Interview mit Levon Aronian

06.02.2008 – Für viele war Levon Aronian der Geheimtipp als möglicher Sieger des WM-Turniers im vergangenen Jahr. Doch der Wahlberliner wurde gleich zu Anfang des Turniers krank und konnte den Rückstand später nicht mehr aufholen. Nach großen Erfolgen im Vorjahr war das Jahr 2007 insgesamt gesehen eher ein Rückschlag für den Armenier, der gerne in die Fußstapfen seines Landsmannes Tigran Petrosjan treten würden. Die neue Sasion begann nun wieder verheißungsvoll. Dagobert Kohlmeyer sprach mit dem Co-Sieger des Corus-Tuniers anlässlich eines Besuchs im Berliner "Russischen Haus" Zum Interview...

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Schachtreffen in Berlin mit Levon Aronian
Von Dagobert Kohlmeyer

Eine Woche nach seiner Rückkehr aus Wijk aan Zee war Levon Aronian wieder einmal zu Gast im „Russischen Haus“ in der Berliner Friedrichstraße. Der dortige Schachklub „Präsident“ lud den Armenier am Montagabend zum traditionellen Treffen ein, und viele Schachfreunde kamen.


Das Team von "Präsident"

Im Publikum saßen auch Norbert Sprotte und Attila Figura von Aronians Bundesliga-Verein SC Kreuzberg.


Attila Figure und Norbert Sprotte

Kurz vor Beginn gab es ein großes Hallo, weil Großmeister Jewgeni Postny, der wie Levon in Berlin wohnt, an diesem Abend auch vorbeischaute. Er kam in Begleitung seiner Freundin Veronika Minina, die nicht nur schön anzusehen ist, sondern auch eine ELO-Zahl von 2150 besitzt und wie ihr Partner im russischen Schachklub „Präsident“ mit Erfolg die Figuren setzt.


Veronika Minina und Jewgeni Postny

Der Vereinsvorsitzende Juri Zarubin begrüßte Levon Aronian und gratulierte dem Großmeister zum geteilten Sieg in Holland.


Eine Flasche Schachsekt für den Corus-Sieger

Danach bat er ihn, das Schachjahr 2007 einmal aus seiner Sicht Revue passieren zu lassen.


Juri Zarubin und Boris Gruzman

Levon zeigte sich mit dem Start im Vorjahr zufrieden, denn er hatte auch vor zwölf Monaten in Wijk aan Zee (gemeinsam mit Teimur Radjabow und Weselin Topalow) gewonnen. Dann jedoch habe er einen Knick durchgemacht und einige schwächere Turniere gespielt. „In Morelia bzw. Linares war ich nicht so erfolgreich und auch in anderen Turnieren mit der Qualität meines Spiels nicht zufrieden.


Lewon Aronian

Das betrifft natürlich auch die WM in Mexiko. Es zeigte sich, dass ich meine Vorbereitung verbessern muss. Ohne eine solide Präparation ist heute im Spitzenschach kein Erfolg mehr möglich“.

Levon Aronian kommentierte vor dem interessierten Auditorium seine Gewinnpartie gegen Loek van Wely aus Wijk und beantwortete an diesem Abend geduldig viele Fragen, darunter auch die unseres Hauptstadt-Reporters.

„Ohne Arbeit gibt es im Schach keine Lorbeeren“
Interview mit Levon Aronian

Gratulation zum Sieg in Wijk aan Zee! Schmerzt dich die schlechte Platzierung von Mexiko heute noch?

Die Weltmeisterschaft war für mich eine klare Enttäuschung und mein schwächstes Turnier 2008. Ich war zu Beginn krank und konnte dann den Rückstand nicht mehr wettmachen. Die Quittung war der vorletzte Platz. Der Weltcup in Sibirien verlief dann auch nicht optimal, aber er war ein etwas besserer Abschluss zum Ende des Jahres.

Im November gab es das Tal-Memorial in Moskau. Deine Anhänger haben dich dort im Teilnehmerfeld vermisst.

Ich hatte eine Einladung, aber aus Termingründen musste ich leider absagen. Unmittelbar nach dem Turnier begann doch der Weltcup in Chanty-Mansisk, und ich hatte so gute Erinnerungen an 2005, so dass ich diesem Wettbewerb, wo ich Titelverteidiger war, den Vorzug gab. 

Es ist doch normal, dass nach einem guten Jahr auch ein schlechtes kommen kann.

Sicher. Ich glaube an eine gewisse Logik in der Entwicklung des Schachspielers. Voriges Jahr habe ich vielleicht zu viele Turniere gespielt und zu wenig Zeit für die Vorbereitung gehabt. Wenn ein Mensch talentiert ist und viel arbeitet, werden sich über kurz oder lang Erfolge einstellen. Es passiert jedoch auch, dass talentierte Menschen ihr Ziel nicht erreichen und weniger talentierte mit großer Energie etwas schaffen.

Jeder Schachmeister macht mal ein Formtief durch. Die Frage ist doch, wie kommt man da wieder heraus?

Es ist vor allem eine Frage der Psychologie. Ich glaube weniger daran, dass jemand nur schlecht spielt, weil er nicht in Form ist. Das ist nicht der einzige Grund. Rückschläge steckt man vor allem dann ein, wenn man kein Selbstvertrauen hat. Nach einer schmerzlichen Niederlage ist es besonders schwer, sich wieder zu fangen und neu zu motivieren.

War die Null gegen Kramnik in Wijk aan Zee im Turmendspiel so eine, oder hat dich dein erster Platz im Gesamtklassement darüber hinweg getröstet?

Jede Niederlage tut weh, auch diese. Vor allem, weil sie unnötig war. Das Turmendspiel war objektiv remis. Nicht nur Wassili Smyslow, sondern auch viele andere haben schon gezeigt, dass man gegen den f- und h-Bauern remis halten kann. Aber ich war nach sieben Stunden Spiel sehr müde und hatte auch wenig Zeit auf der Uhr. Ich bin mir etwas böse, dass ich während der Partie zu lange nachgedacht habe und mir dann am Ende die nötige Zeit fehlte.

Wie gefällt dir Wladimir Kramniks Stil und seine Taktik, mit Weiß auf Sieg und mit Schwarz auf Remis zu spielen?

Es ist nicht meine Art, aber jeder hat eben seine Methode, ein Ziel zu erreichen. Ich mag Wladimirs Schachstil, er gefällt mir. Wir schätzen uns als Persönlichkeiten.

Wie wichtig ist die Eröffnungsvorbereitung?

Kolossal, und ihre Bedeutung nimmt weiter zu. Das Turnier in Wijk aan Zee zeigte, dass man den Gegner auch heute noch mit Neuerungen überraschen kann. Wer auf diesem Gebiet nichts tut, wird im Spitzenschach auf Dauer keinen Erfolg haben. Früher haben die Großen kaum theoretische Studien betrieben. Oder hat Boris Spasski etwa Eröffnungen gepaukt?

Du bist ein sehr schöpferischer Schachspieler und denkst dir im Eröffnungsstadium manchmal sehr originelle Züge aus. Improvisierst du gern?

Ja. Man darf sich nicht nur auf traditionelle Varianten verlassen. Der Überraschungseffekt ist wichtig und kann dir eine gute Stellung oder gar einen zusätzlichen Punkt einbringen. Ohne viel Arbeit ist kein Erfolg möglich. Das gilt übrigens auch für andere Gebiete des Lebens.

Was hältst du von so „krummen“ Zügen wie zum Beispiel 2. Sa3 im Sizilianer?

Ich glaube mehr an einen logischen Partieaufbau. Natürlich überrasche ich meine Gegner gern, aber es muss fundiert sein.

Warum wurde bei der WM in Mexiko so wenig Sizilianisch gespielt?

Ich denke, die Leute wollten nicht so viel riskieren. Es ist eine sehr scharfe Eröffnung. Sie bietet zwar viele Chancen, es kann aber auch schief gehen. Man braucht auf Grund der Variantenfülle etliche Tage für die Vorbereitung. Denken wir nur an das Najdorf-System, wo in letzter Zeit viele Ideen auftauchten, die früher keinem in den Sinn kamen. Und da im WM-Turnier so viel auf dem Spiel stand, wählten die meisten Teilnehmer lieber ruhigere Eröffnungssysteme. Sie hatten Angst, in einer entscheidenden Partie eine Null zu riskieren.

Wie lenkt man sich vom Turnierstress ab und tankt neues Selbstbewusstsein?

Durch Sport, Kino oder philosophische Gespräche. Ganz wichtig ist eine gute körperliche Verfassung. In Berlin gehe ich regelmäßig schwimmen oder spiele Badminton.

Hast du eine Lieblingsfigur?

Nein, man muss mit allen Steinen gut arbeiten. Ich mag Tigran Petrosjans Antwort auf eine entsprechende Frage. Er erwiderte, am liebsten seien ihm die Figuren, die er dem Gegner abnimmt.

Was sagst du zu Gata Kamskys Rückkehr ins Welt-Spitzenschach?

Ich freue mich, dass er wieder da ist, weil ich ihn für einen interessanten Spieler halte. Allerdings weiß ich nicht, ob es die beste Entscheidung von ihm war, so lange zu pausieren, wenn er Weltmeister werden will.

Möchtest du auch Schachweltmeister werden wie dein Landsmann Tigran Petrosjan?

Natürlich!

Armenien ist amtierender Olympiasieger. Werdet ihr euren Titel in Dresden verteidigen?

Ich hoffe sehr. Wir haben ein starkes Team, das sich gegenüber der Olympiade 2006 in Turin nicht sehr verändern wird. Neben mir sind Akopjan und Sargissjan feste Größen. Mit Arschak Petrosjan haben wir einen erfahrenen Nationaltrainer. Die Stadt Dresden gefällt mir sehr. Ich habe dort im Frühjahr bei der Europameisterschaft vorbeigeschaut und meinen Landsleuten die Daumen gedrückt.

Wie beliebt ist Schach in deiner Heimat?

Wir können sehr zufrieden sein. Es ist nach Fußball die Sportart Nr. 2. Unser Staatspräsident ist ein großer Schachfreund.

Du kommst wie die anderen Supergroßmeister nicht mehr ohne Computer aus. Welche Meinung hast du über die Rechner?

Sie sind unser Freund und eine große Hilfe, aber sie stehlen uns auch die Zeit. Wir Schachspieler arbeiten viel mit ihnen und werden dadurch stärker, keine Frage. Die Computer besiegen ja heute schon den stärksten Menschen. Ein Match Rechner gegen Rechner finde ich nicht besonders interessant. Das ist eher für die Programmierer oder die Verkäufer der Software von Bedeutung. 

 

Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer

 

 

 

 


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