Kramnik im Interview

14.05.2007 – Dagobert Kohlmeyer führte mit Vladimir Kramnik nach dessen Wettkampf gegen Peter Leko in Miskolc ein Interview, in dem der Weltmeister zum Match, aber auch zu den kommenden Aufgaben, besonders beim WM-Turnier in Mexiko Stellung bezieht. Auch zu den Kandidatenwettkämpfen in Elista äußert sich Kramnik und sieht dort seinen Wettkampfgegner Leko als einen der Favoriten. Das ihm von der FIDE eingeräumte Privileg, im Falle eines missglückten Titelverteidigung einen Wettkampf gegen den Sieger von Mexiko spielen zu dürfen, sieht er als Resultat der Übergangsphase, in der sich die FIDE mit dem WM-Modus befindet: vom Turnier zurück zum Wettkampf. Beeindruckt zeigte sich Kramnik von der Leko-Schule in Miskolc. Er selbst hatte sich kürzlich als Schirmherr für die Partnerschulen der Schacholympiaden zur Verfügung gestellt und würde gegebenenfalls auch an einer Kramnik-Schachschule mitwirken. Zum Interview...

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"Ich mag Länder mit Schachtraditionen und qualifizierte Zuschauer“
Interview mit Weltmeister Wladimir Kramnik
Von Dagobert Kohlmeyer

Der amtierende Weltmeister hat Ende April/Anfang Mai seine Form in Schnellschach-Matches gegen den Ungarn Peter Leko und den Armenier Levon Aronian getestet. Einmal gewann er 4,5:3,5, einmal verlor er 2:4. Höhepunkt des Jahres wird auch für Wladimir Kramnik das WM-Turnier in Mexiko-City sein, wo er mit einem Sieg beweisen möchte, der Primus inter pares zu sein. Im Gespräch mit Dagobert Kohlmeyer äußert der frisch Vermählte sich über seine Ehe, das Schachland Ungarn, über die anstehenden Kandidatenduelle in Elista, das Turnier in Mexiko und über die Arbeit mit dem Schachnachwuchs.

Wladimir, du bist seit Anfang des Jahres verheiratet. Was hat sich an deinem Leben geändert?

Eigentlich wenig, weil meine Frau Marie Laure und ich schon einige Jahre zusammen leben. Bisher habe ich sie noch nicht aufgefordert, das Essen zu kochen oder die Wohnung sauber zu machen, auch wenn ich das jetzt vielleicht von ihr erwarten könnte. Nein, ich bin sehr zufrieden mit meinem persönlichen Leben. Es ist alles sehr gut, und ich denke, das hilft mir auch im Spitzenschach. Ich bin ich in guter Form und habe auch keine gesundheitlichen Probleme. Es ist alles bestens.

Was habt ihr nach der kirchlichen Trauung getan?

Zum Jahresbeginn standen die Turniere in Wijk aan Zee und Monaco an, also war keine Zeit für lange Flitterwochen. Zuvor aber, nach der standesamtlichen Trauung, sind wir eine Woche verreist, das war sehr schön.

Warum kam deine Frau nicht zum Match in Miskolc mit?

Sie hätte es sehr gern getan, aber arbeitet, wie du weißt, als Journalistin beim "Figaro“. In der heißen Phase des französischen Wahlkampfes konnte sie Paris nicht einfach so verlassen.

In Monte Carlo hast du souverän gewonnen, schon zum sechsten Mal, - eine tolle Serie, ähnlich wie auch in Dortmund!

Ja, in Monaco lief es sehr gut, ich hatte keine schlechte Form. Wie sie danach war, zeigte das Match gegen Peter Leko. Leider hat die Form des Schachspielers die Angewohnheit, mal hoch und mal runter zu gehen. (siehe Kramniks anschließendes Schnellschach-Ergebnis gegen Levon Aronian – d. A.). Man kann niemals sicher sein, dass sie immer auf dem höchsten Level ist.

Wie erfolgte deine Vorbereitung auf das Match gegen Peter Leko?

Ich habe selbstverständlich etwas präpariert, obwohl wenig Zeit war. Es ist nicht einfach, sich auf acht Partien vorzubereiten, wenn man einen solchen Gegner hat, der selbst sehr viel Energie in das Studium von Eröffnungen steckt. Natürlich hatte ich einiges in petto, wie der Verlauf des Matchs zeigte. Zu Beginn gab es kein großes Abtasten, wir servierten einander gleich einige Überraschungen. Vor und nach der Partie sind wir Freunde, am Brett wird jedoch hart gekämpft.

Ein paar Worte von dir über Ungarn als Schach-Land.

Sie haben große Traditionen. In den 70er und 80er Jahren war Ungarn die Schachnation Nr. 2, schnappte der Sowjetunion bei der Olympiade sogar einmal die Goldmedaille weg. Vor kurzem hat Lajos Portisch seinen 70. Geburtstag gefeiert und ein Match gegen Boris Spasski gespielt. Mit Spasski habe ich guten Kontakt. Er war auch zu meiner Hochzeit, wir telefonieren ab und zu miteinander.

Was unterscheidet Ungarn von Ländern, wo das Schachspiel nicht so hoch im Kurs steht?

Einiges. Als Botschafter des Schachs mag ich Länder mit reichen Schachtraditionen besonders. Zum einen kommen dort viele Zuschauer zu den Schach-Events, zum anderen sind das qualifizierte Leute, nicht nur zufällige Zaungäste. Sie sind sehr interessiert am Schach und wissen zu schätzen, was wir Großmeister am Brett leisten. Es ist immer angenehm, wenn du weißt, dass du mit deinem Spiel einer Menge Leute Vergnügen bereitest. Das ist ein wichtiger Bestandteil unseres Berufs.

Highlight des Jahres wird das WM-Turnier in Mexiko sein. Was erwartest du von ihm?

Derzeit denke ich noch nicht sehr stark daran, weil mein Kalender bis dahin gut gefüllt ist. Zu den Schachtagen in Dortmund bin ich Ende Juni wieder Titelverteidiger und treffe dort auf Vishy Anand, Peter Leko oder Magnus Carlsen, also auf sehr starke Konkurrenz. Mexiko aber wird auf jeden Fall das härteste Turnier und der Höhepunkt dieses Schach-Jahres. Ich habe ja schon viele Erfahrungen mit so langen Wettbewerben auf höchster Ebene gesammelt. Aber keiner kann vorher garantieren, dort zu gewinnen. Ich denke allerdings, nicht weniger Aussichten zu haben als jeder andere dort. Meine ernsthafte Vorbereitung auf Mexiko-City beginnt im Sommer.

Die FIDE ist dir mit ihrem Beschluss sehr entgegen gekommen, der da lautet: Auch wenn Kramnik in Mexiko nicht gewinnt, bekommt er als amtierender  Weltmeister noch ein Match gegen den dortigen Sieger. Keine schlechte Offerte oder?

Vorteil hin oder her, ich werde dort im September ganz klar um den ersten Platz spielen. Das ist mein Anspruch. Denn ich meine, dass so ein Bonus auch hinderlich sein kann. Jeder Gedanke, „es ist ja nicht so wichtig, ganz vorn zu sein“, kann die Motivation stören. Ich bin bestrebt, auch in Mexiko zu siegen, alles andere interessiert mich nicht. Warten wir das Turnier einfach ab.

Du bist aber der Meinung, dass der Schachweltmeister Privilegien haben sollte!

Nun, es gab sie schon immer in der Schachgeschichte. Im Moment haben wir praktisch einen Übergang von der Weltmeisterschaft in Turnierform zurück zur klassischen Ermittlung des Champions in einem Match. Ich würde deshalb einen Wettkampf zwischen mir und dem eventuellen Sieger von Mexiko nicht als WM-Revanchematch ansehen, das wäre Nonsens. Im Prinzip finde ich es richtig, wie der Weltverband entschieden hat.

Ende Mai beginnen die Duelle der WM-Kandidaten in Elista. Was meinst du, wer sich durchsetzen wird?

Es ist nicht leicht, eine Prognose zu stellen, aber natürlich interessiert mich schon sehr, wer die Vier sind, die sich für Mexiko qualifizieren. Alle Teilnehmer sind stark. Der Sieger zwischen Levon Aronian und Magnus Carlsen spielt evtl. gegen Michael Adams. Das wird sehr spannend. Wenn Peter Leko gegen Michail Gurewitsch gewinnt, dann könnte er in der nächsten Runde auf Judit Polgar treffen. Das wäre für die Ungarn ein ganz heißes Duell.

Aber "Gesetzte“ gibt es für dich auch nicht.

Nein. Es gibt auch dort in der Tat für niemanden eine Garantie. Natürlich finden wir unter den WM-Kandidaten Leute, die eine gewisse Favoritenstellung einnehmen. So hat Peter Leko sicher keine schlechten Chancen, sich durchzusetzen, aber ich bleibe dabei: Es wird in allen Duellen einen großen Kampf geben.

In der Schachgeschichte gab es schon viele WM-Kandidaten, aber nur wenige erreichten den Gipfel. Warum ist das so?

Weil der Weltmeister besondere Qualitäten haben muss. Er ist der Primus inter pares. So fühle ich mich derzeit auch. Es gibt eine Menge starker Schachspieler, doch nur ganz wenige, die ein WM-Duell auch gewinnen können. Dafür braucht man eine gewisse Befähigung. Ich denke, Peter Leko könnte so ein Spieler sein, das hat er schon 2004 in Brissago angedeutet, wo es ganz eng zwischen uns war. Darum schließe ich nicht aus, dass wir beide irgendwann noch ein Match austragen werden.

Dein Freund und Kollege Peter hat in Miskolc seine Schachschule gegründet. Früher gab es in der Sowjetunion sehr berühmte Schulen. Du selbst warst Zögling von Botwinnik und Kasparow. Wann wird die erste Kramnik-Schule eröffnet?

Das wird dann geschehen, wenn es ein konkretes Angebot gibt. Es muss schon eine Struktur existieren, damit ich aktiv werden kann. Gern würde ich einer Schule meinen Namen und damit persönliche Unterstützung geben. Peter Leko hat in Miskolc ein sehr gutes Umfeld und engagierte Mitarbeiter gefunden. Das ist ein Glücksfall. Wenn solche Enthusiasten auch an mich herantreten, bin ich durchaus bereit, eine Kramnik-Schule zu eröffnen und dem Nachwuchs meine Erfahrungen zu vermitteln. Ich bin sicher, dass so ein Projekt über kurz oder lang realisiert wird.

 

Ein anderes interessantes Konzept für den Schachnachwuchs, an dem du dich beteiligen sollst, ist gerade in Deutschland entwickelt worden.

Ja, ich bin Schirmherr einer Aktion der deutschen Schachjugend geworden. Sie sucht Patenschulen für die Schacholympiade in Dresden. Diese Schulen sollen dann im Herbst 2008 die einzelnen Ländermannschaften betreuen. Bevor die Aktion gestartet wurde, hat man bei mir angefragt, und ich habe spontan und sehr gern zugesagt, weil es nützlich ist, jedes Schulschach-Projekt zu unterstützen. Als Weltmeister möchte ich den Schachnachwuchs ermuntern, regelmäßig zu trainieren und dadurch seine Leistungen nicht nur in unserem Sport, sondern auch in Schule und Beruf zu steigern.

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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