Macht Schach Schüler schlauer?

von Martin Schaffeld
23.03.2017 – Schach fördert Konzentration und strategisches Denken. Aber Pädagogen und Forscher streiten, ob regelmäßiges Schachtraining im Grundschulalter die Leistungen und die Fähigkeiten von Kindern in Mathematik und den übrigen Kernfächern wirklich nachhaltig verbessern.

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Macht Schach Schüler schlauer?

Die Frage interessiert Eltern vermutlich viel mehr als ihre Sprösslinge. Ob sie sich in der Schule verbessern, haben Kinder selbst wohl kaum im Sinn, wenn sie die Figuren übers Brett schieben. Bei den Kleinen steht der große Spaß am Spiel – und dem damit verbundenen Kräftemessen – absolut im Fokus. Aber der Nebeneffekt, den das Schachtraining mutmaßlich auf schulische Leistungen hat, ist hochinteressant und verdient eine nähere Betrachtung. 

Deutschlands größtes Talent Vincent Keymer (12) muss seine Woche zwischen Turnieren und Schule aufteilen. Oft kommt er am Freitag von einem Schachturnier zurück, holt seine Schularbeiten am Wochenende nach und schreibt am Montag eine Arbeit. Obwohl er bis zu 30 Tage je Halbjahr am Gymnasium Nieder-Olm fehlt, hat der Youngster nur Einsen und Zweien auf dem Zeugnis.

Vincent Keymer mit Garry Kasparov

"Wenn man sich Eröffnungen gut merken kann, dann schult das natürlich auch das Gehirn", erklärte Keymer gegenüber der F.A.Z. Offenbar nimmt er den Termin-Spagat nicht als Stress wahr: "Ich schaffe das alles, weil ich die Zeit dafür habe." Keymer ist sicherlich kein typisches Beispiel für Schach spielende Schüler, die in diesem Alter viel weniger Zeit am Brett verbringen.

Diverse Leistungssteigerungen

Wissenschaftler differenzieren die Effekte von regelmäßigem Schachtraining bei Kindern. Eine aktuelle britische Studien-Sammlung (von Sala und Gobet, 2016) konstatiert, dass sich die Leistung in Mathematik um rund 38 Prozent steigert und auch bei den gesamten kognitiven Fähigkeiten deutlich erhöht (34 Prozent). Eine Auswirkung auf die Lese- und Schreibfähigkeit ist zwar vorhanden, fällt mit etwa 25 Prozent aber moderater aus. Dabei wurde festgestellt, dass ein Schachtraining von mindestens 25 bis 30 Stunden im Schuljahr – sprich etwa eine Schulstunde pro Woche – offenbar die Schwelle ist, um aussagekräftige Wirkungen zu erzielen.

Spielerisch Denken lernen

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse weist diese Meta-Analyse aber auch darauf hin, dass kaum eine der überprüften Studien die Schach-Gruppen mit aktiven Kontrollgruppen verglichen haben, um mögliche Placebo-Effekte auszuschließen. Gegenwärtig ist diese Lücke wohl das wichtigste Methodik-Thema in diesem noch relativ jungen Theorie-Forschungsfeld.

Praktische Erfahrungen zeigen klare Erfolge

Die Praxis spricht eine deutlichere Sprache: Denn nicht nur Schüler lernen Schach. In Fortbildungen haben in den letzten Jahren auch Pädagogen das Spiel der Könige gelernt – insbesondere wie dabei das Regelwerk kindgerecht aufzubereiten und zu unterrichten ist. Zum Beispiel Silvia Gerstel und Sandra Lengwenus von den Hamburg-Barmbeker Grundschulen Genslerstraße und Ballerstaedtweg. Gerstel und Lengwenus bemerken tagtäglich, wie sich das Schachspiel ihrer Schüler positiv auf andere Fächer auswirkt – nicht nur auf Mathematik, sondern auch auf Deutsch und Sachkunde.

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„Wenn wir einen Atlas aufschlagen, finden sich die Kinder viel schneller zurecht, weil sie beim Schach das Koordinatensystem gelernt haben: Dame von d1 nach h5“, erklärt Lengwenus auf welt.de. Auch die Sprachentwicklung sei dabei gefordert. Die Schüler müssten begrifflich sauber erklären, was ihre Figuren machen – laut Lengwenus eine erfolgreiche Förderung des Ausdrucksvermögens.

Schach als Fach

Diese beeindruckenden Beispiele bleiben nicht unbemerkt und ohne Folgen: Schach als Fach (ohne Noten) wird derzeit an rund zehn Grundschulen in Deutschland unterrichtet. Ausgangspunkt war eine Studie des Zentrums für psychologische Diagnostik der Universität Trier. Sie fand von 2003 bis 2007 an der Olewig-Grundschule statt: Kinder, die in diesen vier Jahren Schach lernten, waren deutlich leistungsstärker als Mitschüler, die im üblichen Fächerkanon unterrichtet wurden. Das Mathematik- und Leseverständnis der Schachspieler war bei einem Vergleichstest in der vierten Klasse doppelt so gut wie der Landesdurchschnitt in Rheinland-Pfalz. Das Leseverständnis war zweieinhalb Mal besser, das Sprachverständnis dreimal (!) höher als das der Nichtschachspieler. Den Wissenschaftlern der Studie fiel zudem auf, dass insbesondere leistungsschwache Schüler starke Fortschritte machten.

Schach in der Schule

"IoE-Studie" beschert Zweifel

Es gibt allerdings auch Forscher, die ein so überdeutliches Ergebnis anzweifeln: Eine neue Studie des Instituts für Bildung in London ("IoE-Studie") hat die Chess-Effekt-Hypothese überprüft (Jerrim et al., 2016). Die Studie verglich eine große Gruppe (N = 1.965) von Schülerinnen und Schülern im Alter von neun bis zehn Jahren, die Schachunterricht (25-30 h) erhielten, über ein Jahr lang mit einer passiven Kontrollgruppe von Peers (N = 1.900). Alle Teilnehmer wurden vorab in öffentlichen Prüfungen für Sprach- und Lesefähigkeiten, Naturwissenschaft und Mathematik vorgetestet.

Ein Jahr nach Beendigung des Trainings wurden die Schüler wiederum in denselben Disziplinen nachgetestet. Überraschend: Die beiden Gruppen unterscheiden sich in keinem der Ergebnisse. Dieses Resultat erregte Aufmerksamkeit in der britischen Presse (z. B. Pells, 2016), weil es nicht nur der vorherigen Erforschung widerspricht, sondern auch die verbreitete Sicht vieler Lehrer und Erzieher auf die vermuteten Vorteile des Schachtrainings in Frage stellt.

Uni Rostock forscht in Schwerin

Geforscht wird aber nicht nur im Ausland: Auch in Schwerin ist Schulschach in Mode gekommen. Rund 75 Mädchen und Jungs messen sich an der Grundschule Lankow regelmäßig am Brett. Gespielt wird nicht wie üblich in einer AG, sondern im Unterricht. Schach ist Pflichtfach für die Erst- bis Drittklässler. An der Uni Rostock stellen Studenten vom Institut für Pädagogische Psychologie die jungen Schachspieler in Schwerin auf die Probe. Mehrmals im Schuljahr müssen die Kinder bei Tests zeigen, wie clever, geduldig und gedächtnisstark sie sind. Getestet wird ebenso bei Schülern der nahegelegenen Europaschule John Brinckman. Dort wird Schach nicht unterrichtet.

Im direkten Vergleich der Schulen wollen die Wissenschaftler ermitteln, welche Effekte das Brettspiel auf Ehrgeiz, logisches Denkvermögen und Gedächtnisleistung der Kinder, aber auch deren soziale Kompetenzen wie etwa die Teamfähigkeit hat. Beim Schach lernen Kinder vor allem auch, erst mal zu überlegen und dann aktiv zu werden. Viele schachspielende Schüler gehen offensichtlich strukturierter an Sachaufgaben in Mathematik und in anderen Fächern heran.

Konzentration und Spaß

Fazit: Kombination bisheriger Forschungen nötig

Das Fazit muss – angesichts der auffallend positiven Eindrücke in der Praxis und dem kritischeren Forschungsstand – wohl ein Vertiefen seitens der Wissenschaft sein. Durch die Kombination der bisherigen Forschungsergebnisse lässt sich feststellen, dass die durch Schachunterricht erzielten positiven Resultate in der mathematischen Leistung im Grundschul- und Unterstufenalter kurzfristig vorhanden, aber laut der „IoE-Studie“ nicht nachhaltig genug sind. Folglich muss der Wert des Schachs als pädagogisches Instrument näher erforscht werden. Es ist ein strengerer experimenteller Aufbau erforderlich, um die möglichen Placebo-Effekte des Schachunterrichts auszuschließen: Elementar sind dabei die kognitiven Mechanismen, die dem Transfer von Schach zu mathematischen Fähigkeiten zugrunde liegen, und nicht zuletzt die Art und Dauer des Schachunterrichts.

Eine aktive Kontrollgruppe ist notwendig, um zu verstehen, ob die beobachteten Auswirkungen auf die Leistung der Schüler in Mathe schachspezifische sind – oder doch eher Placebo-Effekte (nach Gobet und Campitelli, 2006). Als Gegenprobe sollten andere bereichernde Aktivitäten wie Musik-, Kunst- oder Literatur-Unterricht das Schach ersetzen. Ein solcher Studienaufbau würde aber nicht ausschließen, dass jede dieser Schulungen aus unterrichtsspezifischen Gründen gleichermaßen wirkt. Z. B. weil auch Musikunterricht das räumliche Vorstellungsvermögen steigert.

Am Ende aller Analysen ist vor allem eines unstrittig: Schachtraining erhöht das allgemeine Auffassungsvermögen. Und das wird den meisten interessierten Eltern vermutlich schon genügen.

Fotos: Detlef Lemke

39,90 Euro

Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-86681-535-3
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Martin Schaffeld (Jahrgang 1971, verheiratet/zwei Töchter) lebt in Langenfeld bei Düsseldorf und arbeitet seit seinem Sportpublizistik-Studium als freier Journalist und Online-Redakteur.
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manebivocu30 manebivocu30 24.03.2017 12:11
@Schachkauf: "Das Gehirn ist kein Muskel und kann auch nicht wie ein Muskel trainiert werden."
Also Studien zeigen etwas anderes. Durch das Ausüben von bestimmten Tätigkeiten, wird die Region im Gehirn vergößert, der für diese Tätigkeit zuständig ist. Zb bei Musiker die Region, die für das Wahrnehmen und Verarbeiten von akustischen Signalen. Oder bei Erblindeten die Bereiche für die anderen Sinnesorgane. Regelmäßiges Aussüben der Tätigkeit "trainiert" das Gehirn,

Die Frage ist eher, wie vielfätig sind die Seiteneffekte (und wichtig für tagtägliche Probleme)?
Zb ein eigentlich einfaches Beispiel: Wenn man beim Einkaufen die Zahlen 2,49€ und 1,79€ addiert, dann trainiert das nicht nur das Aufsummieren der Zahlen 2,49 und 1,79, sondern allgemein die Rechenfähigkeit. Und das beinhaltet u.a. das Gedächnis (wie viele Zahlen kann ich mir merken und wie lange kann ich die Summe im Kopf behalten). Man merkt vielleicht allgemeingültige Zusammenhänge (zwei Zahlen mit 9en an der letzen Stelle ergeben immer eine 8 an der letzen Stelle). Man lernt generell sich zu konzentrieren. Es ist also nicht ganz so einfach wie es auf den ersten Blick aussieht.

Zudem gibt es Aspekte, die sich schwieriger Einordnen lassen, zb das "Coolbleiben" in stressigen Situationen. Das ist vielleicht die wichtigste Eigenschaft, die man sich beim Schach antrainiert. Das lernt man aber natürlich auch in anderen Situation und Sportarten.
Und "schlau" selbst ist so ungenau definiert wie "Intelligenz", da es verschiedene Arten von Intelligenz gibt (logisch, sozial, musikalisch, etc).
DoktorM DoktorM 23.03.2017 10:46
Die "Studien", in denen Schach gut abschneidet, haben leider den Mangel, dass man Kinder, die zusätzlich Schach spielen mit Kindern, die zusätzlich nichts machen, verglichen hat. Daher kann man aus den "Studien" nicht entnehmen, dass Schach etwas für andere Bereiche bringt. Aus meiner persönlichen Erfahrung würde ich das auch so sehen. Was sicher etwas bringt, ist das Training im logischen Denken und im Erkennen von Zusammenhängen, fern vom Schach, z.B. in der Mathematik, Informatik oder Physik. Denn das beim Schach notwendige logische Denken ist viel zu eingeschränkt, um woanders nützlich zu sein.
schachkauf schachkauf 23.03.2017 05:30
"Wenn man sich Eröffnungen gut merken kann, dann schult das natürlich auch das Gehirn" ---- Alleine dieses Statement zeigt gut, dass der talentierte Vincent Keymer zwar gut Schach spielen kann, aber von den Prozessen in einem Hirn keine Ahnung hat. Sich eine Eröffnung merken zu können ist einfach nur gut für das Schachspielen und sonst nichts. Es gibt genügend Schachspieler, die sich Eröffnungen gut merken können, aber sehr schnell vergessen, um welche Uhrzeit der Mannschaftskampf beginnt. Schachspielen ist und bleibt nur für eine Sache gut. Und das ist Schachspielen.
schachkauf schachkauf 23.03.2017 05:22
@MagicH
Ein Seiteneffekt hat nichts mit der Sportart zutun. Als Seiteneffekt bezeichnet man zum Beispiel das Lernen vom Lösen von Problemen. Dabei ist es egal, um welches Problem es sich handelt und das Lernziel ist einzig und allein der Weg zur Lösung. Ob das nun Schach oder Volleyball oder einfach nur eine Mathematikaufgabe ist, spielt wie gesagt keine Rolle. Also nochmal zu Mitschreiben. Seiteneffekte haben nichts mit der Sportart selbst zutun und wer an beliebte Werbeslogans wie "Gehirnjogging usw." glaubt, ist selbst schuld.
MagicH MagicH 23.03.2017 03:32
Natürlich hat jedes Training Seiteneffekte - auch Schach. Das zu verneinen widerspricht jeder pädagogischen Lehrmeinung, so unterschiedlich diese auch untereinander sein mögen.
Wo diese Seiteneffekte liegen, und ob sie dort, wo sie nennenswert auch erstrebenswert sind - und vor allem nicht durch andere Beschöftigungen ebenso gut erzielt werden können, ist eine andere Frage.
Probleme haben vor allem Zahlengläubige, die denken, alles lasse sich mit noch so vielen unterschiedlichen Test voller unterschiedlicher Fragen absolut zuverlässig bis auf sieben Nachkommastellen bestimmen. So einfach ist die Sache halt meist nicht - das könnte schon ein Blick auf manche Schachpartie lehren ;-)
schachkauf schachkauf 23.03.2017 02:12
Das Gehirn ist kein Muskel und kann auch nicht wie ein Muskel trainiert werden. Es ist wie es bei allen Dingen im Leben ist. Wenn man Schach trainiert (Mustererkennung, etc.), wird man gut im Schach, aber nicht besser in anderen Dingen des Lebens. Wenn Schach schlau machen würde, hätten wir beim DSB keine kindischen DIskussionen :-)
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