Kampf der Schachprogramme: Zappa gegen Rybka

von Stephan Oliver Platz
27.09.2017 – Vor zehn Jahren, vom 20. bis 27. September 2007, traten die Schachprogramme Rybka und Zappa in Mexiko City zu einem Wettkampf gegeneinander an. Rybka, das von Vasik Rajlich (Bild) entwickelt worden war, und Zappa von Anthony Cozzie galten damals als die beiden besten Schachprogramme der Welt. Rybka war Favorit, aber Zappa gewann nach zehn Partien überraschend mit 3:2 bei 5 Remisen. Das hatte Folgen für die Entwicklung der Schachcomputer. | Foto: Eric van Reem

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Das Zappa-Rybka Match 2007

Warum Rybka und Zappa?

Bei der Computerweltmeisterschaft 2007 in Amsterdam war Rybka mit 10 aus 11 mit einem Punkt Vorsprung vor Zappa (9) zum ersten Mal Weltmeister geworden. (a) Die weiteren Plätze belegten Loop (7 1/2), GridChess und Shredder (beide 7), Deep Sjeng (6) und Jonny (5) vor fünf weiteren Programmen. Der direkte Vergleich mit Zappa ging ebenso wie ein Jahr vorher, bei der Computerweltmeisterschaft in Turin 2006, unentschieden aus. Dort war Rybka (damals noch unter dem Namen seines Entwicklers “Rajlich” angetreten) zusammen mit Shredder geteilter Zweiter hinter Junior geworden.

Zappas größter Erfolg bis dahin war der Sieg bei der Computerweltmeisterschaft in Reykjavik 2005 gewesen mit 10 1/2 aus 11 Punkten vor Fruit (8 1/2), Shredder und Deep Sjeng (je 7 1/2). Sowohl Rybka als auch Zappa blieben im WM-Turnier 2007 als einzige ungeschlagen, so dass man zu Recht sagen konnte, dass im September 2007 die beiden stärksten Schachprogramme aufeinandertrafen.

Zappa wurde von dem Amerikaner Anthony Cozzie entwickelt. Für das Zappa-Eröffnungsbuch zeichnete Erdogan Günes verantwortlich, der das Programm während des Wettkampfs bediente und auch über die Annahme oder Ablehnung von Remisangeboten entscheiden durfte. (b)

Erdogan Günes (rechts) | Foto: Jan Krabbenbos

Rybka wurde programmiert von dem Amerikaner Vasik Rajlich, ein Internationaler Meister tschechischer Herkunft und einer der spielstärksten Schachprogrammierer überhaupt. Unterstützt wurde er in seiner Arbeit von seiner aus Polen stammenden Ehefrau Iweta, selbst IM und Frauengroßmeisterin. Die Bewertungsfunktion von Rybka optimierte der amerikanische GM Larry Kaufman. Das Eröffnungsbuch stammte von Jeroen Noomen und Dagh Nielsen. (c)

Gespielt wurde um einen Preisfonds von 10.000 Dollar. Die Bedenkzeit betrug 1 Stunde für die gesamte Partie + 20 Sekunden je Zug.

Der Wettkampf verlief überraschend und teilweise dramatisch. Wohl selten hat ein Zweikampf zweier Schachcomputer so spannende Partien hervorgebracht:

1. Partie: Zappa greift an, doch Rybka bleibt standhaft

In der ersten Partie steht Zappa mit Weiß in einem geschlossenen Spanier nach etwa 20 Zügen etwas besser und greift Rybka auf dem Königsflügel an. 8 Züge später sind die den schwarzen König schützenden Bauern weg, doch Rybka ist es gelungen, sich durch Damentausch zu entlasten. Durch umsichtige Verteidigung gegen die weiße Initiative gelingt es Rybka, einen allerdings entwerteten Mehrbauern (isolierter Randdoppelbauer) ins Endspiel zu retten. Nach 74 Zügen steht eine typische Remisstellung mit T + B gegen T auf dem Brett.

2. Partie: Rybka geht in Führung

Wieder steht die geschlossene Verteidigung der Spanischen Partie zur Diskussion. Zappa gerät in eine ungünstige Variante und verliert im 28. Zuge den Bauern e5, ohne irgendwelche Kompensation dafür zu erhalten. Nach 46 Zügen steht ein Doppelläuferendspiel auf dem Brett mit 4 gegen 3 Bauern auf dem Königsflügel für Weiß. Zappa-Entwickler Anthony Cozzie meinte hinterher, dass Zappa mit 57.… Le5:! eine Festung hätte errichten und damit die Partie noch retten können. (d) Nachdem dies versäumt wurde, manövriert Rybka geduldig und fährt nach 110 Zügen die Ernte ein: 1:0 für Rybka.

3. Partie: Zappas positionelles Meisterstück

In einem weiteren geschlossenen Spanier gerät diesmal Rybka strategisch unter die Räder. Zappa riskiert es, mit dem “Harakiri-Zug” (Tarrasch) 14.g2-g4 seine Rochadestellung aufzureißen, um den schwarzen Damenläufer nach g6 aufs Abstellgleis zu schicken. Doch das schwarze Läuferpaar fristet von nun an ein Kümmerdasein. Nach dem 62. Zuge sind beide schwarzen Läufer klinisch tot, und der Rest ist Schweigen. Eine beeindruckende strategische Leistung von Zappa. Ein Schachcomputer als Positionsspieler von Format? Das hätte sich noch in den 80er Jahren wohl kaum jemand vorstellen können.

 

4. Partie: Rybka überzieht und Zappa gewinnt

Eine sehr turbulente Partie. Nach einem wilden taktischen Schlagabtausch ergibt sich ein Endspiel, in dem Rybka mit Dame und 6 Bauern gegen 2 Türme, 1 Läufer und 2 Bauern kämpft, darunter ein Freibauer auf der b-Linie. 15 Züge später kommen zwei weitere Freibauern auf der f- und h-Linie dazu. Anthony Cozzie gibt an, dass Zappa anstelle von 51.g:h5 den Zug 51.De1! +- erwartet hatte. Nachdem die Gelegenheit verpasst ist, verteidigt sich Zappa zäh und erreicht nach dem 60. Zuge eine Art Festungsstellung. Schließlich “droht” ein Remis durch die 50-Züge-Regel. Rybka schätzt die Stellung falsch ein, wirft im 109. Zuge einen Bauern weg, um weiter auf Gewinn zu spielen und wird stattdessen selbst nach und nach von Zappa überspielt. Nach 152 Zügen muss Rybka im Endspiel D gegen 2 T + L ums Überleben kämpfen. Zappa lässt nichts mehr anbrennen und setzt Rybka nach langer Gegenwehr schließlich im 180. Zuge matt. 2:1 für Zappa.

5. Partie: Zappa siegt zum dritten Mal hintereinander

Zum ersten Mal in diesem Wettkampf kommt die Sizilianische Verteidigung aufs Brett. Zappa weicht mit 3.Lb5+ den Hauptvarianten aus und erreicht eine vorteilhafte Stellung. Nach 23 Zügen stehen alle drei weißen Schwerfiguren auf der e-Linie und greifen den isolierten Bauern e6 an. Die letzten Leichtfiguren werden abgetauscht und beiden Seiten bleiben nur noch je drei Schwerfiguren. Ein langes Lavieren beginnt mit Weiß am Drücker. Schließlich verliert Rybka “die Geduld” (wenn man das von einem Computer sagen darf) und öffnet unnötigerweise mit 61. ... f5-f4? die Stellung. Fünf Züge später lässt sich Rybka dazu hinreißen, zwei Türme für seine Dame zu “erobern”. Doch Zappa hat die Stellung offenbar besser eingeschätzt, denn seine Dame holt sich schon bald einen schwarzen Bauern auf dem Damenflügel. Schließlich werden dort durch geschicktes Manövrieren zwei verbundene Freibauern gebildet, die die Partie zugunsten von Weiß entscheiden. Im 98. Zuge opfert Zappa seine Dame für einen Turm, und der übriggebliebene schwarze Turm kann nicht mehr verhindern, dass einer der beiden Freibauern zur Dame geht. 3 : 1 für Zappa!

6. Partie: Zappa verbessert sein Spiel aus Runde 4

Rybka versucht mit Erfolg, in der Eröffnung das günstige Fahrwasser von Partie 4 zu erreichen. Zappa verbessert aber im 27. Zuge sein Spiel durch 27. ... g:f5 (anstelle von 27. ...  Kf8) und gleicht in der Folge das Spiel aus. In der Schlussstellung kann Rybka trotz eines Mehrbauern im Damenendspiel den dauernden Schachgeboten Zappas nicht mehr entgehen – Remis!

7. Partie: Zappa verpasst das sichere 4:1

In der Drachenvariante der sizilianischen Verteidigung fianchettiert Rybka mit Schwarz beide Läufer. Nach nur 24 Zügen ist bereits eine endspielartige Stellung entstanden mit zwei verbundenen Freibauern für Zappa auf dem Damenflügel. Rybka gelingt es, den weißen e-Bauern abzuräumen und verfügt nun selbst über 3 Freibauern auf der d- und e-Linie. Während sich die verbundenen weißen Freibauern vom äußersten Damenflügel auf den äußersten Königsflügel verlagern, gewinnt Zappa die Oberhand und steht nach 50 Zügen vor dem sicheren Sieg. Doch zur allgemeinen Verblüffung verpasst er im 51. Zuge die 4:1-Führung durch 51.h:g7! De6 52.De6:+ Te6: 53.Te3! +- und zieht stattdessen 51.Ta3?, wonach sich Rybka durch 51. … Dc8! 52.Dc8: Tc8: 53.h:g7 e3! ins Remis retten kann. Zappa-Programmierer Anthony Cozzie schreibt dazu (d), dass er hinterher als Grund für das Missgeschick einen Einschätzungsfehler („evaluation error“) in seinem Programm entdeckte, der nur in annähernd 0.000001% der gespielten Partien auftritt. Ich habe nachgeprüft, ob der Fehler in der Nachfolgeversion vom Januar 2008 („Zappa Mexico II“) behoben ist. Und tatsächlich findet „Zappa Mexico II“ den Gewinnzug 51.h:g7! +-, während er 51.Te3? bei einer Suchtiefe von 17 Halbzügen nur mit += angibt. Das hätte bereits die Vorentscheidung für Zappa in diesem Wettkampf sein können. Stand: Weiterhin „nur“ 3:1 für Zappa.

8. Partie: Zappa gewinnt die Qualität und Rybka die Partie

Wieder eine Spanische Partie: Zappa verteidigt sich gut und bekommt sogar das etwas bessere Spiel. Nach 30 Zügen hat Zappa die Qualität gewonnen und dafür 2 Bauern hergegeben. Nach dem 58. Zuge von Weiß ist jedoch von diesen beiden weißen Bauern nichts mehr übriggeblieben, aber ein bis nach a7 vorgedrungener Freibauer bietet Rybka genügend Kompensation für die verlorene Qualität. Nun hätte Zappa mit einem Remis zufrieden sein und mit 58. … c3! 59.Db8 Dg8! = fortsetzen sollen. Stattdessen verliert er mit 58. … Dd8? ein wichtiges Tempo und 13 Züge später die Partie. Anthony Cozzie: „Die Schlußstellung ist erstaunlich: Rybka hat eine ganze Qualität weniger, aber die Dame und der Bauer a7 paralysieren die ganze schwarze Armee, und Weiß kann einfach g5, g6, Kg4, Kh5, L:h6, K:h6, and g7 matt spielen!“ (d) Rybka kann wieder hoffen: Nur noch 3:2 für Zappa.

9. Partie: Rybka verpasst den Ausgleich trotz dreier Mehrbauern

Rybka bekommt in einer Caro-Kann-Verteidigung mit Schwarz ein schönes Spiel. Im 48. Zuge erobert Rybka den ersten weißen Bauern, im 55. einen zweiten. Im 63. Zuge muss Zappa sogar noch einen dritten Bauern hergeben und landet in einem verlorenen Endspiel mit je einem Turmpaar und ungleichen Läufern, aber drei verbundenen Freibauern für Schwarz. Doch gemäß dem altbekannten Motto, dass noch niemand durch Aufgeben eine Partie gewonnen hat, spielt Zappa munter weiter. Und tatsächlich geschieht das Wunder: Ähnlich wie Zappa in der 7. Partie verpasst Rybka den Gewinnzug 71. ... Lf3 und rückt stattdessen mit 71. ... f4? sofort seinen Freibauern auf der f-Linie vor. Zappa nützt die unverhoffte Gelegenheit, um den Turmtausch zu erzwingen, und behauptet sich in dem Endspiel gegen die drei schwarzen Mehrbauern mit Hilfe der ungleichen Läufer. Remis nach 90 Zügen! Stand vor der letzten Partie: 3:2 für Zappa.

10. Partie: Unentschlossenheit auf beiden Seiten

In einer Englischen Partie bekommt Rybka mit Weiß Angriffschancen auf dem Königsflügel, während Zappa es versäumt, auf dem Damenflügel eine Linie für ein wirksames Gegenspiel zu öffnen. Doch anstatt zu versuchen, g4-g5 durchzudrücken, lässt es auch Rybka an der nötigen Entschlossenheit mangeln und korrigiert Zappas Fehler durch 34.a3?. Zappa gelingt es, seine Türme auf der b-Linie zu verdoppeln, wo ein rückständiger weißer Bauer steht. Im Endspiel setzt Rybka seinem Gegner mit 53.Df5 die Pistole auf die Brust (es droht ein Matt in 2 Zügen), doch mit Hilfe einer Dame-Läufer-Batterie erzwingt Zappa gegen den luftig stehenden weißen König ein Remis durch ewiges Schach. Spannender Schlusspunkt eines aufregend und unterhaltsam verlaufenden Wettlampfes zweier Schachcomputer von Großmeisterformat!

Schlussstand: 3 : 2 für Zappa bei 5 Remisen

Vor dem Wettkampf in Mexiko hatten die meisten Experten einen klaren Sieg von Rybka vorausgesagt. Warum kam es anders?

Die Gründe für die Niederlage Rybkas

Wahrscheinlich ließ man sich vor dem Wettkampf von dem Umstand blenden, dass Rybka in den ELO-Listen besser eingestuft wurde als Zappa. Die Computertester verwenden jedoch üblicherweise Computer mit nur 1 - 4 Prozessoren. Bei dem Wettkampf in Mexiko liefen jedoch beide Programme auf identischen Rechnern mit jeweils 8 Prozessoren. Dies dürfte ein wichtiger Faktor zugunsten von Zappa gewesen sein, denn dieses Programm kann zusätzliche Prozessoren besser nutzen als die meisten anderen Schachprogramme. Außerdem bewies Zappa in mehreren Partien gutes positionelles Geschick und außerordentlich zähe Verteidigungskraft in schwierigen Stellungen. Aber natürlich zeigten sich in dem Wettkampf auch einige Schwächen, und zwar in beiden Programmen, welche im Spiel mit schwächeren Gegnern bis dahin nicht zutage getreten waren. Und so hat dieser Wettkampf sicher auch wesentlich zur Weiterentwicklung vor allem von Rybka beigetragen.

Quellen und Anmerkungen:

(a) vgl. hierzu https://www.game-ai-forum.org/icga-tournaments/competition.php?id=1

(b) https://chessprogramming.wikispaces.com/Anthony+Cozzie

http://www.acoz.net/zappa/

https://chessprogramming.wikispaces.com/Zappa

https://en.wikipedia.org/wiki/Zappa_(chess)

https://chessprogramming.wikispaces.com/Zappa+versus+Rybka+2007

(c) https://chessprogramming.wikispaces.com/Rybka

https://en.wikipedia.org/wiki/Rybka

https://en.wikipedia.org/wiki/Vasik_Rajlich

http://chessok.com/doc/news2.htm

(d) http://www.acoz.net/zappa/mexico/

Die Partien des Wettkampfs

 


Stephan Oliver Platz (Jahrgang 1963) ist ein leidenschaftlicher Sammler von Schachbüchern und spielt seit Jahrzehnten erfolgreich in der mittelfränkischen Bezirksliga. Der ehemalige Musiker und Kabarettist arbeitet als freier Journalist und Autor in Hilpoltstein und Berlin.
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