Milan Vidmar zum Gedenken

von André Schulz
09.10.2017 – Milan Vidmar war zwischen 1910 und 1930 einer der weltbesten Spieler, im Gegensatz zu den anderen Spielern aber nur ein Amateur. Hauptberuflich war er Professor für Elektrotechnik. Bei seinen Turnierteilnahmen war er dennoch auch für die Allerbesten ein gefährlicher Gegner und hinterließ der Schachwelt neben seinen Partien ein großartiges Buch: Goldene Schachzeiten. Heute jährt sich sein Todesdatum zum 55sten Mal. (Fotoquelle: Slovenske novice)

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Ein Weltklasse-Amateur aus Slowenien

Milan Vidmar wurde am 22. Juli 1885 in Ljubljana (bis 1918: Laibach) geboren, damals Österreich-Ungarn, ab 1918 Jugoslawien, heute Slowenien. Nach der Schulausbildung studierte er Ingenieurwissenschaft an der Technischen Hochschule in Wien und promovierte dort 1910. Im Anschluss an das arbeitete er für zunächst für die österreichische Firma Elin, danach für die ungarische Firma Ganz. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges wurde Vidmar 1919 als Professor für Elektrotechnik an die Technische Fakultät der Slowenischen Universität in Ljubljana berufen. Diese Aufgabe erfüllte er bis 1959. In den Jahren 1929/1930 war er zudem Rektor der Universität und dann fünf Jahre lang Dekan der Technischen Fakultät. 1940 wurde Vidmar als Mitglied in die Slowenische Akademie der Wissenschaften und Kunst gewählt, zeitweise war er auch Präsident der Akademie. 1948 übernahm Vidmar die Aufgabe des Geschäftsführers des neu gegründeten Instituts für Elektrische Energietechnik in Ljubljana (heute: Milan Vidmar Energietechnisches Forschungsinstitut). Nach seiner Pensionierung unterstützte Vidmar das Institut bis zu seinem Tode in beratender Funktion.

Neben seiner beruflichen Karriere war Milan Vidmer auch im Schach ungemein erfolgreich, im Gegensatz zu den anderen Spitzenspielern seiner Zeit als reiner Amateur. Seine beste Zeit hatte er in den Jahren von 1911 bis 1930. Der Statistiker Jeff Sonas, der für alle Top-Spieler, die vor der Einführung der Elozahlen aktiv waren, nachträglich historische Elozahlen errechnet hat, führt Milan Vidmer in seiner historischen Weltrangliste, die allerdings nur bis zum Jahr 2004 reicht, auf Rang 75. Zwischen 1917 und 1923 sieht er Vidmar mit einer historischen Elozahl von 2731 als Vierten der damaligen Weltrangliste, hinter Lasker, Capablanca und Marshall (1917) beziehungsweise Capablanca, Aljechin, Rubinstein (1923).

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Er war ein Wunderkind und um ihn ranken sich Legenden. In seinen besten Zeiten galt er gar als unbezwingbar und manche betrachten ihn als das größte Schachtalent aller Zeiten: Jose Raul Capablanca, geb. 1888 in Havanna.

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In der Mega Database 2017 sind 628 Partien verzeichnet. Die ersten Einträge stammen aus dem Jahr 1902, wo er in Wien an einem Amateur-Turnier teilnimmt. Beim 14. DSB-Kongress 1904 in Coburg belegt der 19-jährige Milan Vidmar im Hauptturnier schon den geteilten ersten Platz, zusammen mit Augustin Neumann. Das Meisterturnier gewannen punktgleich Curt von Bardeleben, Carl Schlechter und Rudolf Swiderski (alle 7,5 aus 12), aber auch das Hauptturnier war gut besetzt und man findet hier unter anderem auch Namen wie Rudolf Spielmann und Aaron Nimzowitsch, die Vidmar beide hinter sich ließ. Mit dem als schwierig geltenden Nimzowitsch verband Vidmar übrigens eine langjährige Freundschaft. Beim 15. DSB-Kongress in Nürnberg 1906 nahm Vidmar nun am Meisterturnier teil, belegte mit 7,5 aus 16 aber nur einen Platz im Mittelfeld, so wie auch der punkgleiche Siegbert Tarrasch. Frank Marshall gewann das Turnier. 1909 spielt Vidmar beim Tschigorin-Memorial in St. Petersburg mit, landete hier aber auch nur im hinteren Mittelfeld.

Größter Erfolg: San Sebastian 1911

Seinen vielleicht größten Erfolg feierte Vidmar, nun 26 Jahre alt, 1911 beim berühmten Turnier von San Sebastian, wo er sich hinter dem Sensationssieger Capablanca zusammen mit Akiba Rubinstein den zweiten Platz teilte. Vidmar spielte sehr sicher, verlor nur eine Partie, gegen Frank Marshall, und konnte fünf seiner 14 Partien gewinnen, vor allem gegen die Spieler des hinteren Tabellenviertels. Im gleichen Jahr spielte Vidmar auch noch das Internationale Meisterturnier von Karsbad mit, ein wahres Mammutturnier mit 26 Teilnehmern, darunter zahlreiche bekannte Namen. Vidmar wurde mit 15 Punkten aus 25 Partien Siebter und platzierte sich unter anderem vor Tartakower, Aljechin und Spielmann. Richard Teichmann gewann mit 18 Punkten vor Akiba Rubinstein und Carl Schlechter. Kleine Notiz am Rande: Der angeblich so remisfreudige Schlechter gewann bei diesem Turnier 13 Partien!

Vidmar war einer der Spieler, die im Sommer 1914 beim 19. DSB-Kongress in Mannheim mitspielten. Während des Turniers, am 1. August 1914, brach mit der deutschen Generalmobilmachung der Erste Weltkrieg aus. In Mannheim lief gerade die 11. Runde. Die Spieler berieten, wie es nun weitergehen sollte. Mieses schlug vor, das Turnier in die Schweiz zu verlegen. Schließlich brach man das Turnier aber ab und zahlte den Spielern eine Entschädigung. Aljechin, in Führung liegend, erhielt 1100 Mark, Vidmar als Zweiter wurde mit 850 Mark entlassen. Die russischen Spieler, darunter Aljechin und Bogoljubow, wurden dann jedoch von den deutschen Behörden als Bürger eines Kriegsgegners interniert. Die Spieler aus den neutralen und verbündeten Staaten konnten die Heimreise antreten, zum Teil unter abenteuerlichen Umständen.

Der Erste Weltkrieg brachte das Schachleben in Europa weitgehend zum Erliegen. Im April 1918, noch vor Ende des Krieges, nimmt Vidmar aber am so genannten Viermeisterturnier in Berlin teil, zusammen mit Rubinstein, Mieses und Schlechter. Der Berliner Verleger Bernd Kagan hatte das Turnier organisiert. Gespielt wurde im Kerkau-Palast, einem riesiges Billiard und Schach-Café.  Vidmar gewann mit 4,5 Punkten aus 6 Partien.

Auch nach der Annahme der Professorenstelle bleibt Vidmar im Schach weiterhin sehr aktiv und ist in fast allen Jahren mit mindestens einer Turnierteilnahme und beachtlichen Resultaten verzeichnet. Beim Internatiolen Meisterturnier von London 1922 belegte er hinter Capablanca und Aljechin den 3. Platz, vor Rubinstein. Beim Christmas Kongress 1925-26 in Hastings teilte er sich den ersten Platz mit Aljechin. Das große Intenationale Turnier auf dem Semmering 1926 schloss er hinter Spielmann und Aljechin als Dritter ab.

Aljechin, Vidmar (Fotoquelle: Soloscachi)

 

Die Niederlage gegen Vidmar kostete Aljechin den Turniersieg.

 

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Vidmar war auch einer der sechs Teilnehmer beim New York International Masters 1927, seinerzeit in fünf Umgängen gespielt, und wird mit 10 Punkten aus den 20 Partien Vierter. Raul Capablanca gewnn das Turnier mit 13 Punkten. Beim großen Turnier in Karlsbad 1929, mit 22 Teilnehmern gespielt , ist Vidmar ebenfalls dabei und wird hier am Ende geteilter Fünfter bis Siebter, zusammen mit Albert Becker und Max Euwe. Auch bei Ajechins großem Auftritt in San Remo gehört Vidmar zum Teilnehmerfeld und belegt hier einen Platz im Mittelfeld.

Turnierspieler, Schiedsrichter, Autor

In den folgenden Jahren ist Vidmar weiter regelmäßiger Gast bei vielen Schachturnieren, mit einer großen Zäsur, die durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hervorgerufen wird. Nach dem Krieg nimmt Vidmar seine Turnieraktivitäten wieder auf, spielt beim ausgezeichnet besetzten Staunton Memorial 1946 in Groningen (Sieger: Botvinnik) oder bei den Jugoslawischen Landesmeisterschaften 1947 in seiner Heimatstadt Ljubljana mit. Erst nach dem Turnier von Opatija 1953 endet die Turnierkarriere von Milan Vidmar, inzwischen 68 Jahre alt. Dort wird der nur Letzter. Neben seiner Karriere als Spieler betätigte Vidmar sich auch als Schiedsrichter und war der Hauptschiedsrichter beim WM-Turnier 1948 in Den Haag/ Moskau.

Bei der Schacholympiade 1931 vertrat Milan Vidmar erstmals Jugoslawien, spielte am ersten Brett und erreichte mit der Mannschaft den 4. Platz. 1933 nahm Jugoslawien nicht teil. 1935 in Warschau wurde die jugoslawische Mannschaft, erneut mit Vidmar am ersten Brett Sechster. 1937 in Stockholm spielte Vidmar nicht mit und 1939 in Buenos Aires nahm Jugoslawien nicht teil. 1950 war Jugoslawien dann aber Gastgeber der 9. Schacholympiade, die in Dubrovnik gespielt wurde. Schach war in Jugoslawien überaus populär - hinter der UdSSR war der Vielvölkerstaat das Schachland Nummer Zwei in der Welt. Milan Vidmar wird durch seine Erfolge einiges dazu beigetragen haben, aber inzwischen gab es eine Reihe von neuen großartigen jugoslawischen Spielern und so gewann Jugoslawien bei der Schacholympiade im eigenen Land die Goldmedaille. In der Mannschaft mit Svetozar Gligoric, Vasja Pirc, Petar Trifunovic und Bralsv Rabar an den Spitzenbrettern taucht auch der Name Milan Vidmar an Brett 5 auf. Doch hierbei handelt es sich nun um den Sohn von Milan Vidmar, dem Ersten. Auch Milan Vidmar Junior wurde ein starker Schachspieler und erhielt den Titel eines Internationalen Meisters. Milan Vidmar Senior bekam von der FIDE 1950 den Titel eines Internationalen Großmeisters zugesprochen.

Besonders bemerkenswert ist, dass Vidmar alle seine Erfolge im Schach neben einer ebenfalls sehr beachtlichen beruflichen Laufbahn als Ingenieur erzielen konnte. In seinem beruflichen Fach veröffentlichte er einige wissenschaftliche Abhandlungen, aber auch im Schach hinterließ er ein großartiges schriftliches Werk. In seinen Memoiren "Goldene Schachzeiten" berichtet Vidmar in zahlreichen Ankedoten und Begebenheiten von seinen Begegnungen mit den ganz großen Spielern seiner Zeit. Vidmar kannte sie alle und lässt sie in seinem Buch in vielen detailreichen Geschichten wieder auferstehen. Vom überragnden Schachspieler Emanuel Lasker erfährt man zum Beispiel, dass er ein nur wenig begabter Bridgespieler war und ein schlechter Verlierer obendrein.

Milan Vidmar starb heute vor 55 Jahren, am 9. Oktober 1962.

  



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Schachspieler2 Schachspieler2 09.10.2017 05:38
Vidmar hat mehr als nur das Buch "Goldene Schachzeiten" veröffentlicht. Zumindest auf die Turnierbücher Band 1 und 2 von Karlsbad 1911 hätte man hinweisen können.

Zusätzlich hat er unter anderem auch das Buch "Das Ende des Goldzeitalters" veröffentlicht, in welchem er ebenfalls an mehreren Stellen Bezug auf sein "Schachleben" nimmt.
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