Rückblick auf Jermuk

08.07.2010 – Der bulgarische Großmeister Dejan Bojkov war während des Grand Prix der Frauen als Sekundant für Antoaneta Stefanova in Jermuk. Leider lief es für seinen Schützling nicht so gut. Nach schlechter erster Hälfte mit drei Niederlagen stabilisierte sich die frühere Weltmeisterin, verpasste aber in der Vorschlussrunde die Chance, ihre Partie gegen Tatiana Kosintseva durch ein studienartiges Manöver, das dem Namenspatron des Turniers Gendrikh Kasparjan zur Ehre gereicht hätte, zu gewinnen. Die Partie endete remis und half der Russin, hinter Nana Dzagnidze den zweiten Platz zu erobern. In seinem Bericht lässt Bojkov das Turnier Revue passieren und lobt die Organisation in Worten und die einzigartige Landschaft in Bildern. Bericht und Bilder...

Jermuk- Impressionen zum Abschluss
Von Dejan Bojkov

Jermuk ist wahrscheinlich der berühmteste Badeort Armeniens. Das Land, das vor allem mit dem Ararat-Bergen (die bereits Teil der Türkei sind) verbunden wird, ist stolz, einen so wunderschönen Ort zu haben. Nach dem zweiten Grand Prix Turnier der Herren stand Jermuk erneut im Mittelpunkt der Schachwelt, dieses Mal mit einem Damenturnier.

Viele Dinge machen Jermuk zu einem besonderen Ort: die frische Luft, die wunderbaren Mineralquellen, die Schönheit der Berge, der Blick, den man oberhalb von Jermuk hat, der See und der Wasserfall. Dies waren zumindest die Dinge, die den Spielerinnen am Ruhetag am besten gefallen haben.

Genossen haben sie allerdings auch die unglaubliche Schachtradition dieses kleinen Landes, die Gastfreundschaft und der Wille der Organisatoren, die Dinge gut zu machen. GM Smbat Lputian, Hauptorganisator des Turniers und rechte Hand des armenischen Präsidenten, ist das beste Beispiel dafür.


Smbat Lputjan

Er ist nicht nur ein erfahrener und berühmter GM, sondern weiß als langjähriger Schach-Insider auch, was Schachspieler brauchen, um ihr Bestes geben zu können. Am Ruhetag, während des Essens, zu dem der Bürgermeister die Teilnehmerinnen und Trainer eingeladen hatte, erfuhren wir noch etwas mehr über ihn. Er brachte Toasts aus und begrüßte uns alle, aber vor allem jedoch Nona Gaprindashvili, die an diesem Tag zufällig Geburtstag feierte. Da stand Zurab Sturua auf und brachte seinerseits ein Toast auf den Organisator aus. “Er ist auch einer von uns”, erklärte Gaprindashvili. “Ja, 1977 haben wir die Mannschaftsmeisterschaft der UdSSR gewonnen und zwar mit der Mannschaft aus … Georgien”, fügte Sturua hinzu. Lputian erzählte uns, dass er, nachdem er Jermuk zum ersten Mal gesehen hat, immer den Traum hatte, Jermuk zu einer Schachstadt zu machen. Und er ist glücklich, dass sein Traum in Erfüllung gegangen ist.


Große Demobretter auf der Straße

Das Turnier erfreute sich in ganz Armenien großer Resonanz. Gleich zu Beginn unserer Reise, als wir vom Flughafen in Eriwan nach Jermuk fuhren, sah ich viele Plakate, auf denen das Turnier angekündigt wurde. Das staatliche Fernsehen berichtete täglich und im Laufe des Turniers wurde ein Trainingszentrum für junge armenische Talente gegründet.


Marta Fierro und Antoaneta Stefanova mit Fans

Und fast alle der besten jungen armenischen Spieler nahmen an einem Turnier teil, das in der Nähe des Spiellokals ausgetragen wurde. Diese jungen Spieler ergriffen die Gelegenheit, sich mit einigen der Teilnehmerinnen bei der Abschlussfeier fotografieren zu lassen.

Wie verlief das Turnier?

Nana Dzagnidze begann stürmisch, holte 7,5 Punkte aus den ersten 8 Partien und schlug dabei ihre größten Rivalinnen, um so am Ende ihr erstes Grand Prix Turnier auf beeindruckende Weise zu gewinnen. Sie war gut vorbereitet (hier sollte noch einmal ihr Trainer, Zurab Sturua, erwähnt werden), demonstrierte ausgezeichnete Rechenfähigkeiten und vor allem einen starken Siegeswillen und gute Nerven. Tatiana Kosintseva wurde unangefochten Zweite und spielte eine Reihe von Modellpartien. Trotz ihrer Niederlage gegen Dzagnidze war sie die einzige Verfolgerin der Georgierin.


Tatiana Kosintseva

L. Mkrtchian, A. Stefanova und E. Danielian teilten sich die Plätze drei bis fünf. Die beiden armenischen Spielerinnen können mit ihrer Leistung in dem starken Feld vollauf zufrieden sein, während Ety zufrieden sein kann, dass sie sich nach schlechtem Start noch gefangen hat.

Die Elo-Favoritin Hou Yifan wirkte nach zwei sehr starken Turnieren, die sie in China gespielt hat, sehr müde. Shen Yang spielte sehr interessantes Schach und hätte durchaus besser abschneiden können, während Pia Cramling nur dank ihrer Siege in der letzten und in der vorletzten Runde mit Mühe die 50 Prozent Hürde schaffte. Die Ex-Weltmeisterinnen M. Chiburdanidze und Xu Yuhua werden mit ihrem schwachen Abschneiden beide nicht zufrieden sein und das Gleiche gilt für B. Kovanova und M. Fierro.



Die drei Erstplatzierten


Scheck für Tatiana Kosintseva



Nach dem vierten Turnier der Grand Prix Serie liegt Nana Dzagnidze in der Gesamtwertung mit einem ersten, einem zweiten und einem dritten Platz in Führung. Auch Tatiana Kosintseva liegt mit einem ersten und einem zweiten Platz beim Kampf um den Gesamtsieg noch gut im Rennen, doch auch Xu Yuhua und Humpy Koneru haben bereits eins der vier Turniere gewonnen. Lassen Sie mich noch einmal daran erinnern, dass die Gesamtsiegerin der Grand Prix Serie das Recht bekommt, die Siegerin des Frauen World Cups zum Kampf um den Weltmeistertitel herauszufordern.
Da das Turnier einem der besten Schachkomponisten aller Zeiten gewidmet und nach ihm benannt war, möchte ich die Gelegenheit ergreifen, Ihnen einen wunderschönen, studienartigen Gewinn zu zeigen, zu dem es in einer Partie aus der vorletzten Runde hätte kommen können:


Antoaneta Stefanova – Tatiana Kosintseva
Genrikh Kasparian Grand Prix Jermuk 2010


55.Tf7+ Mit nur Sekunden auf der Uhr und nachdem sie nur fünf Züge zuvor am Rande einer Niederlage gestanden hatte, verpasste Ety einen äußerst komplizierten, studienartigen Gewinn: 55.e6! Ta6 (55...Txe6 56.Tb7 Kg8 57.Thc7 Ta8 (57...Te8 58.Tg7+ Kh8 59.Th7+ Kg8 60.Tbg7+ Kf8 61.Ld6+ Te7 62.Txe7 c1D 63.Th8#) 58.Txc2+-) 56.d5!! Die Unterstützung des Bauern e6, der ein Mattnetz spinnen hilft, ist wichtiger als die neue schwarze Dame! 56...c1D 57.Tg6!



Eine bemerkenswerte Stellung. Schwarz hat eine ganze Dame mehr, aber muss das Material mit Zinsen zurückgeben, um das Matt auf f7 abzuwehren. Genrikh Kasparian wäre entzückt gewesen, wenn er diese Stellung auf dem Brett gesehen hätte! 57...Df1 (57...Taxe6 58.dxe6 Txe6 59.Txe6 nebst Th7-c7 und gegen die Drohung Lg3-d6+ nebst anschließendem Matt auf der Grundreihe ist Schwarz hilflos.) 58.Th8+ Ke7 59.d6+!! Txd6 (59...Kd8 60.Txe8+ Kxe8 61.Tg8+ Df8 62.d7+ Ke7 63.Txf8+-) 60.Txe8+ Kxe8 61.Lxd6+- und die Drohung Tg6-g8 zwingt Schwarz, die Dame aufzugeben. 55...Kg8 56.Thg7+ Kh8 57.Th7+ 1/2


Impressionen aus Jermuk:


Ausläufer des Ararat-Gebirges


Wunderschöne Bergrücken





 




Die Köpfe berühmter Vorfahren in den Fels gehauen






Felswände...




... mit Wasserfall


Im Tal der See


Durch diese hohle Gasse muss man gehen




Idylle am See






Hotel am See






Hat hier früher sein Unwesen getrieben


 

GM Dejan Bojkov

www.dejanbojkov.blogspot.com


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