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Interview mit Anatoli Karpow

03.12.2007 – Viele Gemeinsamkeiten haben die beiden Schachweltmeister Anatoli Karpov und Garri Kasparow nicht. Allerdings nahmen beide an der Duma-Wahl am vergangenen Sonntag nicht teil, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Putin-Gegner Kasparow strich seinen Wahlzettel vor laufenden Kameras durch, Putin-Anhänger Karpow war zu dieser Zeit bei einer Schachveranstaltung in Deutschland. Im Laufe ihrer Wettkampforgie, die von 1984 bis 1990 dauerte, sind die beiden Spitzenspieler kaum gute Freunde geworden, haben sich aber Respekt voreinander bewahrt. So versuchte Karpow seinen Nachfolger als Weltmeister in dessen 5-Tages-Haft zu besuchen, wenn auch vergeblich. Dagobert Kohlmeyer sprach mit dem 12. Weltmeister nicht nur über Politik. Interview mit Anatoli Karpow...
 

Über Kasparow, Putin und die Schacholympiade in Dresden
Interview mit Exweltmeister Anatoli Karpow

Von Dagobert Kohlmeyer

Am Sonntag wird in Russland gewählt. Während seiner fünftägigen Haft in Moskau hätte Oppositionsführer Garri Kasparow beinahe Besuch von seinem ehemaligen Schach-Rivalen Anatoli Karpow bekommen. Dieser wurde aber wie auch der Duma-Abgeordnete Wladimir Ryschkow nicht vorgelassen. An diesem Wochenende hält sich Karpow nun in Deutschland auf. Dagobert Kohlmeyer hat mit ihm über die Ereignisse um Kasparow in Moskau, die russischen Wahlen und über schachliche Themen gesprochen. Ein Dank gilt Karpows langjährigem deutschen Freund Dieter Auer, der die telefonische Verbindung gestrickt hat.

War die Verhaftung Garri Kasparows und das Besuchsverbot nach russischem Recht eine Gesetzesverletzung?

Das kann man verschieden interpretieren. Ungesetzlich war auf jeden Fall, dass sie zunächst ein Päckchen mit Lebensmitteln und Büchern von Kasparows Mutter nicht zu ihm durchließen. Ich hatte eine Schachzeitung für meinen ehemaligen Rivalen mit und gab sie im Gefängnis ab, damit er etwas zu lesen hatte.

Amnestie international sagt, der Kreml plante schon vor der Anti-Putin-Demonstration, Kasparow kurz vor den Wahlen aus dem Verkehr zu ziehen.

Ich weiß nicht. Es kann sein, dass sie es vorhatten. Nach dem Motto: „Wenn er etwas Illegales tut, also Widerstand leistet, dann bekommt er Probleme“. Seine Verhaftung hat aber nicht Putin veranlasst.

Warum wollten ausgerechnet Sie ihn besuchen?

Aus rein menschlichen Motiven. Es war der dritte Tag seiner Haft, und ich verstehe, wie ekelhaft es ist, im Knast zu sitzen. Ich wollte nur sehen, ob sie ihn ordentlich behandeln. Und wenn sie mich durchgelassen hätten, ihm einige Zeit widmen.


Kasparow, Karpow WM 1984

Obwohl ihr beide wahrlich keine Freunde seid…

Das sind wir in der Tat nie gewesen, aber selbst in den härtesten Zeiten gab es immer diplomatische Beziehungen zwischen uns. Wir haben ein normales Verhältnis und achten einander. Und weil Kasparow jetzt in einer solchen Situation war, wollte ich mich einfach erkundigen, wie es ihm geht.

Teilen Sie Kasparows politische Ansichten?

Nein. Ich denke, es war überhaupt ein Fehler von ihm, nach Beendigung seiner aktiven Schachlaufbahn in die Politik zu gehen. In Russland jedenfalls hat er nicht die geringste Chance.

Warum tut er es dennoch?

Fragen Sie ihn selbst.

Vergüten die Amerikaner ihm, dass er Putin regelmäßig provoziert?

Das ist durchaus möglich. Auskunft darüber kann nur sein Bankkonto geben.

Sie gelten als Anhänger Putins. Werden Sie am Sonntag seine Partei wählen?

Ich komme nicht mehr dazu, weil ich nicht zu Hause bin, sondern in Süddeutschland. Wäre ich in Berlin, könnte ich in der russischen Botschaft meine Stimme abgeben.

Warum ist Wladimir Putin in Ihren Augen ein geeigneter Präsident?

Weil er die richtige Politik macht. Unser riesiges Land braucht einen Mann mit starken Nerven und starker Macht. Das ist die Voraussetzung, um es regieren zu können. Bevor Putin ans Ruder kam, ging es Russland schlecht. Es hätte in viele Teile zerfallen können. Heute ist unser Staat stark genug und einig.

Viele sehen in dem russischen Präsidenten einen Diktator.

Nein, das ist er meiner Meinung nach nicht.

Was hat Putin vor: Erst Premierminister und später wieder Präsident zu werden?

Lesen Sie seine jüngste Erklärung.

Konnten Sie nach Kasparows Freilassung mit ihm sprechen?

Ja, wir haben der Radiostation „Echo Moskaus“ gemeinsam ein großes Interview gegeben. Kasparow sagte dort, er war erstaunt, dass ich ihn in der Haft besuchen wollte, weil das praktisch kein anderer versucht hat: kein Schachspieler oder politischer Anhänger von ihm.

Sie sind ein viel beschäftigter Mann: Schachspieler, UNICEF-Botschafter, Chef des russischen Friedensfonds. Welches ist derzeit Ihre Hauptbetätigung?

Für mich ist alles wichtig. Ich komme gerade aus Weißrussland von einer Konferenz des dortigen Friedensfonds. Es ging um die Frage, wie Kindern, die noch immer unter den Folgen der Katastrophe von Tschernobyl leiden, geholfen werden kann. Es gibt da ein großes gemeinsames Programm mit deutschen Partnern. Ich möchte an dieser Stelle meine große Dankbarkeit ausdrücken, dass die Deutschen mithelfen, weißrussische Kinder zu heilen.

Dresden richtet, wie Sie wissen, die Schacholympiade 2008 aus. Prominente Persönlichkeiten wurden von den Organisatoren als Olympiabotschafter gewonnen. Aus der Schachszene sind es u. a. Szuzsa Polgar und Wolfgang Uhlmann. Wäre das auch für Sie vorstellbar?

Eine offizielle Anfrage von ihnen habe ich noch nicht erhalten. Ich weiß nicht, was man dort von mir erwartet. Aber ich wäre bereit, die Durchführung der Olympiade in Dresden mit meinem Namen zu unterstützen.

Wir haben seit Mai einen neuen DSB-Präsidenten. Kennen Sie ihn?

Ich lernte Robert von Weizsäcker an diesem Wochenende persönlich kennen und denke, er wird ein aktiver Präsident sein. Weil er so großes Interesse am Schach hat. Das ist ganz wichtig. Er ist ein Neuling in diesem Amt, okay, aber ich hoffe, Herr von Weizsäcker wird ein starker Präsident.

Hilft sein prominenter Name dabei?

Absolut. In Russland war früher zum Beispiel der Kosmonaut Vitali Sewastjanow einige Zeit Schachpräsident. Heute führt der Vizepremier Alexander Shukow unseren Verband an. Das hilft dem Schach sehr. Ich freue mich, dass in Deutschland jetzt dieser Wechsel stattgefunden hat. 

Noch etwas Persönliches. Sie sind ein Ruheloser und etwa zwei Drittel des Jahres in der Welt unterwegs. Wie verkraftet man über viele Jahre hinweg ein derartiges Pensum?

Es ist nicht ganz einfach. Aber der Schachsport lehrte mich, meine knappe Zeit genau einzuteilen und mit meinen Kräften zu haushalten. Manchmal spüre ich schon, dass es schwerer wird. Noch aber reicht meine Energie aus, um alle Aufgaben zu bewältigen.

Wie lange machen Sie eigentlich Urlaub?

Viel zu wenig. In den vergangen zwei Jahrzehnten reichte meine Zeit nie für ausgedehnte Erholungspausen. Ein Urlaub dauert bei mir maximal zehn Tage. Familie und Verwandte leiden darunter. Aber mehr Zeit habe ich nicht.

 

 

 

 

 

 

 

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