Interview mit Boris Gelfand

26.10.2007 – Vor dem Weltmeisterschaftsturnier in Mexiko hatten die meisten Schachfreunde einen Zweikampf zwischen dem Titelverteidiger Vladimir Kramnik und den Weltranglistenersten Viswanathan Anand erwartet. Als Geheimfavorit wurde häufig Worldcup-Sieger Levon Aronian genannt. Überraschenderweise war es dann aber Boris Gelfand, der hinter Anand zumeist auf dem zweiten Platz lag. Seit zwanzig Jahren gehört der in Weißrussland geborene Israeli zur Weltspitze und bewies in den letzten Turnieren wieder eine stark aufsteigende Form. Frank Große (schachlink.com) führte ein Interview mit dem Spitzenspieler. Zum Interview...

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Interview mit Boris Gelfand
von Frank Große, www.schachlinks.com

Frage: Hallo Boris Gelfand, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem erfolgreichen Abschneiden bei der Weltmeisterschaft! Welche ersten Eindrücke haben Sie so kurz nach der Weltmeisterschaft?

Boris Gelfand: Ich glaube, das Turnier in Mexiko war sehr interessant. Die Schachwelt konnte zahlreiche spektakuläre Partien sehen. Für mich war es eine gute Gelegenheit, mein bestes Schach zu zeigen, und ich glaube, dass ich in den meisten meiner Partien gut gespielt habe. 

Frage: Wie war die Stimmung vor Ort? Haben Sie die Gelegenheit genutzt, um das “Anáhuac-Tal” zu besuchen? Manche Leute halten die Mexikaner in punkto Organisation für ein wenig “chaotisch” – wie denken Sie darüber?

Boris Gelfand: Meiner Meinung nach war das Turnier ausgezeichnet organisiert, und ich möchte Jorge Saggiante, Paul German und dem gesamten Organisationsteam dafür danken, die besten nur möglichen Bedingungen geschaffen zu haben. Trotz des harten Wettkampfs war die Stimmung freundlich. Es gab nicht den kleinsten Zwischenfall und oft haben die Spieler vor der Runde noch miteinander gescherzt. Ich bin eine Woche vor Turnierbeginn nach Mexiko gekommen und hatte so Zeit, mir diese wunderbare Stadt anzuschauen.

Frage: Gleich in der ersten Runde kam es zum Duell des späteren Siegers und seines gefährlichsten Verfolgers: Anand – Gelfand! Sie haben mit Schwarz Russisch gespielt und nach der Eröffnung eine bequeme Stellung erreicht. Das Remis hat die Fachleute ein wenig überrascht, denn man sah Möglichkeiten für Sie, nach mehr zu streben:


Anand – Gelfand, Runde 1, Stellung nach 22. Te1

Frage: War Anand während der Partie nervöser als sonst? Haben Sie das Remis später als verpasste Chance bedauert?

Boris Gelfand: Tatsächlich litt ich unter einem kurzen Moment nachlassender Konzentration und ich vergaß, dass es möglich ist, auf f4 zu nehmen. In einer anderen Variante habe ich diese Möglichkeit gesehen. Tatsächlich hatte ich gerade einmal einen Zug lang eine gute Möglichkeit, da Anand gepatzt hatte. Fast jeder andere weiße Zug gibt Schwarz nicht mehr als symbolischen Vorteil.

Frage: Wie muss man sich den Tagesablauf eines Teilnehmers in den drei Wochen der Weltmeisterschaft vorstellen? Wer war Ihr Sekundant? Wie haben Sie sich vor dem Turnier vorbereitet?

Boris Gelfand: Ich wurde von Alexander Huzman und Pavel Eljanov unterstützt. Beide haben mir sehr geholfen und ich bin Ihnen dankbar. In unserem Team herrschte eine ausgezeichnete Stimmung. Pavel und Alexander haben oft nachts gearbeitet und unterschiedlichste Eröffnungen analysiert, die am nächsten Tag aufs Brett kommen konnten. Nach dem Frühstück bin ich dann zur Analyse dazu gestoßen. Vor dem Turnier haben wir uns drei Wochen in den Bergen von Kasachstan vorbereitet. Einige der Ideen, die wir dort ausgearbeitet haben, konnte ich in Mexiko anwenden, z.B. in meiner Weißpartie gegen Aronian.

Frage: Haben Sie während des Turniers je geglaubt, dass Sie Weltmeister werden könnten?

Boris Gelfand: Während des Turniers habe ich mich einzig und allein auf meine Partien konzentriert und gar nicht an meine Chancen gedacht, Weltmeister zu werden. Es war ein sehr starkes Turnier und ich musste dafür sorgen, mich in jeder Partie maximal konzentrieren zu können und alle Gedanken, die mich ablenken könnten, beiseite zu lassen.

Frage: Sie haben sich für das WCC-Turnier nach einem langen Weg durch die Kandidatenwettkämpfe qualifiziert und landeten am Ende zusammen mit Vladimir auf dem geteilten zweiten bis dritten Platz (mit einem Punkt Vorsprung auf den Vierten!). Sie sind sozusagen mit leeren Händen gekommen, während andere Spieler Privilegien hatten. Welche Bedeutung hat der WM-Zyklus für Sie? Hoffen Sie, noch einmal angreifen zu können?

Boris Gelfand: Für mich ist ein richtiger WM-Zyklus sehr wichtig, und deshalb habe ich mein Bestes getan, um diese Gelegenheit zu nutzen, da es nach 1995 der erste wirkliche Zyklus war. Ich bin sehr enttäuscht, dass sich die FIDE entschieden hat, die Tradition der Weltmeisterkämpfe aufrecht zu erhalten und die Tradition des WM-Zyklus aufgegeben hat. Ich glaube nicht, dass diese Tradition weniger wichtig ist. Aber ich bin sehr froh, dass die Schachwelt wie Jahrzehnte zuvor wenigstens einmal in zehn Jahren eine wirkliche Qualifikation sehen konnte. Ich bin auch überzeugt davon, dass das Schachpublikum das Schach genossen hat, das bei den unterschiedlichen Formaten wie Knock-Out World Cup, Kandidatenturnier und Weltmeisterschaft gespielt wurde. Und ich hoffe, dass jeder den Wettkampf Anand-Kramnik, der nächstes Jahr stattfindet, genießt.

Frage: In gewisser Weise sind Sie eine lebende Legende! In den 90ern haben Sie ausgezeichnet gespielt und waren stets unter den Top Ten. Mittlerweile haben Sie ein Buch mit dem Titel “Meine besten Partien” veröffentlicht und feiern nun bei der Weltmeisterschaft 2007 ein spektakuläres Comeback. In der Weltrangliste liegen Sie auf Platz 11. Vassily Ivanchuk hat in den letzten Monaten ein Turnier nach dem anderen gewonnen und steht jetzt in der Weltrangliste gut platziert auf dem zweiten Platz. Wie erklären Sie sich die Konstanz der “alten Hasen”? Kann man in der Zukunft mit ähnlichen Erfolgen rechnen?

Boris Gelfand: Wir waren eine starke Generation und haben seit unserer Jugend gegeneinander gespielt. Wir drei (Anand, Ivanchuk und ich) gehören seit 1990 zu den besten Spielern der Welt und verfügen so über eine Menge Erfahrung. Wir haben Hunderte von Partien gegen die stärksten Spieler der Welt gespielt und das ist äußerst nützlich. Aber natürlich muss man weiter hart an seinem Schach arbeiten und Motivation und Gesundheit pflegen, um mit jüngeren Spielern konkurrieren zu können.

Frage: Sie sind der älteste Teilnehmer gewesen und haben nicht enttäuscht – sehen Sie einen Unterschied zwischen der “Computer-Generation” und den Vertretern der “Vor-Computer-Ära”? Welche Partien haben Sie bei der WM generell beeindruckt und welche Ihrer Partien erscheint Ihnen besonders bemerkenswert – und warum?

Boris Gelfand: Natürlich hat jedes Alter seine Vorzüge und jeder Spieler eine eigenen Stil und eine eigene Sicht auf das Schach. Das macht Schachturniere so interessant. Heutzutage gibt es viele sehr talentierte junge Spieler und gegen sie zu spielen ist immer interessant. Der Wettkampf zwischen unterschiedlichen Generationen macht die Sache für das Publikum spannender. In Mexiko haben mir alle meine Gewinnpartien gefallen, genau wie mein Remis mit Kramnik aus der ersten Turnierhälfte. Das war ein unterhaltsamer Kampf und ich habe im 33. Zug lang rochiert! Ich frage mich, ob jemand schon einmal später rochiert hat?

Frage: In der Vergangenheit wurden Sie stets zu allen großen Turnieren eingeladen. Nach Ihrem Erfolg erhalten Sie vielleicht wieder Einladungen. Haben Sie das Gefühl, dass bei den großen Turnieren zu oft die gleichen Leute spielen? Wie steht es mit den erfolgreichen Kämpfern aus alten Tagen und den jungen Cowboys?

Boris Gelfand: Natürlich habe ich zwischen 1998-2005 wenig Einladungen zu Spitzenturnieren erhalten, auch wenn mein Spiel im Vergleich zu früher nicht schlechter geworden ist. Doch in gewisser Weise hat mich das noch weiter motiviert, hart zu arbeiten. In den Jahren 2006-2007 habe ich eine Reihe von Spitzenturnieren gespielt. Heutzutage gibt es viele starke Spieler unterschiedlichsten Alters und es ist nicht für jeden Platz. So ist das Leben eben und den Organisatoren bleibt es überlassen, wen sie einladen wollen. Allerdings muss ich sagen, dass es jetzt sehr viel mehr Spitzenturniere gibt als vor 5-6 Jahren. 

Frage: Wann hören wir das nächste Mal von Ihnen?


Boris Gelfand bei der Schlussfeier des Kandidatenturniers

Boris Gelfand: Im November spiele ich beim Tal-Memorial in Moskau und im Januar beim Corus-Turnier in Wijk aan Zee.

Frage: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft!

Boris Gelfand: Vielen Dank!


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