Kampfgeist bei der Senioren-Europameisterschaft

28.02.2007 – Prominentester Teilnehmer bei der Mannschafts-Senioren-Europameisterschaft, die vergangenes Wochenende in Dresden zu Ende ging, war Viktor Kortschnoi. Er spielte für die Schweiz und holte acht Punkte aus neun Partien, knapp am Preis für das beste Einzelergebnis vorbei. Der ging an Vargas Rodriguez aus Katalonien, der mit aggressivem Spiel und etwas Glück achteinhalb Punkte erzielte. Rodriguez' Spiel trug auch dazu bei, dass Deutschland dieses Jahr keine Medaille gewann. Wolfgang Uhlmann gab gegen den Katalanen nach einer dramatischen Partie in Gewinnstellung auf. Dagobert Kohlmeyer berichtet. Zum Bericht...

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Rostow Senioren-Europameister - Deutschland ohne Medaille

Von Dagobert Kohlmeyer

Bei der Team-Europameisterschaft der Schach-Senioren in Dresden belegten Rostow am Don, Moskau und Odessa die ersten drei Plätze. Die deutsche Mannschaft blieb diesmal ohne Edelmetall und wurde Sechster. 52 Teams aus 12 Nationen kämpften neun Tage lang im Ramada Hotel - das war Teilnehmerrekord. Bei Halbzeit lag Titelverteidiger Moskauer mit 10:0 Mannschaftspunkten vorn, dann gab es wieder einen Führungswechsel. Am sechsten Spieltag verlor der Spitzenreiter gegen Rostow am Don mit 1,5:2,5 und kassierte damit seine einzige Niederlage im Turnier. Die Großmeister aus Rostow übernahmen mit 11:1 Mannschaftspunkten die Tabellenführung vor Katalonien und Moskau (je 10:2) und gaben sie bis zum Ende nicht mehr ab.

Nicht nur die sieggewohnten Moskauer mussten in dieser Runde Federn lassen, auch Deutschland verlor gegen die Katalanen sein erstes Match. Zum tragischen Helden des Quartetts wurde Wolfgang Uhlmann, der am ersten Brett mit den weißen Steinen agierte. Gegen den starken Großmeister Vargas Rodriguez, der bis dahin alle seine Partien gewonnen hatte, entwickelte sich in einem Damengambit ein Kampf auf Biegen und Brechen.


Vargas Rodriguez - Bester Einzelspieler der Senioren Europameisterschaft

Mit unglücklichem Ausgang für das Dresdner Schachidol. Uhlmann hatte im Spielverlauf den feindlichen König völlig bloßgelegt, übersah aber in Zeitnot nach 34 Zügen die Gewinnforstsetzung. Mit einer Figur weniger und das eigene Matt vor Augen gab er die Partie verloren.


Wolfgang Uhlmann

Dabei hätte der Dresdner den Kampf mit einem kraftvollen Läuferopfer schnell zu seinen Gunsten entscheiden können. "Ich war müde und hatte am Ende einen Blackout", kommentierte der Lokalmatador das Ergebnis der Partie. Nach Uhlmanns vermeidbarer Niederlage spielte Burkhard Malich in Remisstellung mit Gewalt auf Gewinn und überzog seine Stellung. Klaus Klundt gewann, Hajo Hecht spielte remis. Am Ende hieß es 2,5:1,5 für Katalonien, und Deutschland rutschte auf den 8. Tabellenrang.

Während die Mannschaft des Gastgebers bei diesem EM-Turnier keinen Ersatzmann hatte, brachten die meisten Teams fünf Spieler nach Dresden mit, so dass jeder ein- oder zweimal pausieren konnte. Das dürfte die Lehre des deutschen Teams aus dem Turnier sein. In den letzten drei Runden versuchte unser müdes Quartett dann, wieder so weit wie möglich im Gesamtklassement nach oben zu klettern.

Hier die Schicksalspartie, die Deutschland zwei Mannschaftspunkte kostete:

W. Uhlmann - V. Rodriguez Damengambit D32

1.c4 e6 2.Sc3 d5 3.d4 c5 4.cxd5 cxd4 5.Da4+ Ld7 6.Dxd4 exd5 7.Sf3 Sc6 8.Dxd5 Sf6 9.Dd1 Lc5 10.e3 De7 11.Le2 0-0-0 12.0-0 g5 13.a3 g4 14.Sd4 De5 15.Scb5 a6 16.f4 gxf3 17.Sxf3 De7 18.Sbd4 Sg4 19.Dd3 Thg8 20.Ld2 Ld6 21.Tac1 Kb8 22.Txc6 Lxc6 23.Sxc6+ bxc6 24.Dxa6 Lc5 25.Sd4 Se5 26.g3 h5 27.Tf5 Tg6 28.Lxh5 Th6 29.Lc3 Td5 30.Le2 Sc4 31.Tf3 Sxe3 32.Sxc6+ Txc6 33.Dxc6 Sg4+ 34.Kh1 Dxe2



In dieser Situation gab Wolfgang Uhlmann das Spiel auf. Er hatte nur noch wenige Sekunden auf der Uhr. Weiß ist materiell im Nachteil, und Schwarz droht Matt auf h2. Aber 35.Le5+! gewinnt leicht, denn nun wird der Weg für den Turm frei und es ist Weiß, der den Gegner mattsetzen kann. 0-1

Partie zum Nachspielen...


Wolfgang Uhlmann mit Ehefrau Christine

Zwei Runden vor Abschluss der Senioren-EM festigte die Mannschaft aus Rostow am Don ihre Führung. Das Team um Großmeister Vitali Zeschkowski gewann gegen Katalanien klar mit 3,5:0,5 und hatte jetzt 13:1 Mannschaftspunkte. Am Spitzenbrett trennten sich Zeschkowski und Rodriguez remis, alle anderen Partien entschieden die Russen für sich. Zweiter blieb Moskau (12:2), das gegen die Sportfreunde Katernberg mit 3:1 erfolgreich war.


Glückwünsche für Vitali Zeschkowski (links)

Eine Überraschung gelang dem Team aus Niedersachsen, das gegen die starke Mannschaft VIS Odessa 2:2 spielte. Am ersten Brett gewann Professor Clemens gegen Großmeister Jakow Murey, nachdem dieser ein Remisangebot abgelehnt hatte. "Als Neurologe weiß er, wie man mit einem nervlich angeschlagenen Gegner umgehen muss", lautete der lakonische Kommentar von Turnierleiter Gerhardt Schmidt.


Jakow Murey

Das deutsche Team machte durch einem 3:1-Sieg gegen die Berliner Auswahl wertvollen Boden gut und verbesserte sich auf den vierten Tabellenrang. Wolfgang Uhlmann bezwang Peter Rahls in einer kämpferischen Partie, Klaus Klundt gewann ebenfalls, während Hajo Hecht und Burkhard Malich remis spielten. Eine Medaille war für die deutsche Mannschaft jetzt wieder in Reichweite. Allerdings musste sie tags darauf gegen Moskau antreten, das seine Ambitionen auf den Turniersieg noch nicht aufgegeben hatte. Hinter dem Führungsduo gab es ein großes Gedränge, wie die Tabelle zeigt. Am Ende würden neben den Mannschaftspunkten sicher die Brettpunkte entscheiden.

Spitze nach 7 Runden: 1. Stiller Don Rostow 13 :1 (22,0 Brettpunkte), 2. Central Moskau 12:2 (17,5), 3. Odessa 10:4, (19,0), 4. Deutschland 10:4 (18,5), 5. Schweiz 10:4 (17,0), 6.

Einen Tag später stand das Team aus Rostow am Don schon vorzeitig als Sieger fest. Nach einem 3:1-Erfolg gegen die Auswahl Niedersachsens hatten die russischen Großmeister 15:1 Mannschaftspunkte auf ihrem Konto und konnten von keinem anderen Team mehr überholt werden. Mit 25 Zählern in der Brettwertung hielt das Quartett "Stiller Don" auch in dieser Hinsicht die Bestmarke.


Das Siegerteam

Aber Niedersachsens Spitzenbrett Professor Christian Clemens bezwang den früheren Weltklasse-Spieler Vitali Zeschkowski und eroberte damit seinen nächsten Großmeisterskalp. Respekt!

Die deutsche Mannschaft hatte Titelverteidiger Moskau zum Gegner und erreichte ein 2:2- Unentschieden. Alle vier Spiele im Ramada Hotel endeten friedlich. Die Gäste aus der russischen Hauptstadt hatten während des Matchs schon früh Remis an allen Brettern angeboten, doch das deutsche Team lehnte die Offerte ab und kämpfte die Partien voll aus. Am Ende wurden die Punkte dennoch geteilt. Das Ergebnis gegen den Mitfavoriten ließ dem Uhlmann-Quartett mit nunmehr 11:5 Mannschaftspunkten nur noch eine minimale Chance auf Bronze, für den Fall, dass die Konkurrenz schwächeln würde.

Mit 13:3 Punkten hatte das Moskauer Team die besten Aussichten auf die Silbermedaille. Dahinter folgten mit je 12:4 Punkten Odessa, das Katalonien 3:1 bezwang und die Schweiz, die Phönix Köln 2,5:1,5 schlug. Schachlegende Viktor Kortschnoi holte bis dahin 7 Punkte aus acht Partien für die Schweiz. Die wichtigsten Paarungen der letzten Runde lauteten: Rostow - Odessa, Moskau - St. Petersburg, Leipzig - Schweiz und Deutschland - Köln.

Noch einmal lag Spannung über dem Ramada Hotel, als in der Schlussrunde am Wochenende die Medaillen ausgespielt wurden. Die Rostower Mannschaft, schon vorzeitig als neuer Titelträger feststehend, konnte sich mit einem 2:2 gegen Odessa begnügen. Nach kurzer Zeit wurde an allen vier Brettern die Friedenspfeife geraucht. Silber ging erwartungsgemäß an den Titelverteidiger aus Moskau, der am letzten Spieltag St. Petersburg mit 3:1 bezwang. Bronze holte Odessa, das zwar mehr Brettpunkte als Moskau erzielte, aber zwei Mannschaftszähler weniger. Diese gaben den Ausschlag zugunsten der Russen.


Die drei Siegerteams

Nicht auf das Podest kam die deutsche Mannschaft, die sich mit einem 2:2 gegen Phönix Köln aus dem Turnier verabschiedete. Mit dem 6.Platz blieb man diesmal unter den Erwartungen. Das Quartett um den Dresdner Wolfgang Uhlmann (Sieger 2004 und 2005) ließ den Biss früherer Jahre vermissen und leistete sich gegen schwächere Gegner wie Leipzig oder Köln vermeidbare Unentschieden. Auch Uhlmanns Pech beim Kampf gegen Katalonien, das wir geschildert haben, verhinderte eine bessere Platzierung. Aber es lag nicht nur an Wolfgang Uhlmann, Hajo Hecht spielte z.B. achtmal remis, bei ihm war sicher auch mehr drin.

Erfolgreichste Einzelspieler am ersten Brett wurden die Großmeister Vargas Rodriguez (Katalonien) mit 8,5 Punkten und Viktor Kortschnoi (Schweiz) mit 8,0 Punkten aus neun Partien.


Viktor Kortschnoi

Ältester Teilnehmer war Robert Wade aus England, der zur Siegerehrung besonders viel Beifall und eine Rose bekam. Er wird in Kürze 86 Jahre und spielte zum sechsten Mal in Dresden mit: "Ich habe sieben Schacholympiaden als Aktiver für mein Land bestritten und komme gern im nächsten Jahr wieder in Ihre schöne Stadt. Nicht nur, um die Senioren-EM mitzuspielen, sondern auch, um die Olympiade in Dresden zu besuchen."


Eine Rose für Bob Wade

Veranstaltungsleiter Dr. Dirk Jordan wertete das Turnier mit der Rekordbeteiligung von 52 Teams als einen Riesenerfolg und betonte: "Die Senioren freuen sich schon auf das nächste Jahr, wenn wir mit der 10. Team-Europameisterschaft an gleicher Stelle ein Jubiläum feiern. Vorher erlebt die Schachmetropole Dresden mit der Einzel-EM für Männer und Frauen in der ersten Aprilhälfte 2007 noch ein echtes Highlight auf dem Weg zur Schacholympiade im kommenden Jahr."


Dirk Jordan

Bei der Siegerehrung (die Fotos erhielten wir netterweise vom Kollegen Klaus Lais) gab es viele Dankesworte und Blumen für Turnierleiter Gerhardt Schmidt und seine Gattin Helga, die das interessante Kulturprogramm für die Teilnehmer organisierte.


Blumen für Ehepaar Schmidt

Auch Falk Sempert, die drei Schiedsrichter, die Bulletinmacher und alle anderen Helfer haben ein dickes Lob verdient. Antje Jurke verfasste auf der Website spritzige Rundenberichte und informierte auch über das sehr gelungene Rahmenprogramm, wobei sie Humor und Schreibtalent zeigte. - Auf ein Neues zum Jubiläumsturnier in Dresden!


Antje Jurke

Endstand an der Spitze: 1. Stiller Don Rostow 16:2 Mannschaftspunkte (27 Brettpunkte), 2. Central Moskau 15:3 (22,5), 3. VIS Odessa 13:5 (24,0), 4. Schweiz 13:5 (21,5), 5. Wien 12:6 (22,5), 6. Deutschland 12:6 (22,0), 7. Salzburg 12:6 (21,0), 8. SG Leipzig 12:6 (19,5), 9.Hessen 12:6 (19,5), 10. Berlin 12:6 (18,5)

Deutschland ist in diesem Jahr Euroland, nicht nur als "Ratsherr" in Brüssel, sondern auch bei fast allen Schach-EM. Nach der Teammeisterschaft der Senioren folgt Anfang April die Einzel-EM in Dresden und vom 2.-10. Juni die Einzel-Senioren-Europameisterschaft in Hockenheim. Turnierleiter Dieter Auer lud noch in Dresden dazu ein und verwies darauf, dass die Schachakademie Hockenheim als Veranstalter ihren Namensgeber Anatoli Karpow zum Simultan am 6. Juni gewinnen konnte. Weitere Infos über das Turnier auf www.euro-seniorchamp.de.vu/


Turnierleiter Dieter Auer

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