Hoher Besuch in Sofia

15.05.2008 – Starke Schachturniere haben viele schöne Seiten: Neben den netten Partien und den wunderbaren Neuerungen, die einem immer wieder die Hoffnung geben, beim nächsten Mannschaftskampf doch besser abzuschneiden als beim letzten Sonntag - gesetzt den Fall, der Gegner ist mit zwanzig Zügen Theorie in einem Modesizilianer vertraut - schauen dort auch immer wieder Schachlegenden vorbei. Beim M-Tel Masters in Sofia kam niemand anderes als Boris Spassky in der sechsten Runde zu Besuch. Dejan Bojkov berichtet.Turnierseite...Zum Bericht...

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M-Tel Masters in Sofia - Runde 6
Text und Fotos: IM Dejan Bojkov

Ich habe mich geirrt. Zu meiner großen Überraschung gewann PFC "Levski" gegen Chess United. 3-2 stand es am Ende. Und das, obwohl sie fast alle Negativrekorde der Klubgeschichte gebrochen haben. Und trotz der zusätzlichen Unterstützung, die "Chess United" durch Zurab Azmaiparashvili und Petar Stoychev - dem besten bulgarischen Langstreckenschwimmer aller Zeiten - erfuhr. Und sogar, obwohl der brillante Ivanchuk im Tor stand! "Wir müssen Ivanchuk verhaften", scherzte Danailov auf Radio Gong nach dem Fußballmatch. "Als Torhüter war er eine Entdeckung. Er spielt gut Schach und gut Fußball. Bislang genial!"


Ivanchuk bringt allen Freude

Runde sechs begann mit einer Gedenkminute für die Erdbebenopfer in China. Tausende von Menschen starben bei der Katastrophe. Wir alle empfinden Mitgefühl mit dem chinesischen Volk.


Eine Schachlegende in Sofia

Gute Neuigkeiten kamen allerdings aus Sofia mit der Ankunft von Boris Spassky. Der legendäre GM ging direkt ins Moderatorenstudio und unterhielt das Publikum. "Das beste Turnier, das ich je gespielt habe, fand 1950 statt", erzählte er, "es war phantastisch - ein Kellner kam während der Partie und man konnte jedes Getränk bestellen, das man während der Partie trinken wollte (sogar Wodka). Leider gibt es heute solche Turniere nicht mehr …" "Aber hat denn niemand dagegen protestiert?", fragte jemand aus dem Publikum. "Oh, ja, sogar der stärkste Teilnehmer: Vasily Smyslov."


Ein kundiger Kommentator

Von kurzen Pausen unterbrochen unterhielt Spassky das Publikum weiter mit seinen lebhaften Erinnerungen, seinen ausgezeichneten und witzigen Anmerkungen zum Schach und zu anderen Themen. Sie können seine Kommentare im Internet verfolgen. Heute um 13 Uhr Ortszeit ist Boris Spassky offiziell zu einem Empfang beim bulgarischen Präsidenten Georgi Parvanov eingeladen. Der ehemalige Weltmeister spielt simultan gegen Journalisten und Krasimir Kushev vom Staatsfernsehen hat mich schon gefragt, was er gegen 1.e4 machen soll. "Sizilianisch", rate ich ihm, "am besten einen langen Kampf gegen seinen geliebten geschlossenen Sizilianer anstreben". Wir werden sehen, wie gut das funktioniert.

Eine weitere Schachlegende kam heute beim Turnier vorbei: Ivan Radulov. Der mehrfache bulgarische Meister, der zu den besten bulgarischen Spielern aller Zeiten gehört, spielt immer noch aktiv Schach, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Im Publikum entdecke ich die amtierende bulgarische Frauenmeisterin Elitza Raeva. Auch GM Vladimir Dimitrov ist hier.


GM Vladimir Dimitrov

Er war lange Jahre Trainer von Ivan Cheparinov und hat ihn nach Baku zum Grand-Prix begleitet. "Ich mache jetzt ein wenig Pause", erklärt er und macht sich auf, um die Partie Ivanchuk-Radjabov live für chessdom.com zu kommentieren.

Gegen Radjabov entschied sich Ivanchuk für 1.e4 und musste sich mit der Sveshnikov-Variante auseinandersetzen. Der Ukrainer sah zuversichtlich aus und verbrauchte für die Eröffnung etwa sechs Minuten, aber als Radjabov mit 20...Tbe8 eine Neuerung brachte, versank er in tiefes Nachdenken.


Was hat er nur vor?

Am Ende entschied, mit 21.Sc6 kein Risiko einzugehen. Kritisch waren 21.Sa6 oder 21.Dd6, aber ich nehme an, Ivanchuks Sinn für Gefahren hinderte ihn daran, einen der Bauern zu nehmen. 21.Sc6 führte zu Massenabtausch und nach genauem Spiel endete die Partie friedlich. Der Tabellenführer hatte seinen ersten halben Punkt abgegeben!

Zum großen Vergnügen des Publikums hat er den Turniersaal nicht gleich verlassen, sondern gesellte sich zu Spassky und die beiden begannen sofort eine gründliche Untersuchung der Partie Bu-Cheparinov. Die Schachleidenschaft des Ukrainers ist einfach außergewöhnlich.


Bei dieser Stellung haben selbst die stärksten Spieler Probleme.

Ivan Cheparinov versuchte, das passive Eröffnungsspiel seines Gegners auszunutzen. Im achten Zug sprang er mit seinem Springer nach e4, den er später mit f5 befestigte. Eine Art günstiger Stonewall war entstanden und in der zweischneidigen Stellung fühlte sich der Bulgare wohler. Stück um Stück gelang es ihm, einen Angriff am Königsflügel aufzubauen und im vierzigsten Zug brachte er ein Turmopfer, das ihm den vollen Punkt einbrachte.


Stellung nach 40…Tg3-h3!

Bei der Pressekonferenz nach der Partie fragten die Journalisten Bu, warum er so passiv gespielt hätte, worauf der Chinese antwortete, dass er vielleicht zwar manchmal passiv spielt, aber in der Partie von heute sogar das Gefühl gehabt hat, er hätte irgendwann einmal besser gestanden. Mit diesem Sieg kam Cheparinov 50%, womit er auf dem dritten Platz liegt.


Xiangzhi Bu steht Rede und Antwort bei der Pressekonferenz. Neben ihm Übersetzer Xavier Moreno

Veselin Topalov lieferte sich einen langen Kampf mit Levon Aronian. Er kam mit leichtem Vorteil aus der Eröffnung, aber der Armenier verteidigte sich gut und es schien, als ob er mit 33…Td3 leicht hätte Remis machen können. Stattdessen entschied er sich für den falschen Plan und verlor einen Bauern, wonach ihm auch seine einfallsreichen Tricks nicht mehr halfen. "Soll das ein Scherz sein?", fragte Paco Vallejo, als er 49…Td6 von Aronian sah. Um dann eine lange, forcierte Variante anzugeben, die für Weiß gewann. Topalov machte keinen Gebrauch vom Vorschlag seines Sekundanten, sondern wählte einen sichereren Weg zum Sieg.


Topalov gegen Aronian

Damit beträgt der Abstand zwischen ihm und Ivanchuk jetzt einen Punkt. Heute kommt es zum entscheidenden Aufeinandertreffen der beiden.

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