Interview mit Almira Skripchenko

27.12.2005 – Neues Deutschland veröffentlichte in seiner Wochenendausgabe ein Interview von Dr. René Gralla mit Almira Skripchenko. Die gebürtige Moldawierin, derzeit Nummer 22 der Frauenweltrangliste, hat zahlreiche Erfolge aufzuweisen. Neben dem Europameistertitel der Frauen 2001 gewann sie zahlreiche Landesmeisterschaften in ihrer Wahlheimat Frankreich. In der Bundesliga spielt sie sehr erfolgreich für Werder Bremen und startete mit 4 aus 4 in die neue Saison. Neben ihren schachlichen Erfolgen zählt Almira Skripchenko auch zu den "Glamour Girls" der Szene und nimmt auch zu diesen Aspekt des Frauenschachs Stellung, der seit dem Erscheinen von Jennifer Shahades Buch Chess Bitch kontrovers diskutiert wird. Neues Deutschland online...Nachdruck...

Ungekürzter Nachdruck aus Neues Deutschland mit freundlicher Genehmigung:

Werder Bremens Großmeisterin ALMIRA SKRIPCHENKO im Interview über Frauen im Schach und das neue Buch „Chess Bitch“ aus der Feder einer Profi-Kollegin:

Sie beweist, wie sexy Schach sein kann. ALMIRA SKRIPCHENKO (29) ist die Vorzeigefrau von Werder Bremen, des deutschen Mannschaftsmeisters im Schach, und gleichzeitig die weibliche Nr. 1 in Frankreich, ihrer Wahlheimat. Außerdem hat die gebürtige Moldawierin gerade in China eine neue Variante des ewigen Spiels öffentlich getestet: das „AIGO Chess“. Über Frauen im Schachsport und ein neues Buch, das dieses Thema unter dem provokanten Titel „Chess Bitch“ – übersetzt: „Schach-Hure“ – diskutiert, hat die gelernte Journalistin mit DR. RENÉ GRALLA gesprochen.

Postergirl und Spitzenspielerin - Interview mit Almira Skripchenko
Von Dr. René Gralla


Dr. RENÉ GRALLA: Im Fußballerdress kicken Sie auf Plakaten das Leder. Ein ungewöhnlicher Weg, für die Schachabteilung Ihres Vereins PR zu machen.

ALMIRA SKRIPCHENKO: Werder Bremen realisiert damit eine sehr interessante Idee; der Klub versteht nämlich, dass eine weibliche Spielerin mehr Potenzial als ein Mann hat, das Team zu promoten. Allerdings ist es für mich nicht leicht gewesen, das Konzept vor der Kamera umzusetzen. Denn eigentlich wird von uns Schachsportlern im Turnierkampf erwartet, dass wir unsere Emotionen unter Kontrolle halten; aber hier, während der Produktion der Imagekampagne, sollte ich gerade Gefühle rauslassen – ich habe den Ball geschossen, und ich habe posiert. Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. Schach ist ein ruhiges Spiel, in dem Du Deinen Gegner respektierst; demonstrativer Jubel oder gar Wutausbrüche sind fehl am Platz. Wenn Schach aber in den Medien vermarktet wird, dann wird von Dir erwartet, dass Du vor einem Millionenpublikum auch Persönliches von Dir preisgibst; deswegen haben viele Schachspieler ein Problem, mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren und zum Beispiel eine Pressekonferenz zu geben.

Dr.GRALLA: Sie sind eine sehr attraktive Frau. Wird das manchmal lästig, weil männliche Gegner am Brett womöglich versuchen, sich mit Ihnen zu verabreden für ein Date nach dem Punktspiel?

SKRIPCHENKO: Nein. Abgesehen davon, dass manche Menschen mich zu kennen glauben, weil ich schon viele Interviews gegeben habe; dann stellen sie mir Fragen, die mit Schach nichts zu tun haben. Trotzdem versuche ich stets, auch zu solchen Leuten höflich zu sein.

Dr.GRALLA: Sie waren verheiratet mit dem französischen Großmeister Joel Lautier, die Ehe ist aber geschieden worden. Kriegen Sie viele Heiratsanträge von Sportskollegen?

SKRIPCHENKO: Schachspieler sind zu smart, um etwas derart Naives zu tun.


Alexandra Kosteniuk


Dr.GRALLA: Sie zählen - neben der ehemaligen Vizeweltmeisterin Alexandra Kosteniuk aus Russland, die Filme dreht und modelt – zu den neuen weiblichen Superstars im Schach, die Glamour in das alte Spiel bringen. Ein Trend, mit dem jetzt eine Profi-Kollegen aus den USA, die Internationale Meisterin Jennifer Shahade, in einem 320-Seiten-Werk unter der reißerischen Überschrift „Chess Bitch“ abrechnet. Jennifer Shahade kritisiert, dass für Schach-PR zunehmend gut aussehende Spielerinnen eingesetzt werden.


SKRIPCHENKO: Wenn aber Schach auf diese Weise in den Mainstream der Medien eingeführt werden kann: Was soll denn so schlecht daran sein?! Das macht unseren Sport doch interessant. Gerade Alexandra Kosteniuk hat hier Pionierarbeit geleistet auf einem Markt, den es vorher noch gar nicht gegeben hat.

Dr.GRALLA: Die russische Großmeisterin Maria Manakowa geht einen Schritt weiter und fordert „mehr Sex im Schach“, um für den Denksport zu werben. Sie hat sogar Nacktphotos veröffentlicht; ist sie damit zu weit gegangen?

SKRIPCHENKO: Aus der Sicht von Maria Manakowa ist das ein geschickter Zug gewesen, um in der Sprache unseres Sports zu bleiben. Maria Manakowa ist zwar Großmeisterin bei den Frauen, aber trotzdem keine übermäßig starke Spielerin; entsprechend hat sie ihre persönliche Marketingstrategie etwas anders fokussiert, als das bisher üblich gewesen ist.



Maria Manakova



Dr.GRALLA: Und Sie, Frau Skripchenko: Würden Sie sich für den Schachsport ausziehen?

SKRIPCHENKO (lacht): Nein! Ich hoffe doch, dass ich durch meine Leistungen als Sportlerin überzeuge.

Dr.GRALLA: Zwischenzeitig haben Sie Ihr Interesse für den Fernen Osten entdeckt. Bei ChessBase publizieren Sie gerade eine sechsteilige Serie über China; die Volksrepublik gilt als aufsteigende Schachnation. Warum sind die Chinesen so stark?

SKRIPCHENKO: Die Volksrepublik sichtet und fördert systematisch neue Talente, eine Politik, die früher in der Sowjetunion üblich gewesen ist. Zur Erziehung der Kinder gehört es ganz selbstverständlich, Schach zu spielen. Die Regierung vergibt Stipendien; Begabte brauchen sich um nichts Anderes mehr zu kümmern als um Schach.

Dr.GRALLA: Ist der Aufstieg der Chinesen auch deswegen kaum zu stoppen, weil sie eine Jahrtausende alte eigene Schachkultur pflegen, ihr spezielles „XiangQi“? Das lernt in der Volksrepublik jedes Kind, so selbstverständlich wie das Einmaleins.

SKRIPCHENKO: Da ist sicher etwas dran. XiangQi bildet grundsätzliche strategische und taktische Fertigkeiten aus, die auch Voraussetzung dafür sind, im westlichen Schach gut zu werden.

Dr.GRALLA: Kürzlich haben Sie in Peking eine neue Schachversion getestet: das „AIGO Chess“; der Figurensatz des westlichen Schachs wird um die Kanonen aus dem XiangQi erweitert. Ihr Fazit nach einem Showkampf gegen die ehemalige Weltmeisterin Xie Jun?

SKRIPCHENKO: Die spannende Fusion zweier Schachfamilien. Und eine echte Herausforderung, zwischen den bekannten Steinen und den XiangQi-Kanonen auf dem 64-Felder-Brett Harmonie herzustellen.

Dr.GRALLA: Sie haben das Match gegen Xie Jun verloren. Woran lag’s?

SKRIPCHENKO: Erst gewann ich eine Figur. Aber Xie Jun ist auch im XiangQi eine große Expertin; sie manövrierte elegant mit ihren Kanonen und lockte mich in eine Mattfalle.

Dr.GRALLA: Hat AIGO Chess eine Chance, sich auch außerhalb Chinas durchzusetzen?

SKRIPCHENKO: Auf der Amateurebene mit Sicherheit, weil das eine sehr interessante Variante ist. Die jeder gleichzeitig leicht lernen kann: Sie müssen dafür keine Bücher lesen, sondern sich bloß zusätzlich merken, wie die Kanone funktioniert.


ALMIRA SKRIPCHENKO veröffentlicht ihre sechsteilige Chinaserie unter www.chessbase.com (bereits drei Folgen sind erschienen). Die Regeln von AIGO Chess: In der Grundstellung stehen die weißen und schwarzen b- bzw. g-Bauern nicht auf deren bekannten Ausgangspositionen, sondern auf b3 und g3 bzw. b6 und g6. Die dadurch frei gewordenen Felder werden besetzt durch je zwei weiße Kanonen auf b2 und g2 und sowie durch zwei schwarze Geschütze auf b7 und g7. Die Kanone zieht, wenn sie nicht schlägt, wie ein Turm, das heißt, stur geradeaus auf den Horizontalen und Vertikalen. Soll mit der Artillerie jedoch eine feindliche Einheit getroffen werden, ist dafür eine so genannte „Rampe“ erforderlich: ein Stein von eigener oder fremder Farbe, der in beliebigem Abstand zwischen Haubitze und Zielobjekt auf der Senkrechten oder Waagrechten postiert sein muss. Über diesen virtuellen Beschleuniger hinweg feuert die Kanone ihren Schuss ab, auf diese Weise wird die ballistische Flugbahn des Geschosses nachgebildet. Der gegnerische Stein verschwindet vom Brett, und die Kanone nimmt dessen Position ein. – Das Buch von Jennifer Shahade: „Chess Bitch: Women in the Ultimate Intellectual Sport“ (Preis: 26,50 Euro) kann bestellt werden bei Schach Niggemann
 



 



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