde zu schießen. Dann werden sie von den Schiedsrichtern verscheucht. Als Letzter ist nun auch Evgeny Alekseev eingetroffen, der seinen Startplatz als Sieger des Aeroflot-Opens erhalten hat.





Die Verbindung von Dortmund zum Aeroflot-Open ergibt sich über Alexander Bakh, der in Dortmund seit viele Jahren als Schiedsrichter fungiert und in Moskau das Aeroflot-Open organisiert.

Nun sind alle Partien im Gange und die ersten Spieler schon wieder zum Kaffee holen im Erfrischungsraum verschwunden.

Klaus Bischoff und Dr. Helmut Pfleger haben ihre Kommentatortätigkeit aufgenommen und unterhalten die Zuschauer mit Erläuterungen zu den Partien. 

Heute werden alle fünf Partien remis enden. Gelfand und Anand und auch Mamedyarov und Kramnik werden dabei nicht besonders lange dauern, bieten den Kommentatoren aber dennoch reichlich Stoff für interessante Vorschläge und Analysen. Mit 17...Se4 drohte Anand einen Läufereinschlag auf h2. Später wollten die beiden Kommentatoren mit 20...Dd6 Gelfands Dame gegen Turm und Leichtfigur tauschen. Der Israeli spielte anders und erzielte einen Zug später das wohl erwünschte Remis gegen den Weltranglistenersten.

In der Partie zwischen Mamedyarov und Kramnik schien der Weltmeister um den 15. Zug Vorteil erzielt zu haben, doch die Spannung löste sich innerhalb weniger Züge auf. In den übrigen Partien kämpfte Carlsen um den Sieg, während Naiditsch Leko mit der seltenen Sizilianischen Nimzowitsch-Variante überrascht hatte. Am Ende waren auch diese Partien ohne Sieger.

Schaut man sich die Partien im Nachhinein an und blättert kurz durch die Züge, bekommt man nur einen völlig oberflächlichen Eindruck, während man vor Ort, mit Abstrichen bei den Live-Übertragungen im Internet, diese in Echtzeit sehr viel intensiver miterlebt und Zeit hat, den Gehalt zu erfassen. Also: Gehen Sie zum Schach!

 


 

 

 


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