Rückblick auf die Computer-WM

09.12.2003 – Die diesjährige Computerweltmeisterschaft in Graz war ohne Zweifel ein Höhepunkt in der Geschichte dieses Wettbewerbs. Zur Eröffnung kamen zahlreiche Politiker und verliehen dem Turnier zusätzlichen Glanz. Auch wenn schon bald klar war, dass nur vier der teilnehmenden Programme um den Titel mitspielen konnten, war es bis zum letzten Tag spannend und erst im Stichkampf entschied sich die Meisterschaft zugunsten von Shredder. Mathias Feist, Co-Autor von Fritz, schildert die Ereignisse aus der Perspektive des Vizeweltmeisters. Fritz in Graz...

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Fritz in Graz
Von Mathias Feist

Runden-Berichte zur Computerschachweltmeisterschaft Graz 2003...

Schon der Name des Spielortes „Dom im Berg“ verhieß eine wohltuende Steigerung der Qualität gegenüber den letzten Weltmeisterschaften. Graz als Kulturhauptstadt Europas 2003 als Rahmen der Veranstaltung versprach Weiteres.


Dom im Berg

Meine Erwartungen waren also schon hoch und wurden sogar noch übertroffen. Dann bei der Eröffnung konnte ich nur verwundert meine Augen reiben. Es gab richtige Eröffnungsreden von wichtigen Politikern und Sponsoren. Es geht also ein dickes Lob an die Organisatoren in Graz. In solch einem würdigen Rahmen würden ich die WM gerne immer sehen.


Waltner Kastner kann zufrieden sein: Eine prächtig organisierte Computer-WM

Für uns war es recht schwierig, direkt nach dem Match gegen Kasparov schon wieder eine Veranstaltung zu haben. Donnerstag zurück aus New York, Freitag im Flieger nach Graz. Dieses direkte Aufeinanderfolgen erforderte die Vorbereitung der WM schon vor der Reise nach New York. Für Fritz hieß das, die Arbeit musste Anfang November erledigt sein. So früh vor einem Turnier war die Engine noch nie fertig.

Schon in der Vorbereitung auf das Match gegen Kramnik in Bahrain haben wir Fritz besseres positionelles Verständnis beigebracht. Die Auswertung der Partien und die Vorbereitung auf das Match gegen Kasparov in New York gaben uns weitere Hinweise und Ideen. Fritz hat damit in den letzten Jahren positionell enorm zugelegt. Zusammen mit der schon vorher vorhandenen taktischen Gefährlichkeit hat sich Fritz damit zu einem sehr ausgewogenen Programm gewandelt, das in fast allen schachlichen Bereichen sehr gut zurecht kommt. Dieser Prozess begann mit Fritz 6 und wurde seitdem konsequent weiterverfolgt. Wir sind hier noch nicht am Ende angelangt. Kasparov hat aufgezeigt, dass Fritz noch nicht perfekt ist. Erkenntnisse aus diesem Wettkampf werden in zukünftige Versionen von Fritz einfließen.

Den Erfolg dieser Arbeit konnte man in Graz beobachten. Fritz muss nicht länger 1.e4 eröffnen, deutlich positionellere Spielansätze sind möglich. In Graz hat Fritz in allen Weißpartien mit 1.Sf3 eröffnet. Das gab zwar in der Regel keinen Eröffnungsvorteil, aber die Möglichkeit das bessere positionelle Verständnis von Fritz auszuspielen.

In der ersten Runde musste Fritz gegen Falcon antreten, ein neues Programm von O. David Tabibi aus Israel. Wie uns der Autor hinterher mitteilte, wollte er mit Schwarz Königsindisch unbedingt vermeiden. Er hatte dabei jedoch übersehen, dass jemand mit 1.Sf3 eröffnen könnte.


David Tabibi (re.) hier im Gespäch mit Stefan Meyer-Kahlen

Das war zwar nicht der ausschlaggebende Grund für die Niederlagen, der Autor war aber schon nach der Eröffnung sehr unglücklich. Fritz spielte die ersten 13 Züge aus dem Buch. Im 14. Zug war die Bewertung ausgeglichen, die Züge 14 und 15 von Schwarz scheinen schon positionelle Fehler zu sein. Auffallend in der Partie war, dass Fritz die beiden gegnerischen Springer nie ins Spiel ließ. Fritz kontrollierte mehr Raum auf dem ganzen Brett und drängte Schwarz langsam überall zurück. Der Freibauer auf der c-Linie entschied dann die Partie.

Fritz gegen Falcon...

In der zweiten Runde gab es das Duell gegen Sjeng. Diese Partie hat eine besondere Vorgeschichte. Im Mai beim 3. Leidener CSVN-Turnier hatte Fritz in der ersten Runde Schwarz gegen Sjeng. Es kam ein Nimzoinder aufs Brett, in dem Fritz in einer sehr schwierigen Stellung aus dem Buch kam. Damals spielte die allererste Testversion der heutigen Version von Fritz, die mit der Stellung noch überhaupt nicht zurechtkam. Zu der schwierigen Stellung kam also noch ein positioneller Fehler und die Partie war gelaufen. Später in dem Turnier in Leiden hatten wir Schwarz gegen Chess Tiger und bekamen genau die Variante im Najdorf aufs Brett, die wir hier gegen Sjeng hatten. Fritz kam damals mit Verluststellung aus dem Buch und verlor schnell. Das Buch sowohl von Sjeng als auch von Tiger stammt von Jeroen Noomen.


Alexander Kure (li.) gewann das Theorieduell gegen Jeroen Noomen.

Das konnte Alexander Kure, der Buchautor von Fritz und Brutus, nicht auf sich sitzen lassen und tüftelte eine Neuerung im Najdorf aus. Gegen Sjeng konnten wir sie anwenden, nach 17... Db6 war Sjeng aus dem Buch und kam mit der Stellung nicht zurecht. Im Prinzip haben wir Fritz hier auch aus dem Buch entlassen, aber die nächsten Züge b4 und Dxb4 würde Fritz auch ohne Buch spielen, also kamen sie noch rein um Zeit zu sparen. Die entstehende Stellung ist zweischneidig und ein klarer Fortschritt gegenüber der Verluststellung aus Leiden. Jedenfalls konnte Fritz sehr schnell einen starken Angriff aufbauen und durch ein „Damenopfer“ krönend zum Abschluss bringen. Auch unter den Computerschächern gibt es also Theorieduelle. Dies sollte die Partie sein, in der wir mit Abstand die längste Variante aus dem Buch spielten. Sjeng haben wir vorher als einen der gefährlichen Gegner eingestuft, immerhin hatte er das Turnier in Leiden im Mai gewonnen. Eine hohe Hürde war also genommen.

Sjeng gegen Fritz...

In der dritten Runde gab es schon das wichtige Duell gegen Shredder, der als einer der Favoriten auf den Titel angesehen werden musste. Fritz spielte wieder sein zahmes 1.Sf3 und blieb 11 Züge im Buch. Shredder spielte 13 Züge aus dem Buch. Shredder's 14... a6 sieht schon komisch aus. Fritz spielte 15.Lf4 und 16.Sc6, was bei mir erstmal ungläubiges Kopfschütteln auslöste. Warum sollte Weiß den blöden Sa5 gegen den schönen Se5 abtauschen und dabei einen Doppelbauern auf der c-Linie zulassen, während der Bd5 doch sehr schön im Zentrum stand? Die GMs Peter Wells Boris Altermann erklärten jedoch, dass der Bc6 riesenstark ist und für einen dauerhaften weißen Vorteil sorgt. Der Verlauf der Partie bestätigte diese Einschätzung. Fritz sperrte die beiden schwarzen Türme auf a7 und c8 ein und ging dann langsam mit dem König Richtung Zentrum.


Fritz gegen Shredder


Eine Schlüsselstellung entstand nach 40... Tb3. Fritz wollte lange 41.Kd5 spielen und einen Turm gegen 4 Bauern gewinnen. Das wurde auch von Peter Wells erwartet. Nach gründlichem Nachdenken entschied sich Fritz für 41.Lxf6, was den Vorteil zum Teil zu vergeben schien. Schwarz konnte langsam seine Türme befreien und einen davon abtauschen. Der übrig gebliebene Turm wurde jedoch auf h8 wieder eingesperrt, was die Partie entschied. Die nachträglich Analyse ergab, dass Schwarz wahrscheinlich genügend Gegenspiel für den Turm bekommen hätte, was einen weißen Gewinn zumindest sehr schwierig gemacht hätte.

Fritz gegen Shredder...

Die vierte Runde war sehr unrühmlich für Fritz. Da Alexander Kure das Buch sowohl für Fritz als auch für Brutus machte, hielt er sich in dieser Runde heraus. Für Brutus war Ulf Lorenz dran und für Fritz ich selber. Man sollte mich nicht an den Eröffnungen herumfummeln lassen, davon habe ich wirklich keine Ahnung. Als Alex die Variante sah, meinte er gleich, dass dies sehr schwierig für Schwarz wäre. So kam es auch. Ich muss aber neidlos anerkennen, dass die ganze Partie von Brutus mit viel Biss und sehr konsequent gespielt wurde. Aus Fritz' Sicht: Schwamm drüber.

Brutus gegen Fritz...

In der nächsten Runde gab es gleich den nächsten dicken Brocken, Junior. GM Boris Altermann ist immer für eine unangenehme Überraschung in der Eröffnung gut.


Boris Alterman hat immer einen Pfeil im Köcher

Diese Partie war keine Ausnahme. Junior bekam eine riesige Stellung, die es dann langsam entgleiten ließ. Z.B. wären nach dem von Fritz erwarteten 14.Dd1 die Lichter wohl bald ausgegangen. Doch auch 14.Sd5 war gut, nur vergaß Junior dann mit dem erwarteten 17.Dxb4 den Sack zuzumachen. Nach 17.Tb1? bekam Fritz langsam Gegenspiel und konnte sogar noch selber Gewinnversuche anstellen, besonders 29.Kg4 machte Fritz kurzzeitig glücklich. Am Ende gab es ein hart umkämpftes Remis.

Junior gegen Fritz...

Nach fünf Runden hatte Fritz also schon gegen die drei Hauptkonkurrenten Brutus, Junior und Shredder gespielt und insgesamt 3.5 Punkte gemacht. Als gefährlichste Gegner stuften wir noch Diep und List ein. Diep spielte auf einem Großrechner mit 512 Prozessoren, konnte für diese Rechenkraft aber bis dahin noch nicht wirklich überzeugen. Die sechste Runde musste zeigen, was Diep drauf hatte.


Vincent Diepeveen

Es gab wieder das bekannte 1.Sf3. Fritz bekam das Läuferpaar, während Schwarz dafür Raumvorteil hatte. Eine kritische Stellung ergab sich nach 21.Dh4. Der Ld2 weiß nicht so recht was er machen soll, Schwarz kontrolliert den größten Teil des Brettes. Mit 21... f5 versucht Schwarz, die Kontrolle noch zu verstärken. Das scheint aber eher eine Schwächung zu sein, jedenfalls öffnete Fritz nach 22.e4! langsam die Stellung und übernahm die Kontrolle über die Stellung. Fritz sperrte den schwarzen Springer auf a6 ein und ging zum Gegenangriff über. 36.g4! stellte eine gefährliche Drohung auf, die Diep nicht erkannte. Unbedingt nötig war 36... T8f7, um den Bauern h7 zu decken, obwohl Fritz auch hier klar besser steht. Nach 36... Tf4? 37.g5+ war es schon aus, Schwarz kann sich nicht mehr verteidigen. Vincent Diepeven beklagte sich nach der Partie, dass seine PC-Version taktisch besser sei als die Version auf dem Großrechner. Aus Performance-Gründen kann er dort keine „Singular Extensions“ verwenden, daher erkennt die PC-Version mit Singular Extensions taktische Probleme schneller. Damit war eine weitere Hürde genommen, Fritz stand mit Shredder punktgleich an der Spitze. Einen halben Punkt dahinter kam Junior, einen weiteren halben Punkt dahinter Brutus.

Fritz gegen Diep...

In Runde sieben wurde Fritz mit Schwarz mit seiner eigenen Eröffnung konfrontiert. Also 1.Sf3 d5 2.d4, was schnell in ein Slawisches Damengambit überging. Wie immer gab es nach zehn Zügen Buch eine ausgeglichene Stellung, die Fritz schnell in einen mächtigen Königsangriff umsetzte. Nach 20 Zügen zeigte Fritz schon einen Figurenvorteil an ohne Material mehr zu haben.

Greenlight Chess gegen Fritz...

Runde acht loste Fritz einen weiteren gefährlichen Gegner zu, List. Das Buch von List stammt von Erdogan Günes, der konkret auf die Schwächen von Schachprogrammen hinarbeitet.


Erdogan Günes

Es enthält viele ungewöhnliche Gambits, in denen die Programme gerne Material fressen um dann später ausgekontert zu werden. Viel Angst davor mussten wir aber nicht haben, da es nach 1.Sf3 kaum solche Möglichkeiten gibt. Positionell gewohnt sicher erzeugte Fritz schwächen in der gegnerischen Stellung um dann mit besser postierten Figuren die Partie nach Hause zu schieben. Besonders beeindruckend in dieser Partie waren die Bauernzüge am Königsflügel um im schwarzen Lagen weißfeldrige Schwächen zu erzeugen, die dann von den weißen Figuren, besonders dem Läufer, ausgenutzt wurden. Am Ende wickelte Fritz ganz pragmatisch in ein gewonnenes Turmendspiel ab, bei der Anzeige Matt in 45 schmiss Schwarz das Handtuch.

Fritz gegen List...

Der neunte Gegner hieß Nexus. Fritz mit Schwarz bekam einen geschlossenen Sizilianer vorgesetzt, in dem Weiß sofort versuchte anzugreifen. Nachdem dieser Angriff abgeschlagen war, sperrte Fritz einen weißen Läufer auf h6 ein und spielte fortan praktisch mit Mehrfigur. Besonders sehenswert ist dann noch der Mattangriff von Fritz mit reduziertem Material, Schwarz hatte nur noch Turm und Springer. Um diesen abzuwehren, musste Weiß einen Freibauern auf der g-Linie durchlaufen lassen.

Nexus gegen Fritz...

Die Situation an der Spitze des Turniers hatte sich nicht geändert, da die ersten 4 „durchpunkteten“. Nur der Abstand zum fünften wurde immer größer. Die letzten beiden Runden wurde an einem Tag gespielt. In Runde zehn musste Fritz mit Weiß gegen Chinito antreten. Fritz sicherte sich das Läuferpaar gegen die beiden Springer. Entscheidend war jedoch, dass Fritz dann die beiden schwarzen Springer auf c8 und e8 einsperrte und einen Freibauern auf der e-Linie bildete. Davon erholte sich der Schwarze nicht mehr und Fritz konnte in Endspiel Läufer+Bauern gegen Bauern abwickeln, was aber nicht mehr gezeigt werden musste.

Fritz gegen Chinito...

Alles hing also an der elften Runde. Fritz bekam wieder Weiß, diesmal gegen SOS. Nach 11.Txd1 war eine total ausgeglichene symmetrische Stellung auf dem Brett. Nach 23.Lxf3 hatte sich die Lage aus Gewinnsicht noch verschlimmert, ein Doppelturmendspiel mit ungleichen Läufer war entstanden. Der einzige Lichtblick: ein schwarzer Einzelbauer auf d4. Doch nun entwickelte Fritz richtige Ideen. 26.a4 und 28.b4 ließen schon erahnen, dass die Partie noch nicht vorbei war. Nach 31... b6 war der schwarze Läufer auf a5 eingesperrt und die weißen Figuren entwickelten langsam Kraft. Nach 43.Td7 ist Schwarz schon in einer sehr unangenehmen Lage, jetzt muss der Läufer auf Kosten eines Bauern befreit werden, aber der drohende Durchbruch e5 mit der Bildung eines Freibauern hat schon entscheidende Wirkung.

Fritz gegen ParSOS...

Der Stand nach elf Runden: Fritz und Shredder vorne, dahinter Junior und Brutus. Dann ein Riesenabstand zum fünften. Am Sonntag musste also ein Stichkampf gegen Shredder gespielt werden. In der ersten Partie kam Fritz mit Schwarz durch ein weißes Figurenopfer schwer unter Druck. Shredder verpasste wohl mit 30.Txf4 den Sack zuzumachen und Fritz konnte danach das Remis halten. In der zweiten Partie konnte Fritz mit 1.Sf3 Shredder klar überspielen und sah schon wie der Sieger aus. Doch 22.Sxb6 warf den Vorteil praktisch weg. Später im Endspiel konnte Shredder Fritz dann austricksen und die Partie sogar noch gewinnen. Die beiden überzeugendsten Programme haben im Endspiel gestanden, das glücklichere hat dann gewonnen. Herzlichen Glückwunsch an den Autor Stefan Meyer-Kahlen.

Stichkampf:
1.Partie...
2.Partie...
 

Etwas Sorge bereitet mir der große Abstand zwischen Platz vier und fünf. Es sind schon die vier Programme auf den ersten vier Plätzen, die ich dort erwartet hatte. Diese vier haben gegen den Rest des Feldes 30.5 Punkte aus 32 Partien gemacht. Meines Erachtens ist der Abstand nicht nur durch die bessere Hardware zu erklären. Diep und Sjeng waren sicherlich konkurrenzfähig ausgestattet. Nicht auf alle Amateure traf das zu, dennoch wurden auf früheren Turnieren viel mehr Punkte „entführt“. Sicherlich haben die Profis in der letzten Zeit große Fortschritte gemacht, ich hoffe jedoch dass die Amateure hier bald wieder nachziehen wie es schon früher der Fall war.

Freuen wir uns auf die WM 04.07.2004-12.07.2004 in Israel. Der Termin ist für viele Amateure günstiger, da es einfacher ist Urlaub zu bekommen. Außerdem sollen Amateure finanziell unterstützt werden, was hoffentlich zu einer regen Teilnahme führt.

 

 

 

 

 


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