Interview mit Veselin Topalov

22.12.2005 – Veselin Topalov blickt auf das erfolgreichste Jahr seiner Karriere zurück. Mit dem Gewinn der FIDE-Weltmeisterschaft fand es für den Bulgaren einen krönenden Abschluss. In seinem Heimatland wurde Topalov als Nationalheld gefeiert und sogar zum Mann des Jahres gewählt. Da macht es auch nichts, dass er inzwischen im spanischen Salamanca wohnt. Im Nachhinein hat sein Sieg gegen Kasparov in Linares Anfang des Jahres eine große Symbolkraft bekommen. Danach erklärte der einzige Spieler, der zur Zeit noch vor Topalov in der Eloliste steht, seinen Rücktritt und demnächst wird Topalov Kasparov als Weltranglistenerster beerben. Im kommenden Jahr will er auf mehreren Turnieren seine Spielstärke unter Beweis stellen und steht auch zu einem Wettkampf mit Kramnik bereit, wenn auch "zu seinen Bedingungen". Dagobert Kohlmeyer führte ein Interview mit dem FIDE-Weltmeister. Mehr...

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„Ich habe Kasparow in Rente geschickt!“
Interview mit Schachweltmeister Weselin Topalow

Von Dagobert Kohlmeyer

Zu den schachlichen Highlights des Jahres gehört der Sieg des Bulgaren Weselin Topalow bei der FIDE-Weltmeisterschaft in Argentinien. Mit dem Titelgewinn sowie etlichen Turniersiegen versetzte der 30-jährige Großmeister sein Land wochenlang in einen Freudentaumel und wurde zum Nationalhelden. „Ich möchte das Schachspiel populärer machen“, sagt Topalow. Im Gespräch mit Dagobert Kohlmeyer zieht der neue Schachkönig seine persönliche Bilanz und blickt nach vorn.

- Weselin, wie schaut der erfolgreichste Schachspieler 2005 auf die vergangenen Monate zurück?

Mit großer Freude. Es war in der Tat das bisher erfolgreichste Jahr meines Lebens. Aber ich hoffe, es kommen noch viele solcher Jahre.

- Hält das Hochgefühl von San Luis, als Sie FIDE-Weltmeister wurden, noch an?

Derzeit habe ich das Gefühl, den Beruf gewechselt zu haben. Ich bin nicht nur Supergroßmeister, sondern eine offizielle Person des Schachs. Für jede Sportart ist der Weltmeister sehr wichtig. Aber der Schachkönig genießt eine besondere Anerkennung.

- Was hat sich nach dem WM-Turnier in Ihrem Leben geändert. Haben Sie jetzt mehr Privilegien?

Ich bekomme sehr viel mehr Einladungen als früher. Privilegien sind nicht notwendig.

- Wie wurden Sie in Ihrer Heimat als Weltmeister begrüßt?

Der Empfang in Bulgarien war überwältigend. Ich wurde zum Nationalhelden, sie haben mich zum Mann des Jahres 2005 gekürt. Die Sportlerwahl steht noch aus, aber auch dort habe ich gute Chancen, ganz vorn zu landen.

-  Sehen Sie sich als derzeit stärksten Schachspieler der Welt?

Ja, durchaus. Im Jahre 2005 war ich der Beste. Aber ich möchte mich nicht auf meinen Lorbeeren ausruhen. Im Januar beginnt alles wieder von vorn, und dann muss ich beweisen, warum ich die Weltrangliste anführe.

- Sie gelten als echter Schachprofi. Was zeichnet einen solchen aus?

Ich weiß nicht, ob ich das schlüssig beantworten kann. Meiner Meinung nach darf er nichts dem Zufall überlassen. Ein Großmeister sollte sich bemühen, sein Spiel in allen Stadien der Partie zu verbessern. Und er muss auch allen anderen Faktoren die nötige Beachtung schenken. Dazu gehören eine solide Vorbereitung, eine gute körperliche Form und psychologische Stabilität.

- Welchen Anteil hat das Team Topalow (Manager Silvio Danailow und Sekundant Iwan Cheparinow) am Weltmeistertitel?

Sehr großen. Die beiden arbeiteten brillant und haben mir die besten Bedingungen geschaffen. Ich brauchte nur an das Spiel zu denken und zu kämpfen. Zudem war ich exzellent auf das Turnier vorbereitet.


Danailov, Topalov

- Vor Ihnen war Kasparow die Schachikone. Sehen Sie sich als neuen Kasparow?

Nein, ich bin Weselin Topalow. Einen zweiten Kasparow wird es nicht geben. In der heutigen Zeit kann kein Spieler 20 Jahre lang die Weltspitze im Schach dominieren wie er es tat.

- Kasparow hatte Kultstatus. Ist im Schach so ein Kult um jemanden angebracht?

Personenkult muss nicht sein. Aber im Prinzip braucht es einen Superstar, der das Schachvolk begeistert und die Aufmerksamkeit der Medien anzieht. Doch es ist auch gut, eine Alternative zu haben. Weil es sehr gefährlich ist, wenn alles von einem einzelnen Mann abhängt.

- Sehen Sie eine Symbolik darin, als Letzter gegen Kasparow gespielt zu haben?

Im gewissen Sinne schon. Ich sass ihm im März in Linares bei seiner letzten Wettkampfpartie gegenüber, habe das Spiel gewonnen und ihn in Rente geschickt.

- Viele warten jetzt auf ein WM-Match Topalow - Kramnik. Werden Sie gegen den Weltmeister im klassischen Schach spielen?

Ich bin zu einem Duell gegen ihn bereit, aber zu meinen Bedingungen. Weil ich denke, dass Kramnik nicht die gleichen Rechte wie ich besitzt. Er hat es abgelehnt, in San Luis anzutreten, obwohl er sehr genau wusste, es ist die letzte Etappe, und aus ihr geht der neue Weltmeister hervor. Außerdem zeigen meine Turnierergebnisse dieses Jahres, dass ich nicht zufällig Weltmeister geworden bin.

- Würden Sie auch gegen Kasparow antreten?

Ja, obwohl es im Moment wenig realistisch erscheint. Wie wir wissen, ist Kasparow in die Politik gegangen. Ich würde gern gegen ihn spielen, weil er vielleicht immer noch der beste Schachspieler der Welt ist. Und als amtierender Weltmeister sollte ich gegen den Besten antreten.

- Wessen Idee war es, dass jeder Spieler mit einer ELO-Zahl über 2700 Sie unter bestimmten Bedingungen zu einem Match herausfordern kann?

Ich weiß es nicht. Ich habe mir das nicht ausgedacht. Aber ich habe nichts dagegen. Solche Matches sind auch gut für die Popularisierung des Schachs. Und ich möchte dazu beitragen, dass Schach noch beliebter wird.

- Wie sollte der Schachkönig ermittelt werden: in einem Match oder in einem Turnier wie in Argentinien?

Ich war immer der Meinung, dass es ein ideales System nicht gibt. Das Einzige was mir wichtig erscheint, ist, dass der amtierende Weltmeister keinen Bonus haben darf, also bei Gleichstand in einem Match einfach den Titel behält. Er sollte seine Überlegenheit gegenüber den anderen am Brett beweisen. In dieser Hinsicht war das Turnier in San Luis richtungweisend und sehr attraktiv. Ich hoffe, dass es beim nächsten WM-Turnier im Jahre 2007 genauso wird.

- Wie begehen Sie Weihnachten und Silvester?

Ganz ruhig in meiner Wahlheimat. Ich wohne seit etlichen Jahren im spanischen Salamanca.

- Welche Pläne haben Sie für das kommende Jahr?

Als Weltmeister werde ich mich der Konkurrenz stellen und sehr viel spielen, zum Beispiel bei den Top-Turnieren in Wijk aan Zee, Linares und Mexiko, Monte Carlo, in Sofia sowie in Leon. Außerdem spiele ich ein 4-Partien-Match gegen Europameister Liviu-Dieter Nisipeanu. 2006 wird für mich ganz sicher wieder ein sehr aufregendes Jahr.

Danke für das Gespräch!

 

 

 


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