Kuba, Karpov, Guinness

04.05.2004 – Zum Abschluss der 2. Nationalen Olympischen Spiele von Kuba unternahm das Kubanische Sportinstitut Ende letzter Woche auf dem Ernesto Ché Guevara -Platz in Santa Clara einen Rekordversuch im Simultanschach. Angestrebt wurden Simultanvorstellungen an insgesamt 12.500 Brettern, um ins Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen zu werden. Schließlich waren es über 13.000 Bretter, womit der bestehende, ebenfalls in Kuba erspielte Rekord aus dem Jahr 2002 klar überboten wurde. Ehrengast der Veranstaltung war Anatoly Karpov, der an 19 Brettern spielte. Das Rekord-Simultan fand zum Gedenken des früheren Revolutionärs, Industrieminister und Schachliebhaber Ernesto Che Guevara statt. Gerald Schendel berichtet. Kuba, Schach, Che...Bericht vom Rekord-Simultan...

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Karpow erstmals in Kuba

Am 19. Februar 2004 hatte der Präsident des nationalen kubanischen Sportinstituts, Humberto Rodriguez, bekannt gegeben, dass der russische Ex-Weltmeister Anatoli Karpow im Rahmen der 2. Sportolympiade Kubas (18.-30. April) an dem Rekord-Simultan zu Ehren von Ernesto 'Ché' Guevara teilnehmen werde. Damit sollte einerseits ein Zeichen für die kubanisch-russische Zusammenarbeit gesetzt werden, andererseits im Blick auf die Olympischen Sommerspiele 2012 demonstriert werden, dass Kuba in der Lage ist, Olympische Spiele zu organisieren.

Die Planungen für das Schach-Spektakel, das ins Guinessbuch der Rekorde eingehen soll, waren recht detailliert. Eine Kommission setzte das Planziel fest: 12.500 Bretter auf dem Ernesto Ché Guevara-Platz in Santa Clara, einem 250 km südöstlich der Millionenmetropole Havanna gelegenen Städtchen mit rund 200.000 Einwohnern. 8.000 Teilnehmer sollten aus Santa Clara selbst kommen, der Rest aus 12 Gemeinden in der Umgebung. Ende März waren die Vorbereitungen so weit gediehen, dass das nationale Sportinstitut Kubas cirka 13.000 Bretter für realistisch hielt.

Anfang April besprach eine kubanische Delegation in Moskau das Event mit dem Leiter der russischen Sportbehörde Wjatscheslaw Fetisow und dem Präsidenten des Russischen Olympischen Komitees. Dabei wurde bekannt, dass die georgische Großmeisterin
Nana Ioseliani Karpow nach Kuba begleiten sollte. Wegen der Probleme mit der Durchführung der Frauen-WM konnte Nana Ioseliani dann aber doch nicht nach Kuba reisen und sagte kurz vor Beginn der Veranstaltung ab.

Am 18. April war es soweit: Fidel Castro eröffnete die 2. Sportolympiade Kubas mit einer kurzen Ansprache. Angesetzt waren 39 Sportdisziplinen (darunter Schach).
Die exakten Teilnehmerzahlen: Zu 2.884 einheimischen Sportlern gesellten sich außerdem 1.051 ausländische Sportler aus 33 Ländern.

Karpow traf am 26. April zu seinem ersten (!) Kuba-Besuch in Havanna ein. Nach der Begrüßung am Flughafen durch den Präsidenten des kubanischen Sportinstituts Rodriguez, den Botschafter Russlands in Kuba, Andrei V. Dmitriew, und durch den Präsidenten der kubanischen Schachföderation, GM Silvino Garcia, sagte Karpow mit einer artigen Verbeugung vor seinen Gastgebern: "Ich bin eigentlich ein lateinamerikanischer Großmeister, weil ich hier meine GM-Norm erfüllt habe, in Caracas 1970, um genau zu sein."

Anatoli Karpow ist laut kubanischer Zählung nach Wilhelm Steinitz (1889), Emanuel Lasker, Alexander Aljechin, Max Euwe, Robert James ("Bobby") Fischer, Boris Spassky, Michail Tal, Tigran Petrosjan, Wassili Smyslow und Frauen-Weltmeisterin Maja Tschiburdanidse (1984) der zehnte Weltmeister, der Kuba besucht. Von den Vorgängern Karpows als Schachweltmeister war, abgesehen von dem kubanischen Weltmeister José Raúl Capablanca (1888-1942), Michail Botwinnik der einzige, der nie in Kuba war.

Karpow erklärte, obwohl er sich erst jetzt erstmals in Kuba befinde, sei ihm die karibische Insel als Heimat seines Idols Capablanca stets sehr nahe gewesen. "Mein erstes Schachbuch war ein Capablanca-Werk - Letzte Schachlektionen. Am meisten habe ich seine positionelle Intuition bewundert. Es ist schwierig, Talent zu beurteilen, aber ich denke, Capablanca war der Schachspieler mit dem größten Talent der Schachgeschichte."

In einem Gespräch mit dem Präsidenten des kubanischen Sportinstituts Humberto Rodriguez schilderte Anatoli Karpow seine Aktivitäten zur Förderung des Schachspiels. Hierzu gehören Schachschulen in Russland, Skandinavien, in Deutschland und in der Schweiz, in Istanbul, Beirut und Bagdad. Karpow fügte hinzu, dass er sich auch an Schachförderprogrammen in Brasilien, Chile und Argentinien beteilige. Er habe letztes Jahr sogar in den Vereinigten Staaten eine Schachschule eröffnet, in Lindsborg (Kansas): "Wir haben 108 Studenten - eine exzellente Zahl für Amerika." Humberto Rodriguez wiederum stellte die kubanischen Programme zur Förderung des Schachs vor. Über das Simultan am 29. April sagte Karpow: "Das ist ein großes Ereignis, nicht nur für das kubanische Schach, sondern für die gesamte Schachwelt."

Am Tag vor dem Simultan in Santa Clara hielt Anatoli Karpow in der großen Aula der Universität Havanna vor mehreren hundert Studenten einen Vortrag über sein Leben, seine Pläne und die Geschichte des Schachs.

Sein Motto sei: "Schach ist mein Leben, aber mein Leben besteht nicht nur aus Schach." Obwohl er nun schon seit über 40 Jahren an Schachwettbewerben teilnehme, sei er nicht schachmüde, doch er sei nun in einer anderen Situation: "Ich bin jetzt älter als fast alle meine Gegner, die ihre Zeit vollständig mit Schach verbringen. Ich kann das nicht, denn dann müsste ich mit all dem Anderen aufhören." All das Andere - das ist die Tätigkeit als UNICEF-Botschafter, das ist ferner die Leitung von Organisationen wie die Internationale Vereinigung der Friedensstiftungen und eine Tschernobyl-Stiftung, das sind die Karpow-Schachschulen, das ist ferner die Pflege einer renommierten Briefmarken-Sammlung...

Eine ergreifende Station von Karpows Aufenthalt in Havanna war der Besuch von Kindern, die an den Spätfolgen des Reaktorunglücks von Tschernobyl (25. April 1986) leiden. In einem humanitären Programm Kubas, das am 29. März 1990 gestartet wurde, wurden bisher mehr als 17.500 junge Tschernobyl-Opfer in Spezialkliniken Havannas betreut.



Am 29. April besuchte Anatoli Karpow das Ché Guevara-Denkmal in Santa Clara. Im Besucher-Buch bezeichnete Karpow den Revolutionär und leidenschaftlichen Schachspieler als einen unsterblichen Helden:
"Deseo reconocer a un héroe que nunca ha muerto." 1939, während der Schacholympiade in Buenos Aires, hatte der junge Ernesto erstmals von Capablanca gehört. Nach der Revolution in Kuba soll es Ernesto Ché Guevara gewesen sein, der die Tradition der Capablanca-Gedenkturniere begründete.

Nach den letzten Siegerehrungen eröffnete Anatoli Karpow gegen 19 Uhr Ortszeit die Simultanveranstaltung mit dem ersten Zug gegen den kubanischen Vizepräsidenten Carlos Lage. Eigentlich hätte Karpow an 15 Brettern spielen sollen, es waren dann aber (vielleicht weil es schon so spät war) nur 11 - Prominente aus Politik und Sport. Insgesamt jedoch sollen es mehr als 13.000 Teilnehmer gewesen sein. Die genaue Zahl wird man vielleicht erst in der nächsten Ausgabe des Guiness-Buches zu bemerkenswerten Rekorden erfahren. Außer Ex-Weltmeister Karpow beteiligten sich mehrere Internationale Großmeister und Meister sowie weitere starke Spieler an dem Simultan (insgesamt über 860 Experten), sodass mit durchschnittlich 15 Gegnern die Aufgabe nicht übermäßig schwer war.

Die Idee zu der Simultanveranstaltung soll Ché Guevaras älteste Tochter Aleida gehabt haben. Sie zählte zu den Besuchern der Veranstaltung, wie auch eine Delegation ausländischer Diplomaten und eine Reihe weltberühmter kubanischer Sportler - zum Beispiel Doppel-Olympiasieger Alberto Juantorena, der sich selbst als recht guten Schachspieler bezeichnete.

Auf dem Platz war auf der einen Seite ein riesiges Ché Guevara-Poster aufgehängt, auf der anderen Seite hing ein riesiges Bild des kubanischen Präsidenten
Fidel Castro. Castro hatte man unter den Simultan-Teilnehmern erwartet, weil er als Schachfan gilt und bei dem Rekord am 7.12.2002 in Havanna am Brett saß. Vielleicht war Castro nicht da, weil man mit seinem Erscheinen rechnete (es gab schon mehrere Attentate auf den obersten Führer Kubas), vielleicht war es ihm zu anstrengend (er ist immerhin schon 77 Jahre alt), vielleicht sollte die Aufmerksamkeit auf die Erinnerung an Ché und auf Anatoli Karpow fokussiert werden... wie auch immer - Fidel Castro hatte zwar am 18. April die Veranstaltung eröffnet, überließ die Abschlussfeier indessen seinem Vizepräsidenten.

Am Abend des 29. April wurde Anatoli Karpow vom kubanischen Vizepräsidenten Carlos Lage in Santa Clara mit dem höchsten Sport-Orden Kubas geehrt.



Am 1. Mai beendete Karpow seinen Aufenthalt in Kuba. Er war sehr zufrieden und versprach, vielleicht schon im November dieses Jahres erneut nach Südamerika zu kommen. Weitere Termine warteten auf ihn - in Frankreich und Belgien.

Gerald Schendel / 03.05.2004


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