Interview mit Baadur Jobava (1/2)

von Sagar Shah
03.11.2015 – Baadur Jobava ist einer der kreativsten Großmeister der heutigen Schachszene. In einem ausführlichen Interview mit Sagar Shah verrät der georgische Großmeister, wie er Schach gelernt hat, warum er früher viel Eröffnungen studiert hat, das jetzt aber nur noch selten macht und verrät, wie man im Endspiel und im Mittelspiel besser werden kann. Und vieles mehr.

Ein Interview mit Baadur Jobava (1/2)

von Sagar Shah

Kurz vor Beginn der Abschlussveranstaltung des Abu Dhabi Open stand ich ungeduldig vor dem Sofitel Hotel und wartete. Auf Baadur Jobava. Dann sah ich ihn - er ist groß und hager. Ich ging zu ihm hin und stellte mich vor:  “Hi Baadur, ich bin Sagar Shah und ich würde gerne ein Interview für ChessBase mit dir machen.” “Warum nicht!” antwortete er sofort. “Aber heute Abend feiere ich mit Freunden, da habe ich keine Zeit. Aber warum nicht morgen?” Ich erklärte Baadur, dass ich am Nachmittag des nächsten Tages nach Dubai fahren müsste, um dort meinen Flug nach Mumbai zu bekommen. Die Organisatoren hatten uns für die 150 Kilometer lange Strecke von Abu Dhabi nach Dubai, die mindestens zwei Stunden dauern würde, einen Bus besorgt. “Ich muss auch nach Dubai. Nutzen wir doch die Zeit und machen das Interview im Bus!” schlug Jobava vor. Damit war ich mehr als zufrieden und versprach, ihm am nächsten Tag im Bus einen Sitz freizuhalten.

Der Bus erwies sich dann als Mini-Van, in dem nur 20 Leute Platz hatten. Aber beinahe 30 Schachspieler wollten von Abu Dhabi nach Dubai fahren. Irgendwie haben wir es geschafft, uns alle in den Bus zu quetschen. Etliche Spieler hatten sich auf den Boden gesetzt, aber ich tat mein Bestes, um Baadur einen Platz freizuhalten. Aber wo war er? Als wir fast schon losgefahren waren, kam er aus dem Hotel gerannt, kletterte in den Bus, setzte sich auf seinen Platz und begrüßte alle überschwänglich - so als sei nichts gewesen. Mit entschlüpfte ein großer Seufzer der Erleichterung. Die Bedingungen waren genau so, wie man es sich vorstellt, wenn man mit ihm zu tun hat - unkonventionell und originell. Als ich meine erste Frage stellte, wandten sich alle Leute im Bus dem Interview zu. Er wurde zu einer Live-Show mit einem der größten kreativen Genies, die das Spiel je gesehen hat.

Lebhaft und enthusiastisch, am Brett und abseits des Bretts - das ist Baadur Jobava

Sagar Shah: Okay Baadur, bevor wir uns der Vergangenheit zuwenden, eine Frage zum Abu Dhabi Masters 2015: Wie hast das Turnier erlebt?

Baadur Jobava: [Spricht wie ein Radiomoderator in mein Aufnahmegerät] Guten Abend meine Damen und Herren. Hallo aus Abu Dhabi, wir sind auf dem Weg nach Abu Dhabi und hören gleich ein wenig phantastische Musik! [Alle lachen] Nun, was soll ich sagen, die Bedingungen waren ausgezeichnet. Es war ein engagiertes und prestigeträchtiges Open. Man muss für jeden halben Punkt arbeiten. Ich möchte Nils noch einmal zu seinem Sieg gratulieren. Der war absolut verdient. Er hat in der vorletzten Runde gegen Areshchenko verloren, aber hat sich davon gut erholt und in der letzten Runde gegen Akopian gewonnen. Die Tie-Break-Zahlen waren gut für ihn Martyn Kravtsiv und landeten sie dann auch auf Platz eins und zwei. Kravtsiv hatte ein bisschen Glück, weil er Abhijeet Gupta in Runde acht aus einer mehr oder weniger ausgeglichenen Stellung heraus Mattsetzen konnte, aber auch Gupta hat manchmal Glück! [Lacht über seine Anspielung auf das Al Ain Open 2013 wo Baadur nicht zu seiner Partie in der letzten Runde erschienen war und Gupta am Ende Erster wurde.]

SS: Bist du zufrieden, wie die Dinge hier liefen?

BJ: Ja. Ich gewinne ein paar Ratingpunkte [12.4] und ich habe ziemlich gut gespielt. Obwohl ich nicht in Bestform war, kann man sich nicht beklagen, wenn man Erster wurde.

SS: Jetzt von Anfang an. Wann und wie hast du mit dem Schach angefangen?

BJ: Ich war fünf Jahre alt und mein Bruder vier. Unser Vater hat uns das Spiel beigebracht, was in unserer Familie fast schon Tradition ist. Meine Vater kann Schach spielen, meine Mutter hat Schach gespielt und sogar mein Onkel. Es war schwer, kein Schachspieler zu sein. Ich bin meinem Vater dankbar – er hat mir das Spiel beigebracht und deshalb kann ich jetzt reisen und muss nicht irgendeinen Job machen, wo mein Boss mir erzählt, was ich tun soll.!

Baadur Jobava (rechts) mit seinem Bruder Beglar und seiner Mutter Liana
in Tiflis 2009 [Foto: Lela Javakashivili und Evgeny Surov]

Schach habe ich also mit fünf gelernt. In meinem ersten Turnier wurde ich am letzten Tag sieben - das erinnere ich heute noch. Mein Vater war mein erster und einziger Trainer. Einen offiziellen Trainer hatte ich nie. Bis heute nicht.

SS: Wie hast du als Jugendlicher an deinem Schach gearbeitet?

BJ: Ich habe immer mit Klassikern gearbeitet. Die sind so tief, dass man immer wieder etwas Neues lernt, wenn man sie noch einmal liest - egal, wie alt man ist. MIt 40 versteht man in einem Dostojewski-Roman vielleicht einen Aspekt, doch mit 60 erkennt man dann andere - aber immer etwas Neues. Mein erstes Schachbuch war Kotovs Buch über Aljechin. Dann habe ich eins über Carl Schlechter gelesen – einer meiner Lieblingsspieler und ungekrönter Champion. Du weißt, was passiert ist, nicht wahr? In seinem WM-Kampf gegen Emanuel Lasker 1910 lag er vor der letzten Partie mit +1 vorne, aber den Regeln zufolge, musste er +2 haben, um Weltmeister zu werden. Er überreizte seine Stellung, verlor die letzte Partie und wurde kein Weltmeister – eine tragische Geschichte. Ein anderes Buch, das ich geliebt habe, ist Botvinniks Buch über seine Karriere. Das würde ich allen jungen und aufstrebenden Spielern nachdrücklich ans Herz legen. Und was Yuri Averbakhs Bücher über das Endspiel betrifft, so gibt es überhaupt keinen Zweifel, wie gut diese Bücher sind. Ich lese moderne Bücher, aber klassische Bücher sind meiner Meinung nach deutlich besser.

Baadur empfiehlt allen aufstrebenden Spielern Botvinniks Buch mit seinen besten Partien

SS: Womit hast du dich als Jugendlicher außer Schach noch beschäftigt?

BJ: Ich war ein normales Kind. Ich bin mit meinem Bruder zur Schule gegangen - wir waren sogar in der gleichen Klasse. Eingeschult wurde ich in Georgien, aber dann sind wir in die Ukraine umgezogen, wo ich meinen Schulabschluss in der zehnten Klasse gemacht habe. Danach sind wir wieder nach Georgien zurückgekehrt. Von 1992 bis 1999 war ich in der Ukraine. Nach der Schule bin ich zur Universität gegangen und habe Journalismus studiert.

SS: Wann hast du beschlossen, professionell Schach zu spielen?

BJ: Ich wusste nur, dass ich nie Journalist werden wollte. Tatsächlich mag ich Journalismus überhaupt nicht!

SS: Warum hast du dann Journalismus studiert?

BJ: Ich habe Journalismus wegen der stupiden sowjetischen Mentalität studiert, dass man ein Diplom braucht. Ich habe Journalismus meinen Eltern zuliebe, aber nicht aus eigenem Antrieb studiert. Hätte ich die Möglichkeit gehabt, hätte ich mehr Zeit auf das Schach verwandt und wäre nicht zur Universität gegangen.

SS: Als junges aufstrebendes Talent warst du theoretisch sehr gut gerüstet - wie man zum Beispiel an deinem 34-zügigen Sieg gegen Bareev sehen kann. Heute bist du einer der kreativsten Spieler, der einfach versucht, Theorie zu vermeiden. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

BJ: Die Partie gegen Bareev habe ich 2003 gespielt. Damals habe ich sehr hart an meinem Schach und meinen Eröffnungen gearbeitet. Später habe ich meinen Stil verändert – ich habe weniger Betonung auf die Anfangsphase der Partie gelegt und mehr auf einen kreativen Spielstil. Mir gefällt dieser Trend, 25 bis 30 Züge Theorie runterzublitzen. Das kann man machen, wenn man jung ist und Energie hat. Aber jetzt interessiert mich das nicht mehr.

SS: Ist die erwähnte Partie gegen Bareev eine der besten Partien, die du je gespielt hast?

BJ: Mir gefallen viele der Partien, die ich früher gespielt habe, wie zum Beispiel die gegen Zoltan Almasi bei der Europameisterschaft 2010. Ein interessantes Bauernopfer führte zu einem Endspiel guter Springer gegen schlechten Läufer. Aber das keine stilistisch besonders verrückte Partie. 2004 habe ich eine Partie gegen Mircea Parligras gespielt, die ebenfalls interessant und voller Opfer war. [Denkt eine Weile nach.] Doch, ja, die Partie gegen Bareev ist definitiv die beste. Ich habe den Zug d5 zuhause alleine gefunden - ohne die Hilfe einer Engine – das Rechenmonster findet eine solche Idee einfach nicht. Ich habe den Computer später genutzt, um meine Analysen zu überprüfen. Zu dieser Partie gibt es eine interessante Geschichte: vor dem Turnier habe ich meinem Vater erzählt, dass ich im Europäischen Vereinspokal vielleicht gegen Bareev spielen könnte, der diese Variante der Caro-Kann Verteidigung spielte - dann, so sagte ich meinem Vater, würde ich gegen ihn opfern. Worauf mein Vater meinte, “Na ja, dass es dazu kommt, ist praktisch unmöglich.” Nachdem ich das Opfer gebracht und die Partie gewonnen hatte, war mein Vater einfach konsterniert! Bis zum Ende war alles vorbereitet.

[Event "Calvia ol (Men)"] [Site "Mallorca"] [Date "2004.10.27"] [Round "12"] [White "Jobava, Baadur"] [Black "Grischuk, Alexander"] [Result "1-0"] [ECO "D17"] [WhiteElo "2614"] [BlackElo "2704"] [Annotator "Huebner,R"] [PlyCount "51"] [EventDate "2004.10.15"] [EventType "team-swiss"] [EventRounds "14"] [EventCountry "ESP"] [Source "ChessBase"] [SourceDate "2005.01.27"] [WhiteTeam "Georgia"] [BlackTeam "Russia"] [WhiteTeamCountry "GEO"] [BlackTeamCountry "RUS"] 1. d4 d5 2. c4 c6 3. Nf3 Nf6 4. Nc3 dxc4 5. a4 Bf5 6. Ne5 Nbd7 7. Nxc4 Qc7 8. g3 e5 9. dxe5 Nxe5 10. Bf4 Nfd7 11. Bg2 g5 12. Bxe5 Nxe5 13. Qd4 f6 (13... Nxc4 14. Qxh8 O-O-O 15. O-O Nd2 16. Rfd1 Be7 17. Qg7 Bc2 18. Qxf7 $18) 14. O-O-O { Dies ist die Neuerung, die Baadur gefunden hat und einen Monat zuvor gegen Kaido Kulaots angewandt hat.} (14. Nxe5 Qxe5 (14... fxe5 15. Qe3 Be7 16. Be4) 15. Qxe5+ fxe5 16. O-O (16. Be4 Be6 17. O-O-O $11) 16... O-O-O 17. Be4 Be6 $15) 14... Be7 15. Ne3 Be6 16. Qe4 Bb3 17. Rd2 O-O 18. h4 gxh4 $2 (18... Bc5 19. hxg5 fxg5 20. Ng4 Nxg4 21. Qxg4 Bxf2 22. Qxg5+ (22. Be4 Be3 23. Rxh7 Rf1+ 24. Nd1 Rxd1#) 22... Qg7) 19. Qxh4 Rf7 (19... Bc5 20. Ng4 Nxg4 21. Qxg4+ Qg7 22. Qf5 Bb6 23. a5 Bc7 24. Rh4 Bf7 25. a6 bxa6 26. Be4 Bg6 27. Qe6+ Qf7 28. Qxf7+ Bxf7 29. Bxh7+ Kg7 30. Rd7 Bb6 31. Bf5) 20. Nf5 Kh8 (20... Bf8 21. Ne4 Bd5 22. Ne3 Ng6 (22... Bxe4 23. Bxe4 Kh8 24. f4) 23. Nxf6+ Kh8 24. Qg5) 21. Be4 Raf8 $6 (21... Bb4 22. Nh6 Rg7 23. Qxf6 (23. Bxh7 Bxc3 24. Nf7+ Nxf7 25. bxc3 Qe5 26. Bc2+ Kg8 27. Bxb3 Qxc3+ 28. Bc2 Qa1+ 29. Bb1 b5) 23... Rf8 24. Nf7+ Qxf7 25. Qxe5 Kg8 26. Rh4) 22. f4 $18 Nc4 23. Ng7 Rxg7 24. Bxh7 f5 25. Qh5 Bh4 26. Bxf5+ 1-0

Fiel einer Weltklassevorbereitung zum Opfer: Evgeny Bareev

Ich habe einiger solcher theoretischen Partien gespielt - zum Beispiel gegen Alexander Grischuk bei der Schacholympiade in Calvia 2004.

Ich finde solche neuen Ideen, indem ich am Schachbrett erst einmal ohne Computer analysiere - den befrage ich erst später. Im Moment versuche, die beste Methode zu finden, um nicht zu theoretisch und nicht zu kreativ zu sein. Ein Gleichgewicht ist das beste. Im Moment wirkt es vielleicht so, als würde ich nicht besonders theoretisch spielen, aber ich bin auf der Suche nach dem idealen Stil, der sich allmählich einstellen wird.

[Event "EU-Cup 19th"] [Site "Rethymnon"] [Date "2003.10.04"] [Round "7.1"] [White "Jobava, Baadur"] [Black "Bareev, Evgeny"] [Result "1-0"] [ECO "B19"] [WhiteElo "2596"] [BlackElo "2721"] [Annotator "Sagar Shah"] [PlyCount "67"] [EventDate "2003.09.28"] [EventType "team-swiss"] [EventRounds "7"] [EventCountry "GRE"] [Source "ChessBase"] [SourceDate "2004.11.15"] [WhiteTeam "Tbilisi"] [BlackTeam "Sarajevo Bosna"] [WhiteTeamCountry "GEO"] [BlackTeamCountry "BIH"] 1. e4 c6 2. d4 d5 3. Nd2 dxe4 4. Nxe4 Bf5 5. Ng3 Bg6 6. h4 h6 7. Nf3 Nd7 8. h5 Bh7 9. Bd3 Bxd3 10. Qxd3 Ngf6 11. Bd2 e6 12. O-O-O Be7 13. Qe2 O-O 14. Kb1 c5 15. d5 $5 $146 {Eine für die Entwicklung der Variante sehr wichtige Neuerung.} exd5 (15... Nxd5 16. Ne4 $40 {[%cal Gg2g4]}) 16. Bxh6 gxh6 17. Nf5 Re8 18. Nxh6+ Kf8 19. Ng5 Qb6 20. Qf3 Ne5 21. Qg3 Bd6 22. Nf5 Qxb2+ {Der weiße Königsangriff war so stark, dass Bareev sich dazu entschied, die Figur zurückzugeben. Aber jetzt hat Weiß eine technisch gewonnene Stellung.} 23. Kxb2 Nc4+ 24. Kb3 Bxg3 25. h6 $1 (25. Nxg3 Na5+ 26. Kb2 Nc4+ 27. Kc1 Nd6 {Und Schwarz kann noch kämpfen.}) 25... Na5+ 26. Ka4 b5+ 27. Kxa5 Bc7+ 28. Kxb5 Rab8+ 29. Ka4 Ne4 30. Rxd5 Nc3+ 31. Ka3 Nb5+ (31... Nxd5 32. h7 $18) 32. Kb2 Nd4+ 33. Kc3 Nb5+ 34. Kd3 {Eine ausgezeichnete Partie von Baadur.} 1-0

[Event "EU-ch 11th"] [Site "Rijeka"] [Date "2010.03.14"] [Round "8"] [White "Jobava, Baadur"] [Black "Almasi, Zoltan"] [Result "1-0"] [ECO "E12"] [WhiteElo "2695"] [BlackElo "2720"] [PlyCount "105"] [EventDate "2010.03.06"] [EventType "swiss"] [EventRounds "11"] [EventCountry "CRO"] [Source "ChessBase"] [SourceDate "2010.05.18"] 1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nf3 b6 4. a3 Bb7 5. Nc3 d5 6. cxd5 Nxd5 7. Bd2 Nd7 8. Qc2 c5 9. Nxd5 exd5 10. dxc5 Bxc5 11. e3 O-O 12. Bd3 Nf6 13. O-O Ne4 14. Bb4 Qe7 15. Bxc5 bxc5 {[#] Baadur macht einen für seinen Spielstil typischen ehrgeizigen Zug.} 16. b4 $1 {Sichert das Feld d4 für den Springer.} cxb4 17. axb4 Qxb4 18. Rfb1 Qe7 19. Nd4 g6 20. Bxe4 dxe4 {[%csl Rb7,Gd4] Weiß spielt jetzt mit einem starken Springer gegen einen nicht sehr aktiven Läufer und Jobavas Vorgehen im weiteren Verlauf der Partie lohnt genaues Studium.} 21. Qb3 Rfc8 22. h4 Rc7 23. h5 Qg5 24. Qd1 a6 25. Rb6 Bc8 26. Qb1 Bf5 27. h6 Rac8 28. Nxf5 gxf5 29. Qb2 Rd8 30. Rbxa6 Rcd7 31. g3 Qg4 32. Qf6 Rd1+ 33. Rxd1 Qxd1+ 34. Kh2 Qh5+ 35. Qh4 Qxh4+ 36. gxh4 f4 37. exf4 Kf8 38. Kg3 Ke7 39. f5 Rd3+ 40. Kf4 Rf3+ 41. Ke5 Rxf2 42. Ra7+ Ke8 43. Kf6 Kd8 44. Ra4 e3 45. Re4 e2 46. Kg7 Rxf5 47. Rxe2 Rf4 48. Kxh7 Rg4 49. Re5 f6 50. Re6 Kd7 51. Rxf6 Ke7 52. Rf5 Rxh4 53. Kg6 1-0

[Event "EU-ch 5th"] [Site "Antalya"] [Date "2004.05.16"] [Round "2"] [White "Parligras, Mircea Emilian"] [Black "Jobava, Baadur"] [Result "0-1"] [ECO "B07"] [WhiteElo "2549"] [BlackElo "2616"] [Annotator "Erenburg,S"] [PlyCount "64"] [EventDate "2004.05.15"] [EventType "swiss"] [EventRounds "13"] [EventCountry "TUR"] [Source "ChessBase"] [SourceDate "2004.07.27"] 1. e4 d6 2. d4 Nf6 3. Nc3 g6 4. Be3 Bg7 5. Qd2 O-O 6. O-O-O c6 7. Kb1 b5 8. f3 Nbd7 9. e5 $6 {Zu optimistisch. Weiß sollte seinen h-Bauern nach vorne bringen - der typische Angriffsplan in diesen Stellungen.} (9. h4 Nb6 10. Bh6 Be6 11. Bxg7 Kxg7 12. h5 $40 {1-0 Hall,J-Giaccio,A/La Coruna 1993/EXT 97 (22)}) 9... b4 $1 $146 {Meiner Datenbank zufolge stand diese Stellung in dieser Partie das erste Mal auf dem Brett.} 10. exf6 bxc3 11. Qxc3 $6 ({Offensichtlich besser war} 11. fxe7 Qxe7 12. Qxc3 Rb8 $44 { Auch in dieser Stellung verfügt Schwarz über Kompensation, aber er ist nicht so aktiv wie in der Partie.}) 11... Nxf6 12. Qxc6 Be6 $1 $44 {[%cal Yd8a5, Gf6d5,Ya8b8,Ge6a2] Jetzt gerät Weiß wegen der aktiven schwarzen Figuren in Schwierigkeiten. Für den Bauern bekommt Schwarz Angriff auf der c- und auf der b-Linie.} 13. Bc1 $6 {Eine weitere Ungenauigkeit.} ({Besser war} 13. Bd2 {und Weiß hat das Feld a5 im Blick. Aber nach} Rb8 $44 {hat Schwarz eine gefährliche Initiative.}) 13... Rb8 $1 $40 {bringt auch den Turm in den Angriff.} 14. Nh3 $6 {Das ist zu viel! Dieser Fehler ist für Weiß tödlich.} (14. Ne2 Qa5 $19 {[%cal Gf8c8]}) ({Letzte Chance war} 14. Bd2 {, aber auch hier hat Schwarz sehr starke Initiative:} Nd5 $40 {[%cal Yd5b4]}) {[%tqu "Nutzen Sie die Aktivität der schwarzen Figuren und machen Sie den besten Zug für Schwarz. ","","",Bxa2+,"",10]} 14... Bxa2+ $1 {Die Zeit für Schwarz ist gekommen, seine aktiven Figuren zu nutzen! Schwarz hat sehr gute Chancen für einen erfolgreichen Angriff auf den weißen König, da der weiße König nicht ausreichend von Verteidigungsfiguren geschützt ist...} 15. Kxa2 Qa5+ 16. Kb1 {[%tqu "Wie würden Sie den Angriff fortsetzen?","","",Nd5,"",10]} Nd5 $1 {[%cal Gd5c3] Baadur hat ein sehr gutes Gefühl für die Initiative, daher fällt es ihm nicht schwer, den Angriff erfolgreich zu Ende zu führen.} 17. Rd3 {Die einzige Verteidigung gegen Nc3+} (17. Bd2 Rxb2+ $1 $19) 17... Rfc8 {Wahrscheinlich die beste Fortsetzung.} 18. Bd2 {[%tqu "Und jetzt ist die Zeit reif für einen entscheidenden Schlag. Finden Sie ihn.","","",Rxb2+,"",10]} Rxb2+ $1 (18... Nb4 $2 {wird pariert mit} 19. Ra3 $1 $13) 19. Kxb2 Rb8+ 20. Rb3 Bxd4+ 21. c3 {[%tqu "Und jetzt kommt der Schlussakkord des schwarzen Angriffs....","","",Nb4,"",10]} Nb4 $1 22. Qa6 $2 {Der entscheidende Fehler.} ({Hartnäckiger war} 22. cxd4 $142 Qa2+ 23. Kc1 Nxc6 (23... Qxb3 { verdient Beachtung.}) 24. Rxb8+ Nxb8 $17) 22... Nxa6 23. Bxa6 Rxb3+ 24. Kxb3 Qxa6 25. cxd4 Qe2 $19 {Schwarz gewinnt viele weiße Bauern und sichert sich klaren Materialvorteil. Die Partie ist vorbei, denn die weißen Figuren stehen absolut unkoordiniert.} 26. Be1 Qxg2 27. Nf2 Qxf3+ 28. Kc4 a5 29. Rg1 a4 30. Nd3 a3 31. Bd2 e5 32. dxe5 Qc6+ {nebst Qb6+ und Turmgewinn.} 0-1

SS: Du spielt Eröffnungen wie 1.b3 oder 1.d4 nebst Sc3 und Lf4. Wie bereitest du dich darauf vor? Studierst du die gründlich zuhause oder gehst du einfach ans Brett und spielst?

BJ: Ich habe an diesen Systemen nicht eine einzige Stunde zuhause gearbeitet. Ich spiele sie einfach. Ich will vor allem unberechenbar bleiben. Wenn ich Weiß bin, wissen meine Gegner nicht, was ich spielen werde. Manchmal weiß ich selber nicht, mit welchem Zug ich die Partie anfangen werde.  [Lacht.] Ich bereite eine bestimmte Variante vor, doch wenn ich ans Brett komme, ändere ich meine Absichten und spiele etwas anderes. Ich versuche, vor und während der Partie die Körpersprache meiner Gegner zu lesen. Man könnte sagen, das ist eine Art Intuition, die sich durch jahrelange Erfahrung entwickelt hat.

SS: Nehmen wir einmal an, jemand der im Schach ernsthaft besser werden will und bereit ist, hart zu arbeiten, möchte seine taktischen Fähigkeiten verbessern. Welches Vorgehen würdest du empfehlen?

BJ: Zunächst einmal muss man versuchen, Studien zu lösen. Es gibt viele phantastische Studienkomponisten wie Kubbel, Grigoryan, der dreifache Weltmeister im Studien lösen, David Gurgenidze aus Georgien (er hat ein paar phantastische Turmendspielstudien komponiert). Wirklich, wenn man seine Rechenfähigkeiten und sein Spielverständnis verbessern will, dann muss man solche Studien lösen. Und auch die anderer großartiger Studienkomponisten wie Kasparyan und Pervakov. Kombinationen zu lösen ist ebenfalls eine gute Methode, um besser zu werden. Die Bücher von Dvoretsky sind sehr gut und enthalten viele anspruchsvolle Aufgaben. Allerdings habe ich viele der Bücher, die in den letzten Jahren von neuen Autoren erschienen sind, nicht wirklich ernsthaft studiert. Nicht, weil sie mir nicht gefallen, sondern weil ich Spieler alten Stils bin. Drei Stunden Studienlösen und drei Stunden praktische Kombinationen lösen, helfen enorm. Am besten, man stellt die Zeit auf der Uhr ein und fängt mit Aufgaben ein, die nicht allzu schwer sind. Wenn man mit einem Matt in fünf anfängt, dann wird es natürlich schwer, aber wenn man mit einem Matt in zwei beginnt und sich allmählich steigert, dann ist das nicht allzu schwer.

Jobavas Lieblingsstudienkomponist Davit Gurgenidze – hier eine seiner brillanten Kompositionen:

Weiß zieht und macht Remis

[Event "64"] [Site "?"] [Date "1970.07.31"] [Round "?"] [White "Gurgenidze, Davit"] [Black "?"] [Result "1/2-1/2"] [SetUp "1"] [FEN "8/4k2N/7p/1p6/8/8/K7/8 w - - 0 1"] [PlyCount "15"] [EventDate "1970.??.??"] [Source "ChessBase"] [SourceDate "2000.10.30"] 1. Ka3 $3 (1. Kb2 $2 Kf7 $1 2. Kc3 Kg7 3. Kb4 Kxh7 4. Kxb5 h5 $19) 1... Ke6 $1 (1... Kf7 2. Kb4 Kg7 3. Kxb5 Kxh7 4. Kc4 $11) 2. Nf8+ $1 (2. Kb4 $2 Kf5 $1 3. Nf8 h5 4. Nd7 h4 5. Nc5 h3 6. Nd3 h2 7. Nf2 Kf4 8. Kxb5 Kf3 9. Nh1 Kg2 $19) 2... Kf5 $1 3. Nd7 h5 4. Nc5 h4 5. Nb3 $1 {Deshalb ist Kb3 im ersten Zug falsch.} h3 6. Nd2 h2 (6... Kf4 7. Nf1 Kf3 8. Kb4 Kf2 9. Nh2 Kg2 10. Ng4 Kg3 11. Ne3 h2 12. Nf1+ Kg2 13. Nxh2 $11) 7. Nf1 $1 h1=Q 8. Ng3+ $11 1/2-1/2

SS: Was ist mit dem Endspiel? Wie wird man im Endspiel besser?

BJ: Vor allem durch harte Arbeit. Und auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei dies ein ziemlich langweiliges Thema. Aber wenn man Fortschritte machen will, dann muss man sich mit dieser Phase der Partie beschäftigen. Ich habe alle Bücher von Awerbach verschlungen, ich habe sie nicht studiert, ich habe sie verschlungen. Ich habe mir stundenlang bestimmte Stellungen angeschaut und versucht sie zu verstehen. Als erstes habe ich die Stellung im Buch auf dem Brett aufgebaut. Dann habe ich ein paar Stunden analysiert und gearbeitet und erst dann habe ich die Lösungen im Buch nachgeschaut.

Ich habe diese Bücher jahrelang immer wieder gelesen und sie sind mir in Fleisch und Blut übergegangen. Ich erinnere nicht jede Einzelheit in allen Büchern, aber wenn ich in einer praktischen Partie in Zeitnot bin, dann findet meine Hand automatisch den richtigen Zug, weil ich meine Hausaufgaben gemacht habe. Ich habe einmal einen Blitz-Wettkampf gegen Joel Lautier aus Frankreich gespielt. Die erste Partie endete Remis. In der zweiten Partie stand ich auf Gewinn, aber dann habe ich erst den Gewinn übersehen und bin später in einem Endspiel mit Minusbauern gelandet. Doch ich fühlte, dass ich einen weiteren Bauern opfern sollte, um ins Turmendspiel zu gehen. Irgendetwas in mir hat mir gesagt, dies wäre das richtige Vorgehen, und da wir Blitz gespielt haben, hatte ich wenig Zeit darüber nachzudenken. Ich opferte den Bauern und hatte zwei Bauern weniger. Er hat lange versucht, diese Stellung zu gewinnen und sogar einen Bauern zurückgeopfert. Aber ich habe es geschafft, mich genau zu verteidigen und habe das Remis mit nur noch zehn Sekunden auf der Uhr gerettet. Die Zuschauer waren konsterniert, wie ich die Stellung verteidigt habe.

Baadur hat Awerbachs Bücher nicht nur gelesen, sondern verschlungen!

SS: Aber man sagt, dass Awerbachs Bücher voller Fehler sind?

BJ: In jedem Buch gibt es Fehler. Man muss herausfinden, was in dem Buch gut für einen ist. Und wenn man die Fehler finden kann, dann bedeutet das, dass man das Buch genau und gründlich studiert hat. Aber man darf nicht den Computer benutzen, um einen Fehler zu finden. Man sollte das selber machen. Wenn man Awerbachs Bücher studiert und Studien und Kombinationen löst, dann macht man garantiert schnelle Fortschritte.

SS: Wie sieht das mit der Arbeit an Eröffnungen aus?

BJ: Eröffnungen sind wichtig, aber es ist wesentlich wichtiger, eine gute praktische Spielstärke zu haben. Und die Vorschläge, die ich gemacht habe, helfen einem, praktisch stark zu sein, denn nicht alle Partien werden in der Eröffnung entschieden. Und selbst wenn man eine schlechtere Stellung bekommt, kann man gewinnen, wenn man eine hohe praktische Spielstärke hat. Ist man jedoch in der Eröffnung stark, aber praktisch schwach, dann verdirbt man viele gute Stellungen. Das ist bei vielen jungen Spielern so. Deshalb muss man nicht nur die Eröffnungen, sondern auch die anderen Phasen der Partien studieren.

SS: Ein Problem für viele Spieler ist die Zeitnot. Was kann man dagegen tun?

BJ: Ich kenne einen Spieler namens Zviad Izoria, der Probleme hat, Entscheidungen zu treffen, wenn er noch eine Menge Bedenkzeit auf der Uhr hat. Aber er ist ein ausgezeichneter Blitz- und Schnellschachspieler. Das heißt, mit weniger Zeit kann er sehr schnell Entscheidungen treffen. Darin ähnelt er Alexander Grischuk. Doch zuallererst muss man an den Dingen arbeiten, die ich oben erwähnt habe. Das hilft einem, besser zu rechnen und man braucht weniger Zeit, um den besten Zug zu finden. Dann gerät man weniger leicht in Zeitnot. Und man hat größeres Selbstvertrauen, denn man hat hart gearbeitet.

Baadurs Freund Alexander Grischuk, der amtierende Blitzweltmeister,
war schon immer ein Zeitnotkandidat.

Aber eine Sache sollte man immer im Gedächtnis behalten: manche Leute arbeiten viel an ihrem Schach, aber sie werden nicht besser, weil die Qualität ihrer Arbeit nicht sehr gut ist. Es ist besser, drei oder vier Stunden intensiv und konzentriert zu arbeiten, als acht Stunden unkonzentriert und oberflächlich. Man sollte so trainieren, dass man am Ende des Tages müde ist, sehr müde.

SS: Du glaubst also, dass man besser werden, wenn man einfach nur das macht, was du oben empfohlen hast? Glaubst du nicht, dass Trainer wichtig sind?

BJ: Bücher sind dein Trainer. Botvinnik ist dein Trainer. Aljechin ist dein Trainer. Einen Trainer zu haben ist gut, aber nicht jeder kann sich das leisten. Aber es gibt so viele Bücher und wenn man bereit ist, sein Gehirn zu benutzen, dann kann man aus ihnen lernen. Trainer trainieren mit Hilfe dieser Bücher und verlangen Geld dafür. Warum sollte man das machen?

Teil II dieses Interviews folgt in Kürze. Darin spricht Baadur über Schachlegenden wie Aljechin, Capablanca, Carlsen, Kasparov, Topalov, Anand, Frauenschach, Chess 960 und eine Menge anderer Dinge.


Sagar Shah ist ein junger Internationaler Meister aus Indien. Er ist zugleich ausgebildeter Wirtschaftsprüfer und würde gerne der erste indische Wirtschaftsprüfer sein, der Großmeister wird. Sagar berichtet leidenschaftlich gerne über Schachturniere, denn so begreift er das Spiel, das er so liebt, besser. Aus Leidenschaft für das Schach betreibt er auch einen eigenen Schachblog.
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