Kortschnoi gegen Uhlmann: 1:1

von Sagar Shah
16.02.2015 – In Zürich trifft sich die Weltelite des Schachs zur Zürich Chess Challenge, doch auch die Schachlegenden Wolfgang Uhlmann und Viktor Kortschnoi, die früher zu den besten Spielern der Welt gehörten, sind nach Zürich eingeladen worden, um einen Wettkampf zu spielen. Schnellschach, vier Partien. Bei Halbzeit stand es 1:1. Bericht und Analysen...

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Kortschnoi gegen Uhlmann: 1:1

Viktor Kortchnoi wurde 1931 geboren und ist 84 Jahre alt, sein Gegner, Wolfgang Uhlmann, 80

Kortschnoi und Uhlmann treten in einem Vier-Partien-Schnellschachmatch gegeneinander ein. Die Bedenkzeit beträgt 25 Minuten für die ganze Partie plus 20 Sekunden Inkrement pro Zug. Für mich zeigt dieser Wettkampf wirkliche Schachleidenschaft. Ganz sicher kann es nur die Liebe zum Schach sein, die jemanden, der vor zwei Jahren einen gefährlichen Schlaganfall erlitten hat und nun an den Rollstuhl gefesselt ist, dazu bringt, einen Schauwettkampf zu spielen.

Auf dem Schild unter Kortschnois Namen steht der Zusatz “Ex-Vizeweltmeister”.
Viktor Kortschnoi spielte 1978 und 1981 zwei Mal gegen Anatoly Karpov um die Weltmeisterschaft.

Wolfgang Uhlmann, die langjährige Nummer eins der DDR, gewann bei der Schacholympiade 1964 eine Goldmedaille für das beste Ergebnis am Spitzenbrett.
1970 qualifizierte er sich für die Kandidatenwettkämpfe.

Neugierig geworden wollte ich wissen, welcher Spieler die meisten aufgezeichneten Partien gespielt hat. Die Mega Database weiß die Antwort.

Viktor Kortschnoi (hier Kortschnoj geschrieben) liegt mit 5106 Partien klar an der Spitze.
Uhlmann kommt immerhin auf stattliche 3556 Partien. Phew! Was für eine Lust auf Schach!

Petra Leeuwerik, Kortschnois Frau, wartete auf den Beginn der Partien.

“Ich hoffe, du erinnerst dich noch an die neuesten Varianten in der Englischen Eröffnung!" Letzte Instruktionen vor der Partie.

Partie eins

Uhlmann begann mit 1.c4, seiner Hauptwaffe in der Vergangenheit. Beide Spieler folgten einer Theorievariante des Englischen Vierspringerspiels, in der Kortschnoi auf den Tausch seines Läufers auf b4 gegen den weißen Springer auf c3 verzichtete. Das schien Uhlmann irritiert zu haben, denn mit 9.e4?! gab er Schwarz ein sehr starkes Feld auf d4.schwächte er das Feld d4.

Mit dem starken Springer auf d4 hatte Kortschnoi nach 14 Zügen fast schon eine technische Gewinnstellung erreicht.

Doch der Zug 17…f5 von Kortschnoi war ungenau, da er dem passiven weißen Läufer auf g2 die lange Diagonale öffnete.

So kam es zu einer komplizierten Partie und nach ein paar beiderseitigen Ungenauigkeiten behielt Uhlmann schließlich die Oberhand. Er behandelte das Endspiel recht genau und gewann die erste Partie.

[Event "Zurich Legends 2015"] [Site "?"] [Date "2015.02.15"] [Round "1"] [White "Uhlmann, Wolfgang"] [Black "Korchnoi, Viktor"] [Result "1-0"] [ECO "A29"] [WhiteElo "2326"] [BlackElo "2499"] [Annotator "Sagar Shah"] [PlyCount "114"] [EventDate "2015.??.??"] 1. c4 {Uhlmanns Hauptwaffe} e5 2. Nc3 Nf6 3. Nf3 Nc6 {Das Englische Vierspringerspiel ist eine klassische Eröffnung mit langer Tradition. Natürlich kennen beide die strategischen Pläne in dieser Stellung sehr gut.} 4. g3 Bb4 (4... Nd4 {ist ein Zug, der von Kortschnoi populär gemacht wurde.} 5. Nxe5 Qe7 6. f4 (6. Nd3 Nf3#) 6... d6 7. Nd3 Bf5 $44 {mit ausgezeichneter Kompensation.}) 5. Bg2 (5. Nd5 {ist eine andere Möglichkeit.}) 5... O-O 6. O-O Re8 ( 6... e4 7. Ne1 {ist Uhlmanns Lieblingswaffe im Engländer.} Bxc3 8. dxc3 h6 9. Nc2 Re8 10. Ne3 $13 {Mit komplexer Stellung.}) 7. d3 h6 {Verhindert Lg5.} 8. Bd2 a5 9. e4 $6 {Schwächt die schwarzen Felder im Zentrum und Kortschnoi nutzt vor allem die Schwäche des Feldes d4.} (9. a3 {war vielleicht besser.} Bxc3 10. Bxc3 a4 $11) 9... d6 10. Nd5 $6 (10. h3 {um Lg4 zu verhindern, war besser, denn der Springer auf f3 deckt das schwache Feld d4.}) 10... Bxd2 11. Qxd2 Bg4 $1 12. h3 Bxf3 13. Bxf3 Nd4 14. Nxf6+ Qxf6 $17 {[%csl Gd4,Rf3] Im Schach geschieht es häufig, dass der bessere Spieler mit der besseren Leichtfigur verbleibt. In dieser Stellung sieht man, dass Schwarz über einen wunderbaren Springer auf d4 verfügt, während Weiß sich Sorgen um seinen passiven weißfeldrigen Läufer machen muss. Für den jungen Kortschnoi wäre dies eine technische Gewinnstellung gewesen. Aber mit 84 fallen einem die Dinge nicht mehr so einfach.} 15. Bg2 Qg5 $1 16. Qd1 (16. Qxg5 hxg5 {hätte Weiß jedes Gegenspiel genommen.}) 16... c6 17. Kh2 {Deckt g3, um mit f4 zu Gegenspiel zu kommen.} f5 $6 {Mit diesem Zug öffnet Kortschnoi die Diagonale für den Läufer auf g2. Keine gute Idee. Kortschnoi hätte seine Bauern am Königsflügel einfach stehen lassen und am Damenflügel spielen können. Z.B.} (17... Qe7 18. f4 a4 19. Rf2 Reb8 {Strebt b5 an und lässt die Bauern am Königsflügel in Ruhe.} 20. Qg4 b5 21. Raf1 bxc4 22. dxc4 Ra7 23. fxe5 dxe5 24. Rxf7 Qxf7 25. Rxf7 Rxf7 $19) 18. exf5 Qxf5 19. f4 exf4 20. Rxf4 { Weiß hat eine Menge Gegenspiel bekommen. Sein Läufer auf g2 ist jetzt aktiv, wohingegen der Springer auf d4 nicht mehr so stabil steht.} Qc5 21. Qg4 Ne6 22. Re4 Ng5 23. Rxe8+ Rxe8 24. Rf1 Qe5 25. h4 Ne6 26. Rf2 Qd4 $2 ({Besser war} 26... h5 27. Qf5 Qxf5 28. Rxf5 Nc5 29. d4 Nd3 30. Rxh5 a4 $11) 27. Qf5 Kh8 28. Be4 (28. Re2 $1 {hätte zu einem gewonnenen Endspiel führen können:} Qf6 29. Qxf6 gxf6 30. Bh3 Nc7 31. Rxe8+ Nxe8 32. Bc8 b5 33. Bd7 Ng7 34. Bxc6 $18) 28... g6 {Die einzige Verteidigung.} 29. Qf6+ Qxf6 30. Rxf6 d5 $2 (30... Nc5 {Mehr Widerstand bot} 31. Rxg6 Nxe4 32. dxe4 Rxe4 33. Rxh6+ Kg8 34. Rxd6 Re2+ 35. Kh3 Rxb2 36. Rd8+ Kf7 37. h5 Rxa2 38. g4 $16 {Das Endspiel scheint für Weiß gewonnen zu sein, aber Turmendspiele sind selten so einfach.}) 31. cxd5 cxd5 32. Bxd5 {Weiß hat einfach einen Bauern mehr und diesen Vorteil verwandelte er auch in einen ganzen Punkt.} Nc5 33. d4 Rd8 34. dxc5 Rxd5 35. Rxg6 h5 36. Rb6 Rxc5 37. Rxb7 Rd5 38. Kg2 Kg8 39. Kf3 Rd3+ 40. Kf4 a4 41. Rb5 a3 42. bxa3 Rxa3 43. Rxh5 Rxa2 44. Re5 Kg7 45. Kg5 Ra7 46. h5 Kh7 47. g4 Kg7 48. Re4 Rb7 49. h6+ Kg8 50. Kh5 Rb8 51. g5 Kh8 52. g6 Kg8 53. Re6 Ra8 54. Kg5 Rb8 55. Re7 Ra8 56. h7+ Kh8 57. Kh6 Ra6 1-0

Wolfgang Uhlmann ging in der ersten Partie in Führung.

In der Mitte in der ersten Reihe sitzt Oleg Skvortsov, Schachfan und treibende Kraft hinter diesem Turnier;
links neben ihm Edvins Lobinsh und seine Frau Oksana, rechts von ihm der holländische GM und Autor Genna Sosonko.

Der spanische Schriftsteller Arturo Perez Reverte und der spanische Schachjournalist Leontxo Garcia verfolgen die Partie.

Lubomir Ljubojevic, früher einmal die Nummer drei der Welt, schaut interessiert zu.

Partie zwei

In Partie zwei hatte Viktor Kortschnoi Weiß

Kortschnoi eröffnete die Partie ebenfalls mit 1.c4, aber es dauerte nicht lang und ein Königsinder stand auf dem Brett. Kortschnoi entschied sich mit 5.Lg5 für die Awerbach-Variante:

Kortschnoi hat zwei ChessBase-DVDs (My life for Chess part I and II) aufgenommen, in denen er seine Karriere Revue passieren lässt und Partien aus seiner Laufbahn analysiert. Dort erläutert er auch seine Einstellung zum Königsinder:

“In jeder Generation spielen die jungen Spieler gerne Königsindisch. Ich frage mich, warum sie so versessen darauf sind? Nun, zunächst einmal ist die Eröffnung leicht zu lernen. Schwarz entwickelt seinen Königsflügel, indem er seinen Läufer nach g7 zieht, dann rochiert er und ist bereit, im Zentrum aktiv zu werden. Weiß nutzt seine Zeit, um das Zentrum und Felder zu besetzen und ein starkes Bauernzentrum zu errichten. Aber Schwarz steht bereit, dieses Bauernzentrum zu bekämpfen, es aufzubrechen und am Ende zu kontrollieren. Nun, ich habe ein sehr großes Arsenal von Waffen gegen den Königsinder. Manchmal spiele ich Sämisch und stelle meine Bauern nach c4, d4, e4 und f3. Manchmal spiele ich den Vierbauernangriff mit f4. Manchmal spiele ich Sf3 und Le2 oder fianchettiere meinen Läufer. Vielleicht sind diese Partien mit dem Läuferfianchetto die bekanntesten. Ich habe viele interessante Partien gewonnen, in denen mein Läufer auf g2 stand. Dennoch spielt jede neue Generation Königsindisch. Es ist so leicht. Berühmte Spieler der Vergangenheit haben die Ideen entwickelt und gezeigt: Boleslavsky, Bronstein, Geller, Gligoric, Fischer und dann Kasparov. Also kennt man das alles gut. Der schwarze Springer kommt nach c6 oder d7, manchmal spielt Schwarz c7-c5, manchmal e7-e5. All das wurde von den starken Spielern der Vergangenheit entwickelt und die jungen Leute müssen es einfach nur nachmachen! Nichts Besonderes! [Zuckt mit den Schultern] Für mich ist das langweilig. Aber sie erzielen damit gewissen praktischen Erfolg und können nicht damit aufhören, die Eröffnung zu spielen. Man muss sie sehr oft bestrafen, bevor sie endlich damit aufhören! (lächelt)”

Als 1.d4-Spieler gefallen mir diese Sätze sehr gut. Sie machen mich optimistisch und zuversichtlich, wann immer einer meiner Gegner Königsindisch spielt.

Kortschnoi stößt seinen Bauern nach f4 vor und gewinnt Raum im Zentrum.

Als Uhlmann seine Dame nach a5 zog und danach b5 spielte, muss er etwas übersehen haben. In solchen Strukturen kommt der Zug ...b5 häufig vor, aber nicht mit der Dame auf a5. Kortschnoi ergriff die Gelegenheit und nahm den Bauern mit seinem Springer - dadurch hängt die Dame auf a5 und nach ...Dxd2 spielt Weiß Sxd2 und deckt den Bauern auf e4.

Also zog Uhlmann seine Dame zurück, aber danach verlief die Partie denkbar einseitig. Kortschnoi festigte sein Zentrum und gewann bald einen zweiten Bauern. Nach 46 Zügen war die Partie vorbei und Kortschnoi hatte den Ausgleich erzielt.

Die zweite Partie lief nicht gut für Uhlmann.

Damit steht der Wettkampf 1-1. Am 16. Februar folgen Partien drei und vier. In Anbetracht von Kortschnois Gesamtbilanz von 9-1 (Schnellpartien nicht mitgerechnet) gegen Uhlmann und der Qualität der ersten beiden Partien scheint Kortschnoi im Wettkampf Favorit zu sein. Aber man kann nie wissen! Alles ist möglich.

[Event "Zurich Legends 2015"] [Site "?"] [Date "2015.02.15"] [Round "2"] [White "Korchnoi, Viktor"] [Black "Uhlmann, Wolfgang"] [Result "1-0"] [ECO "E70"] [WhiteElo "2499"] [BlackElo "2326"] [Annotator "Sagar Shah"] [PlyCount "91"] [EventDate "2015.??.??"] 1. c4 Nf6 2. Nc3 g6 3. e4 d6 4. d4 Bg7 5. Bg5 {Das Awerbach-System war eine von Kortschnois Hauptwaffen gegen den Königsinder.} Nbd7 6. f4 O-O 7. Nf3 c5 8. d5 Qa5 {Dieser Zug ist bereits nicht gut. Auf a5 leistet die Dame absolut nichts. Uhlmann wollte ...b5 im Stil des Wolga-Gambits zu spielen, doch es wäre besser gewesen, den Zug gleich zu spielen.} (8... b5 9. cxb5 a6 $132 { Mit gutem Gegenspiel.}) 9. Qd2 b5 $2 {Stellt einfach den Bauern ein. Es scheint, als ob Uhlmann überhaupt nicht in Betracht gezogen hat, dass der Bauer auch mit dem Springer genommen werden könnte.} 10. Nxb5 $1 (10. cxb5 a6 {gibt Schwarz die Kompensation, die er haben will.}) 10... Qb6 (10... Qxd2+ 11. Nxd2 $14) 11. Nc3 (11. Bd3 Rb8 12. Rb1 a6 13. Nc3 $16 {gibt Weiß klaren Vorteil.}) 11... Rb8 12. Rb1 e6 $6 (12... h6 {war ein besserer Versuch.} 13. Bh4 Nh5 {mit gewissen Gegenchancen.}) 13. dxe6 $1 { setzt korrekt fort und nimmt den Bauern. Mit dxe6 ist in diesen Strukturen normalerweise nicht so ohne Weiteres möglich, aber Kortschnoi hat erkannt, dass Schwarz gar nicht in der Lage ist, Gegenspiel zu entwickeln.} fxe6 14. Bd3 Bb7 15. O-O d5 {Uhlmann hat erkannt, dass er drastische Maßnahmen ergreifen muss. Aber seine Stellung gibt das einfach nicht her.} 16. e5 Ne8 (16... Ne4 {lag auf der Hand, aber auch dann behält Weiß die Dinge unter Kontrolle.} 17. Qe2 Nxg5 18. Nxg5 $16) 17. Kh1 Nc7 18. Be7 Rfe8 19. Bd6 Bf8 20. Bxf8 Nxf8 21. b3 {Manch einer würde sagen, dass der Rest eine Sache der Technik sei und trotz seiner 84 Jahre ist der Gewinn für Kortschnoi kein Problem. Er hat einen Bauern mehr und die Stellung wunderbar unter Kontrolle. Er führt die Partie effizient zu Ende.} Rbd8 22. Na4 Qc6 23. Qe3 d4 24. Qd2 Na6 25. Ng5 Nb4 {Ein grober taktischer Fehler, der einen zweiten Bauern verliert.} 26. Be4 Qc7 27. Bxb7 Qxb7 28. Nxc5 $18 Qb8 29. Nge4 Kg7 30. a3 Nc6 31. b4 Nd7 32. Nxd7 Rxd7 33. Nf6 Ree7 34. Nxd7 Rxd7 35. Qd3 Ne7 36. c5 Nf5 37. b5 Rd5 38. c6 Qc7 39. Rbc1 h5 40. a4 Rd8 41. Rfd1 Ne3 42. Rd2 h4 43. Qb3 Qf7 44. Rxd4 Rxd4 45. Qxe3 Rxf4 46. Kg1 {Ein leichter Sieg für Kortschnoi.} 1-0

Videobericht von Vijay Kumar

Der Bericht über den Wettkampf zwischen Uhlmann und Kortschnoi beginnt ca. nach 6 Minuten 50 Sekunden.

Beide Spieler haben ChessBase-DVDs aufgenommen.

Fotos: Eteri Kublashvili für die Turnierseite



Sagar Shah ist ein junger Internationaler Meister aus Indien. Er ist zugleich ausgebildeter Wirtschaftsprüfer und würde gerne der erste indische Wirtschaftsprüfer sein, der Großmeister wird. Sagar berichtet leidenschaftlich gerne über Schachturniere, denn so begreift er das Spiel, das er so liebt, besser. Aus Leidenschaft für das Schach betreibt er auch einen eigenen Schachblog.
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