Konstantin Kostin: So trainiert man Kinder richtig

09.03.2017 – Die "russische Schachschule" gilt als die effektivste der Welt. Gemeint ist hier nicht etwa eine bestimmte Schule, sondern die Art und Weise Talente zu entdecken, Spaß am Schach zu vermitteln und in Nachwuchsspieler zur Spitze zu führen. Sensibler Umgang mit den Kindern ist dabei vonnöten. Konstantin Kostin ist einer von zahlreichen unbekannten, aber wichtigen russischen Schachtrainern. Im Interview erklärt er sein Rezept.

 

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung:

 

Konstantin Kostin: „Strahlende Kinderaugen und ein unverstelltes Interesse am Spiel sind das Wichtigste“

Wie schafft man es, bei einem Kind das Interesse am Schach zu wecken? Der FIDE Meister Konstantin Kostin teilt seine Erfahrungen als Schachlehrer an der Moskauer Schule Nr. 1465 „Admiral N.G.Kuznezow“ und beantwortet unsere Fragen.

Welches ist das optimale Alter für ein Kind, mit Schach zu beginnen und warum?

Meiner Meinung nach ist eine Schachausbildung erst nach Vollendung des 5. Lebensjahres in Betracht zu ziehen. Einem Fünfjährigen kann man die Grundregeln erklären, das Ziel des Spiels, das „Matt“ sowie Verteidigungsmechanismen für den König erläutern. Sind die Grundregeln vollständig verinnerlicht, kann das Kind bei einer Schach-Arbeitsgemeinschaft oder einem Schachverein angemeldet werden. Eine Anmerkung am Rande: Es ist sehr ungewöhnlich, wenn ein Fünf- oder Sechsjähriger beim Schachspielen das Matt anstrebt, anstatt nur die gegnerischen Spielsteine zu schlagen.

Von einer Schachausbildung im Windelalter halte ich definitiv nichts. Anzeigen wie „Wir lernen Schach mit zwei Jahren“ lassen mich ironisch lächeln und zugleich wütend werden. Derartige Sprüche suggerieren, dass durch Schach alles Mögliche bei einem Kind entwickelt werden kann: vom logischen Denken bis hin zu telekinetischen Fähigkeiten. Und selbst, wenn das zutreffen sollte, dann bitte alles zu seiner Zeit! Schach ist ein kompliziertes Spiel, das eine gewisse Reife verlangt. Ich bin davon überzeugt, dass niemand Schachtraining für Zwei- bzw. Dreijährige in „Kunststudios“ braucht, außer Diejenigen, die ihr Geld damit verdienen.

In den letzten Jahren unterrichte ich Schach an Moskauer Schulen. Ich arbeite in Schulklassen, die Schach als Pflichtfach haben, zusätzlich leite ich Schach-Arbeitsgemeinschaften. Ich hatte auch Schachschüler, deren Eltern sie früher in einem „Kunststudio“ unterrichten ließen. Die Startergebnisse dieser Kinder waren gut, sie wurden aber sehr schnell von den Schülern eingeholt, die das Schach von Null auf erlernen mussten. Ich habe mir reichlich Gedanken über die Gründe dafür gemacht und glaube, dass die Gruppen für frühkindliche Schachausbildung ihre Akzente auf die Unterhaltung des Kindes setzen. Der Wirtschaftsfaktor verlangt es so. Kinder müssen Spaß haben und alles dort toll finden, damit die Eltern sie nicht abmelden. Später haben diese Kinder in ihrem Schach-Arbeitsfeld Schwierigkeiten umzuschalten, da sie eine ganz andere Beziehung zum Schach aufgebaut haben. Etwas umzulernen ist aber bekanntlich viel schwerer, als etwas Neues zu erlernen. Ich behaupte nicht, dass eine Schachausbildung im frühen Kindesalter unmöglich ist. Es gibt immer Ausnahmen und besondere Einzelfälle.

Konstantin, wie kann man feststellen, ob ein Kind die Fähigkeiten oder ein gewisses Talent besitzt, um später Schacherfolge zu feiern?

- Eine sehr schwierige Frage. Das Problem ist, dass eine Schachbegabung nicht ausreicht, um Schacherfolge zu feiern. Ein gutes Gedächtnis, die Fähigkeit Varianten zu berechnen; gute Informationsverarbeitung und die Fähigkeit, Infos praktisch anzuwenden; eine angeborene Schach Intuition; das Gefühl für die Brettstellung. Schon das Vorhandensein einer dieser Qualitäten zeugt von Talent. Das Allerwichtigste ist aber: strahlende Kinderaugen und ein unverstelltes Interesse am Spiel. Dies gilt nicht nur für Anfänger. Ihr ganzes Leben lang müssen sich Schachspieler Herausforderungen stellen. Jede neuerworbene Spielstärke-Stufe ist mit noch höheren Anforderungen und Investitionen verbunden. Die Großmeister-Ebene erreichen nur Diejenigen, die das Schachspielen wirklich lieben. Kindern gegenüber sollte man mit Lob und Karriere-Prophezeiungen sehr vorsichtig sein. Wie viele Sieger bei Moskauer Kindermeisterschaften haben es nicht geschafft, gute Schachspieler zu werden und wie viele werden noch dazu kommen, trotz Fähigkeiten und einem gewissen Talent?

Wie sollte man einem Kind im ersten Lehrjahr Schach beibringen (Einzeltraining, Gruppentraining, im Kindergarten, in der Schule, durch eine andere Bildungseinrichtung, Trainingseinheiten über Skype usw.)?

Nicht über Skype und nicht durch vorgefertigte Aufgaben mitsamt Lösungen auf dem I-Pad. Am besten ist Gruppentraining, kombiniert mit Schachspielen daheim. Zudem sollten die Eltern am Schachleben ihres Kindes teilnehmen, und zwar nicht nur verbal, sondern durch aktive Taten. Am Anfang ist die zusätzliche Spielpraxis Zuhause eine enorme Unterstützung für den jungen Schachspieler.

Wie soll man es anstellen, dass das Kind mit der Zeit nicht das Interesse am Schach verliert?

Bei dieser Frage kommen wir zurück auf die strahlenden Kinderaugen und das unverstellte Interesse am Spiel. Man kann sich etwas Beliebiges einfallen lassen, doch wenn es dem Kind an Hingabe für die Lieblingsbeschäftigung fehlt, dann wird alles nichts bringen. Schach ist an und für sich ein wahnsinnig interessantes Spiel mit einer drogenähnlichen Wirkung. Die Hauptaufgabe des Pädagogen und der Eltern besteht darin, nichts kaputt zu machen, der Rest wird sich schon ergeben. Grundsätzlich sollte man immer pädagogisch geschickt handeln: das Kind nicht mit Schachaufgaben überschütten; nach Niederlagen nicht kritisieren; die Zeitabstände zwischen Theorie und Praxis optimieren; keine Schachroutine und Langeweile beim Training aufkommen lassen. Das würde reichen. Es wäre sehr schön, wenn der Pädagoge in Zusammenarbeit mit den Eltern einen Weg finden könnte, den jungen Spieler zusätzlich zu motivieren.

Wie viele Turniere muss ein Kind im ersten und zweiten Schach-Lehrjahr spielen?

An Schachwettbewerben teilzunehmen, ist sicherlich sehr wichtig und notwendig. Doch in der Anfangsphase ist es nicht nötig, strenge Zeitpläne für Schachturniere einzuhalten. Viel wichtiger ist es, Wettbewerbe auszuwählen, die der Spielstärke des Kindes entsprechen. Ebenfalls wichtig ist es, auf die Kreativität der Kinder zu achten und die Partien zu analysieren. Das ist überhaupt einer der wichtigsten Punkte. Für meine Schüler versuche ich entweder Turniere auszuwählen, bei denen man die Partie aufschreiben muss oder welche, bei denen ein ungehinderter Zugang der Trainer in den Turniersaal erlaubt ist. Bei manchen Stadt- und Schulmeisterschaften werden die Trainer aufgefordert, den Spielsaal zu verlassen, was die Frage aufwirft, ob die Teilnahme den Zweck erfüllt. Mir gefallen die Schulmeisterschaften via Internet, die regelmäßig auf dem Portal „Schach Planet“ stattfinden, sehr. Die Notation der Partien erfolgt dort automatisch. Nach Beendigung des Wettbewerbs lassen sich die Partien der Kleinen leicht und schnell nachspielen, danach im Training die Fehler analysieren …

Erlauben Sie mir auch ein paar Sätze über die Schachturniere in der heutigen Zeit. Ich mag es nicht, wenn Kinder mit Pokalen, Urkunden und Medaillen überhäuft werden. Momentan haben wir folgende starke Tendenz: Junge Spieler, die noch keine Ahnung davon haben, was genau die Tarrasch-Verteidigung ist, wie das Matt mit Springer und Läufer funktioniert, was genau die Philidor-Stellungen sind usw., haben für ihre Schacherfolge bereits einen Stapel Urkunden, so dick wie „Krieg und Frieden“, dazu um die zehn Pokale und kilogrammweise Medaillen. So etwas ist für den jungen Schachspieler weder gut noch gerechtfertigt. Den einzigen Vorteil an diesen überflüssigen Preisen haben Kinder, die sehen, wie wertvolle Geschenke in fremden Händen landen. Es gibt auch das Problem, dass bei Siegerehrungen häufig nur die Sieger anwesend sind.

Konstantin, vielen Dank für das äußerst informative Interview. Am Ende unseres Gesprächs möchte ich Ihnen noch eine Frage stellen. Stimmt es, dass die eigene Spielstärke leidet, wenn man sich intensiv mit Kinderschach beschäftigt? Haben Sie Zeit, an Turnieren teilzunehmen?

Die praktische Stärke eines Schachspielers, der pädagogische Arbeit professionell betreibt, sinkt in der Tat. Der Grund dafür ist einfach: Für die Verbesserung der eigenen Spielstärke fehlt es an Kraft, Zeit und nicht selten auch an Motivation. In den letzten eineinhalb Jahren habe ich nur an einem Turnier teilgenommen. Es hat mir Spaß gemacht, obgleich sich meine Elozahl leicht verschlechtert hat. Was für mich jetzt zählt und mir Freude bereitet, sind die Turniererfolge meiner Schüler. Übrigens, aus dem Lehrbuch des bekannten Schachtrainers I.W. Slawin habe ich mir folgenden Leitsatz gemerkt: „Lieber Lehrer, erziehe deinen Schüler so, dass du später von ihm lernen kannst.“ Ich bin davon überzeugt, dass Schachtrainer, die getreu diesem Motto arbeiten, nicht nur Verlorenes aufholen, sondern anfangen werden, noch stärker zu spielen als früher.

Quelle: http://www.worldofchess.ru/panorama-sobytij/12-konstantin-kostin-samoe-glavnoe-eto-goryashchie-glaza-i-nepoddelnyj-interes-rebenka-k-igre


 

 

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